{"id":14337,"date":"2012-09-05T09:08:47","date_gmt":"2012-09-05T07:08:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14337"},"modified":"2015-04-26T10:14:42","modified_gmt":"2015-04-26T08:14:42","slug":"honorarstreit-der-arzte-kehrt-vor-eurer-eigenen-tur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14337","title":{"rendered":"Honorarstreit der \u00c4rzte \u2013 Kehrt vor Eurer eigenen T\u00fcr!"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt in diesem unseren Lande Berufsgruppen, denen geht es wahrlich schlechter als den niedergelassenen &Auml;rzten. Da sie mit ihrer abgehobenen Forderung auf Erh&ouml;hung der Honorare um 1.228 Euro pro Monat bei den Krankenkassen abgeblitzt sind und &bdquo;nur&ldquo; 150 Euro pro Monat zugesprochen bekamen, drohen sie nun mit &bdquo;Kampfma&szlig;nahmen&ldquo; zu Lasten der Patienten. Sicher, es gibt sie, die schlecht bezahlten und &uuml;berlasteten Land&auml;rzte, die eine deftige Honorarerh&ouml;hung verdient h&auml;tten. Daf&uuml;r muss man jedoch nicht mehr Geld in ein Gesundheitssystem pumpen, das auf der Empf&auml;ngerseite zutiefst ungerecht ist und falsche Anreize setzt. Anstatt gegen die Krankenkassen sollten die &Auml;rzte gegen ihre eigene Standesvertretung protestieren, die f&uuml;r die Defizite im System mitverantwortlich ist. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSchenkt man den Statistiken Glauben, geh&ouml;ren die niedergelassenen &Auml;rzte zu den bestbezahlten Berufsgruppen des Landes. Ein durchschnittlicher niedergelassener Arzt erzielt aus seiner vertrags&auml;rztlichen T&auml;tigkeit j&auml;hrlich rund 134.000 Euro Reingewinn &ndash; hinzu kommen rund 30.000 Euro Reingewinn aus der Versorgung privatversicherter Patienten. Der Reingewinn eines Arztes ist vergleichbar mit dem Bruttoeinkommen eines Arbeitnehmers, lediglich der Arbeitnehmeranteil bei den Sozialleistungen f&auml;llt hier weg. Nichtsdestotrotz ist einem Arzt mit einem durchschnittlichen monatlichen Bruttoeinkommen von 13.750 Euro durchaus zuzumuten, sich selbst sozial abzusichern. <\/p><p>Wenn ein typischer Landarzt diese Zahlen liest, wird ihm jedoch &ndash; vollkommen zu Recht &ndash; das Messer in der Tasche aufgehen. Der durchschnittliche Reingewinn ist nun einmal ein statistisches Ma&szlig;, das immer zu Verzerrungen f&uuml;hrt. So erzielt beispielsweise ein durchschnittlicher Radiologe im Schnitt 264.000 Euro, w&auml;hrend ein durchschnittlicher Allgemeinmediziner (jeweils mit eigener Praxis) &bdquo;nur&ldquo; 116.000 Euro Reingewinn pro Jahr erreicht[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]. Und auch bei dieser Zahl verzerrt der Durchschnitt &ndash; ein niedergelassener Allgemeinmediziner in M&uuml;nchen, der ein gewisses kaufm&auml;nnisches Talent hat, wird in der Regel ebenfalls rund den doppelten Gewinn wie sein Landarztkollege aus der brandenburgischen Pampa erzielen. <\/p><p>Es ist ja richtig, dass die Politik daf&uuml;r sorgen muss, dass die medizinische Versorgung fl&auml;chendeckend gew&auml;hrleistet wird und auch der brandenburgische Landarzt einen Nachfolger f&uuml;r seine Praxis findet. Nun sind &Auml;rzte aber auch keine selbstlosen Halbg&ouml;tter in Wei&szlig;, die sich von Manna ern&auml;hren, sondern ganz normale Menschen, die eher einen gut- als einen schlechtdotierten Job annehmen. Wer die fl&auml;chendeckende medizinische Versorgung aufrechterhalten will, muss also finanzielle Anreize f&uuml;r einnahmeschwache Praxen setzen. Dagegen w&auml;re auch gar nichts einzuwenden, eine Honorarsteigerung mit der Gie&szlig;kanne ist daf&uuml;r jedoch das denkbar schlechteste Mittel.<\/p><p>W&uuml;rden die Krankenkassen einfach mehr Geld ins System pumpen, ohne dass sich etwas am Verteilungsschl&uuml;ssel &auml;ndert, w&uuml;rde von den Honorarsteigerungen nicht nur der relativ schlecht verdienende Landarzt in Brandenburg, sondern auch &ndash; und vor allem &ndash; sein hervorragend verdienender Kollege profitieren, der eine Radiologiepraxis auf der M&uuml;nchner Leopoldstra&szlig;e betreibt. Der Allgemeinheit der Beitragszahler ist jedoch weder zuzumuten noch zu vermitteln, dass sie nun zus&auml;tzlich f&uuml;r &Auml;rzteeinkommen zur Kasse gebeten werden, die jenseits der Einkommen von Bundeskanzlerin und Bundespr&auml;sident liegen. Dies ist eine Umverteilung von unten nach oben, von der auch der Brandenburger Landarzt nichts hat, ist seine Honorarsteigerung doch nur minimal. Wenn man nach dem Gie&szlig;kannenprinzip verf&auml;hrt und nichts am Verteilungsschl&uuml;ssel &auml;ndert, kriegt der Arzt, der heute schon das gr&ouml;&szlig;te Beet bestellt, auch das meiste Wasser ab. So wird man auch nichts gegen die L&ouml;cher in der fl&auml;chendeckenden medizinischen Versorgung ausrichten k&ouml;nnen.