{"id":143794,"date":"2025-12-31T13:00:50","date_gmt":"2025-12-31T12:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143794"},"modified":"2025-12-18T10:52:47","modified_gmt":"2025-12-18T09:52:47","slug":"knallfroesche-und-wunderkerzen-deutschland-mit-boellerverbot-aber-volles-rohr-kriegstuechtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143794","title":{"rendered":"Knallfr\u00f6sche und Wunderkerzen: Deutschland mit B\u00f6llerverbot, aber volles Rohr kriegst\u00fcchtig"},"content":{"rendered":"<p>Viele B&uuml;rger wollen kein Feuerwerk mehr an Silvester. Sie machen Tier- und Umweltschutz geltend sowie Sorgen vor Unf&auml;llen und Gewaltt&auml;tigkeiten. Das sind alles sch&ouml;ne Anliegen, die allerdings im Licht einer Welt unter Feuer und Regierender im Aufr&uuml;stungswahn ziemlich kleinteilig anmuten. Eine Ladung Zynismus zum Jahresausklang &ndash; und ein bisschen Hoffnung. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSo besinnlich das Weihnachtsfest f&uuml;r gew&ouml;hnlich daherkommt, so roh, l&auml;rmend und nicht selten sinnfrei geht es an Silvester zu. Da knallt und ballert es, bis der Arzt kommt, manchmal auch der Bestatter. Bei den Feierlichkeiten vor einem Jahr bezahlten bundesweit f&uuml;nf Menschen ihren Leichtsinn mit dem Leben. In der Regel passiert so etwas beim Z&uuml;ndeln mit illegalem Feuerwerk, im Volksmund Polen-B&ouml;ller. Unsere Nachbarn im Osten halten nichts von Verkaufsbeschr&auml;nkungen, dort geht das Krachzeug ganzj&auml;hrig &uuml;ber den Ladentisch. Umso verbl&uuml;ffter titelte die <em>BILD<\/em> Anfang Januar: <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/news\/ausland\/silvester-trotz-polen-boeller-keine-boeller-toten-in-polen-6778d89c0195b908c189a24e\">&bdquo;Trotz Polen-B&ouml;ller keine B&ouml;ller-Toten in Polen&ldquo;<\/a>. Offenbar macht &Uuml;bung wirklich den Meister, und dass sich Deutschland meisterlich auf den Tod versteht, wusste Paul Celan schon vor 80 Jahren.<\/p><p>Aber Zeiten &auml;ndern sich und mit ihnen die B&ouml;sewichte. In Hitlers Fu&szlig;stapfen ist inzwischen Putin getreten, um demn&auml;chst ganz Europa zu unterjochen. Aber wann legt er damit los? Jedenfalls k&ouml;nnen Leute wie Boris Pistorius, Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder Roderich Kiesewetter den Russlandfeldzug kaum erwarten. In zwei, vielleicht drei Jahren werde es so weit sein, wissen sie. Bis dahin muss Deutschland ger&uuml;stet sein, koste es, was es wolle, gerne auch eine Billion Euro. Aber was, wenn es der Kreml-Chef noch viel doller treibt und gleich zum Jahreswechsel zur Attacke bl&auml;st? Da macht es um Mitternacht Knall, Bumm, B&auml;ng, keiner ahnt etwas Schlimmes, und prompt kommt der Russe um die Ecke und br&uuml;llt: Syurpriz, &Uuml;berraschung! Dann w&auml;re es das gewesen mit gutem Rutsch und Prosit Neujahr. Stattdessen hie&szlig;e es f&uuml;r alle Ewigkeit &bdquo;S Novim Godom&ldquo; beziehungsweise &bdquo;&#1057; &#1085;&#1086;&#1074;&#1099;&#1084; &#1075;&#1086;&#1076;&#1086;&#1084;&ldquo;, und zum Katerfr&uuml;hst&uuml;ck g&auml;b&lsquo;s Wodka.<\/p><p><strong>Spenden f&uuml;r Rheinmetall<\/strong><\/p><p>So betrachtet, k&ouml;nnte ein B&ouml;llerverbot f&uuml;r Deutschland, &uuml;ber das wie jedes Jahr auch dieses Jahr viel diskutiert wurde, durchaus Sinn ergeben. Bei Mucksm&auml;uschenstille sind wir gefeiter gegen fiese &Uuml;bergriffe hybrider Moskauer Machart, also resilienter und voll auf der Hut. Und wir k&ouml;nnten das Gesparte in noch mehr echtes Kriegswerkzeug investieren, zum Beispiel an Rheinmetall spenden, von wegen Bomben statt B&ouml;ller und nicht l&auml;nger nur Brot. Dazu kommen noch die vielen guten Argumente der Feuerwerksver&auml;chter: die Feinstaubbelastung, die Tierqu&auml;lerei, der ganze M&uuml;ll, nicht zuletzt das menschliche Leid durch die vielen Unf&auml;lle. Zumal auch hier ans Vaterland zu denken ist: Wer sich leichtfertig per Chinakracher ausl&ouml;scht oder verst&uuml;mmelt, f&auml;llt an der Front aus. Gerade jugendlichem &Uuml;bermut sollten deshalb Grenzen gesetzt werden. Schlie&szlig;lich wird die Jugend noch gebraucht, als Kanonenfutter.<\/p><p>Sch&ouml;n ist, dass ausgerechnet die deutsche Polizei beim B&ouml;llerverbietenwollen mit bestem Beispiel vorangeht &ndash; zwecks Gefahrenabwehr eben, wie es ihre Mission ist. Im Internet hat ihre Gewerkschaft daf&uuml;r die <a href=\"https:\/\/innn.it\/boellerverbot\">&bdquo;gr&ouml;&szlig;te Petition Deutschlands&ldquo;<\/a> auf die Beine gestellt. 