{"id":1431,"date":"2006-07-22T10:17:40","date_gmt":"2006-07-22T08:17:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1431"},"modified":"2016-02-01T16:34:28","modified_gmt":"2016-02-01T15:34:28","slug":"zur-diskussion-des-bedingungslosen-grundeinkommens-innerhalb-der-linkspartei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1431","title":{"rendered":"Zur Diskussion des bedingungslosen Grundeinkommens innerhalb der Linkspartei"},"content":{"rendered":"<p>In der medialen &Ouml;ffentlichkeit, in der nicht parteipolitisch gebundenen Linken (in den sozialen Bewegungen, in der Wissenschaft und den Gewerkschaften) sowie im &sbquo;Netzwerk Grundeinkommen&rsquo; in Deutschland und dar&uuml;ber hinaus gibt es eine gro&szlig;e Anzahl von Bef&uuml;rworter\/inne\/n des bedingungslosen Grundeinkommens. Auch innerhalb der Linkspartei gibt es &uuml;ber dieses Thema eine heftige Kontroverse. Wir dokumentieren einen Diskussionsbeitrag von Joachim Bischoff\/Bj&ouml;rn Radke\/Axel Troost zu einem Vorsto&szlig; der stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Aufregung um ein &bdquo;bedingungsloses&ldquo; Grundeinkommen<\/strong><\/p><p>Von Joachim Bischoff\/Bj&ouml;rn Radke\/Axel Troost <\/p><p>Die stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, hat &ndash; die politische Sommerpause nutzend &ndash; erneut ein Konzept f&uuml;r ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) vorgestellt. Es sieht vor, jedem Erwachsenen monatlich 950 Euro und Kindern bis 16 Jahren 475 Euro auszuzahlen &ndash; unabh&auml;ngig von ihrer sozialen Situation. Mangels gewichtigerer Themen war der Politikerin der Linkspartei einige publizistische Aufmerksamkeit sicher. Die Intervention richtet sich auch gegen die gemeinsame Programmkommission von Linkspartei. PDS und WASG, die die Notwendigkeit einer Debatte um die Grundsicherung betont, aber die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen abgelehnt hat. <\/p><p>Parteiintern &ndash; sowohl bei der Linkspartei, vor allem in der WASG &ndash; st&ouml;&szlig;t die Aktivit&auml;t der Bef&uuml;rworterInnen eines bedingungslosen Grundeinkommens mehr und mehr auf Kritik, weil in den Debatten kaum eine Bewegung festzustellen ist. Die vor kurzem erfolgte Debatte in der Fraktion &bdquo;Die Linke&ldquo;, wo sich die Anh&auml;ngerInnen des bedingungslosen Grundeinkommens als kleine Minderheit pr&auml;sentieren konnten, blieb folgenlos. Die BGE-Fans setzen offensichtlich auf Zerm&uuml;rbung. Relevante Gegenargumente gibt es f&uuml;r sie nicht. <\/p><p>In dem &bdquo;Offenen Brief&ldquo; an die Programmkommission wird selbstsicher betont, dass das bedingungslose Grundeinkommen keinesfalls die Meinung weniger Exoten sei, &bdquo;die nur wenige interessieren und die deshalb beim Parteibildungsprozess keine gro&szlig;e Rolle spielen m&uuml;ssten. In Wirklichkeit gibt es in der medialen &Ouml;ffentlichkeit, in der nicht parteipolitisch gebundenen Linken (in den sozialen Bewegungen, in der Wissenschaft und den Gewerkschaften) sowie im &sbquo;Netzwerk Grundeinkommen&rsquo; in Deutschland und dar&uuml;ber hinaus eine gro&szlig;e Anzahl von Bef&uuml;rworter\/inne\/n des bedingungslosen Grundeinkommens.&ldquo;<br>\nEs geht in dieser Auseinandersetzung ganz sicher nicht darum, wer in der grundlegenden Frage einer menschenw&uuml;rdigen Existenzsicherung eine exotische Minderheitsmeinung vertritt. Im Zentrum steht vielmehr die Frage, was die Grundlage des gesellschaftlichen Wertsch&ouml;pfungsprozesses ist. Kann sich die Linke auf eine reine Verteilungslogik einlassen oder ob geht es nicht auch und letztlich zentral um die Frage, unter welchen ver&auml;nderten Bedingungen k&uuml;nftig gesellschaftlicher Reichtum zu erzeugen ist? <\/p><p>Die KritikerInnen der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens bestreiten, dass die Logik der umfassenden Verteilung eines Grundeinkommens von 950 &euro; <\/p><ul>\n<li>gesellschaftspolitisch praktikabel und realisierbar ist,<\/li>\n<li>weitere Impulse f&uuml;r eine grundlegende Reform der Gesellschaft, also auch ihrer Arbeits- und Produktionsverh&auml;ltnisse einschlie&szlig;t und<\/li>\n<li>als emanzipatorische und humanistische Konzeption ausgewiesen werden kann.