{"id":143026,"date":"2025-12-04T09:00:52","date_gmt":"2025-12-04T08:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143026"},"modified":"2026-01-15T16:13:29","modified_gmt":"2026-01-15T15:13:29","slug":"warum-ich-mit-dem-rad-nach-moskau-gefahren-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143026","title":{"rendered":"Warum ich mit dem Rad nach Moskau gefahren bin"},"content":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Ich weigere mich, das diplomatische Versagen einer arroganten politischen Klasse mit meinem Leben zu bezahlen und mich an die Front karren zu lassen, um dort auf Russen zu schie&szlig;en.&ldquo;<\/em> So beschreibt unser 23-j&auml;hriger Gastautor <strong>Pablo Krappmann<\/strong> seine Einsicht und seine Motivation, sich zu einer Radtour nach Russland aufzumachen. Fast 40 Jahre nach der Landung des Hobby-Piloten Mathias Rust mit seiner Cessna in der N&auml;he des Roten Platzes (die &Auml;lteren werden sich erinnern), um ein Zeichen f&uuml;r die V&ouml;lkerverst&auml;ndigung zu setzen, unternahm Krappmann eine weniger spektakul&auml;re, aber ganz &auml;hnlich motivierte Aktion. Hier berichtet er &uuml;ber seine Beweggr&uuml;nde und seine Erfahrungen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4686\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-143026-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251203_Warum_ich_mit_dem_Rad_nach_Moskau_gefahren_bin_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251203_Warum_ich_mit_dem_Rad_nach_Moskau_gefahren_bin_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251203_Warum_ich_mit_dem_Rad_nach_Moskau_gefahren_bin_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251203_Warum_ich_mit_dem_Rad_nach_Moskau_gefahren_bin_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=143026-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251203_Warum_ich_mit_dem_Rad_nach_Moskau_gefahren_bin_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251203_Warum_ich_mit_dem_Rad_nach_Moskau_gefahren_bin_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Als das neue Wehrdienstgesetz diskutiert wurde, war mein Fass &uuml;bergelaufen.<\/strong><\/p><p>An einem sp&auml;ten Augustabend rollten mein Freund Jonas und ich auf den Roten Platz. Nach drei Wochen und 2.200 Kilometern auf dem Rennrad, die uns vom Brandenburger Tor in Berlin bis hierher gef&uuml;hrt hatten, hatten wir aus eigener Kraft das Herz Russlands erreicht.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Der Ausl&ouml;ser f&uuml;r die Reise war mein Entsetzen &uuml;ber die geschichtsvergessene Hysterie im Umgang mit Russland. Als das neue Wehrdienstgesetz diskutiert wurde, war mein Fass &uuml;bergelaufen. Ich beschloss, meinen Widerstand h&ouml;rbar zu machen, indem ich mit dem Rad von Berlin nach Moskau fahre.<\/p><p>Aus Respekt und in Aufrichtigkeit meinen Vorfahren gegen&uuml;ber weigere ich mich, mir als Deutscher zum dritten Mal den Krieg einreden zu lassen!<\/p><p>Als ich diesen Sommer von einer gr&ouml;&szlig;eren Reise aus S&uuml;damerika nach Deutschland zur&uuml;ckkehrte, musste ich feststellen, dass es in Deutschland keinen nennenswerten Widerstand gegen die aktuelle Politik zu geben schien. Die Menschen waren offenbar in einer Illusion gefangen. Auf den Stra&szlig;en beobachtete ich gro&szlig;e Demos. Unter dem Banner des &bdquo;Kampfes gegen rechts&ldquo; forderte man das Verbot der Oppositionspartei, aber gleichzeitig demonstrierten sie f&uuml;r die uneingeschr&auml;nkte Toleranz gegen&uuml;ber Minderheiten. Dieses Bild war derart surreal vor dem Hintergrund der zunehmenden Kriegsrhetorik der Regierung, welche von der Gesellschaft forderte, &bdquo;kriegst&uuml;chtig&ldquo; zu werden und den G&uuml;rtel enger zu schnallen, um milit&auml;risch aufr&uuml;sten zu k&ouml;nnen. Zudem forderte man uns junge M&auml;nner auf, uns freiwillig bei der Bundeswehr zu melden.