{"id":143665,"date":"2025-12-15T14:00:47","date_gmt":"2025-12-15T13:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143665"},"modified":"2025-12-15T13:09:22","modified_gmt":"2025-12-15T12:09:22","slug":"leben-in-der-wohnkostenfalle-neue-studie-belegt-wie-die-armutsquote-bislang-geschoent-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143665","title":{"rendered":"Leben in der Wohnkostenfalle: Neue Studie belegt, wie die Armutsquote bislang gesch\u00f6nt wird"},"content":{"rendered":"<p>Dass es in Deutschland ein massives Armutsproblem gibt, ist mittlerweile allgemein bekannt. Jahr f&uuml;r Jahr erscheinen entsprechende Studien von Bundes- und Landesregierungen, Sozialverb&auml;nden und anderen Institutionen. Im laufenden Jahr wird die Armutsquote weitgehend &uuml;bereinstimmend auf 15,5 Prozent der Bev&ouml;lkerung taxiert, das entspricht mehr als 13 Millionen Menschen. Grundlage dieser Einstufung ist eine EU-weite und f&uuml;r die einzelnen L&auml;nder spezifizierte Erhebung der verf&uuml;gbaren Haushaltseink&uuml;nfte (EU-SILC). Nach EU-SILC gilt eine Person als armutsgef&auml;hrdet, wenn sie &uuml;ber weniger als 60 Prozent des mittleren <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Gesellschaft-Umwelt\/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen\/Glossar\/aequivalenzeinkommen_mz-silc.html\">Netto&auml;quivalenzeinkommens<\/a> der Gesamtbev&ouml;lkerung verf&uuml;gt. Errechnet wird also ein gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen, das das Einkommen von Personen unter Ber&uuml;cksichtigung von Haushaltsgr&ouml;&szlig;e und -zusammensetzung vergleichbar macht. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIm Jahr 2024 lag die Armutsgef&auml;hrdungsschwelle z.B. f&uuml;r eine allein lebende Person bei 1.381 Euro pro Monat. Bei einem Alleinerziehenden-Haushalt mit einem Kind unter 14 Jahren liegt der Grenzwert bei 1.795 Euro, bei Haushalten mit zwei Erwachsenen mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei rund 2.900 Euro netto.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist die Fokussierung auf das Netto&auml;quivalenzeinkommen als Grundlage der Ermittlung von Armutsquoten unverzichtbar. Aber dabei entstehen auch zahlreiche Unsch&auml;rfen. So sind etwa Haushalte, die &uuml;ber belastungsfreies Wohneigentum oder erhebliche R&uuml;cklagen &ndash; etwa durch Erbschaften &ndash; verf&uuml;gen, auch bei Unterschreitung der Schwellenwerte nicht unbedingt von Armut betroffen. Auf der anderen Seite sind Haushalte, die 40 Prozent oder mehr ihres verf&uuml;gbaren Einkommens f&uuml;r Wohnkosten aufbringen m&uuml;ssen, auch dann armutsgef&auml;hrdet, wenn ihre monatlichen Eink&uuml;nfte deutlich &uuml;ber den Schwellenwerten liegen. F&uuml;r diese besondere Belastung hat sich der Begriff der Wohnarmut etabliert. Vereinfacht ist darunter eine Situation zu verstehen, in der die Ausgaben f&uuml;r Miete und Nebenkosten dazu f&uuml;hren, dass man erhebliche Einschnitte in anderen Bereichen der allt&auml;glichen Lebensf&uuml;hrung vornehmen muss, etwa bei Lebensmitteln, Mobilit&auml;t und Freizeit.<\/p><p><strong>Wohnkosten als Armutstreiber<\/strong><\/p><p>Doch neben der Phase der hohen Inflation haben vor allem die horrenden Steigerungen von Mieten und Nebenkosten f&uuml;r Energie in den vergangenen Jahren zu erheblichen Mehrbelastungen f&uuml;r viele Haushalte gef&uuml;hrt, die von den &uuml;blichen Grenzwerten zur Armutsgef&auml;hrdung nicht erfasst werden. In einer Anfang Dezember ver&ouml;ffentlichten <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/fileadmin\/user_upload\/expertise_armutsericht_2025_wohnarmut_web.pdf\">Studie<\/a> hat sich der Parit&auml;tische Gesamtverband mit dieser Frage besch&auml;ftigt und kommt zu einem dramatischen Ergebnis. Demnach liegt die Zahl der an oder unter der Armutsgrenze lebenden Menschen in Deutschland nicht wie allgemein verbreitet bei 13, sondern bei 18,4 Millionen. Die Armutsquote l&auml;ge demnach nicht bei 15,5, sondern bei 22,3 Prozent. &bdquo;Das eigene Zuhause wird immer st&auml;rker zur Armutsfalle&ldquo;, wurde Joachim Rock, Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Verbandes, in einer Stellungnahme zitiert. Der Trend sei nicht neu, verstetige und verst&auml;rke sich aber gef&auml;hrlich. F&uuml;r immer mehr Haushalte entstehe eine Abw&auml;rtsspirale, &bdquo;an deren Ende immer &ouml;fter die Wohnungslosigkeit steht&ldquo;.<\/p><p>Die Studie basiert auf der Ermittlung einer wohnkostenbereinigten Armutsquote, kurz Wohnarmut, anhand von Daten des Statistischen Bundesamtes zu verf&uuml;gbaren Einkommen und tats&auml;chlichen Wohnkosten. Dies offenbare &bdquo;ein bislang untersch&auml;tztes Ausma&szlig; von Armut, das in herk&ouml;mmlichen Statistiken nicht erfasst wird&ldquo;, hei&szlig;t es dort.