<\/li>\n<\/ul><p>Den Anh&auml;ngerInnen eines bedingungslosen Grundeinkommen ist aufgefallen, dass es h&auml;ufig Menschen mit gewerkschaftlichem Hintergrund sind, die die Idee eines allgemeinen, bedingungslosen und die Existenz und Teilhabe sichernden Grundeinkommens entschieden bek&auml;mpfen, w&auml;hrend man doch glauben sollte, sie w&uuml;rden diese R&uuml;ckenst&auml;rkung f&uuml;r ihre Klientel freudig begr&uuml;&szlig;en. Da die &bdquo;R&uuml;ckenst&auml;rkung&ldquo; offensichtlich nicht ankommt, wird &ndash; anstatt sich mit den Argumenten der KritikerInnen auseinander zu setzen &ndash; in der aktualisierten Konzeption auf die Breite der Unterst&uuml;tzerInnen verwiesen:<\/p><blockquote><p>Das bedingungslose und Existenz sichernde Grundeinkommen ist in der Linkspartei.PDS ein relativ junger Diskussionsgegenstand, nicht aber in der linken Debatte. Inzwischen gibt es ein kaum noch &uuml;berschaubares Spektrum linker Bef&uuml;rworterInnen eines Grundeinkommens &ndash; von vielen Sozialbewegungen, unabh&auml;ngigen und gewerkschaftlichen Erwerbsloseninitiativen, &uuml;ber soziale christliche Initiativen und Organisationen bis hin zu politisch links stehenden WissenschaftlerInnen.<\/p><\/blockquote><p>Behauptet wird weiter, es g&auml;be keinen Widerspruch zwischen dem Widerstand gegen den neoliberalen Gesellschaftsumbau und der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen: &bdquo;Der humanistische und emanzipatorische Anspruch des Grundeinkommens ist verbunden mit anderen Formen der &Uuml;berwindung kapitalistischer Produktionsverh&auml;ltnisse&hellip; Das Grundeinkommen bef&ouml;rdert die erfolgreiche Durchsetzung von Mindestl&ouml;hnen und Arbeitszeitverk&uuml;rzungen.&ldquo; Das Sendungsbewusstsein der Fans eines Grundeinkommens r&uuml;hrt von der Behauptung her, es handele sich um das zentrale emanzipatorische Projekt:<\/p><blockquote><p>Das BGE er&ouml;ffnet &ndash; weil es ein auf der Emanzipation von ungewollten Fremdverf&uuml;gungen basierendes Einkommenskonzept ist &ndash; den gesellschaftlichen Diskurs &uuml;ber die Um-Gestaltung von gesellschaftlicher (Re-)Produktion und Gemeinwesen, impliziter Herrschaftsverh&auml;ltnisse. Die praktisch-politisch wirksame Beantwortung der o. g. Fragen in emanzipatorischer Hinsicht ist nur deshalb m&ouml;glich, weil die Existenz und gesellschaftliche Teilhabe bedingungslos gesichert ist &ndash; also ungewollte Fremdverf&uuml;gungen aufgrund existenzieller Bedrohungen und damit verbundener Freiheitsbeschr&auml;nkungen verhindert werden. Das BGE ist also ein immanent politisch-emanzipatorisches Projekt, das weit &uuml;ber ein (armutspolitisch und aus anderen Gr&uuml;nden problematisches) Mindestlohnkonzept hinaus greift!<\/p><\/blockquote><p>Von den KritikerInnen wird aber immer wieder herausgestellt, dass die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen weltfremd ist und letztlich von den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten ablenkt. Ihr Hauptargument: Die Anh&auml;ngerInnen des Grundeinkommens nehmen das neoliberale Roll-back nicht ernst, das seit &uuml;ber 20 Jahren f&uuml;r die Zuspitzung der Verteilungsverh&auml;ltnisse, eine Abflachung des Wirtschaftswachstums und die Zerst&ouml;rung sozialer Sicherheit sorgt. <\/p><p>In allen entwickelten