<\/p><p><strong>Das Schlachtfeld als eine lebenslange, traumatisierende Erfahrung<\/strong><\/p><p>Im S&uuml;dwesten Deutschlands wuchs ich in friedlichen Zeiten auf. Als Kind brachte man mir bei, in Konflikten das Gespr&auml;ch zu suchen, um den Streit durch Dialog zu l&ouml;sen. Im Geschichtsunterricht erfuhr ich von den Verbrechen der beiden Weltkriege und davon, wie die Bev&ouml;lkerung systematisch auf die Kriege vorbereitet wurde.<\/p><p>Die in den Medien beschriebenen Kriege gleichen nicht der H&ouml;lle eines Schlachtfeldes, die ich unmittelbar aus den Erz&auml;hlungen eines ehemaligen Soldaten erfuhr. Er beschrieb das Schlachtfeld als eine f&uuml;r den Rest seines Lebens traumatisierende Erfahrung. Er sah schreckliche Szenen, bei denen Menschen explodierten und K&ouml;rperteile seiner Kameraden durch die Luft flogen. Seit seiner R&uuml;ckkehr ist sein Alltag von Panikattacken, n&auml;chtlichem Schreien und Wutausbr&uuml;chen gepr&auml;gt. Seine Familie kann ihn seither nicht mehr ertragen. Meine konsequente Schlussfolgerung daraus ist, dass ich diese Erfahrungen nicht machen m&ouml;chte!<\/p><p>Aus historischer Verantwortung ergibt sich f&uuml;r mich die unabweisbare Pflicht, dass Deutschland in der Welt als Vermittler f&uuml;r Frieden agieren muss. Angesichts der bedrohlichen Lage eines eskalierenden Krieges erwarte ich von den Politikern dieses Landes, alles daranzusetzen, diesen Konflikt diplomatisch zu entsch&auml;rfen. Stattdessen beobachte ich das Gegenteil. Die Bundesregierung verfolgt keine ernsthaften Bem&uuml;hungen, den Ukrainekonflikt mit Russland &uuml;ber den Weg der Verhandlungen zu l&ouml;sen. Es wird uns suggeriert, dass Gespr&auml;che mit Putin sinnlos seien, dass Frieden zwischen der Ukraine und Russland haupts&auml;chlich durch Bedrohung und &bdquo;milit&auml;rische St&auml;rke&ldquo; zu erreichen sei. Diese Politik wird durch die Worte unseres Au&szlig;enministers untermauert, der erkl&auml;rte, Russland werde immer ein Feind sein.<\/p><p>Jeder Konflikt kennt zwei Perspektiven. Die russische Regierung f&uuml;hrt diesen Konflikt nicht im Bewusstsein, unrecht zu haben. Solange wir Putins Handeln vorwiegend moralisierend verurteilen, ohne die Interessen und Sicherheitsdynamiken zu verstehen, besteht die Gefahr, dass dieser Konflikt eskaliert und Deutschland Kampfgebiet wird. Diese Eskalation h&auml;tte verheerende Folgen f&uuml;r Tausende oder Millionen Menschenleben.<\/p><p>Anstatt von Russland die Einsicht zu erwarten, sein eigenes Handeln als moralisch falsch zu bewerten, m&uuml;ssen wir aus unserer historischen Verantwortung heraus die Rolle des unerm&uuml;dlichen Vermittlers einnehmen und diesem Konflikt in der Ukraine durch Gespr&auml;che und Diplomatie ein Ende setzen.<\/p><p><strong>Vor Wintereinbruch wollten wir zur&uuml;ck sein<\/strong><\/p><p>Mit dem Fahrrad zu reisen, ist ein Abenteuer, das Begegnungen auf Augenh&ouml;he erm&ouml;glicht. Da wir in Zelten in der Natur schliefen und durch kleine D&ouml;rfer fuhren, kamen wir mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt und erlebten Russlands Kultur unmittelbar. Das Rad ist langsam genug, um die geografischen Ver&auml;nderungen bewusst wahrzunehmen, und doch schnell genug, um effizient Strecke zur&uuml;ckzulegen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Zwei Wochen zuvor fragte ich in meinem Freundeskreis nach jemandem, der Russisch spricht. So fand ich Jonas, der bereit f&uuml;r dieses Abenteuer war. Wir hatten zwei Wochen Zeit, das Visum zu beantragen und n&ouml;tige Recherchen zu betreiben, vor Wintereinbruch wollten wir zur&uuml;ck sein.