{"id":143338,"date":"2025-12-09T13:00:25","date_gmt":"2025-12-09T12:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143338"},"modified":"2025-12-10T07:13:04","modified_gmt":"2025-12-10T06:13:04","slug":"die-fallstricke-des-friedensschlusses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143338","title":{"rendered":"Die Fallstricke des Friedensschlusses"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine alte Wahrheit: Einen Krieg zu beginnen ist leichter, als ihn zu beenden. Das ist auch jetzt so. Das Wei&szlig;e Haus hat zwar wieder aufs Gaspedal gedr&uuml;ckt, doch die anderen Akteure des Konflikts haben es nicht eilig. Moskau wartet ab, Kiew versucht, das ihm vorgelegte Ultimatum &bdquo;auszuman&ouml;vrieren&ldquo;, und Br&uuml;ssel stemmt sich verzweifelt dagegen und sucht seinen Platz in einer zusehends aus den Fugen geratenen Welt. Alle warten darauf, dass sich die Beilegung des Konflikts gem&auml;&szlig; ihren eigenen Interessen entwickelt. Eine solche Situation kann jedoch nicht eintreten, weshalb die derzeitigen Vorbereitungen f&uuml;r ein Friedensabkommen naturgem&auml;&szlig; ein langsamer und viel Geduld erfordernder Prozess sind. Ein Beitrag von <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong>, aus dem Ungarischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_519\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-143338-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251209_Die_Fallstricke_des_Friedensschlusses_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251209_Die_Fallstricke_des_Friedensschlusses_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251209_Die_Fallstricke_des_Friedensschlusses_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251209_Die_Fallstricke_des_Friedensschlusses_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=143338-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251209_Die_Fallstricke_des_Friedensschlusses_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251209_Die_Fallstricke_des_Friedensschlusses_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>&bdquo;Wir Ukrainer wollen nat&uuml;rlich einen vollst&auml;ndigen Sieg erringen und den Zusammenbruch des russischen Imperiums. Wir d&uuml;rfen es aber auch nicht ablehnen, den Krieg ohne einen vollst&auml;ndigen Sieg &uuml;ber Russland einzufrieren, ihn f&uuml;r lange Zeit zu beenden&ldquo;, so Walerij Saluschnyj, der fr&uuml;here Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkr&auml;fte, der die Ukraine als Sicherheitsgarantie sogar mit Atomwaffen ausstatten w&uuml;rde. Laut dem General, der derzeit als Botschafter in London t&auml;tig ist, enden Kriege nicht immer mit dem Sieg der einen und der Niederlage der anderen Seite. Der Zweite Weltkrieg war in dieser Hinsicht eine seltene Ausnahme; die &uuml;berwiegende Mehrheit der Kriege endet mit einer Niederlage beider Seiten, gegenseitiger Ersch&ouml;pfung und anschlie&szlig;endem Kompromiss. Er bef&uuml;rwortet den immer schwerer abwendbaren Friedensschluss, konzipiert diesen aber als eine Art Pattsituation, um eine drohende Niederlage in ein Unentschieden umzuwandeln. Selbstverst&auml;ndlich schwingt dabei auch die Andeutung mit, dass die territorialen Verluste keine endg&uuml;ltige Tatsache darstellen.