{"id":14365,"date":"2012-09-07T12:05:52","date_gmt":"2012-09-07T10:05:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14365"},"modified":"2015-04-26T10:24:04","modified_gmt":"2015-04-26T08:24:04","slug":"bazooka-mit-eingebauter-ladehemmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14365","title":{"rendered":"Bazooka mit eingebauter Ladehemmung"},"content":{"rendered":"<p>Die EZB nennt es &bdquo;OMT&ldquo;, die Medien &bdquo;Bazooka&ldquo; &ndash; doch was EZB-Chef Mario Draghi gestern der &Ouml;ffentlichkeit als geldpolitische Ma&szlig;nahme zur Eind&auml;mmung der Eurokrise pr&auml;sentierte, ist bestenfalls eine Spritzpistole. Auch wenn der mittlerweile komplett isolierte Bundesbank-Chef Jens Weidmann &ouml;ffentlichkeitswirksam als einziger Vertreter des EZB-Rates gegen das OMT-Programm stimmte, tr&auml;gt dieses doch deutlich seine Handschrift. Umso mehr erstaunt der Katzenjammer der weidmanntreuen konservativen Leitartikler. Was &uuml;brigbleibt, ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, der jedoch nicht ausreichen wird, um die Eurozone wieder in ruhige Gew&auml;sser zu man&ouml;vrieren. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDas <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/Redaktion\/DE\/Downloads\/Presse\/EZB_Pressemitteilungen\/2012\/2012_09_06_merkmale_outright_geschaefte.pdf?__blob=publicationFile\">OMT-Programm [PDF &ndash; 45 KB]<\/a> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] ist mit Sicherheit nicht das &bdquo;letzte Mittel&ldquo; der EZB, wie Stefan Kaiser von <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/ezb-anleiheprogramm-markiert-wende-in-euro-krise-a-854398.html\">SPIEGEL Online unkt<\/a>. Mit dem OMT-Programm hat die EZB lediglich angek&uuml;ndigt, k&uuml;nftig auf den Finanzm&auml;rkten zu intervenieren, wenn die Anleihen bestimmter Eurostaaten zu Preisen gehandelt werden, die auf ein Marktversagen schlie&szlig;en lassen und damit die Refinanzierung dieser Staaten gef&auml;hrden. Ein solches Programm hatte die EZB unter ihrem Pr&auml;sidenten Jean Claude Trichet in Form des <a href=\"http:\/\/www.ecb.int\/ecb\/legal\/pdf\/l_12420100520en00080009.pdf\">SMP-Programms [PDF &ndash; 800 KB]<\/a> [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] bereits vor zwei Jahren schon einmal aufgelegt. Draghis OMT-Programm ist jedoch an wesentlich strengere Bedingungen gekn&uuml;pft und f&auml;llt somit in puncto &bdquo;Feuerkraft&ldquo; weit hinter das alte Programm zur&uuml;ck.<\/p><p>Wie bereits beim SMP-Programm ist es der EZB auch beim OMT-Programm nur gestattet, Anleihen am Finanzmarkt, also am Sekund&auml;rmarkt, zu kaufen. Die EZB darf somit auch k&uuml;nftig die Staaten nicht direkt finanzieren, ihnen also keine Anleihen abkaufen. Sie darf jedoch privaten Investoren, also vor allem Banken, die entsprechenden Papiere abkaufen, wenn der Marktwert unter ein bestimmtes, nicht offen kommuniziertes, Preisniveau f&auml;llt. Dabei hat die EZB keine Limits, sie d&uuml;rfte also rein theoretisch unbegrenzt von diesem Instrument Gebrauch machen &ndash; wobei &bdquo;unbegrenzt&ldquo; hier nicht w&ouml;rtlich gemeint ist, da die Anzahl der bereits ausgegebenen Anleihen der betreffenden Eurostaaten nat&uuml;rlich begrenzt ist. Der gro&szlig;e Unterschied zwischen Trichets SMP und Draghis OMT ist, dass die EZB unter dem SMP-Programm Anleihen von allen Eurostaaten erwerben durfte und unter dem OMT-Programm ausschlie&szlig;lich Anleihen von Staaten kaufen darf, die unter einen der beiden &bdquo;Euro-Rettungsschirme&ldquo; EFSF bzw. ESM geschl&uuml;pft sind. Das hei&szlig;t, die EZB darf momentan weder spanische noch italienische Anleihen &uuml;ber OMT kaufen.