{"id":143031,"date":"2025-12-02T13:39:17","date_gmt":"2025-12-02T12:39:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143031"},"modified":"2025-12-04T15:03:12","modified_gmt":"2025-12-04T14:03:12","slug":"die-groteske-debatte-um-die-nutzung-der-eingefrorenen-russischen-waehrungsreserven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143031","title":{"rendered":"Die groteske Debatte um die Nutzung der \u201eeingefrorenen\u201c russischen W\u00e4hrungsreserven"},"content":{"rendered":"<p>Wenn der <em>SPIEGEL<\/em> unter der gro&szlig;spurigen &Uuml;berschrift <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/ukraine-krieg-weltgemeinschaft-diskutiert-nutzung-eingefrorener-gelder-aus-russland-a-164d9a49-ba1c-4888-838a-b17f4d51ebf0\">&bdquo;Wie die Weltgemeinschaft um 300 Milliarden Euro ringt&ldquo;<\/a> zu einem Erkl&auml;rst&uuml;ck &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde der eingefrorenen russischen Staatsgelder ansetzt, ist Obacht geboten. Der Text, der sich gl&uuml;cklicherweise hinter einer Bezahlschranke befindet, kommt in seiner Bewertung dann auch zu einem &uuml;berraschenden Urteil: &bdquo;F&uuml;r den <strong>unwahrscheinlichen<\/strong> Fall, dass Russland vor einem Gericht nach dem Krieg recht bekommt, soll es in der EU Garantien f&uuml;r Belgien geben, so der Plan.&ldquo; So, so. Dass Russland vor einem Gericht recht bek&auml;me, ist also laut <em>SPIEGEL<\/em> &bdquo;unwahrscheinlich&ldquo;? Das sieht aber auch wirklich nur der <em>SPIEGEL<\/em> so. Ein Hintergrundbericht von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8476\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-143031-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251202_Die_groteske_Debatte_um_die_Nutzung_der_eingefrorenen_russischen_Waehrungsreserven_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251202_Die_groteske_Debatte_um_die_Nutzung_der_eingefrorenen_russischen_Waehrungsreserven_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251202_Die_groteske_Debatte_um_die_Nutzung_der_eingefrorenen_russischen_Waehrungsreserven_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251202_Die_groteske_Debatte_um_die_Nutzung_der_eingefrorenen_russischen_Waehrungsreserven_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=143031-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251202_Die_groteske_Debatte_um_die_Nutzung_der_eingefrorenen_russischen_Waehrungsreserven_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251202_Die_groteske_Debatte_um_die_Nutzung_der_eingefrorenen_russischen_Waehrungsreserven_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Zum Thema:<\/strong>\n<p>Jens Berger &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111841\">Regelbasierte Weltordnung? V&ouml;lkerrecht? Alles Schall und Rauch, wenn es um die russischen W&auml;hrungsreserven geht<\/a><\/p>\n<p>Jens Berger &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116828\">&bdquo;Putin bezahlt die Verteidigung der Ukraine&ldquo; &ndash; Fake News zum 50-Milliarden-Dollar-Ukraine-Paket der G7<\/a><\/p>\n<p>Florian Warweg &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142983\">Die Vogel-Strau&szlig;-Taktik der Bundesregierung bei geplanter Nutzung des eingefrorenen russischen Staatsverm&ouml;gens<\/a>\n<\/p><\/div><p>Zugegeben, das Thema ist wirklich komplex und erschwerend kommt hinzu, dass es erstaunlicherweise weder echte Pr&auml;zedenzf&auml;lle noch eindeutige internationale rechtliche Regeln gibt. Es ist f&uuml;r die Bewertung also wohl n&ouml;tig, ein wenig weiter auszuholen.<\/p><p><strong>Was ist genau geschehen?