<\/p><p>Die Aussagen von Saluschnyj verdeutlichen zugleich die fundamentalen Dilemmata, die Friedensschl&uuml;sse generell pr&auml;gen. Die vielleicht schwierigste Frage ist dabei, ob Frieden &uuml;berhaupt geschlossen werden kann, ohne territoriale Zugest&auml;ndnisse zu machen. Au&szlig;erdem stellt sich die Frage, was wichtiger ist: die territoriale Unversehrtheit von Staaten oder das Selbstbestimmungsrecht der V&ouml;lker. Diese beiden Prinzipien lassen sich oft nur schwer miteinander vereinbaren. F&uuml;r einen dauerhaften Frieden m&uuml;ssen die Akteure die Ursachen des Problems beseitigen. Nicht zuletzt muss die Frage gestellt werden, ob ein Friedensschluss gerecht sein kann. Wenn Kriege beendet werden, spiegeln die Ergebnisse meist die herrschenden Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse wider, und der Frieden belohnt den St&auml;rkeren. Ein solcher Frieden wird aber nur Bestand haben, wenn er den Verlierer nicht zutiefst dem&uuml;tigt.<\/p><p><strong>Dayton, Versailles, Wien: Was die Geschichte lehrt<\/strong><\/p><p>Ein eklatant negatives Beispiel liefern die Pariser Vorortvertr&auml;ge, die den Ersten Weltkrieg beendeten und stark vom Wunsch nach Rache gepr&auml;gt waren. Da die Sieger die Besiegten von den Friedensverhandlungen ausschlossen, reifte in diesen rasch der Wunsch nach Revanche. Als positives Gegenst&uuml;ck dient der Wiener Frieden von 1815. Er beendete die Napoleonischen Kriege. Das funktionierte nicht zuletzt, weil die Vertragsparteien alle Kriegsteilnehmer zu den Verhandlungen einluden, darunter auch das besiegte K&ouml;nigreich Frankreich.<\/p><p>Nach den gro&szlig;en, auch von Saluschnyj erw&auml;hnten Kriegen f&auml;llt der Friedensschluss in der Regel leichter, da die Lage eindeutig ist: Der Sieger diktiert die Bedingungen. Verliert der Aggressor, kann dieser Friede sogar gerecht sein. In Konflikten ohne klaren Sieger k&ouml;nnen die Parteien den Krieg einfacher beenden, wenn sie notgedrungen gr&ouml;&szlig;ere Kompromissbereitschaft zeigen. Das ist allerdings keine Garantie f&uuml;r dauerhafte Stabilit&auml;t. Der Frieden von Dayton beendete den Bosnienkrieg, brachte aber wegen der oberfl&auml;chlichen Behandlung der Konfliktursachen nur einen langen, tempor&auml;ren Waffenstillstand. Die Glut schwelt unter der Asche. L&auml;sst der &auml;u&szlig;ere Druck nach, wird die st&auml;rkste Partei den Widerstand der anderen brechen und den Frieden durchsetzen, den sie sich w&uuml;nscht.<\/p><p>Es hei&szlig;t nicht umsonst, dass es leichter ist, einen Krieg zu beginnen, als ihn zu beenden. Auch in diesem Fall hat der Friedensschluss zahlreiche Fallstricke.<\/p><p><strong>Proxy-Krieg und Schuldfrage: Wer sitzt am Tisch?<\/strong><\/p><p>Der Rahmen der Friedensschaffung wird von vornherein dadurch bestimmt, dass die Ukraine tats&auml;chlich einer der Hauptschaupl&auml;tze der Konfrontation um die sich wandelnde Weltordnung ist. In Wahrheit handelt es sich um einen Stellvertreterkrieg, in dem die Ukraine lediglich ein Werkzeug und ein Aufmarschgebiet ist. Tats&auml;chlich stehen sich der Westen unter F&uuml;hrung der Vereinigten Staaten und Russland gegen&uuml;ber. Hinzu kommt, dass hinter Russland der sogenannte Globale S&uuml;den, allen voran China, steht, dem der Ausgang des Krieges keineswegs gleichg&uuml;ltig ist.<\/p><p>Die Situation wird weiter dadurch verkompliziert, dass die Vereinigten Staaten, die auf dem Weg zum Ausbruch des Krieges eine schwerwiegende und keineswegs positive Rolle spielten, nun ein Ende des Konflikts anstreben. In dieser Frage geraten sie mit ihren Verb&uuml;ndeten aneinander &ndash; den europ&auml;ischen &bdquo;Willigen&ldquo;, die vorerst noch die Ukraine im Krieg halten und damit den Druck auf Russland aufrechterhalten wollen.