{"id":143,"date":"2004-10-28T16:12:37","date_gmt":"2004-10-28T15:12:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=143"},"modified":"2019-03-02T13:54:45","modified_gmt":"2019-03-02T12:54:45","slug":"ein-spiegel-unserer-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143","title":{"rendered":"Ein SPIEGEL unserer Zeit?"},"content":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck.<br>\n<!--more--><br>\nW&uuml;rde man deutsche Journalisten bitten, die Geschichte, die der SPIEGEL diese Woche &uuml;ber Deutschland erz&auml;hlt, &uuml;ber die USA und &uuml;ber Gro&szlig;britannien zu schreiben, ein wahres Katastrophenszenario w&auml;re das Ergebnis. Zwei wirtschaftliche Super-M&auml;chte im rasenden Zerfall, einst das Zentrum der industriellen Entwicklung der Welt, nun de-industrialisiert bis auf die Knochen, &uuml;berflutet von Produkten aus Billigl&auml;ndern auf der einen Seite, unf&auml;hig, bei Hochtechnologieprodukten mit den anderen Hoch-Lohn-L&auml;ndern mitzuhalten auf der anderen. Beide Staaten hoch verschuldet gegen&uuml;ber dem Ausland, Spielball fremder Interessen, weil gro&szlig;e Teile der noch vorhandenen Industrie, selbst industrielle Ikonen wie Rolls Royce und Chrysler, l&auml;ngst den erfolgreichen Ausl&auml;ndern geh&ouml;ren.<\/p><p>Niemand k&ouml;nnte und w&uuml;rde das bestreiten. Die Geschichte der angels&auml;chsischen De-Industrialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg ist hinl&auml;nglich bekannt und hundertmal bewiesen. Auch die Tatsache, dass vor allem die USA, immer st&auml;rker seit den 90er Jahren aber auch England, von ausl&auml;ndischen Investoren beherrscht werden, ist angesichts einer langen Geschichte horrender Leistungsbilanzdefizite und der damit zwingend einhergehenden Auslandsverschuldung nicht mehr umstritten. <\/p><p>Einen kleinen Sch&ouml;nheitsfehler h&auml;tte die Geschichte allerdings. Genau die beiden L&auml;nder, die in Sachen Industrie und internationaler Wettbewerbsf&auml;higkeit total abgewirtschaftet haben, weisen in den letzten zehn Jahren die h&ouml;chsten Wachstumsraten aller Industrienationen des Westens auf und haben mit Abstand die geringste Arbeitslosigkeit. Die anderen aber, die Sieger im Wettkampf der Nationen um die h&ouml;chste Industriedichte, diejenigen, die die halbe Welt aufkaufen, um das Kapital, das sie durch ihre Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse auft&uuml;rmen, halbwegs wirtschaftlich zu verwenden, die haben in Sachen Wachstum und Arbeitslosigkeit eindeutig verloren. <\/p><p>Ist das Zufall? Ist es Zufall, dass Deutschland und Japan, die beiden L&auml;nder, die seit Jahrzehnten vor allem auf die Industrie setzen, die in Sachen Exporterfolg alle anderen Hochlohnl&auml;nder weit aus dem Feld schlagen, die seit Beginn der achtziger Jahre schon von den Weltwirtschaftsgipfeln regelm&auml;&szlig;ig zum weltweiten St&ouml;renfried ernannt werden, weil sie alle anderen L&auml;nder mit ihrer aggressiven Exportpolitik in die Verschuldung treiben, am Ende als die gro&szlig;en Verlierer dastehen? Ist es Zufall, dass in diesen beiden L&auml;ndern am meisten &uuml;ber die Verlagerung von Arbeitspl&auml;tzen in Billiglohnl&auml;nder geredet wird? Ist es Zufall, dass die beiden L&auml;nder vom Internationalen W&auml;hrungsfonds zu den am meisten von Deflation gef&auml;hrdeten