<\/strong><\/p><p>Mit dem sechsten Sanktionspaket, das im Juni 2022 von der EU beschlossen wurde, ging die EU erstmals direkt gegen die russischen Devisenreserven vor. Wenn Zentralbanken von Nicht-Euro-L&auml;ndern Konten f&uuml;hren, die in Euro notiert sind oder Staatsanleihen in Euro verwahren, sind diese Konten in der Regel Teil des Eurosystems und werden von sogenannten Clearinggesellschaften verwahrt, die ihren Sitz in der Eurozone haben. Eine der gr&ouml;&szlig;ten Clearinggesellschaften der Welt ist das belgische Unternehmen Euroclear, das f&uuml;r seine Kunden Papiere im Wert <a href=\"https:\/\/www.rtl.be\/actu\/monde\/economie\/375-trillions-deuros-quoi-correspond-cette-somme-faramineuse-geree-par-lieve\/2024-02-07\/article\/635296\">von sagenhaften 37,5 Billionen Euro<\/a> verwahrt &ndash; und das ist kein &Uuml;bersetzungsfehler, es handelt sich wirklich um Billionen.<\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 2022 war auch die russische Zentralbank einer der Kunden von Euroclear. Das staatliche Institut verwahrte dort Papiere &ndash; vor allem Staatsanleihen von Eurostaaten mit kurzer bis mittlerer Laufzeit &ndash; im Wert von rund 180 Milliarden Euro; der Euro-Teil der russischen Devisenreserven. Die betreffenden Konten wurden im Juni 2022 durch die Sanktionen der EU eingefroren. Dieser Vorgang ist international betrachtet nicht un&uuml;blich, auch wenn es dazu keinen allgemein anerkannten und verbindlichen rechtlichen Rahmen gibt. <\/p><p>Dass vor allem westliche Staaten gern von der M&ouml;glichkeit Gebrauch machen, im Falle eines Konfliktes oder Krieges die Konten ihres jeweiligen Gegners einzufrieren, kam jedoch bereits in der Vergangenheit h&auml;ufiger vor. Zum Beispiel bei den US-Sanktionen gegen Iran, den US-Sanktionen gegen die Taliban in Afghanistan, den internationalen Sanktionen gegen Saddam Husseins Irak in den 1990ern oder den Sanktionen gegen Gaddafi. Als Pr&auml;zedenzf&auml;lle f&uuml;r die EU-Sanktionen gegen Russland seit 2022 gehen diese Fallbeispiele jedoch allesamt nicht durch. Doch dazu sp&auml;ter mehr.<\/p><p>Im internationalen Rechtssystem gilt das blo&szlig;e Einfrieren fremder Verm&ouml;gen als eine Art &bdquo;leidliche S&uuml;nde&ldquo;, die ein Bestandteil des gr&ouml;&szlig;eren Problems unilateral verh&auml;ngter Sanktionen ist. Hier geht es jedoch &ndash; und das ist wichtig &ndash; nur um das Einfrieren, also den zeitweiligen Entzug der Verf&uuml;gung &uuml;ber fremde Verm&ouml;genswerte. Ist der Konflikt &ndash; in welcher Form auch immer &ndash; beendet, m&uuml;ssen diese Verm&ouml;genswerte wieder freigegeben und ihrem urspr&uuml;nglichen Besitzer oder dessen Rechtsnachfolger zur&uuml;ckgegeben werden.<\/p><p>Vollkommen anders sieht es indes bei der dauerhaften Konfiszierung oder gar Inbesitznahme oder Weiterverteilung der Verm&ouml;genswerte gegen den Willen des Besitzers aus. Und genau das ist es, was die EU derzeit plant und der <em>SPIEGEL<\/em> bar jeder Kenntnis offenbar als rechtlich unproblematisch ansieht. Das ist jedoch falsch. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur v&ouml;lkerrechtlich einvernehmliche Vertr&auml;ge einen echten &Uuml;bertrag von staatlichen Verm&ouml;genstiteln gestatten und in allen anderen F&auml;llen Gerichte anders entschieden haben.<\/p><p><strong>Pr&auml;zedenzf&auml;lle<\/strong><\/p><p>Um dies alles auch rechtlich besser beurteilen zu k&ouml;nnen, lohnt sich ein Blick auf vergangene, halbwegs vergleichbare F&auml;lle.<\/p><ol>\n<li>US-Sanktionen gegen Iran\n<p>2008 froren die USA Konten im Wert von rund zwei Milliarden US-Dollar ein, die der Bank Markazi, der iranischen Zentralbank, geh&ouml;rten. Mit diesem Geld wollten die USA die Opfer zweier Terroranschl&auml;ge (Beirut 1983, Khobar\/Saudi Arabien 1996) entsch&auml;digen, f&uuml;r die sie Iran verantwortlich machten. Nach l&auml;ngerer und nicht eindeutiger Kl&auml;rung der Zust&auml;ndigkeit nahm der Internationale Gerichtshof schlie&szlig;lich 2019 den Fall <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Certain_Iranian_Assets\">&bdquo;Certain Iranian Assets&ldquo;<\/a> an und gab im Urteil Iran in der Sache recht. Die USA mussten Iran die entwendeten Geldern zur&uuml;ckzahlen. Entscheidend f&uuml;r das Urteil war die staatliche Immunit&auml;t von Zentralbankgeldern.