<\/p><p>Am 4. August 2025 standen Jonas und ich vollbepackt am Brandenburger Tor und fuhren in Richtung Polen. Entgegen Medienberichten passierten wir die Grenze ohne Kontrolle. An diesem ersten Tag regnete es in Str&ouml;men, wir waren bis auf die Knochen durchn&auml;sst und es wurde kalt bis unter zehn Grad. Gl&uuml;cklicherweise blieb es der einzige Regentag.<\/p><p>Diese intensive Art zu Reisen begeisterte uns, denn es ergaben sich spontane Begegnungen: vor Superm&auml;rkten, in Parks beim Fr&uuml;hst&uuml;ck oder mit anderen Radfahrern, die uns ansprachen und sogar zum Kaffee einluden. In Bia&#322;ystok standen wir vor verschlossener Grenze zu Belarus, nach 190 Kilometern Umweg und achtst&uuml;ndigem Warten gelangten wir schlussendlich doch noch nach Belarus.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Auf dem Weg nach Minsk erlebten wir saubere, ordentliche St&auml;dte, in denen die Menschen h&ouml;flich und respektvoll miteinander umgingen. &Uuml;ber Couchsurfing &uuml;bernachteten wir bei einem jungen Paar, das uns durch Minsk f&uuml;hrte und mit ihren Freunden zum Essen einlud. Mit ihnen war es unkompliziert, &uuml;ber Politik zu sprechen. Sie beleuchteten unterschiedliche Perspektiven, ohne eine fanatisch zu verteidigen.<\/p><p><strong>Ohne Probleme &uuml;ber die russische Grenze<\/strong><\/p><p>Einige Tage sp&auml;ter wurden wir an der russischen Grenze durchgewunken, ohne Kontrolle unserer P&auml;sse.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>In Smolensk lud uns ein Radfahrer auf einen Kaffee ein und zeigte uns anschlie&szlig;end die Sehensw&uuml;rdigkeiten seiner Stadt. Vor Moskau auf dem Land besuchten wir Freunde von Jonas, die uns mit einer gro&szlig;herzigen Gastfreundschaft empfingen, wie ich sie selten in der Form erlebt habe. Wir durften einfach da sein ohne Bedingungen.<\/p><p>Am 27. August 2025 rollten wir auf den Roten Platz. Die Hinreise hatte 2.200 Kilometer gefordert und 23 Tage gedauert. Zuvor hatten wir eine Familie gefunden, bei der wir f&uuml;r eine Woche unterkommen durften. So konnten wir uns ausruhen und gleichzeitig Moskau erleben. Mit den Geschwistern unserer Gastfamilie und ihrem Freundeskreis gingen wir abends aus, zogen als fr&ouml;hliche Gruppe durch die Stra&szlig;en, tauschten uns begeistert aus und fanden uns schlie&szlig;lich in einer Wohnung wieder, in der pl&ouml;tzlich gemeinsam gekocht wurde.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-05.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Was mich an Moskau begeisterte, waren die au&szlig;ergew&ouml;hnlich sauberen Stra&szlig;en, das modernisierte und hochfrequentierte Metronetz. Die Bahnen fuhren p&uuml;nktlich, und mit einer preiswerten Fahrkarte kann man das gesamte Netz befahren. Die Metro-Stationen schienen wie individuell gestaltete Kunstwerke, welche makellos gepflegt wurden.<\/p><p><strong>Wir wurden wie Freunde empfangen<\/strong><\/p><p>Ebenfalls war ich von dem gesellschaftlichen Umgang beeindruckt. Ungew&ouml;hnlich r&uuml;cksichtsvoll gingen die Menschen miteinander um, T&uuml;ren wurden aufgehalten, man entschuldigte sich, wenn man sich in die Quere kam. Insgesamt wirkten die Menschen zufriedener und gelassener als in den meisten deutschen St&auml;dten.<\/p><p>Frauen und M&auml;nner kleideten sich elegant, gingen abends aus, lachten miteinander, und ein vielf&auml;ltiges Kulturangebot reichte von Stra&szlig;enk&uuml;nstlern bis zu hochrangig klassischen Darbietungen. So bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass sich die Menschen in Moskau als Teil Europas f&uuml;hlen, verbunden mit einer Kulturgemeinschaft, die politische Gr&auml;ben zu &uuml;berwinden vermag.