2,34 Millionen Unterst&uuml;tzer haben sich davor noch f&uuml;r kein &ouml;ffentliches Anliegen einspannen lassen. Zum Beispiel schaffte es das &bdquo;Manifest f&uuml;r Frieden&ldquo; von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer nicht einmal auf die H&auml;lfte. M&uuml;ssen die auch gleich so gro&szlig;e Br&ouml;tchen backen? Man kann doch auch im Kleinen wirken, vor der eigenen Haust&uuml;r sozusagen, wo vielleicht ja schon 2027 keine zerfetzten Knallfr&ouml;sche mehr wegzukehren sind. Das w&auml;re eine saubere Sache und machte den Dreck und das Leid im Rest der Welt gleich viel ansehnlicher.<\/p><p><strong>Das ganze reale Schlachtfeld<\/strong><\/p><p>Freilich geht es der Polizei auch um Selbstschutz, was vollstes Verst&auml;ndnis verdient. An Silvester geraten immer wieder und immer mehr Beamte in Uniform unter Beschuss durch irgendwelche Durchgeknallten, die die Wirklichkeit mit Videospielen der Sorte Battlefield, Counterstrike oder Call of Duty verwechseln. Die verkaufen sich bombig, gerade in kriegerischen Zeiten wie diesen, in denen sich Deutschland gegen die Despoten der Welt wappnen, bis an die Z&auml;hne bewaffnen und den Sozialstaat rupfen muss. Auch das alles Ehrensache und ein Gebot von Pflichterf&uuml;llung. Nur Kleingeister k&ouml;nnten versucht sein, hier Zusammenh&auml;nge zu konstruieren &ndash; etwa derart, dass die Politik die Verrohung der menschlichen Umgangsformen irgendwie vorleben w&uuml;rde. Wer das glaubt, kennt den Wertewesten aber schlecht beziehungsweise wird ihn noch kennenlernen.<\/p><p>Jedenfalls darf es nicht l&auml;nger angehen, dass ein paar wenige beim B&ouml;llern mit Gewaltt&auml;tigkeiten, Leichtsinn und Unvernunft aus der Reihe tanzen und dabei anderen ein schlechtes Vorbild sind. Ergo muss es allen verboten werden. So, wie in der Pandemie auch alle zu Hause eingesperrt, sp&auml;ter geimpft und alle, die nicht mitmachen wollten, gesellschaftlich ge&auml;chtet werden mussten. Und wenn wir schon mal dabei sind: Der Umgang mit Kindern in Deutschland ist auch schlecht, total verantwortungslos. Millionen leben in Armut, haben keine Bildungs- und Aufstiegschancen. Also verbieten wir doch einfach Kinder und Schulen und Universit&auml;ten. Dann kann sich auch kein Regierender mehr die Finger dabei verbrennen, eine irgendwie rationale, gerechte und menschliche Gesellschaft aufzubauen. Ohne Nachwuchs erledigt sich die Menschheit n&auml;mlich von selbst.<\/p><p><strong>Spalten und Spa&szlig;verderben?<\/strong><\/p><p>Zum Schluss ganz ohne Sarkasmus: Ein B&ouml;llerverbot ist ein nachvollziehbares Anliegen. Es gibt allerhand, was daf&uuml;r spricht, aber andererseits wahrscheinlich immer noch eine Mehrheit in der Bev&ouml;lkerung, die den Jahreswechsel gerne mit Feuerwerk feiert. Ihnen kurzerhand den Spa&szlig; zu verderben, d&uuml;rfte den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter schw&auml;chen, die Spaltung noch vertiefen. Mehr Sinn ergibt Handeln auf lokaler Ebene. Hier lassen sich das F&uuml;r und Wider eines Verbots b&uuml;rgern&auml;her verhandeln und leichter taugliche Kompromisse finden. F&uuml;r eine Reihe an Kommunen wurden bereits entsprechende Vereinbarungen getroffen. Per Bundesgesetz von oben herab zu dekretieren, ist dagegen das falsche Mittel der Wahl.<\/p><p>Zu fragen ist auch nach der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit. Es gibt so viele Probleme, die aktuell wichtiger erscheinen, gerade mit Blick auf die allgemeine Weltlage und die Rolle Deutschlands, das sich wie besessen der Mission &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; verschworen hat. Mithin begr&uuml;ndet genau das die gro&szlig;e Anziehungskraft der Bewegung f&uuml;r ein bundesweites B&ouml;llerverbot. Die Menschen sehnen sich nach Frieden und sind das allj&auml;hrliche &bdquo;Kriegsgedonner&ldquo; zu Silvester leid. In diesem Sinn w&auml;re ihr Engagement sogar ein Zeichen der Hoffnung, des immerhin inneren Widerstands gegen die Mobilmachung der Gesellschaft, aus dem vielleicht alsbald aktiver Widerstand erw&auml;chst. Man stelle sich vor: Keiner l&auml;sst sich vor den Karren der Kriegstreiber spannen. Und an Neujahr brennt nichts au&szlig;er Wunderkerzen.<\/p><p><small>Titelbild: Svetushkanchik\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/cd5f9312df3046c7adf8877f7b28c35b\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele B&uuml;rger wollen kein Feuerwerk mehr an Silvester. Sie machen Tier- und Umweltschutz geltend sowie Sorgen vor Unf&auml;llen und Gewaltt&auml;tigkeiten. Das sind alles sch&ouml;ne Anliegen, die allerdings im Licht einer Welt unter Feuer und Regierender im Aufr&uuml;stungswahn ziemlich kleinteilig anmuten. 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