\n<\/p><\/li>\n<li>US-Sanktionen gegen die Taliban\n<p>2021 verordnete die Biden-Regierung das Einfrieren von Guthaben im Wert von rund sieben Milliarden US-Dollar, das die afghanische Zentralbank als Dollar-W&auml;hrungsreserve bei der FED in New York gehalten hatte. Laut den USA geh&ouml;re dieses Geld dem afghanischen Volk, aber nicht den Taliban. Die H&auml;lfte dieses Geldes &uuml;berwies die US-Regierung ein halbes Jahr sp&auml;ter <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2022\/02\/11\/us\/politics\/taliban-afghanistan-911-families-frozen-funds.html\">an einen Treuhandfonds<\/a>, der humanit&auml;re Projekte in Afghanistan finanzieren sollte. Die andere H&auml;lfte war urspr&uuml;nglich f&uuml;r die Opfer von 9\/11 vorgesehen. Dieser Plan wurde Biden jedoch von seinen Beratern wieder ausgeredet, h&auml;tten die USA in diesem Falle (siehe das IGH-Urteil im Fall Iran) mit einer klaren Niederlage vor Gerichten rechnen m&uuml;ssen. Das rechtliche Nachspiel zur &Uuml;bereignung von Geldern an den Treuhandfonds ist derweil noch nicht abgeschlossen. Der Treuhandfonds liegt aktuell in der Schweiz und hat noch keinen einzigen Cent ausgegeben, da die USA auch in diesem Punkt Gerichtsentscheide abwarten wollen.&nbsp; Als Pr&auml;zedenzfall eignet sich dieses Beispiel nicht, da die Gelder immer noch offiziell als &bdquo;eingefroren&ldquo; gelten und die rechtlichen Streitigkeiten anhalten. F&uuml;r die Bewertung ist jedoch interessant, dass &bdquo;selbst&ldquo; die USA es sich in diesem Fall nicht trauen, die Gelder offiziell zu konfiszieren und erst einmal die Entscheidung der Gerichte abwarten wollen.<\/p><\/li>\n<li>Irak-Sanktionen in den 1990ern\n<p>Nach der Invasion Kuwaits durch irakische Truppen im August 1990 verh&auml;ngte der UN-Sicherheitsrat umfangreiche Sanktionen gegen den Irak, in deren Rahmen auch irakische Auslandsguthaben eingefroren &ndash; aber nicht konfisziert &ndash; wurden. W&auml;hrend der Sanktionen wurden Teile dieser Gelder von der UN unter Treuhandverwaltung u.a. im Rahmen des Oil-for-Good-Programms ausgezahlt, nach dem Sturz Saddam Husseins wurden die verbleibenden Gelder an die neue irakische Regierung ausgegeben. Auch dieser Fall eignet sich nicht als Pr&auml;zedenzfall, da es sich um Sanktionen durch den UN-Sicherheitsrat handelte, die in gewisser Art und Weise v&ouml;lkerrechtlich gedeckt waren.<\/p><\/li>\n<li>EU- und UN-Sanktionen gegen Libyen\/Gaddafi\n<p>Besonders interessant sind in diesem Kontext auch die Sanktionen, die die UN 2011 gegen Libyen ausgesprochen haben. Der UN-Sicherheitsrat hatte damals die gesamten Auslandsverm&ouml;gen des libyschen Staatsfonds LIA eingefroren &ndash; mithin 60 Milliarden US-Dollar. Die Sanktionen <a href=\"https:\/\/www.crisisgroup.org\/middle-east-north-africa\/north-africa\/libya\/249-frozen-billions-reforming-sanctions-libyan-investment-authority\">sehen eigentlich vor<\/a>, die eingefrorenen Gelder an die neue libysche Regierung zur&uuml;ckzugeben, doch da im Land immer noch B&uuml;rgerkrieg herrscht und es keine von allen Sicherheitsratsmitgliedern anerkannte Nachfolgeregierung gibt, sind die Gelder zu gro&szlig;en Teilen immer noch eingefroren und Gegenstand sehr aktiver diplomatischer Verhandlungen zwischen den libyschen B&uuml;rgerkriegsparteien und den UN-Sicherheitsratsmitgliedern. Auch die EU hat libysche Verm&ouml;gen eingefroren, aber <a href=\"https:\/\/www.government.se\/government-policy\/foreign-and-security-policy\/international-sanctions\/geographical-sanctions\/libya---sanctions\/#:~:text=The%20EU%20sanctions%20against%20Libya,on%20inspection%20of%20vessels%20and\">bewusst vermieden<\/a>, diese Gelder zu konfiszieren und\/oder ohne Mandat durch den UN-Sicherheitsrat an Dritte auszubezahlen. Auch dieser Fall eignet sich daher nicht als Pr&auml;zedenzfall, da auch hier alle Beteiligten sich an tradierte Rechtsnormen halten und den UN-Sicherheitsrat als entscheidendes Gremium akzeptieren.