<\/p><p>Diese Konditionalit&auml;t, die direkt aus der Feder der Bundesbank zu stammen scheint, ist die eigentliche Schwachstelle des Programms. Staaten, deren Anleihen von den Banken &ndash; meist irrational &ndash; an den Finanzm&auml;rkten abgestraft werden, k&ouml;nnen erst dann auf Sch&uuml;tzenhilfe durch die EZB hoffen, wenn sie den Gang nach Canossa antreten und mit den involvierten Gremien (Europ&auml;ische Kommission, EZB und u.U. auch IWF) ein rechtlich bindendes &bdquo;Reformprogramm&ldquo; abstimmen. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass diese &bdquo;Reformprogramme&ldquo; stets im Sinne von Naomi Kleins &bdquo;Schock-Strategie&ldquo; verlaufen und eine Mischung aus Austerit&auml;tspolitik und verschiedenen neoliberalen Gesetzen, wie beispielsweise die Liberalisierung des Arbeitsmarktes, beinhalten. Vergangenheit und Gegenwart haben uns ebenfalls gelehrt, dass ein Staat sich durch diese &bdquo;Reformprogramme&ldquo; nicht sanieren kann, sondern die prozyklische Wirtschafts- und Finanzpolitik die realwirtschaftliche Krise sogar verst&auml;rkt. Bevor ein Staat auf die Hilfe der EZB hoffen kann, muss er also seine wirtschafts- und finanzpolitische Souver&auml;nit&auml;t an ein Gremium abgeben, dass daf&uuml;r bekannt ist, eine Politik durchzudr&uuml;cken, die dessen langfristige wirtschaftliche Perspektive untergr&auml;bt und zudem ganz und gar nicht im Sinne der Allgemeinheit ist. <\/p><p>Italien und Spanien werden daher auch so lange wie m&ouml;glich z&ouml;gern, bevor sie das &ndash; im wahrsten Sinne des Wortes &ndash; vergiftete Hilfsangebot aus Frankfurt annehmen. F&uuml;r Staaten, die in der Vergangenheit unter die &bdquo;Rettungsschirme&ldquo; gedr&auml;ngt wurden und bereits heute unter dieser Politik leiden, verspricht das OMT-Programm jedoch eine echte Hilfe. So gaben beispielsweise die Risikoaufschl&auml;ge f&uuml;r portugiesische Anleihen nach der Vorstellung des OMT-Programms <a href=\"http:\/\/www.bloomberg.com\/news\/2012-09-06\/german-bunds-drop-as-ecb-keeps-interest-rate-at-record-low-0-75-.html\">deutlich nach<\/a> &ndash; die zweij&auml;hrigen Anleihen notieren heute bei 4,61%. Auch wenn das OMT-Programm aufgrund seiner Konditionalit&auml;t weder Italien noch Spanien direkt hilft, so stellt es doch zumindest eine gro&szlig;e Hilfe f&uuml;r Staaten wie Portugal und Irland dar, sich in absehbarer Zeit wieder an den Finanzm&auml;rkten refinanzieren zu k&ouml;nnen. Dies sollte eigentlich die konservativen Politiker und Kommentatoren, die jeden Cent, mit dem Deutschland im Rahmen von EFSF und ESM mehr b&uuml;rgen muss, kritisieren, zufriedenstellen. Doch weit gefehlt, die Kommentare der b&uuml;rgerlichen Presse &uuml;bertreffen sich in ihrem schrillen Zeter und Mordio stattdessen gegenseitig.<\/p><p>In der WELT wird der <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/finanzen\/article109060047\/Finanzmaerkte-bejubeln-den-Tod-der-Bundesbank.html\">&bdquo;Tod der Bundesbank&ldquo;<\/a> verk&uuml;ndet und durch die Stimme eines Goldh&auml;ndlers den Lesern mitgeteilt, dass der Euro &bdquo;nun zu einer Art italienischen Lira gemacht [w&uuml;rde]&ldquo;, Nikolaus Blome spricht in der BILD von einem <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/mario-draghi\/blanko-scheck-fuer-schulden-staaten-26071362.bild.html\">&bdquo;Blanko-Scheck f&uuml;r Schulden-Staaten&ldquo;<\/a>, fragt rhetorisch, ob &bdquo;Draghi damit den Euro kaputt [macht]&ldquo;, prophezeit Inflation und verunsichert ihre Leser, indem sie steif und fest behauptet, Deutschland trage 27% des Risikos der EZB-Interventionen. Marc Beise schreibt in der S&uuml;ddeutschen, die EZB w&uuml;rde <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/europaeische-zentralbank-ezb-belohnt-missmanagement-1.1461110\">&bdquo;Missmanagement belohnen&ldquo;<\/a> und am Ende drohten uns &bdquo;Blasen, Krisen, Inflation&ldquo;. Etwas subtiler geht da die FAZ zu Werke, die sich darum sorgt, dass nun in Italien die &bdquo;oft versprochene Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes&ldquo; ausbleibt und sich die &bdquo;Regierungschefs aus dem S&uuml;den [freuen d&uuml;rfen]&ldquo;, da sie sich nicht mehr &bdquo;um Investoren [zu k&uuml;mmern brauchen]&ldquo;.