{"id":14316,"date":"2012-09-03T09:01:58","date_gmt":"2012-09-03T07:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14316"},"modified":"2015-04-26T10:07:17","modified_gmt":"2015-04-26T08:07:17","slug":"renten-schock-tabelle-ein-logisches-ergebnis-der-neoliberalen-schock-strategie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14316","title":{"rendered":"\u201eRenten-Schock-Tabelle\u201c \u2013 ein logisches Ergebnis der neoliberalen Schock-Strategie"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Die neue Renten-Schock-Tabelle: z.B.: Wer 2500 Euro brutto verdient, bekommt in Zukunft nach 35 Jahren Arbeit nur noch 688 Euro raus&ldquo;. In Riesenlettern machte &bdquo;Bild am Sonntag&ldquo; gestern damit ihre Seite 1 auf. Auch alle anderen Medien waren offenbar so schockiert, dass sie den siebenseitigen Brief der Arbeitsministerin an die Mitglieder der &bdquo;Jungen Gruppe&ldquo; in der Unionsfraktion &ndash; geradezu paralysiert &ndash; nachplapperten.<br>\nDoch von der Leyen will den durch die Renten-&bdquo;Reformen&ldquo; verursachten Schock gar nicht bek&auml;mpfen, sie will ihn nur als politischen Hebel zur Durchsetzung ihrer sog. &bdquo;Zuschussrente&ldquo; nutzen und vor allem auch,  um der Versicherungswirtschaft weitere Riester-Vertr&auml;ge zu verschaffen. Dabei ist die &bdquo;Renten-Schock-Tabelle&ldquo; nur das logische Ergebnis der neoliberalen Renten- Schock-Strategie. Statt auf den n&auml;chstliegenden Gedanken zu kommen, die zur&uuml;ckliegenden Renten-&bdquo;Reformen&ldquo; zu revidieren, verharrt auch die ver&ouml;ffentlichte Meinung in einer rentenpolitischen Schockstarre.<br>\nVon <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/bild_rententabelle.jpeg\" alt=\"\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/wirtschaft\/altersarmut-bei-weniger-als-2500-euro-25989322.bild.html\">Bild am Sonntag<\/a><\/p><p>Wer von dieser Tabelle &bdquo;geschockt&ldquo; sein sollte, muss die Renten-&bdquo;Reformen&ldquo; der letzten 10 Jahre und auch den schon l&auml;nger zur&uuml;ckliegenden Rentenabbau schlicht ignoriert oder verdr&auml;ngt haben. Seit Jahren berichten die NachDenkSeiten an Hand von Fakten, wie die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente systematisch zerst&ouml;rt wurde. Dazu muss man sich nur einmal die endlose Reihe der Renten-&bdquo;Reformen&ldquo; seit 1978 (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/070202_hinw.pdf\">in der &bdquo;Sozialpolitischen Chronik&ldquo;, erstellt etwa von der Arbeitnehmerkammer Bremen [PDF &ndash; 1 MB]<\/a>)  anschauen. Sp&auml;testens seit 1992 als das Rentenniveau statt an die Bruttolohnentwicklung an den Nettolohn gekoppelt wurde, dann mit dem 1997 eingef&uuml;hrten &bdquo;demografischen Faktor&ldquo; oder mit dem &bdquo;Nachhaltigkeitsfaktor&ldquo; von Arbeitsminister Riester und durch viele Bremskl&ouml;tze mehr, stiegen die Renten  nominal nur noch schwach oder stagnierten, d.h. sie wurden inflationsbereinigt dramatisch gesenkt. Armut im Alter ist kein Schicksal, sondern die Folge einer Politik des Abbaus von Rentenniveau und Rentenleistungen, einer verfehlten Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik und der &bdquo;Prekarisierung&ldquo; der Arbeitsverh&auml;ltnisse seit Anfang der 1990er Jahre. <\/p><p>Nun mag man die ceteris paribus-Rechnungen des Sozialministeriums f&uuml;r Unsinn halten, denn nat&uuml;rlich werden bis 2030 (hoffentlich) die L&ouml;hne ansteigen und damit auch die Betr&auml;ge der Nettorente. Aber die Tabelle hat dennoch einen hohen Realit&auml;tsgehalt, weil &ndash; wenn in der Lohnpolitik kein grundlegender Kurswechsel hin zu L&ouml;hnen, die mindestens um die Inflationsrate plus dem Produktivit&auml;tszuwachs steigen &ndash; angesichts der zu erwartenden (normalen) Preissteigerung die Kaufkraft der Renten nicht steigen d&uuml;rfte und massenhafte Altersarmut somit vorprogrammiert ist. &Uuml;ber ein Drittel der Rentner m&uuml;ssten &ndash; so von der Leyen &ndash; &bdquo;mit dem Tag des Renteneintritts den Gang zum Sozialamt antreten&ldquo;. <\/p><p>Derzeit verdienen nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes 36 Prozent aller Vollzeitbesch&auml;ftigten im