<\/p><p>Im Gegensatz zu den meisten F&auml;llen ist zudem die Frage nach der Verantwortung f&uuml;r den Ausbruch des Krieges nicht eindeutig. Es f&auml;llt daher schwer, festzulegen, was tats&auml;chlich ein gerechter Friede w&auml;re.<\/p><p>Es stimmt zwar, dass Russland am 24. Februar 2022 die Invasion begann und dies v&ouml;lkerrechtlich eine Aggression darstellt, doch f&uuml;hrte ein langer Weg dorthin. Eine schwerwiegende Verantwortung f&uuml;r den Ausbruch des Krieges tragen in erster Linie die Vereinigten Staaten, die Europ&auml;er als deren Vasallen. In dieser Reihe darf auch die Ukraine nicht fehlen. Diese wurde ab 2014 in jeder Hinsicht zur Bastion des Westens gegen Russland und boykottierte die Umsetzung der Minsker Abkommen nachweislich mit europ&auml;ischer Unterst&uuml;tzung. Au&szlig;erdem muss bedacht werden, dass alle beteiligten Parteien im Krieg feststecken, obwohl sie das urspr&uuml;nglich nicht beabsichtigten.<\/p><p>Russland wollte einen Machtwechsel, eine Art &bdquo;Kabul-Szenario&ldquo;, womit es seinen Einfluss &uuml;ber die zur &bdquo;Anti-Russland&ldquo; gewordene Ukraine zur&uuml;ckgewonnen h&auml;tte. Auch der von den USA gef&uuml;hrte Westen hat erst Blut geleckt, als er sp&uuml;rte, dass Russland schw&auml;cher war, als er dachte. Die angels&auml;chsische Linie torpedierte daraufhin das Abkommen von Istanbul. Die USA glaubten, Russland in dieser Situation schnell in die Knie zwingen zu k&ouml;nnen. Deshalb verst&auml;rkten sie die milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Ukraine. Kiew wiederum steigerte sich immer mehr in die Vorstellung hinein, den Verlauf des Krieges umkehren, die verlorenen Gebiete zur&uuml;ckerobern und Russland mit dem Westen im R&uuml;cken einen verheerenden Schlag versetzen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Alle irrten sich, und nun dauert der erbitterte und blutige Krieg schon fast vier Jahre an. Jeder Akteur m&ouml;chte den Konflikt ohne Gesichtsverlust beenden, doch die Realit&auml;t setzt sich immer mehr durch.<\/p><p>Russland hat Ende 2023 eindeutig die strategische Initiative an den Fronten &uuml;bernommen. Die Zerm&uuml;rbung funktioniert immer effektiver, kommt aber wegen der Schonung der Soldaten und des massiven Auftretens von Drohnen nur langsam voran. Gleichzeitig sp&uuml;rt auch die Wirtschaft den Sanktionsdruck und die Last des Krieges, und auch die Gesellschaft w&uuml;rde ein Ende der &bdquo;speziellen Milit&auml;roperation&ldquo; begr&uuml;&szlig;en. Moskau kann den Krieg im derzeitigen Tempo sicher noch zwei bis drei Jahre aufrechterhalten, aber letztendlich schw&auml;cht er das Land. Deshalb w&auml;re Moskau zu bestimmten Kompromissen, aber grunds&auml;tzlich unter seinen eigenen Bedingungen zum Friedensschluss bereit.<\/p><p><strong>Washingtons Agenda: Trump setzt Kiew unter Zugzwang<\/strong><\/p><p>Dem versucht auch das Wei&szlig;e Haus den Weg zu ebnen, denn f&uuml;r Donald Trump ist dieser Konflikt auf der Priorit&auml;tenliste nach unten gerutscht. Washington w&uuml;rde sich bereits auf Wirtschafts- und geopolitische Gesch&auml;fte sowie Abkommen mit Russland konzentrieren und gegebenenfalls China einbeziehen. Zu diesem Zweck w&uuml;rde es Kiew nicht nur zu territorialen Zugest&auml;ndnissen zwingen, sondern diese auch anerkennen. Dadurch verl&ouml;ren die Sanktionen ihre Rechtsgrundlage und der Weg f&uuml;r Investitionen w&auml;re frei.