<\/p><p>Wie viel Geld ein Arzt bekommt, liegt nicht im Entscheidungshorizont der Politik. Hier wird de facto lediglich entschieden, wie viel Geld die gesamte &Auml;rzteschaft bekommt. Die daf&uuml;r relevanten Kollektivvertr&auml;ge handeln die Standesvertreter der &Auml;rzteschaft mit den Krankenkassen aus. Wie die &Auml;rzte das gesamte Budget unter sich selbst verteilen, liegt jedoch einzig und allein im Entscheidungsbereich der Standesvertretungen. Wenn die &Auml;rzteschaft also ein Interesse daran hat, dass es keine gro&szlig;en Abweichungen vom durchschnittlich erzielten Honorar gibt und eine fl&auml;chendeckende medizinische Versorgung garantiert werden kann, hat sie die notwendigen Stellschrauben selbst in der Hand und ist f&uuml;r deren Justierung verantwortlich. Es ist schlie&szlig;lich kein Naturgesetz, dass der M&uuml;nchner Radiologe rund viermal so viel wie ein brandenburgischer Landarzt bekommt. <\/p><p>Doch anstatt vor der eigenen T&uuml;re zu kehren und die eigene Standesvertretung ins Gebet zu nehmen, tragen die &Auml;rzte ihren Honorarstreit mit den Krankenkassen auf dem R&uuml;cken der Patienten aus &ndash; der Patienten, die mit ihren Krankenkassenbeitr&auml;gen schon heute ein System subventionieren, das falsche Anreize setzt. Auch bei den &Auml;rzten ist n&auml;mlich der Ehrliche aus &ouml;konomischer Sicht der Dumme. Wer sich die Zeit nimmt, mit seinen Patienten ausf&uuml;hrlich zu sprechen und sie und ihre Beschwerden ernst nimmt, erh&auml;lt von den Kassen&auml;rztlichen Vereinigungen nur einen Hungerlohn. Wer seine Patienten jedoch im Akkord durch sein Behandlungszimmer lotst, ihnen zus&auml;tzliches <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/zuzahlen-beim-arzt-darfs-ein-bisschen-mehr-sein\/7018856.html\">Geld &uuml;ber die umstrittenen IGe-Leistungen<\/a> abkn&ouml;pft, sie zu teurer, aber meist sinnloser Apparatemedizin verdonnert, routinem&auml;&szlig;ig &bdquo;gro&szlig;e Blutbilder&ldquo; erstellen und sich &ndash; <a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Aerzte-Bestechung-ist-voellig-legal-article6562536.html\">vollkommen legal<\/a> &ndash; von Pharmakonzernen schmieren l&auml;sst, profitiert vom jetzigen System und hat beste Chancen auf ein Spitzeneinkommen. <\/p><p>Einfach nur mehr Geld in dieses kranke System zu pumpen, hilft niemanden &ndash; au&szlig;er denjenigen, die sich schon heute schamlos auf Kosten der Patienten und der Beitragszahler bereichern. Es ist n&ouml;tig, dass die ehrlichen &Auml;rzte ihrer Wut Luft machen und auf die Barrikaden gehen. Aber bitte nicht f&uuml;r, sondern gegen ein Verteilungssystem, bei dem Ungerechtigkeit und falsche Anreize Kernelemente sind. Wenn eine Reform des Verteilungssystems in den bestehenden St&auml;ndevertretungen nicht umsetzbar ist, dann sollten die ehrlichen &Auml;rzte doch ihre eigene Standesvertretung gr&uuml;nden, die k&uuml;nftig separat mit den Kassen verhandelt. Die Kassen w&uuml;rden dies sicher begr&uuml;&szlig;en. Wenn &ndash; wovon auszugehen ist &ndash; diese neue &Auml;rzteschaft vergleichbare durchschnittliche Pro-Kopf-Honorare zur Verteilung bekommt, wird f&uuml;r jeden ehrlichen Arzt dabei mehr herausspringen als heute und auch den Patienten w&auml;re geholfen. Das w&auml;re doch ein Ziel, f&uuml;r das es sich zu k&auml;mpfen lohnt!<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/3bd395c33a184d069795595cf13abe19\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2007 &ndash; damals betrug der durchschnittliche Reingewinn aller niedergelassenen &Auml;rzte 142.000 Euro<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt in diesem unseren Lande Berufsgruppen, denen geht es wahrlich schlechter als den niedergelassenen &Auml;rzten. Da sie mit ihrer abgehobenen Forderung auf Erh&ouml;hung der Honorare um 1.228 Euro pro Monat bei den Krankenkassen abgeblitzt sind und &bdquo;nur&ldquo; 150 Euro pro Monat zugesprochen bekamen, drohen sie nun mit &bdquo;Kampfma&szlig;nahmen&ldquo; zu Lasten der Patienten. 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