<\/p><p>In den Gespr&auml;chen beobachtete ich die Kultur des Zuh&ouml;rens. Gespr&auml;chspartner gingen mit einer Ernsthaftigkeit auf das Gesagte ein. Die Tiefe ihrer Fragen offenbarte, dass man sich gedanklich wirklich aufeinander einl&auml;sst. Man verzichtete darauf, den Gegen&uuml;ber von der eigenen Meinung &uuml;berzeugen zu wollen. Stattdessen schien es erstrebenswert, sich auseinanderzusetzen, um Neues zu verstehen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-06.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251202-Radreise-06.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Den ernsthafteren Gesichtsausdruck und die zur&uuml;ckhaltende Art nahm ich als respektvolle Umgangsform wahr. Das oberfl&auml;chlich h&ouml;fliche L&auml;cheln, das ich aus westlichen L&auml;ndern kenne, schien hier eher fehl am Platz. Meine Interpretation ist, dass es d&uuml;mmlich wirkt.<\/p><p>Uns Deutschen begegnete man durchweg freundschaftlich, obwohl man sich kaum kannte. Die historische Last schien in den zwischenmenschlichen Begegnungen keine Rolle zu spielen. Der Angriffskrieg Nazi-Deutschlands gegen Russland, der 26 Millionen Sowjetb&uuml;rgern das Leben kostete, wird nicht der deutschen Bev&ouml;lkerung angelastet, sondern den damaligen Politikern.<\/p><p>Bemerkenswerterweise &uuml;bertrugen sich auch die aktuellen politischen Spannungen nicht auf die menschliche Ebene. Wir wurden wie Freunde empfangen, h&ouml;rten sogar gelegentlich positive Worte &uuml;ber die deutsche Kultur. Diese unvoreingenommene Freundschaft, die mir auf Reisen selten begegnet ist, stellt ein stilles, aber machtvolles Gegenbild zu der politischen Rhetorik dar.<\/p><p><strong>Lernen, auf Russen zu schie&szlig;en<\/strong><\/p><p>Nach weiteren Besuchen in Petersburg kehrte ich am 18. September 2025 &uuml;ber Estland zur&uuml;ck. Im Bus nach Berlin blickte ich auf einen Monat in Russland zur&uuml;ck. Wie hat sich mein Blick auf die politische Spannung ver&auml;ndert?<\/p><p>Es ist offensichtlich, die Russen stehen nicht vor unserer T&uuml;r &ndash; weder gesellschaftlich noch, meiner Einsch&auml;tzung nach, politisch. Im Gegenteil, sie sind uns wohlgesinnt. Umso surrealer wirkt die Realit&auml;t, in die ich als 23-J&auml;hriger zur&uuml;ckgekehrt bin: Von der Regierung wird mir nun empfohlen, mich beim Milit&auml;r ausbilden zu lassen, um zu lernen, auf Russen zu schie&szlig;en. Wenn ich das freiwillig ablehne, werden sie mich dazu zwingen. So das neue Wehrdienstgesetz: Es klingt vorerst freiwillig, wenn sich aber nicht genug Freiwillige finden, wird der Dienst verpflichtend &ndash; vorausgesetzt, das Parlament stimmt zu. So verliert das freiwillige Wehrdienstgesetz seinen zugrunde liegenden freiwilligen Charakter. Es ist nur eine Frage der Zeit.<\/p><p>Doch wissen diese Herrschaften nicht, dass ich noch vor Kurzem mit gleichaltrigen Russen bei Kaffee in freundschaftlichem Gespr&auml;ch zusammensa&szlig; und wir Kontakte kn&uuml;pften, die bis heute halten. Wie soll ich Herrn Au&szlig;enminister Wadephul ernst nehmen, wenn er mir vom &bdquo;b&ouml;sen Russen&ldquo; erz&auml;hlt?<\/p><p>Zwar verstehe ich, dass dahinter die politischen Konflikte stehen. Aber letztlich werden wir Jungen aufeinandergehetzt, weil Politiker nicht mehr miteinander reden k&ouml;nnen.<\/p><p>Ich weigere mich, das diplomatische Versagen einer arroganten politischen Klasse mit meinem Leben zu bezahlen und mich an die Front karren zu lassen, um dort auf Russen zu schie&szlig;en.