kapitalistischen L&auml;ndern hat sich seit Mitte der 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts ein gegen&uuml;ber den fr&uuml;heren Nachkriegsjahrzehnten v&ouml;llig ver&auml;ndertes Denkmuster der gesellschaftlichen Entwicklung durchgesetzt. Zun&auml;chst ging es lange Zeit vor dem Hintergrund betr&auml;chtlicher Zuwachsraten des gesellschaftlichen Gesamtprodukts, deutlicher Produktivit&auml;tsfortschritte und einer dynamischen Innovationskultur auch um h&ouml;here Zuw&auml;chse f&uuml;r die Arbeitseinkommen, k&uuml;rzere Arbeitszeiten, Verl&auml;ngerung des Jahresurlaubs und den Ausbau der sozialen Sicherheit f&uuml;r alle, also nicht nur die lohnabh&auml;ngige Bev&ouml;lkerung. Jetzt hat sich der Wind gedreht und alle Errungenschaften f&uuml;r die Lohnabh&auml;ngigen stehen wieder zu Disposition. Also:<\/p><p><strong>Wie kommen wir aus der Defensive heraus?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Fans des Grundeinkommens ist die Antwort eindeutig: durch die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen f&uuml;r alle Menschen ab 16 Jahren. &bdquo;Das BGE d&uuml;rfte bei 950 &euro; pro Monat bzw. 475 &euro; f&uuml;r Kinder bis 16 etwa 855 Milliarden &euro; pro Jahr kosten. Dazu kommen noch die Mietaufwendungen.&ldquo; Wie finanzieren wir dies? &bdquo;In dem wir die Staatsquote auf 71 % anheben und davon ausgehen, dass durch eine solche Operation alle anderen Verh&auml;ltnisse gleich bleiben &ndash; d.h. wir k&ouml;nnen neben dem Einkommen, auch die Verm&ouml;gen, das Sachkapital, die B&ouml;rsenums&auml;tze und nicht zuletzt die Luxuswaren etc. besteuern.&ldquo; <\/p><p>In der Tat k&ouml;nnen sich viele &bdquo;Menschen mit gewerkschaftlichem Hintergrund&ldquo;, die die gegenw&auml;rtige Realit&auml;t der Verteilungsauseinandersetzung kennen, nicht vorstellen, dass 71 % des gesamten Sozialprodukts ohne Konsequenzen f&uuml;r Produktionsverh&auml;ltnisse verteilt werden k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Tr&auml;umereien oder Alternativen zur gesellschaftlichen Organisation von Arbeit?<\/strong><\/p><p>Die realen Herausforderungen des entfesselten Kapitalismus sowie dessen ideologische Verarbeitung als Neoliberalismus ignorieren alle VerfechterInnen des Grundeinkommens. Stattdessen stellen sie eine &bdquo;magische R&uuml;ckwirkung&ldquo; des Grundeinkommens auf die allt&auml;glichen Verteilungskonflikte in Aussicht. Das Argument, dass wir in den vielf&auml;ltigen realen Konflikten um eine L&ouml;sung und eine nichtkapitalistische Alternative werben m&uuml;ssen, interessiert sie nicht. Das &bdquo;kaum noch &uuml;berschaubare Spektrum linker Bef&uuml;rworterInnen&ldquo; eines Grundeinkommens h&auml;lt eine &Uuml;berzeugung zusammen: Es werde in reifen kapitalistischen Gesellschaften keine R&uuml;ckkehr zu einer Vollbesch&auml;ftigung alten oder auch neuen Typs geben. <\/p><p>In der Tat ist die Massenarbeitslosigkeit ein gravierendes Problem. Die Popularit&auml;t des BGE lebt von der Tatsache, dass Millionen Menschen keine Chance haben, &uuml;ber Lohnarbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten zu k&ouml;nnen. Was die etablierten Parteien als Therapie gegen Massenarbeitslosigkeit empfehlen, sei seit 20 Jahren als Quacksalberei entlarvt. Aus der Misere heraushelfen k&ouml;nne allein ein Grundeinkommen als Individualrecht. Dass ein solche Grundeinkommen von 950 &euro; plus Mietaufwendungen, die gesamten Verteilungs- und Produktionsstrukturen aushebeln w&uuml;rde, wird schlichtweg ignoriert. Es bleibt bei der gro&szlig;en Tr&auml;umerei &ndash; Umverteilung von &uuml;ber 70 % des gesamtgesellschaftlichen Produkts bei Fortf&uuml;hrung der kapitalistischen Produktions- und Verteilungslogik. Mit dieser schlechten Utopie wird faktisch