{"id":143798,"date":"2025-12-24T12:00:38","date_gmt":"2025-12-24T11:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143798"},"modified":"2025-12-23T15:55:50","modified_gmt":"2025-12-23T14:55:50","slug":"als-der-weihnachtsmann-noch-vom-himmel-kam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143798","title":{"rendered":"Als der Weihnachtsmann noch vom Himmel kam"},"content":{"rendered":"<p>Damals war ich f&uuml;nf Jahre alt und glaubte, wenn auch mit leichter Skepsis, noch an den Weihnachtsmann. Das ist mir ziemlich deutlich in Erinnerung. Es war kurz nach dem Krieg, und wir lebten seit der Vertreibung aus unserer Heimat in einer Baracke in einem Fl&uuml;chtlingslager. Anfang Dezember war es sehr kalt geworden, es begann heftig zu schneien, und wir sa&szlig;en oft vor dem Ofen, der die Stube nur notd&uuml;rftig erw&auml;rmte. Eine Nachkriegs-Weihnachtsgeschichte von <strong>Wolfgang Bittner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8740\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-143798-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251223_Als_der_Weihnachtsmann_noch_vom_Himmel_kam_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251223_Als_der_Weihnachtsmann_noch_vom_Himmel_kam_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251223_Als_der_Weihnachtsmann_noch_vom_Himmel_kam_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251223_Als_der_Weihnachtsmann_noch_vom_Himmel_kam_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=143798-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251223_Als_der_Weihnachtsmann_noch_vom_Himmel_kam_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251223_Als_der_Weihnachtsmann_noch_vom_Himmel_kam_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als Weihnachten immer n&auml;her r&uuml;ckte, wurde meine Mutter von Tag zu Tag verzweifelter. Denn es gab kaum zu essen und die K&auml;lte machte uns mehr und mehr zu schaffen, weil es an Heizmaterial fehlte. Der bescheidene Vorrat an Holz und Torf schmolz dahin und Nachschub war nicht in Sicht.<\/p><p>Da war es einige Tage vor Weihnachten mit der Beherrschung meiner Mutter vorbei, sie brach in Tr&auml;nen aus und mein Vater konnte sie kaum beruhigen. &bdquo;Wie k&ouml;nnen wir denn unter diesen Bedingungen Weihnachten feiern?&ldquo;, schluchzte sie. &bdquo;Ich habe nichts zu kochen, zu braten schon gar nicht, und schenken k&ouml;nnen wir uns auch nichts.&ldquo;<\/p><p>Mein Vater nahm sie in den Arm. &bdquo;Hab Vertrauen, wir werden schon einen Weg finden&ldquo;, versuchte er, sie zu tr&ouml;sten. &bdquo;Im vergangenen Jahr ist es uns doch auch gelungen. Hatten wir nicht einen richtigen Festtagsbraten? Gab es nicht sogar ein paar sch&ouml;ne Geschenke?&ldquo;<\/p><p>Nachdem sich die Situation entspannt hatte, f&uuml;gte er noch hinzu: &bdquo;Ich werde mich k&uuml;mmern, das verspreche ich euch.&ldquo; Er schien sich bereits etwas &uuml;berlegt zu haben, jedenfalls war er optimistisch.<\/p><p>Ich vertraute meinem Vater und verstand nicht, warum meine Mutter sich sorgte. War denn nicht im Jahr zuvor der Weihnachtsmann zu uns gekommen und hatte einen Kaninchenbraten gebracht, f&uuml;r mich Schokolade, N&uuml;sse und einen sch&ouml;nen warmen Pullover? Jetzt war ich gespannt, was er uns diesmal bringen w&uuml;rde. Das sagte ich meiner Mutter, merkte aber, dass meine Erwartungen sie noch mehr bedr&uuml;ckten.<\/p><p>Was hatte ich falsch gemacht? W&uuml;rde der Weihnachtsmann in diesem Jahr etwa gar nicht kommen? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Er kam doch vom Himmel, der Krieg war seit mehr als einem Jahr vorbei, was also sollte ihn daran hindern, artige Kinder zu beschenken? Und artig war ich immer gewesen &ndash; jedenfalls hatte ich mir, soweit ich wusste, M&uuml;he gegeben.<\/p><p>Dann war der 24. Dezember herangekommen, mein Vater hatte mit Onkel Max, der nebenan wohnte, einen Tannenbaum &bdquo;organisiert&ldquo;, wie sie es nannten, also nachts heimlich aus dem nahen Wald geholt. Am Nachmittag wurde der Baum mit Lametta und etwas Watteflocken, die Schnee darstellen sollten, geschm&uuml;ckt. Das Lametta stammte aus dem Silberpapier von Zigarettenschachteln, die Watte aus einem Verbandsp&auml;ckchen. Au&szlig;erdem hatte meine Mutter in der Bratpfanne ein paar Grie&szlig;pl&auml;tzchen gebacken, die wir ebenfalls in den Baum h&auml;ngten. Mit einigen Kerzen, die Onkel Max besorgt hatte, sah er wirklich festlich aus. Darunter war Platz f&uuml;r etwaige Geschenke.