Jahr weniger als 2.500 Euro (was einem Stundenlohn von 14,20 Euro entspricht). Und <a href=\"http:\/\/www.lohnspiegel.de\/main\/zusatzinformationen\">Laut Lohnspiegel des WSI<\/a> fallen darunter ganz normale Berufe wie Altenpfleger, Arzthelferinnen, B&auml;cker, Dachdecker, Einzelhandelskaufleute, Erzieherinnen, Kellner, K&ouml;che, Krankenschwestern, Maler, Physiotherapeuten oder Verk&auml;uferinnen. <\/p><p>Jeder, der der Prozentrechnung m&auml;chtig ist, und jeder, der die Statistik der Lohnentwicklung der letzten zwanzig Jahre zur Kenntnis genommen hat, h&auml;tte wissen m&uuml;ssen, dass die politisch gewollte Senkung des Rentenniveaus von knapp 60 Prozent des Netto-Einkommens auf 51 Prozent derzeit (Siehe <a href=\"http:\/\/www.deutsche-rentenversicherung.de\/cae\/servlet\/contentblob\/29974\/publicationFile\/22949\/rv_in_zeitreihen_pdf.pdf\">Rentenversicherung in Zeitreichen, S. 238 [PDF &ndash; 8.2 MB]<\/a>) und weiter auf  46 Prozent (im Jahr 2020) bzw. auf 43 Prozent (im Jahr 2030) des durchschnittlichen Nettolohns bei mehr als einem Drittel selbst der &uuml;ber 30 oder gar 40 Jahre sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigten zu Rentenbez&uuml;gen in einer H&ouml;he f&uuml;hren w&uuml;rden, die zum Leben nicht ausreicht.<\/p><p>An Menschen mit gebrochener Erwerbsbiografie oder gar an Langzeitarbeitslose ist dabei noch gar nicht gedacht. Wer schafft heutzutage und in absehbarer Zukunft &uuml;berhaupt noch 30 oder gar 40 Jahre in einem sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis?<br>\nAuch dass die Rente mit 67 bei der &uuml;berwiegenden Mehrzahl der Arbeitnehmer zu zus&auml;tzlichen  Abschl&auml;gen bei der Rente f&uuml;hren wird, wei&szlig; jeder, der noch zu einem realistischen Blick auf den Arbeitsmarkt f&auml;hig ist. <\/p><p>Selbst von der Leyen r&auml;umt ein, dass der Grund f&uuml;r die drohende Altersarmut in &bdquo;den beschlossenen Rentenreformen&ldquo; liegt: &bdquo;Es steht nicht mehr und nicht weniger als die Legitimit&auml;t des Rentensystems f&uuml;r die junge Generation auf dem Spiel&rdquo;, sagt die &bdquo;Sozialministerin&ldquo; und t&auml;uscht damit dar&uuml;ber hinweg, dass die gesetzliche Rente schon heute l&auml;ngst zerst&ouml;rt ist. Denn viel mehr als die staatlich garantierte Grundsicherung d&uuml;rfen selbst Durchschnittsverdiener, die ein Arbeitsleben lang Rentenversicherungsbeitr&auml;ge einbezahlt haben, <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/ZahlenFakten\/GesamtwirtschaftUmwelt\/VerdiensteArbeitskosten\/VerdiensteBranchen\/Tabellen\/VierteljaehrlicheVerdienste.html\">in vielen Wirtschaftsbereichen<\/a> als Rentenauszahlung nicht erwarten. Warum dann also 30 oder gar 40 Jahre noch knapp 10% vom Bruttolohn f&uuml;r die Rente einzahlen? (<a href=\"http:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1789\/umfrage\/durchschnittseinkommen-in-deutschland-nach-branchen\/\">Siehe auch die Grafik der durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste<\/a>) <\/p><p>Auf die n&auml;chstliegende Idee einer Korrektur der &bdquo;beschlossenen Rentenreformen&ldquo; &ndash; wie sie die NachDenkSeiten, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11850\">unl&auml;ngst noch einmal ausf&uuml;hrlich Albrecht M&uuml;ller<\/a> und viele andere gefordert haben, kommt von der Leyen nicht. Sie nutzt ihre &bdquo;Renten-Schock-Tabelle&ldquo; ausschlie&szlig;lich f&uuml;r ein politisches Man&ouml;ver, n&auml;mlich um  in ihrer eigenen Partei f&uuml;r ihren Vorschlag einer &bdquo;Zuschussrente&ldquo; zu werben. <\/p><p>Auf welcher geradezu asozialen Gesinnung dieser Vorschlag von der Leyens jedoch basiert, das haben wir k&uuml;rzlich dargelegt (Siehe &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14141\">Der asoziale Zynismus der Sozialministerin von der Leyen<\/a>&ldquo;). Ich erspare mir deshalb eine Wiederholung. <\/p><p>Selbst von der Leyen muss in ihrem Brief an die junge Garde der Union eingestehen, dass die &bdquo;Riester-Rente&ldquo; die Altersarmut nicht verhindern kann. 40 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Geringverdiener (1,8 Millionen) betrieben keine private Vorsorge. Statt aber den Irrweg der privaten