<\/p><p>Die eigentliche Frage ist, wie gro&szlig; der Spielraum von Trump im Inland und innerhalb des westlichen Blocks ist. Diesen hat er erheblich erweitert, indem er Joseph Biden f&uuml;r den Krieg verantwortlich machte, wodurch er leicht bestimmte Tabus brechen kann. Das Wei&szlig;e Haus kann es sich jedoch trotz der verlockenden Aussichten nicht erlauben, dass die Ukraine zusammenbricht und Russland zu viel gewinnt.<\/p><p><strong>Europas Trag&ouml;die: Geisel zwischen Putin und Trump<\/strong><\/p><p>Die Ukraine ist aufgrund der milit&auml;rischen und innenpolitischen Lage in die Enge getrieben. Sie versucht, diesen Krieg am Verhandlungstisch irgendwie auf ein Unentschieden hinauslaufen zu lassen. Die Entschlossenheit in Trumps Umfeld und die immer knapper werdenden europ&auml;ischen Gelder verhei&szlig;en Kiew jedoch nicht viel Gutes.<\/p><p>Kiew muss auf die NATO-Mitgliedschaft verzichten. Die Beibehaltung einer 800.000 Mann starken Armee erscheint unrealistisch, und den noch kontrollierten Teil des Gebiets Donezk muss die Ukraine entweder aufgeben oder verliert ihn in einem andauernden Krieg. Wolodymyr Selenskyj kann nur zwischen schlecht und noch schlechter w&auml;hlen und muss nicht nur &uuml;ber die Zukunft der Ukraine, sondern auch &uuml;ber seine eigene nachdenken.<\/p><p>Die Trag&ouml;die Europas besteht darin, dass es ausgehend von einem falsch verstandenen sicherheitspolitischen Konzept &ndash; die Ukraine wird der Arm Europas, die &ouml;stliche Verteidigungslinie &ndash; und auf der Flucht vor inneren Problemen, die es dadurch vertuscht, in einen Konflikt geraten ist, f&uuml;r dessen Austragung es weder Geld noch eine angemessene industrielle Basis hat und auch nicht viel opfern will. Europa &uuml;berh&ouml;ht nicht nur die russische Gefahr und sch&uuml;rt Hysterie. Es nutzt die Ukraine vielmehr zynisch als Stellvertreter, wobei es sich auf hehre moralische Prinzipien beruft. Dabei agiert Europa selbst als Stellvertreter der USA. Es h&auml;tte aussteigen oder zumindest durch Erzwingen des Friedens zur&uuml;cktreten m&uuml;ssen, als <em>Nord Stream<\/em> auf US-amerikanischen Vorschlag gesprengt wurde. Sp&auml;testens aber bei Trumps R&uuml;ckkehr.<\/p><p>Stattdessen ist Europa jedoch immer mehr zur Geisel des Ukraine-Konflikts geworden. In dieser Eigenschaft steht es nicht nur Putins Russland, sondern auch Trumps Amerika gegen&uuml;ber.<\/p><p>&bdquo;<strong>Wheeler-Dealer&ldquo;-Diplomatie: Trumps Team verhandelt<\/strong><\/p><p>In dieser Situation erhielt die Friedensschaffung nach dem US-amerikanisch-russischen Gipfel in Alaska neuen Schwung. Trump ist in j&uuml;ngster Zeit anscheinend ausgestiegen und &uuml;berlie&szlig; die Verhandlungen seinem Vizepr&auml;sidenten James D. Vance und dessen Team &ndash; so stie&szlig; Daniel Driscoll anstelle von Keith Kellogg zu dem Prozess &ndash; sowie seinem Au&szlig;enminister Marco Rubio. Neu ist, dass neben Steve Witkoff, einem Vertrauten des Pr&auml;sidenten, der bereits erfolgreich mit Moskau verhandelt hat, auch Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, der sich ebenfalls in der Friedensschaffung im Nahen Osten bew&auml;hrt hat, in die Gespr&auml;che eingebunden wurde. Von US-Seite werden die Gespr&auml;che nach wie vor raffiniert und trickreich gef&uuml;hrt, wobei der Feilsch-Charakter an den Dayton-Prozess erinnert <em>[Anm. Red.: Verhandlungen zum Ende des Bosnienkrieges in den 1990er-Jahren]<\/em>.