{"id":14305,"date":"2012-08-31T09:17:52","date_gmt":"2012-08-31T07:17:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14305"},"modified":"2019-07-30T12:52:49","modified_gmt":"2019-07-30T10:52:49","slug":"bundesprasident-gauck-in-rostock-pastorales-pathos-genugt-nicht-um-die-ursachen-der-fremdenfeindlichkeit-zu-bekampfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14305","title":{"rendered":"Bundespr\u00e4sident Gauck in Rostock \u2013 Pastorales Pathos gen\u00fcgt nicht, um die Ursachen der Fremdenfeindlichkeit zu bek\u00e4mpfen"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Bundespr&auml;sident Joachim Gauck hat eine sehr gute Rede gehalten. Er hat in Rostock-Lichtenhagen eindringliche Worte gefunden. Worte des Entsetzens &uuml;ber den Mob, der voller Lust nicht nur H&auml;user, sondern Mitb&uuml;rger brennen sehen wollte. Worte des Entsetzens aber auch &uuml;ber den Staat, &uuml;ber die Institutionen des Staates, die den Mob damals gew&auml;hren lie&szlig;en. Er sprach auch nicht nur &uuml;ber die Vergangenheit&ldquo; schreibt Arno Widmann in einem Beitrag der <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/meinung\/leitartikel-herauskommen-aus-unserer-angst,1472602,16974836.html\">Frankfurter Rundschau<\/a> und f&uuml;gt ein pers&ouml;nliches Schuldbekenntnis an, dass er nicht selbst nach Rostock fuhr und Hilfe organisierte. Liest man die <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Joachim-Gauck\/Reden\/2012\/08\/120826-Rostock.html\">Rede<\/a>, so wirkt sie sehr allgemein gehalten und ziemlich pastoral, meint <strong>Orlando Pascheit<\/strong><br>\n<!--more-->Mehr<br>\nOb die Rede Joachim Gaucks sehr gut, eindringlich oder gar gro&szlig;artig war, wie Arno Widmann meint, kann wahrscheinlich letztlich nur derjenige beurteilen, der vor Ort war, denn zur Rede geh&ouml;rt auch, vielleicht sogar zentral der Klang der Rede. Liest man die Rede, so wirkt sie sehr allgemein gehalten und ziemlich pastoral. <\/p><p>Wahrscheinlich ist es zu viel verlangt, dass eine Rede zum R&uuml;ckfall in die Barbarei uns bis in die Grundgewissheiten unseres Lebens ersch&uuml;ttern sollte, allerdings haben alle, die f&uuml;r Gauck votierten, so getan, als ob er dazu f&auml;hig sei. Aber zumindest ein wenig mehr Analyse w&auml;re schon zu erwarten gewesen, wie sie Gauck einerseits selber einfordert: &ldquo;Wir k&ouml;nnen die gr&ouml;&szlig;ten ausl&auml;nderfeindlichen Ausschreitungen in der Geschichte der Bundesrepublik nicht mehr ungeschehen machen. Umso mehr sind wir verpflichtet, die Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, nicht irgendwie Gras &uuml;ber sie wachsen zu lassen, sondern sie immer wieder zu betrachten, zu analysieren, um aus den Fehlern und Vers&auml;umnissen von damals zu lernen.&rdquo; <\/p><p>Nur, zu Rostock-Lichtenhagen ist bereits genug analysiert worden und den &uuml;blichen Gauckschen Hinweis: &bdquo;Gerade wir Ostdeutschen blieben anf&auml;llig f&uuml;r ein Denken in Schwarz-Wei&szlig;-Schemata&ldquo;, weil die SED keine &bdquo;Kultur der offenen B&uuml;rgerdebatte&ldquo; geduldet habe, kennen wir nun allm&auml;hlich zur Gen&uuml;ge. <\/p><p>Nein, es gilt die Vers&auml;umnisse von heute, die Fremdenfeindlichkeit als Konstante unserer Gemeinschaft zu thematisieren, zu analysieren. <\/p><p>Wollte Gauck nicht auch der eigenen Regierung ab und zu die Leviten lesen? Rostock w&auml;re eine Gelegenheit dazu gewesen. Widmann zeigt in seinem Leitartikel die Richtung an, wenn er auf 34 rechte Straftaten in Deutschland &ndash; pro Tag (!) &ndash; hinweist, oder wenn er fragt, warum &ldquo;Programme und Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit in den letzten Jahren staatliche Unterst&uuml;tzung, Unterst&uuml;tzung der L&auml;nder und Gemeinden, gestrichen bekamen.&rdquo; Fragen, die der Pastor, der H&uuml;ter des Gemeinwesens, durchaus auch h&auml;tte stellen k&ouml;nnen. Und nat&uuml;rlich h&auml;tte der Bundespr&auml;sident in einem n&auml;chsten Schritt dann nach den Ursachen der immer tiefer gehenden Spaltung unserer Gesellschaft fragen k&ouml;nnen, m&uuml;ssen. Denn es <em>&ldquo;ist v&ouml;llig unstrittig, dass massive Ungleichheit Gesellschaften zersetzen kann. Kernnormen wie Gerechtigkeit, Solidarit&auml;t und Fairness werden in unserer Untersuchung von gro&szlig;en Teilen der Bev&ouml;lkerung nicht mehr als realisierbar angesehen. Das hat Folgen, denn die sozialstrukturelle Desintegration unterer sozialer Lagen h&auml;ngt mit Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zusammen. Spiegelt man dies auf soziale Spaltung, so h&auml;tte die Politik dieser Entwicklung massiv entgegenzusteuern. Tut sie das nicht, ist sie am Entstehungs- und Radikalisierungsparadigma beteiligt.