\n<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Im rechtsfreien Raum<\/strong><\/p><p>Um es kurz zu machen: F&uuml;r das Einfrieren staatlicher Verm&ouml;genswerte gibt es einige Fallbeispiele. Mit einer einzigen Ausnahme erfolgte die Freigabe bzw. Weiterverwendung dieser Gelder in einem v&ouml;lkerrechtlich klaren Prozess mit Mandat des UN-Sicherheitsrats. Die einzige Ausnahme war die Konfiszierung iranischer Gelder durch die USA und in diesem Fall entschied der internationale Gerichtshof zugunsten Irans.<\/p><p>W&uuml;rde die EU also die eingefrorenen russischen Staatsverm&ouml;gen ohne ein v&ouml;lkerrechtliches Mandat durch den UN-Sicherheitsrat f&uuml;r eigene Zwecke &ndash; dazu geh&ouml;ren auch Kredite oder gar Wiederaufbaugelder an die Ukraine &ndash; einsetzen, w&auml;re dies im Kern der Sache durchaus vergleichbar mit dem Fall der konfiszierten iranischen Gelder. In beiden F&auml;llen handelt es sich um Staatsverm&ouml;gen, das internationale Immunit&auml;t genie&szlig;t, und in beiden F&auml;llen gibt es keinen v&ouml;lkerrechtlichen Vertrag, der eine Nutzung gegen den Willen des rechtlichen Besitzers dieser Verm&ouml;gen genehmigt.<\/p><p><strong>Rechtswege f&uuml;r Russland<\/strong><\/p><p>Sollte die EU dennoch die russischen Gelder in jedweder Form gegen den Willen Russlands weiterverteilen oder einbehalten, st&uuml;nden Russland gleich zahlreiche rechtliche M&ouml;glichkeiten zur Verf&uuml;gung.<\/p><p>Zun&auml;chst k&ouml;nnte Russland Euroclear vor einem belgischen Gericht bis hin zum belgischen Cour de Cassation verklagen. Die Gerichte h&auml;tten zu pr&uuml;fen, ob die Eigentumsrechte nach belgischem Recht verletzt wurden und ob in diesem Fall die internationale Immunit&auml;t von russischem Staatsverm&ouml;gen verletzt wurde. Gibt man diesen Fall bei diversen AI-Engines ein, erh&auml;lt man durchweg die Einsch&auml;tzung, dass die Chancen Russlands in diesem Fall je nach Engine als hoch bis sehr hoch bewertet werden. In diesem Fall w&auml;re &uuml;brigens das Unternehmen Euroclear in voller H&ouml;he haftbar. Bei dieser Summe w&auml;re Euroclear dann zweifelsohne zahlungsunf&auml;hig und die Einlagensicherung des Staates Belgien und der EU w&uuml;rden hier greifen. Infolge m&uuml;sste Euroclear dann den Staat Belgien &ndash; der formal die Veruntreuung der Kundeneinlagen angeordnet hat &ndash; verklagen und auch hier st&uuml;nden die Chancen vor Gericht sehr gut.<\/p><p>Das ist jedoch beileibe nicht der einzige Rechtsweg, der Russland offensteht. Parallel zur Klage in Belgien st&uuml;nde Russland auch der Gang zum Europ&auml;ischen Gerichtshof offen. Hier w&uuml;rde Russland dann die Sanktionen selbst und die Auslegung der Sanktionen durch die EU-Beh&ouml;rden hinterfragen. Versto&szlig;en sie gegen die EU-Grundrechte oder das Eigentumsrecht? Verletzen sie internationales Recht? Auch hier stehen die Chancen auf einen russischen Erfolg sehr gut.<\/p><p>Weiterhin steht Russland eine Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag offen. Hier ginge es um die Verletzung staatlicher Immunit&auml;t und den Bruch des V&ouml;lkerrechts. Da die EU als Staatengemeinschaft vor dem ICJ nicht verklagt werden kann, w&uuml;rde sich die Klage in diesem Fall gegen den Staat Belgien richten und auch hier ist die rechtliche Situation eigentlich so klar, dass Russland beste Chancen auf einen Sieg vor Gericht h&auml;tte.