<\/p><p>Gegenargumente:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12251\">Die Milliardenl&uuml;ge<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14074\">Vergesst die Inflation!<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14175\">Die SPD, Hans Werner Sinn und die Billionenfrage<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14224\">EZB unter Beschuss<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Da fragt man sich, ob die Herren Journalisten &uuml;berhaupt gelesen und verstanden haben, was die EZB plant. Statt den Leser aufzukl&auml;ren, wird er lieber generalstabsm&auml;&szlig;ig verdummt und &ndash; was noch schlimmer ist &ndash; ver&auml;ngstigt. Wer nur diese Artikel liest, kommt nat&uuml;rlich auch zu den falschen Schl&uuml;ssen und glaubt, dass die EZB den &bdquo;S&uuml;dl&auml;ndern&ldquo; direkt Kredit gibt, dass dieser Kredit ohne Bedingungen erteilt wird und schlussendlich die Druckerpresse auf Kosten des braven Michels angeschmissen wird, um zus&auml;tzliche Milliarden in den S&uuml;den zu pumpen. All dies entspricht jedoch einfach nicht den Tatsachen. Die gro&szlig;e Schw&auml;che des OMT-Programms ist nicht dessen zu gro&szlig;er Freiraum f&uuml;r die EZB, sondern dessen destruktive Bedingungen f&uuml;r potentielle Hilfesuchende. Das konservative Deutschland scheint sich mehr und mehr in eine Parallelwelt zu fl&uuml;chten und die reale Welt nur noch sehr selektiv wahrzunehmen. Dies ist kein gutes Zeichen &ndash; weder f&uuml;r Deutschland noch f&uuml;r Europa.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] OMT steht f&uuml;r Outright Monetary Transactions, also &bdquo;endg&uuml;ltige geldpolitische K&auml;ufe bzw. Verk&auml;ufe&ldquo;, die offizielle &Uuml;bersetzung lautet &bdquo;geldpolitische Outright-Gesch&auml;fte&ldquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] SMP steht f&uuml;r Securities Markets Programme, also &bdquo;Programm f&uuml;r die Wertpapierm&auml;rkte&ldquo;<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/ae5ad80d7f0e4f2a9c51ae0700523ef2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die EZB nennt es &bdquo;OMT&ldquo;, die Medien &bdquo;Bazooka&ldquo; &ndash; doch was EZB-Chef Mario Draghi gestern der &Ouml;ffentlichkeit als geldpolitische Ma&szlig;nahme zur Eind&auml;mmung der Eurokrise pr&auml;sentierte, ist bestenfalls eine Spritzpistole. Auch wenn der mittlerweile komplett isolierte Bundesbank-Chef Jens Weidmann &ouml;ffentlichkeitswirksam als einziger Vertreter des EZB-Rates gegen das OMT-Programm stimmte, tr&auml;gt dieses doch deutlich seine Handschrift. Umso<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14365\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[50,183],"tags":[1380,507,637,903],"class_list":["post-14365","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzkrise","category-medienkritik","tag-draghi-mario","tag-ezb","tag-staatsanleihen","tag-weidmann-jens"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14365","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14365"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14365\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14368,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14365\/revisions\/14368"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14365"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14365"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14365"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}