&rdquo;<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.das-parlament.de\/2012\/18-19\/Beilage\/005.html\">Wilhelm Heitmeyer, 30.04.2012<\/a>) <\/p><p>Wahrscheinlich bleibt einem Pr&auml;sidenten, der mit der Forderung nach Eigenverantwortung derer, die unter Br&uuml;cken schlafen, durch die Lande tourt, die Lekt&uuml;re einer Untersuchung der Forscher um Heitmeyer verschlossen: <em>&bdquo;Der Effekt von Prekarisierung auf fremdenfeindliche Einstellungen. Ergebnisse aus einem Drei-Wellen-Panel und zehn j&auml;hrlichen Surveys&ldquo;<\/em> (in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zust&auml;nde. Folge 10, Berlin 2012). Da ist es doch viel einfacher im hohen patriotischen Ton zu schwadronieren: &ldquo;Doch heute und hier versprechen wir: Allen Rechtsextremisten und Nationalisten, all jenen, die unsere Demokratie verachten und bek&auml;mpfen, sagen wir: Wir f&uuml;rchten euch nicht &ndash; wo ihr auftretet, werden wir euch im Wege stehen: In jedem Ort, in jedem Land, im ganzen Staat. Wir sind stark. Wir wissen es: Wir sind stark! Unsere Heimat kommt nicht in braune H&auml;nde!&rdquo; <\/p><p>Dazu sagt Widmann: &ldquo;Ich liebe diese Ausrufezeichen, aber wenn sie nicht dazu f&uuml;hren, dass die Leute, die in den St&auml;dten und auf dem Lande Bedrohten helfen, unterst&uuml;tzt werden, dann sind sie nichts als Rhetorik, ein Schwindel, der uns &uuml;ber feierliche Augenblicke des Erinnerns wortgewaltig hinweghilft.&rdquo; Nur bleibt Widmann letztlich in der Falle der Eigenverantwortung, der Zivilcourage, der Selbstanklage h&auml;ngen, wenn er schreibt: &ldquo;Ich war nicht w&uuml;tend dar&uuml;ber, dass ich nicht hinfuhr und sah, wie ich helfen konnte. Ich war nicht w&uuml;tend dar&uuml;ber, dass ich nicht von Berlin aus Hilfe organisierte f&uuml;r die Angegriffenen, Angez&uuml;ndeten und die, die ihnen in Rostock-Lichtenhagen halfen.&rdquo; Denn hier hat Gauck v&ouml;llig recht: &ldquo;Aber vor allem brauchen wir auch einen Staat, der f&auml;hig und willens ist, W&uuml;rde und Leben der Menschen zu sch&uuml;tzen, die in ihm leben. Wenn unsere Demokratie Bestand haben soll, muss sie auch wehrhaft sein. Sie darf sich das Gewaltmonopol niemals aus der Hand nehmen lasse.&rdquo; <\/p><p>Der B&uuml;rger muss sich nicht nur braunen Gewaltt&auml;tern stellen, er sollte die n&auml;chste Polizeiwache anrufen k&ouml;nnen. Und wenn dies nicht funktioniert, kann er die Politik w&auml;hlen, die ihm diesen Schutz gew&auml;hrt. Der Staat kann durchaus Polizeistationen, die nicht funktionieren, und leitende Beamte, die schlafen oder ideologisch fehlgeleitet sind, gegen bessere austauschen. <\/p><p>Nur machen wir uns nichts vor, die L&ouml;sung liegt nicht in der Versch&auml;rfung der Kontrolle oder dem Verbot von Parteien, die Hauptverantwortung liegt bei der Politik, die ein Ausma&szlig; an Prekarisierung und eine bis dato in Deutschland unbekannte Spaltung der Gesellschaft zu verantworten hat &ndash; an diesem Spalt ag(it)iert Menschenfeindlichkeit. <\/p><p>Zuvorderst gilt es also aus unserer selbstgew&auml;hlten Unm&uuml;ndigkeit heraus zu treten und unsere Eigenverantwortung darin zu verwirklichen, indem wir Politiker w&auml;hlen, die nicht durch das Bashing von faulen Hartz IV-Beziehern oder Griechen von ihren eigentlichen Aufgaben ablenken, sondern auch wider die eigenen kurzfristigen Karriereschritte eine Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik betreiben, die statt der Finanzm&auml;rkte und Eigeninteressen das Gemeinwohl in Auge haben. <\/p><p>Die Gauckschen Demokratiever&auml;chter sind eine Etage h&ouml;her zu verorten, denn was f&uuml;r Politiker sind das, die eine verschwurbelte Vulg&auml;r&ouml;konomie &uuml;ber den Demos, die Polis stellen? (Das klingt jetzt auch ein wenig pastoral. konkretere Ausf&uuml;hrungen w&uuml;rden allerdings den Rahmen sprengen, aber die NachDenkSeiten bieten gen&uuml;gend Anregungen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Bundespr&auml;sident Joachim Gauck hat eine sehr gute Rede gehalten. Er hat in Rostock-Lichtenhagen eindringliche Worte gefunden. Worte des Entsetzens &uuml;ber den Mob, der voller Lust nicht nur H&auml;user, sondern Mitb&uuml;rger brennen sehen wollte. Worte des Entsetzens aber auch &uuml;ber den Staat, &uuml;ber die Institutionen des Staates, die den Mob damals gew&auml;hren lie&szlig;en. Er sprach auch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14305\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,183,125],"tags":[442,1542,764,2460,634],"class_list":["post-14305","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-medienkritik","category-rechte-gefahr","tag-eigenverantwortung","tag-faz","tag-gauck-joachim","tag-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit","tag-heitmeyer-wilhelm"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14305","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14305"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14305\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53829,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14305\/revisions\/53829"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}