<\/p><p><strong>Ich verachte diesen hysterischen Umgang mit Moskau<\/strong><\/p><p>Angesichts der historischen Verbrechen, die Deutschland an Russland begangen hat, verachte ich diesen hysterischen Umgang mit Moskau. Aus Respekt und in Aufrichtigkeit gegen&uuml;ber meinen Gro&szlig;eltern und Urgro&szlig;eltern lehne ich diese Kriegshetze in Deutschland strengstens ab. Auf den R&uuml;cken meiner Vorfahren wurden diese Verbrechen bereits zweimal begangen. Als ihr Nachfahre lasse ich mich nicht vom Dogma der Alternativlosigkeit dieser Kriegst&uuml;chtigkeit beeindrucken. Tief in meinen Wurzeln ist verankert, dass wir Deutschen uns nie wieder in einen Krieg hineinreden lassen d&uuml;rfen! Mein historisches Erbe verpflichtet mich zum unbequemen Frieden, nicht zum bequemen Krieg.<\/p><p>Ich bin mit dem Rad nach Russland gefahren, um mit den Menschen ins Gespr&auml;ch zu kommen und ihre Perspektive zu verstehen. Von unserer Regierung erwarte ich mindestens dieselbe Anstrengung, den Dialog mit Russland wieder aufzunehmen. Es geht darum, zu verstehen, was die Menschen dort bewegt, nicht ihr Handeln gutzuhei&szlig;en. Nur wenn wir ihre Motive begreifen, k&ouml;nnen wir eine L&ouml;sung erarbeiten, die f&uuml;r alle Beteiligten tragbar ist.<\/p><p>Davon bin ich &uuml;berzeugt: dass nachhaltiger Frieden nur &uuml;ber Dialog zu erreichen ist. Denn fr&uuml;her oder sp&auml;ter wird man wieder mit Russland sprechen m&uuml;ssen. Nicht wir haben der Regierung zu dienen, sondern die Politiker dem Volk. Die Bundesregierung muss im Interesse der B&uuml;rger handeln, deshalb fordere ich die Bundesregierung dazu auf, den Dialog mit Russland wieder aufzunehmen &ndash; nicht um Kapitulation zu fordern, sondern um eine Zukunft zu verhandeln, in der unsere V&ouml;lker als Freunde und gute Nachbarn leben k&ouml;nnen.<\/p><p>Denn wir sind nicht verfeindet, wie ich auf der Reise gemerkt habe, wir sind gute Freunde.<\/p><p><strong>Es ist, als wartete dort dr&uuml;ben ein guter Freund auf uns<\/strong><\/p><p>Es ist, als wartete dort dr&uuml;ben ein guter Freund auf uns, w&auml;hrend wir hier hinter seinem R&uuml;cken schlecht &uuml;ber ihn reden. Dieses Mal wird uns die Geschichte beim Wort nehmen. Wir k&ouml;nnen nicht sagen, wir h&auml;tten es nicht kommen sehen. Es ist bequemer, sich konform anzupassen, statt sich aus dem einengenden Meinungskorridor zu befreien und die eigene Stimme zu erheben.<\/p><p>Die Lehre aus unserer Geschichte ist unsere St&auml;rke. Was braucht es noch, damit wir Deutschen uns endlich entschlossen gegen jeden Krieg stellen?<\/p><p><small>Bilder &amp; Titelbild: Pablo Krappmann<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142767\">General a. D. 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Fast 40 Jahre nach der Landung des<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143026\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":143027,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,170,20],"tags":[3293,3260,2301,3619,259,3549,2433],"class_list":["post-143026","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-friedenspolitik","category-landerberichte","tag-bellizismus","tag-feindbild","tag-konfrontationspolitik","tag-reisebericht","tag-russland","tag-wadephul-johann","tag-wehrdienst"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/251202-Radreise-Roter-Platz.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143026","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=143026"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143026\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":143275,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143026\/revisions\/143275"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/143027"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=143026"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=143026"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=143026"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}