kapitalgedeckten Altersvorsorge &ndash; als vermeintliche Kompensation f&uuml;r die Zerst&ouml;rung der gesetzlichen Rente &ndash; zu stoppen, will die &bdquo;Sozialministerin&ldquo; mit ihrer &bdquo;Schock-Tabelle&ldquo; nur den Druck auf die Geringverdiener erh&ouml;hen, eine Riester-Rente abzuschlie&szlig;en, um der Versicherungswirtschaft &ndash; staatlich subventioniert &ndash;  weitere Kunden zuzutreiben. Von der Leyen: &bdquo;Viele realisieren nicht, dass auch sie von Altersarmut bedroht sind, und dass sie <strong>zwingend<\/strong> eine zus&auml;tzliche Altersvorsorge brauchen, um der Armutsfalle im Rentenalter zu entkommen.&ldquo;<\/p><p>Selbst wenn sich Geringverdiener eine Riester-Rente leisten k&ouml;nnten, warum sollten sie denn einzahlen, wenn ihnen diese private Vorsorge wieder von der Grundsicherung abgezogen wird? Da hilft auch die &bdquo;Zuschussrente&ldquo; nicht weiter, denn gerade Geringverdiener werden die hohen Barrieren &ndash; 35 Jahre sozialversicherungspflichtige Vollzeitbesch&auml;ftigung und zus&auml;tzlich noch 35 Jahre &bdquo;riestern&ldquo; &ndash; zu einem gro&szlig;en Teil gerade nicht &uuml;berwinden k&ouml;nnen. <\/p><p>Doch nicht nur &bdquo;Sozialministerin&ldquo; von der Leyen weigert sich den &bdquo;Sturzflug der Rente&ldquo; (DGB-Vizechefin Buntenbach) zu stoppen, auch die geballte ver&ouml;ffentlichte Meinung lehnt eine Revision der Renten-&bdquo;Reformen&ldquo; strikt ab. Nicht einmal die vom nordrhein-westf&auml;lischen Sozialminister Guntram Schneider ins Gespr&auml;ch gebrachte Festschreibung des Rentenniveaus von 50% der Nettol&ouml;hne wird akzeptiert. Zu gro&szlig; ist die Angst, dass damit die gesamte Agenda ins Rutschen geraten k&ouml;nnte. <\/p><p>Ein Musterbeispiel wie gut verdienende Journalisten, f&uuml;r die die gesetzliche Rente bestenfalls ein Zubrot darstellt, normalen Arbeitnehmern Wasser predigen, war wieder einmal der gestrige ARD-Presseclub. Keine\/r der eingeladenen Journalist\/inn\/en verschwendete auch nur einen Gedanken an eine Reform der Renten-&bdquo;Reformen&ldquo;. Selbst der von Moderator Volker Herres wohl als Vertreter einer &bdquo;linken&ldquo; Position eingeladene Michael Sauga vom Spiegel hielt es &bdquo;f&uuml;r fatal&ldquo;, wenn die Rentenreform wieder &bdquo;aufgemacht&ldquo; w&uuml;rde. Au&szlig;er &bdquo;arbeiten in jedem Alter&ldquo; und &bdquo;17 Jahre Rentenbezug kann nicht der Normalfall sein&ldquo; (Dorothea Siems, Welt), &bdquo;l&auml;nger arbeiten&ldquo; und &bdquo;freiwilliges soziales Jahr&ldquo; f&uuml;r &Auml;ltere (Eva Quadbeck, Rheinische Post), &bdquo;niedrigere Abgabenbelastung&ldquo; f&uuml;r geringe Einkommen (Sauga, Siems), einer aus Steuermitteln bezahlte Grundrente und Mindestl&ouml;hne (Thomas &Ouml;chsner, S&uuml;ddeutsche Zeitung) hatte diese Runde nichts anzubieten, um die Altersarmut zu bek&auml;mpfen &ndash; ein intellektuelles Armutszeugnis angesichts der real drohenden Armutsfalle. Selbst ein &bdquo;Renten-Schock&ldquo; kann offensichtlich die rentenpolitische Schockstarre der herrschenden Kreise nicht l&ouml;sen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Die neue Renten-Schock-Tabelle: z.B.: Wer 2500 Euro brutto verdient, bekommt in Zukunft nach 35 Jahren Arbeit nur noch 688 Euro raus&ldquo;. In Riesenlettern machte &bdquo;Bild am Sonntag&ldquo; gestern damit ihre Seite 1 auf. Auch alle anderen Medien waren offenbar so schockiert, dass sie den siebenseitigen Brief der Arbeitsministerin an die Mitglieder der &bdquo;Jungen Gruppe&ldquo; in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14316\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[40,146,11],"tags":[635,459,776,626],"class_list":["post-14316","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-riester-ruerup-taeuschung-privatrente","category-soziale-gerechtigkeit","category-strategien-der-meinungsmache","tag-altersarmut","tag-bild","tag-schockstrategie","tag-von-der-leyen-ursula"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14316"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14318,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14316\/revisions\/14318"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}