Nationen erkl&auml;rt wurden? <\/p><p>Nichts davon ist Zufall, doch wie sollten das Journalisten einer Zeitung, die sich zum Ziel gesetzt hat, Deutschland reformf&auml;hig zu schreiben, wissen oder wissen d&uuml;rfen? <\/p><p>Deutschland wird 2004, nach Sch&auml;tzung des internationalen W&auml;hrungsfonds und der Wirtschaftsforschungsinstitute, einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss von 85 Mrd. Euro, das sind mehr als vier Prozent seines Bruttoinlandsprodukts, aufweisen. Der deutsche Handelsbilanz&uuml;berschuss, der Wert, um den die Exporte von G&uuml;tern und Dienstleistungen die Importe &uuml;bertreffen, wird phantastische 180 Mrd. Euro erreichen. Das ist im internationalen Vergleich ein unglaublich gro&szlig;er Saldo in der Au&szlig;enhandelsbilanz. Der deutsche &Uuml;berschuss in der Leistungsbilanz, die alle relevanten Transaktionen au&szlig;er dem reinen Kapitalverkehr erfasst, ist gr&ouml;&szlig;er als der Japans und Chinas und bildet den wichtigsten Gegenposten zum Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz, das in diesem Jahr sage und schreibe 600 Mrd. US-Dollar betragen wird. <\/p><p>Doch das ist noch nicht einmal die ganze Wahrheit. Wer &uuml;ber Deutschland redet, redet &uuml;ber Gesamtdeutschland und vergisst geflissentlich, dass Deutschland wirtschaftlich immer noch geteilt ist. Zwar gibt es keine getrennte Au&szlig;enhandelsstatistik mehr, doch wir wissen, wie uns vor allem Professor Sinn aus M&uuml;nchen immer wieder best&auml;tigt, dass Ostdeutschland ein riesiges Leistungsbilanzdefizit aufweist, also eine L&uuml;cke zwischen der eigenen Produktion und dem eigenen Verbrauch von G&uuml;tern und Leistungen. Ostdeutschland lebt weit &uuml;ber seinen Verh&auml;ltnissen und zwar, wegen der westdeutschen Transferleistungen, in einer Gr&ouml;&szlig;enordnung die historisch einmalig ist. <\/p><p>Nehmen wir einmal an, das ostdeutsche Defizit gegen&uuml;ber Westdeutschland l&auml;ge nur in der N&auml;he der westdeutschen Transferleistungen, dann w&auml;ren das etwa vier Prozent des westdeutschen Bruttoinlandsprodukts. Dann h&auml;tte Westdeutschland nicht einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss von vier Prozent, sondern von acht Prozent. Das hei&szlig;t, die Region Westdeutschland muss zwingend Jahr f&uuml;r Jahr eine Summe von sch&auml;tzungsweise 300 Mrd. Euro, die acht Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts entspricht, nach Ostdeutschland und in den Rest der Welt transferieren, um ihre Exporte verkaufen zu k&ouml;nnen. Wohlgemerkt, die Zahlen sind nicht im Einzelnen zu belegen, die Gr&ouml;&szlig;enordnung aber ist unstreitig und die Logik dieser &Uuml;berlegungen ist absolut zwingend, da sie nicht auf einer Theorie beruhen, sondern auf unbestreitbaren buchhalterischen Zusammenh&auml;ngen. <\/p><p>Ein Land aber, das per Saldo Kapital exportiert, und nicht, wie die USA und England importiert, muss nat&uuml;rlich g&uuml;nstige Anlagem&ouml;glichkeiten f&uuml;r diese Kapital im Ausland suchen. Was bietet sich an? Ein Unternehmen, das erfolgreich in Osteuropa wirtschaftet und hohe Gewinne erzielt, kann nat&uuml;rlich direkt polnische und ungarische Staatsanleihen kaufen. Es kann aber den Gewinn auch zu Hause zur Bank tragen, die es dann wieder an osteurop&auml;ische Investoren verleiht. Das Geld kann auch zuerst