<\/p><p>Derzeit sprechen wir nicht von mehr als einer Abstimmung &ndash; einer Kl&auml;rung von Standpunkten, die naturgem&auml;&szlig; inmitten eines enormen Medienrummels und von Indiskretionen abl&auml;uft. In dieser Situation dr&uuml;ckt das Wei&szlig;e Haus aufs Gaspedal, die europ&auml;ischen &bdquo;Willigen&ldquo; versuchen von au&szlig;en, auf die Bremse zu treten. Die Ukrainer nutzen ihren verbleibenden Spielraum maximal aus, um bessere Bedingungen auszuhandeln, w&auml;hrend Moskau beobachtet, was dabei herauskommt und worauf es reagieren muss.<\/p><p>Der Kreml k&ouml;nnte nun auch das kleinere Kopfzerbrechen bereiten, mit wem er auf US-Seite &uuml;berhaupt verhandeln soll. Trump ist nicht bereit, auf Details einzugehen, und w&uuml;rde sich lieber erst in der Endphase einschalten. Steve Witkoff bietet sich an; er reiste bereits nach Moskau und ist empf&auml;nglich f&uuml;r die russischen Vorstellungen. Er ist jedoch im Staatsapparat der USA isoliert und politisch angreifbar, was die Abh&ouml;rung und Ver&ouml;ffentlichung seines Gespr&auml;chs mit Putins au&szlig;enpolitischem Berater Juri Uschakow deutlich zeigt. Er akzeptiert die russischen Interessen, verpackt sie neu, wobei sie dann im Dickicht der geopolitischen und innenpolitischen Auseinandersetzungen verloren gehen. Der in den letzten Wochen aktiv gewordene Marco Rubio ist nicht begeistert von der Anerkennung russischer Ziele und findet schwer einen gemeinsamen Nenner mit Sergej Lawrow, der gegen&uuml;ber Kirill Dmitrijew die Rolle des &bdquo;b&ouml;sen Polizisten&ldquo; spielt. Dan Driscoll ist in Erscheinung getreten, aber der Kreml versteht offenbar noch nicht, in welcher Funktion er handelt und was sein tats&auml;chlicher Auftrag ist.<\/p><p><strong>Die roten Linien: Juristische Garantien f&uuml;r Russland<\/strong><\/p><p>Es steht au&szlig;er Zweifel, dass der urspr&uuml;ngliche 28-Punkte-Plan einen Gro&szlig;teil der Priorit&auml;ten Russlands widerspiegelt. Einige Bestimmungen widersprechen jedoch direkt den wichtigsten Forderungen Moskaus. Dazu z&auml;hlt die erlaubte Gr&ouml;&szlig;e der ukrainischen Armee, das Fehlen eines Verbots von Langstreckenwaffen oder, dass der Plan erw&auml;hnt, Kiew k&ouml;nne Moskau oder St. Petersburg potenziell angreifen. Zudem l&auml;sst die Formulierung zu, den Inhalt allzu weit auszulegen, weshalb die Gefahr besteht, dass der Plan in der Umsetzungsphase verw&auml;ssert wird. Nicht umsonst betonte der russische Pr&auml;sident Wladimir Putin, diese Punkte m&uuml;ssten, nachdem die Parteien sie eingehend er&ouml;rtert haben, noch in die Sprache der Diplomatie &uuml;bertragen werden. Ein weiteres Hindernis ist, dass Moskau es f&uuml;r unm&ouml;glich h&auml;lt, ein rechtsg&uuml;ltiges Abkommen mit Kiew zu schlie&szlig;en, weil in der Ukraine die verfassungsrechtliche Krise herrscht.<\/p><p>Deshalb liegt der Schwerpunkt nun darauf, dass Russland Garantien vom Westen erh&auml;lt, einschlie&szlig;lich der juristischen Anerkennung der Krim, des Donbass sowie der Regionen Saporischschja und Cherson entlang der Kontaktlinie als russisches Territorium. Nicht de facto, sondern de jure.