<\/p><p>Hinzu kommt auch noch die M&ouml;glichkeit, Euroclear bzw. den Staat Belgien vor gleich mehreren Schiedsgerichten anzuklagen. Da k&auml;men z.B. das der Weltbankgruppe angeh&ouml;rige Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten in Washington (ICSID) und die zur UN geh&ouml;rende United Nations Commission On International Trade Law in Wien (UNCITRAL) infrage. Hier ging es dann um die Einhaltung der Clearing-Vertr&auml;ge, die Anleihebedingungen, den Investitionsschutz und andere vertragliche Aspekte. Eine Bewertung ist hier schwer, da die Vertr&auml;ge von Euroclear bzw. den Anleiheausgebern komplex sind.<\/p><p>Wie man da &ndash; wie der <em>SPIEGEL<\/em> &ndash; zu der Einsch&auml;tzung kommen kann, es sei &bdquo;unwahrscheinlich, dass Russland vor einem Gericht nach dem Krieg recht bekommt&ldquo;, ist vollkommen unverst&auml;ndlich. Ausnahmslos alle(!) Experten, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen, kommen zu exakt der gegenteiligen Einsch&auml;tzung. Und das wei&szlig; auch die EU und das wei&szlig; insbesondere der Staat Belgien, der im Falle einer Klage als erstes regresspflichtig w&auml;re, nur allzu genau.<\/p><p><strong>EU-Plan durch die Hintert&uuml;r<\/strong><\/p><p>Und eben weil alle Beteiligten das ganz genau wissen, kam es bislang auch noch nicht zu einem Zugriff auf die eingefrorenen Gelder. Man konnte sich lediglich dazu durchringen, die Gewinne (&bdquo;Windfall Profits&ldquo;) aus den Anlagen als Sicherheit zu verwenden. Selbst das ist &uuml;brigens juristisch fragw&uuml;rdig und wird wohl eines Tages von Gerichten &uuml;berpr&uuml;ft. Um an die Gelder selbst heranzukommen, hat die EU nun offenbar einen neuen, sehr eigenwilligen Plan.<\/p><p>Man will der Ukraine einen 140-Milliarden-Euro-&bdquo;Kredit&ldquo; geben. Wer genau das Geld daf&uuml;r aufbringen soll, ist unklar. Die EZB hat sich jedenfalls <a href=\"https:\/\/x.com\/FabioDeMasi\/status\/1995793617986682971?s=20\">bereits geweigert<\/a>, dieses Geld zur Verf&uuml;gung zu stellen. In einigen Quellen liest man, Euroclear solle den Kredit vergeben. Das ist jedoch ziemlich absurd, da Euroclear keine Gro&szlig;bank, sondern eine Clearinggesellschaft ist, die Konten f&uuml;r Gro&szlig;kunden betreibt und sonst so spannende Dinge wie das Clearing und Settlement von Wertpapiergesch&auml;ften betreibt. Euroclear hat einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro und kann allein schon deshalb schwerlich einen Kredit im hundertfachen Volumen seines Jahresumsatzes vergeben.<\/p><p>Aber weiter im Plan. Dieser &bdquo;Kredit&ldquo; soll als Nullkupon-Anleihe konzipiert werden &ndash; das hei&szlig;t, die volle R&uuml;ckzahlung erfolgt erst am Ende der Laufzeit. Die Anleihe soll dann aber so gestaltet sein, dass die Ukraine nur dann &uuml;berhaupt r&uuml;ckzahlungspflichtig ist, wenn Russland Reparationsleistungen im gleichen Umfang leistet. Russland soll also &ndash; so der Plan &ndash; zwischen den Zeilen den Kredit an die Ukraine absichern und selbst zur&uuml;ckzahlen. Wer kommt auf diesen Unsinn? Dass Russland sich in einem v&ouml;lkerrechtlich bindenden Friedensvertrag zu irgendwelchen relevanten Reparationsleistungen bereiterkl&auml;rt, ist extrem unwahrscheinlich. Die Ukraine w&uuml;rde diesen Kredit also nicht zur&uuml;ckzahlen. Und wer haftet dann f&uuml;r das Geld?