von der Kernaufgabe abgelenkt, in den K&auml;mpfen um die gesellschaftliche Organisation von Arbeit f&uuml;r Alternativen zu werben. <\/p><p>Die Anh&auml;nger des Grundeinkommens sprechen f&uuml;r die Millionen B&uuml;rgerInnen, die in dieser kapitalistischen Gesellschaft ohne Hoffnung auf eine selbstbestimmte Lebensf&uuml;hrung existieren. Sie best&auml;rken die Tr&auml;umerei, dass angesichts des gro&szlig;en gesellschaftlichen Reichtums, der von der einer kleinen wirtschaftlichen und politischen Elite angeeignet wird, gen&uuml;gend Ressourcen vorhanden sind, die lediglich nur anders verteilt werden m&uuml;ssten. Zentral ist daher das Problem, dass ihnen die Produktion des Reichtums &ndash; das Reich der Notwendigkeit &ndash; &uuml;berhaupt kein nachdenkenswertes und politisch zu gestaltendes Problem darstellt. Daher haben sie auf die Lohnarbeit eine h&ouml;chst einseitige Sichtweise. Kipping argumentiert:<\/p><blockquote><p>F&uuml;r mich ist der Wandel durch drei Aspekte gekennzeichnet: Erstens nimmt in der Wissensgesellschaft die immaterielle Arbeit einen immer gr&ouml;&szlig;eren Raum ein, und gerade diese Form der Arbeit ist nicht mit der Stechuhr zu messen. Zweitens treten immer h&auml;ufiger Br&uuml;che in den Erwerbsbiografien auf, die es zunehmend mehr Menschen unm&ouml;glich machen, gen&uuml;gend Rentenpunkte f&uuml;r ein Leben im Alter jenseits der Armut anzusammeln. Und drittens vertieft sich die Spaltung der Gesellschaft in diejenigen, die Arbeit haben und katastrophal &uuml;berarbeitet sind, und diejenigen, bei denen man von sich verfestigender Langzeitarbeitslosigkeit reden muss. Mit diesen drei Punkten muss man sich, wenn man &uuml;ber die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme redet, auseinander setzen.<\/p><\/blockquote><p>Dass gesellschaftliche Wertsch&ouml;pfung nicht mehr durch gesellschaftliche Arbeit erfolgt, sondern gleichsam immateriell und ohne Aneignung von nicht bezahlter Arbeit, ist der gro&szlig;e Irrtum dieser Konzeption. Weil die Fans des bedingungslosen Grundeinkommens &uuml;berhaupt keine Vorstellung vom Prozess der gesellschaftlichen Wertsch&ouml;pfung, der Ausbeutung und der Verwertung des Kapitals haben, k&ouml;nnen sie ihre Tr&auml;umerei als gesellschaftliche Alternative pr&auml;sentieren. Zurecht kritisiert Michael Schlecht von der Gewerkschaft ver.di: <\/p><blockquote><p>Dass die Lebenschancen f&uuml;r alle aufgrund der kapitalistischen Verfasstheit nicht umgesetzt werden, kann doch keine Rechtfertigung sein, aussteigen zu wollen. Nach dem Motto: &sbquo;Ich steige aus und lasse andere f&uuml;r mich arbeiten&rsquo;. Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens hat durchaus &Auml;hnlichkeiten mit der Lebenshaltung eines Verm&ouml;gensbesitzers. Mir erscheint diese Fixierung auf eine illusion&auml;re absolute Freiheit als das Reklamieren eines Rechts auf gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit. Man kann nicht gesellschaftliche Teilhabe einfordern und gleichzeitig jede Pflicht zu einer individuell durchaus m&ouml;glichen Gegenleistung ablehnen. Es gibt keine sozialen und solidarischen Gemeinschaften, in denen es f&uuml;r einen begrenzten Teil nur Rechte und keine Pflichten gibt.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der medialen &Ouml;ffentlichkeit, in der nicht parteipolitisch gebundenen Linken (in den sozialen Bewegungen, in der Wissenschaft und den Gewerkschaften) sowie im &sbquo;Netzwerk Grundeinkommen&rsquo; in Deutschland und dar&uuml;ber hinaus gibt es eine gro&szlig;e Anzahl von Bef&uuml;rworter\/inne\/n des bedingungslosen Grundeinkommens. Auch innerhalb der Linkspartei gibt es &uuml;ber dieses Thema eine heftige Kontroverse. 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