<\/p><p>Nachdem es dunkel geworden war, gab es endlich das Abendbrot. Onkel Max war eingeladen, denn er hatte dazu beigetragen. Wir waren zwar nicht verwandt, er war ein Kriegskamerad und Freund meines Vaters, aber ich durfte ihn Onkel nennen. Als Soldat war er bei der Luftwaffe gewesen, und er trug noch immer eine dunkelblau eingef&auml;rbte Uniform, dazu blankgewichste schwarze Halbschuhe. Im Krieg hatte er seine ganze Familie verloren, jetzt lebte er allein in einem Zimmer der Baracke, und an manchen Tagen arbeitete er als Dolmetscher in der englischen Kommandantur. Dort hatte er sich mit einer Sekret&auml;rin angefreundet, die ihm hin und wieder Wei&szlig;brot, Corned Beef oder sogar Schokolade schenkte, wovon er uns abgab. Sein Motto war: Es kann nur besser werden.<\/p><p>Diesmal hatte Onkel Max ein gro&szlig;es Glas Orangenmarmelade mitgebracht, die wir uns auf ger&ouml;steten Brotschnitten schmecken lie&szlig;en. Allerdings blieb Onkel Max nicht lange; er habe noch eine Verabredung&ldquo;, sagte er und zwinkerte mir zu. &bdquo;Ich bin aber bald zur&uuml;ck, muss doch dabei sein, wenn der Weihnachtsmann die Geschenke bringt.&ldquo;<\/p><p>Nach dem Abendessen z&uuml;ndete mein Vater die Kerzen am Weihnachtsbaum an, w&auml;hrend ich schon hoffnungsfroh dem Weihnachtsmann entgegenfieberte. Tats&auml;chlich, er lie&szlig; nicht lange auf sich warten. Es klopfte an der T&uuml;r, und als ich rasch &ouml;ffnete, stand er da, wei&szlig;b&auml;rtig in einem langen roten Mantel und mit einer Zipfelm&uuml;tze. Mit sich schleppte er einen ziemlich gro&szlig;en sperrigen Sack, den er vor den Weihnachtsbaum stellte. &bdquo;Den darfst Du auspacken&ldquo;, sagte er mit tiefer Stimme an mich gewandt.<\/p><p>Das war es, worauf ich mich gefreut hatte, der Weihnachtsmann hatte uns nicht vergessen. Schnell kn&uuml;pfte ich den Sack auf, und was da als erstes zum Vorschein kam, verschlug mir fast den Atem: Es war ein wundersch&ouml;ner h&ouml;lzerner Schlitten.<\/p><p>Am liebsten w&auml;re ich sofort nach drau&szlig;en zum Schlittenfahren gelaufen. Doch der Weihnachtsmann hielt mich zur&uuml;ck. &bdquo;Da ist noch mehr in dem Sack, schau mal nach&ldquo;, sagte er. Ich griff tief hinein und holte ein f&uuml;r meine Eltern bestimmtes dickes P&auml;ckchen heraus. Als sie es auspackten, waren sie erst einmal sprachlos, denn es war das ungew&ouml;hnlichste Weihnachtsgeschenk, das man sich vorstellen konnte. Dann rief meine Mutter: &bdquo;Ein Karpfen! Und ich war schon ganz verzweifelt, weil wir f&uuml;r morgen nichts Festliches zu essen hatten.&ldquo;<\/p><p>Die &Uuml;berraschung war gelungen, die Freude riesengro&szlig;. Nun konnte der Heilige Abend beginnen. Und kaum hatte sich der Weihnachtsmann verabschiedet, als Onkel Max zur&uuml;ckkam. Er brachte eine Flasche Wein mit und f&uuml;r mich eine kostbare Tafel Schokolade. Wir sangen die alten Lieder und feierten das Weihnachtsfest.<\/p><p>Sp&auml;ter gingen die Eltern mit Onkel Max noch zur Mitternachtsmesse in die Kirche. Da lag ich schon im Bett, aber ich konnte nicht gleich einschlafen. Mir wollte nicht aus dem Kopf gehen, dass der Weihnachtsmann genau so blankgewichste schwarze Schuhe wie Onkel Max angehabt hatte.<\/p><p><em>Der Schriftsteller und Publizist <strong>Wolfgang Bittner<\/strong> ist Autor zahlreicher B&uuml;cher, darunter der Roman &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo;, Verlag zeitgeist 2019. Siehe auch <a href=\"https:\/\/wolfgangbittner.de\">wolfgangbittner.de<\/a><\/em><\/p><p><small>Titelbild: WPJ3\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Damals war ich f&uuml;nf Jahre alt und glaubte, wenn auch mit leichter Skepsis, noch an den Weihnachtsmann. Das ist mir ziemlich deutlich in Erinnerung. 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