in die USA flie&szlig;en und von dort an osteurop&auml;ische Kunden weitergegeben werden. Nur eines ist klar: Jeder &Uuml;berschuss, der von deutschen Exporteuren erzielt wird, muss einen genau entsprechenden Kapitaltransfer nach sich ziehen. <\/p><p>Warum nun, muss man an dieser Stelle nat&uuml;rlich fragen, sollten die in Osteuropa und in Asien &auml;u&szlig;erst erfolgreichen deutschen Unternehmen ihre &Uuml;bersch&uuml;sse nicht direkt im Ausland anlegen, um ihre Marktposition zu festigen oder neue Aktivit&auml;ten zu starten? Die Antwort ist f&uuml;r jeden verst&auml;ndigen Menschen, der nicht auf Teufel komm raus Deutschland reformf&auml;hig schreiben will, sonnenklar: Das ist in der Tat die nahe liegende Art und Weise mit den deutschen &Uuml;bersch&uuml;ssen umzugehen. Wer erfolgreich ist, versucht noch erfolgreicher zu werden, indem er mit seinen Gewinnen aus dem Auslandsgesch&auml;ft neue Fabriken in den L&auml;ndern baut, wo er seine gr&ouml;&szlig;ten Erfolge erzielt hat. <\/p><p>Dass dabei auch direkt Produktion vom Hochlohnland in ein Niedriglohnland verlagert wird, ist nicht erstaunlich und kein Grund an der Wettbewerbsf&auml;higkeit des Hochlohnlandes zu zweifeln. Da einfache Arbeit fast &uuml;berall auf der Welt gleich gut verrichtet werden kann, verlagern die Unternehmen nat&uuml;rlich arbeitsintensive Produktionen dorthin, wo die Arbeitsstunde nur ein Zehntel oder gar nur ein Zwanzigstel der deutschen kostet. <\/p><p>Nahezu alle Produkte k&ouml;nnten auf diese Weise, so suggerieren es aber die Auguren der Globalisierungsangst im SPIEGEL und anderswo, von den L&auml;ndern im S&uuml;den hergestellt werden und die Arbeitslosigkeit im Norden k&ouml;nnte be&auml;ngstigende Ausma&szlig;e annehmen, wenn nicht sofort die L&ouml;hne und der Lebensstandard im Norden Richtung S&uuml;den massiv gesenkt werden. <\/p><p>Zwar ist fast alles falsch an dieser schlichten Idee, sie ist aber nicht totzukriegen, weil die herrschende neoklassische Lehre in der &Ouml;konomie sie mit Pauken und Trompeten immer wieder aus der Versenkung hervorholt, sobald sie durch steigende Arbeitslosigkeit in den Industriel&auml;ndern oder Einzelbeispiele wieder einmal eine Scheinbest&auml;tigung erf&auml;hrt. Nach dieser Lehre k&ouml;nnen alle L&auml;nder der Welt praktisch alle Produkte, die global gehandelt werden, ohne weiteres herstellen, weil, erstens, alle Technologien &uuml;berall zur Verf&uuml;gung stehen, und weil zweitens, so unterstellt es diese Lehre, man mit viel Arbeit und wenig Kapital einen Computerchip genauso gut herstellen kann, wie mit wenig Arbeit und viel Kapital. <\/p><p>Ersteres ist falsch, weil fast alle Technologien nicht einfach verf&uuml;gbar sind, sondern nur abgerufen werden k&ouml;nnen in einen komplexen Prozess des Zusammenwirkens von Arbeit und Kapital, der auf einer gro&szlig;en Menge von praktischem Erfahrungswissen beruht, das nirgendwohin &ndash; &uuml;ber Nacht gewisserma&szlig;en &ndash; transportiert werden kann. Wie sollte es sonst zu erkl&auml;ren sein, dass, um ein sehr deutsches und sicher unfaires Beispiel zu w&auml;hlen, General Motors genauso wie Mercedes schon weit &uuml;ber hundert Jahre Autos baut, aber noch immer keinen einzigen Mercedes zustande gekriegt hat. <\/p><p>Auch die zweite Annahme ist falsch. Technologien zur Herstellung moderner