<\/p><p>Erst einmal k&ouml;nnten genau an dieser Stelle dann &ndash; so ist es ja wohl gedacht &ndash; die eingefrorenen russischen Gelder herangezogen werden. Rechtlich w&auml;re das aber genau die Konfiszierung, um die es in diesem Artikel geht. Russland w&uuml;rde dagegen klagen und gewinnen. Wie man es dreht und wendet &ndash; am Ende w&auml;re &bdquo;irgendwer in Europa&ldquo; voll zahlungspflichtig. Je nach Rechtsweg und Gerichtsentscheid w&auml;re dies wohl an erster Stelle der Staat Belgien. Dem wird aber &ndash; so liest man &ndash; von der EU und vor allem von Deutschland und Frankreich zugesichert, dass es eine Verteilung der Lasten g&auml;be. Nun gut, es ist wohl auszuschlie&szlig;en, dass sich Staaten wie Ungarn oder die Slowakei an derlei Finanzverbrechen beteiligen. Am Ende st&uuml;nden aller Wahrscheinlichkeit nach dann ausschlie&szlig;lich Deutschland und Frankreich, die voll in die Haftung gehen. Und wir reden hier von 140 Milliarden Euro, die am Ende die Steuerzahler ausgleichen m&uuml;ssen. Nichts gegen ein &bdquo;gutes&ldquo; Finanzverbrechen &ndash; aber dieser Plan ist einfach nur Dummheit mit Ansage.<\/p><p>Vor noch gar nicht allzu langer Zeit hatte eine deutsche Au&szlig;enministerin eine omin&ouml;se &bdquo;regelbasierte Ordnung&ldquo; zum Leitfaden deutscher Politik erkl&auml;rt. Besagte Au&szlig;enministerin ist bekanntlich nicht mehr im Amt und internationales Recht und tradierte Regeln werden von der deutschen und europ&auml;ischen Politik sehr einseitig ausgelegt. Kollidieren die eigenen W&uuml;nsche mit dem Recht, setzt man sich &uuml;ber die regelbasierte Ordnung hinweg. Hauptsache, man ist moralisch &bdquo;im Recht&ldquo;. Und f&uuml;r dieses &bdquo;moralische Recht&ldquo; zahlen wir. Na Dankesch&ouml;n.<\/p><p><small>Titelbild: Pixels Hunter\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/5c2a449134ab476fbb642756473e4939\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Beitrag<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143139\"> Leserbriefe zu &bdquo;Die groteske Debatte um die Nutzung der &bdquo;eingefrorenen&ldquo; russischen W&auml;hrungsreserven&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der <em>SPIEGEL<\/em> unter der gro&szlig;spurigen &Uuml;berschrift <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/ukraine-krieg-weltgemeinschaft-diskutiert-nutzung-eingefrorener-gelder-aus-russland-a-164d9a49-ba1c-4888-838a-b17f4d51ebf0\">&bdquo;Wie die Weltgemeinschaft um 300 Milliarden Euro ringt&ldquo;<\/a> zu einem Erkl&auml;rst&uuml;ck &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde der eingefrorenen russischen Staatsgelder ansetzt, ist Obacht geboten. Der Text, der sich gl&uuml;cklicherweise hinter einer Bezahlschranke befindet, kommt in seiner Bewertung dann auch zu einem &uuml;berraschenden Urteil: &bdquo;F&uuml;r den <strong>unwahrscheinlichen<\/strong> Fall, dass Russland<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143031\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":111842,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,126,134],"tags":[351,1889,630,3360,2392,641,951,930,1052,259,420,260,639,1556,1703,1019,3203],"class_list":["post-143031","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-finanzen-und-waehrung","tag-afghanistan","tag-belgien","tag-eugh","tag-europaeische-union","tag-internationaler-gerichtshof","tag-irak","tag-iran","tag-justiz","tag-libyen","tag-russland","tag-spiegel","tag-ukraine","tag-uno","tag-usa","tag-voelkerrecht","tag-wirtschaftssanktionen","tag-zentralbank"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Shutterstock_2396673499.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143031","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=143031"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143031\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":143141,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143031\/revisions\/143141"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/111842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=143031"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=143031"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=143031"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}