<\/p><p>Erhebliche Differenzen zwischen der offiziellen und der wohnkostenbereinigten Armutsquote sind in allen Bundesl&auml;ndern zu verzeichnen. Besonders deutlich ist die Diskrepanz in Hamburg, Berlin und dem Saarland. In Bremen ist zwar die Diskrepanz geringer, aber insgesamt liegt der Stadtstaat mit einer Wohnarmutsquote von 33,1 Prozent einsam an der Spitze. Besonders hoch ist die Wohnarmut mit 31,2 Prozent bei jungen Erwachsenen (18 bis unter 25 Jahre) und bei &auml;lteren Menschen (ab 65 Jahren) mit 28,8 Prozent verbreitet. Extrem betroffene Haushaltstypen sind Alleinerziehende (40,1 Prozent) und kinderreiche Paar-Familien mit drei oder mehr Kindern (31,2 Prozent).<\/p><p><strong>Der Bundesregierung ist das alles egal<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich l&auml;sst sich die dramatische Entwicklung der Armut in Deutschland nicht auf den Faktor Wohnkosten reduzieren. Generell sind alle Transferleistungen, vom B&uuml;rgergeld (das bald Grundsicherung hei&szlig;en wird) &uuml;ber Sozialhilfe bis hin zum Baf&ouml;g f&uuml;r Studenten alles andere als armutsfest. Dazu kommen der nach wie vor sehr gro&szlig;e Niedriglohnsektor, das niedrige und wegen gebrochener Erwerbsbiographien vor allem f&uuml;r Neurentner sinkende Rentenniveau, die explodierenden Pflegekosten, die extrem gestiegenen Kosten f&uuml;r Waren und Dienstleistungen des allt&auml;glichen Bedarfs und vieles andere mehr. Aber die Wohnkostenfalle weist einige Besonderheiten auf. Besonders in Gro&szlig;- und vielen Mittelst&auml;dten sowie in &bdquo;Speckg&uuml;rteln&rdquo; hat man so gut wie keine Chance, seine zu hohen Wohnkosten durch Umzug in eine preiswertere Wohnung zu senken &ndash; weil es auf dem Markt so gut wie keine gibt und auch der Bestand an preis- und belegungsgebundenen Sozialwohnungen stetig sinkt. Und der Verlust der Wohnung &ndash; sei es durch trotz extremer Sparsamkeit nicht mehr bezahlbare Mieten oder durch Eigenbedarfsk&uuml;ndigungen von Wohnungseigent&uuml;mern &ndash; f&uuml;hrt immer h&auml;ufiger in die Wohnungslosigkeit &ndash; bestenfalls in prek&auml;re, beh&ouml;rdlich angeordnete Unterk&uuml;nfte, schlimmstenfalls auf die Stra&szlig;e.<\/p><p>Die Studie des Parit&auml;tischen Gesamtverbandes macht jedenfalls deutlich, dass &Uuml;berlastung durch Wohnkosten einer der zentralen Armutstreiber in Deutschland ist. Und die herrschende Politik tut so gut wie nichts, um dieser &auml;u&szlig;erst dynamischen Entwicklung entgegenzuwirken. Dabei geht es nicht nur um den stagnierenden Neubau, vor allem im dauerhaft bezahlbaren Segment, sondern vor allem um die strikte Weigerung, wirksam in die Kostenentwicklung im Wohnungsbestand einzugreifen &ndash; etwa durch umfassende Mietenregulierungen in allen Gebieten mit angespannten Wohnungsm&auml;rkten bis hin zur Absenkung von Wuchermieten. Auch die Abw&auml;lzung kostentreibender energetischer Modernisierungen und CO<sub>2<\/sub>-Umlagen auf die Mieter m&uuml;sste unterbunden werden. Dringend erforderlich w&auml;re ferner das Verbot von Eigenbedarfsk&uuml;ndigungen bei Bestandsmietverh&auml;ltnissen.<\/p><p>Zu einer umfassenden Armutsbek&auml;mpfung braucht es nat&uuml;rlich den Einsatz weiterer Hebel wie armutsfeste Sozialtransfers, h&ouml;here Renten und ein deutlich h&ouml;heres Lohnniveau. Das alles kostet &ndash; wie auch ein ambitioniertes Wohnungsbauprogramm &ndash; Geld, sogar sehr viel Geld. Doch Geld braucht der Staat f&uuml;r etwas anderes, n&auml;mlich die Schaffung einer allumfassenden &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo;, die perspektivisch allein f&uuml;r direkte R&uuml;stungsausgaben 43 Prozent des Bundeshaushalts verschlingen soll. Von den vielen Milliarden Euro, die in den sinnlosen Krieg in der Ukraine und die Alimentierung der dortigen korrupten Oligarchie gepumpt wurden und werden, ganz zu schweigen. Die Zeche daf&uuml;r sollen die B&uuml;rger zahlen, die nicht &uuml;ber ausk&ouml;mmliche Verm&ouml;gen und\/oder sichere, gut bezahlte Jobs verf&uuml;gen. Und die Quittung daf&uuml;r wird in den n&auml;chsten Armutsstatistiken deutlich abgebildet sein.<\/p><p><small>Titelbild: Monkey Business Images\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass es in Deutschland ein massives Armutsproblem gibt, ist mittlerweile allgemein bekannt. Jahr f&uuml;r Jahr erscheinen entsprechende Studien von Bundes- und Landesregierungen, Sozialverb&auml;nden und anderen Institutionen. Im laufenden Jahr wird die Armutsquote weitgehend &uuml;bereinstimmend auf 15,5 Prozent der Bev&ouml;lkerung taxiert, das entspricht mehr als 13 Millionen Menschen. 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