<\/p><p>Putin ist auch besorgt &uuml;ber das in den Vereinigten Staaten herrschende innenpolitische Chaos, die keineswegs eindeutige Haltung zu Russland und die Unsicherheit der Beziehungen. Es interessiert ihn nicht, ob Russland zum G7-Gipfel eingeladen wird oder nicht. Er ist jedoch bereit, mit Europa &uuml;ber eine neue Konstruktion des Sicherheitssystems zu diskutieren.<\/p><p>In diesem Zusammenhang &auml;u&szlig;erte sich der ungarische Ministerpr&auml;sident Viktor Orb&aacute;n, bereits im Wissen um seine Moskauer Gespr&auml;che, dahingehend, dass Europa die milit&auml;rische Sicherheit und das milit&auml;rische Gleichgewicht, das die Grundlage f&uuml;r den Frieden bildet, wiederherstellen m&uuml;sse. Orb&aacute;n betonte gegen&uuml;ber der Zeitung <em>Die Welt<\/em>: &bdquo;Die einzig m&ouml;gliche dauerhafte L&ouml;sung ist, dass die Ukraine nach dem Krieg wieder zu dem Pufferstaat wird, der sie einst war.&ldquo;<\/p><p><strong>Endspiel auf Zeit: Warum der Frieden noch lange dauert<\/strong><\/p><p>Moskau wird erst jetzt mit dem Verhandlungsgegenstand konfrontiert. Es gab den 28-Punkte-Plan, dann wurden daraus 19, dann 22, schlie&szlig;lich sind es derzeit 20. Aber auch das entwickelt sich weiter, da Selenskyj zahlreiche brennende Fragen direkt mit Trump besprechen m&ouml;chte. Auf Basis des Alaska-Abkommens entsteht derzeit nur langsam ein Konzept f&uuml;r ein Friedensabkommen, dessen Konturen noch &auml;u&szlig;erst verschwommen bleiben. Der Kreml ben&ouml;tigt einen offiziellen, schriftlichen Text, aber dieser existiert noch nicht. Am wichtigsten aber: Es ist nicht ersichtlich, was Putin dazu zwingen sollte, seine aus westlicher Sicht als maximalistisch geltenden Ziele zu &uuml;berdenken oder seine grundlegenden Forderungen aufzugeben.<\/p><p>Putin st&uuml;tzt sich heute mehr denn je auf die russische Milit&auml;rmacht. Er ist sichtlich davon &uuml;berzeugt, den Moment abwarten zu k&ouml;nnen, in dem Kiew endlich gezwungen ist, zu russischen Bedingungen zu verhandeln. Der Kreml kalkuliert: Wenn die Amerikaner helfen, diesen Fortschritt zu beschleunigen, ist das hervorragend. Falls nicht, wei&szlig; Putin, wie er handeln muss.<\/p><p>Das ist die aktuelle Situation. Der Prozess ist noch weit davon entfernt, Detailfragen zu kl&auml;ren wie beispielsweise die Demarkationslinien, wann der Abzug aus den Gebieten erfolgen soll, wem das Atomkraftwerk Saporischschja geh&ouml;rt oder wie die strategisch wichtige Insel an der M&uuml;ndung des Dnepr zuzuordnen ist. Diese steht derzeit unter russischer Kontrolle, liegt aber au&szlig;erhalb der vier betroffenen Regionen. Ganz zu schweigen davon, wer den Waffenstillstand wie &uuml;berwachen wird. Es w&auml;re also wirklich eine echte Weihnachts&uuml;berraschung, wenn der Frieden noch in diesem Jahr einkehren w&uuml;rde. Wir d&uuml;rften aber auch nicht sehr &uuml;berrascht sein, wenn wir auch am n&auml;chsten Weihnachtsfest noch die Chancen auf Frieden abw&auml;gen.<\/p><p><em>Der Artikel erschien zuerst im ungarischen Original in der Wochenzeitung &bdquo;Demokrata&ldquo;.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Tomas Ragina \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/429d4a65b62c48d2876306294f970b96\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine alte Wahrheit: Einen Krieg zu beginnen ist leichter, als ihn zu beenden. Das ist auch jetzt so. 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