weltmarktf&auml;higer Produkte, die mit gro&szlig;em Aufwand an Forschung und auf der Basis der oben genannten komplexen Prozesse entstanden sind, kann man nicht einfach wider zur&uuml;ckverwandeln in Technologien, die mit sehr viel weniger Kapital und sehr viel mehr Arbeit funktionieren. Wie sonst w&auml;re es zu erkl&auml;ren, dass bei Direktinvestitionen in Niedriglohnl&auml;nder nicht andere Fabriken exportiert werden als die, die auch zu Hause gut und mit viel Kapitaleinsatz gearbeitet haben. Man kann mit der Technologie der f&uuml;nfziger Jahre und viel Arbeit eben keine Mobiltelefone bauen, und eine andere Technik zu erfinden, die es erlauben w&uuml;rde, die gleichen Telefone mit mehr Arbeit und weniger Kapital herzustellen, w&auml;re extrem teuer und, schlimmer noch, sinnlos. <\/p><p>Das eigentliche Motiv derjenigen, die solche Investitionen in armen L&auml;ndern t&auml;tigen, ist ja nicht, wie die traditionelle Theorie vermutet, Kapital zu sparen bei gleichen Gewinnen, sondern h&ouml;here Gewinne zu machen, tempor&auml;re Monopolstellungen zu erreichen, die sich aus der Kombination hoher Produktivit&auml;t mit niedrigen L&ouml;hnen realisieren lassen. Das kommt freilich in der Theorie nicht vor, weil ja der perfekte Wettbewerb regiert und das Entstehen von Monopolen und Vorspr&uuml;ngen von vorneherein ausgeschlossen ist. <\/p><p>Daraus folgt: Arme L&auml;nder sind arm, weil sie nur &uuml;ber einen kleinen Kapitalstock verf&uuml;gen und, au&szlig;er Rohstoffen, nur ganz wenige Produkte herstellen k&ouml;nnen, die sich am Weltmarkt mit Gewinn verkaufen lassen. Reiche L&auml;nder sind reich, weil sie einen gro&szlig;en Kapitalstock besitzen und sehr viele weltmarktf&auml;hige Produkte mit Gewinn produzieren k&ouml;nnen. Selbst wenn nun also via Direktinvestition aus dem &Uuml;berschussland Deutschland das eine oder andere Produkt oder Vorprodukt zus&auml;tzlich in den Entwicklungsl&auml;ndern hergestellt wird, dann dreht dies doch nicht kurzfristig die Verh&auml;ltnisse um, sondern tr&auml;gt nur dazu bei, dass manche arme L&auml;nder eine Chance zum langfristigen Aufholen haben. <\/p><p>Im Ergebnis ist es ganz einfach: Die Geschichte des SPIEGEL musste f&uuml;r Deutschland geschrieben werden, weil sich nur aus der Kombination von extremer Exportorientierung und deflation&auml;rer Wirtschaftspolitik ein Ausma&szlig; an &bdquo;Arbeitsplatzverlust&ldquo; und gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit ergeben konnte, das scheinbar so gut zu der Globalisierungsphobie passt, die wir &bdquo;brauchen&ldquo;, um Deutschland reformf&auml;hig zu schreiben. Dass dabei die Einordnung der Fakten vergessen und die Zusammenh&auml;nge auf den Kopf gestellt werden, geh&ouml;rt zu den Kleinigkeiten, die unsere Medien uns jeden Tag in wirtschaftlichen Fragen zumuten.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[37,123,30],"tags":[499,420,443],"class_list":["post-143","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-globalisierung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-handelsbilanz","tag-spiegel","tag-standortwettbewerb"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=143"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49764,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143\/revisions\/49764"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}