{"id":1439,"date":"2006-07-24T11:20:18","date_gmt":"2006-07-24T09:20:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1439"},"modified":"2016-02-01T11:55:45","modified_gmt":"2016-02-01T10:55:45","slug":"auszug-aus-machtwahn-seite-281-ff-zu-den-grunden-der-privatisierung-und-zum-handel-mit-vermogenswerten-statt-wertschopfung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1439","title":{"rendered":"Auszug aus \u201eMachtwahn\u201c Seite 281 ff zu den Gr\u00fcnden der Privatisierung und zum \u201eHandel mit Verm\u00f6genswerten statt Wertsch\u00f6pfung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Privatisierung &ouml;ffentlicher Unternehmen und Einrichtungen ist eine der lukrativsten M&ouml;glichkeiten, schnell viel Geld zu verdienen. Deshalb ist der Druck auf die Gemeinden, die St&auml;dte und Kreise besonders gro&szlig;. Die Kommunen, wie auch Bund und L&auml;nder, sind empf&auml;nglich f&uuml;r solche Aktionen, weil sie scheinbar die &ouml;ffentlichen Haushalte entlasten und dabei helfen, Schulden abzubauen oder sie zumindest nicht zu erh&ouml;hen. (Zu den dabei gemachten Denkfehlern siehe S. 115 ff.) Verdient wird schon an der Transaktion, und verdienen werden in der Regel die neuen Eigent&uuml;mer. Meist sind die Vertr&auml;ge zur Privatisierung oder Teilprivatisierung &ouml;ffentlicher Einrichtungen nicht &ouml;ffentlich, und die sogenannten Transaktionskosten werden schon gar nicht offengelegt. Wenn sie von den &uuml;bernehmenden Unternehmen bezahlt werden, hat die &Ouml;ffentlichkeit kaum Einblick.<br>\n<!--more--><br>\nMan ist in den meisten F&auml;llen auf Sch&auml;tzungen angewiesen. Das ist eigentlich ein &ouml;ffentliches &Auml;rgernis: Im Fall der beabsichtigten Privatisierung der Braunschweiger Stadtentw&auml;sserung werden Transaktionskosten von 3,4 Millionen Euro genannt. Im Fall der Teilprivatisierung der Berliner Wasserversorgung sch&auml;tzt ein damit befasster Beobachter die Transaktionskosten auf 40 bis 50 Millionen Euro. Selbst wenn es nur die H&auml;lfte w&auml;re, ist das ein sehr hoher Betrag alleine f&uuml;r den Vorgang der Umwandlung. Damit ist noch nichts getan. Diese Betr&auml;ge gehen f&uuml;r Unternehmensberatungen, f&uuml;r Rechtsberatung durch Anwaltskanzleien, f&uuml;r Steuerberater, Wirtschaftspr&uuml;fer, Versicherungen, Immobilienberater, PR-Firmen und f&uuml;r die Vermittlung drauf.<\/p><p>Die Vertr&auml;ge sind in vielen F&auml;llen so gestaltet, dass die neuen privaten Besitzer eine Renditegarantie erhalten und oft auch an der Finanzierung verdienen; die Leidtragenden sind die Geb&uuml;hrenzahler. Die Wasserverbraucher in Berlin mussten schon kr&auml;ftige Preiserh&ouml;hungen hinnehmen.<\/p><p><strong>Handel mit Verm&ouml;genswerten statt Wertsch&ouml;pfung<\/strong><\/p><p>Unsere Spitzeneliten in der Wirtschaft konzentrieren seit einiger Zeit ihre Kraft nicht auf Wertsch&ouml;pfung, sondern auf den Handel mit Verm&ouml;genswerten. Denn dort wird am meisten verdient. Dort hat zum Beispiel auch die Deutsche Bank ihre gr&ouml;&szlig;ten Gewinne im Jahr 2005 gemacht: im Handelsgesch&auml;ft und bei den Provisionen.<\/p><p>Deshalb gilt: Man kann die politische Willensbildung und die daraus folgenden Entscheidungen in vielen F&auml;llen nur begreifen, wenn man untersucht, ob dahinter Interessen an gro&szlig;en Verm&ouml;gensdispositionen und -gewinnen stecken. Denn die wirklich gro&szlig;en Gewinne werden beim Kauf, beim Besitz und Verkauf von Verm&ouml;genswerten erzielt.<\/p><p>Typische Beispiele:<\/p><ul>\n<li>Ein Investor kauft die Aktienpakete, zum Beispiel der MTU, der Autoteile-Kette ATU, der Familie Grohe etc., und verscherbelt diese weiter.<\/li>\n<li>Unternehmen werden aufgeteilt, umgegr&uuml;ndet, mit anderen fusioniert. Ein Opfer eines solchen Vorgangs war die fr&uuml;here Hoechst AG.<\/li>\n<li>Investoren kaufen Stadtwerke, Wasserwerke, Autobahnen etc., machen Gewinne dank Absicherung durch die Steuerzahler und verkaufen Teile (m&ouml;glicherweise) gewinnbringend weiter.<\/li>\n<li>Die westdeutschen Banken kaufen die ostdeutschen Banken weit unter dem realen Preis und gewinnen dank g&uuml;nstiger Absicherung durch den Staat und durch Ausbeutung der erworbenen Forderungen Hunderte von Millionen (siehe S. 81 ff.). Unternehmen werden an die B&ouml;rse gebracht.<\/li>\n<\/ul><p>In allen diesen und vielen verwandten F&auml;llen werden die gro&szlig;en Gewinne erleichtert und manchmal auch erst m&ouml;glich durch &shy;politische Entscheidungen. So zum Beispiel durch<\/p><ul>\n<li>die Befreiung der Gewinne bei Ver&auml;u&szlig;erung von Unternehmen und Unternehmensteilen seit 1.1.2002 und<\/li>\n<li>die Beibehaltung dieses Privilegs auch nach dem Koalitionsvertrag der gro&szlig;en Koalition (obwohl die CDU im Entwurf &shy;ihres Regierungsprogramms noch die Abschaffung der Steuerbefreiung avisiert hatte &ndash; da ist wohl jemand dazwischengegr&auml;tscht),<\/li>\n<li>das Verscherbeln der ostdeutschen Banken an die westdeutschen Institute,<\/li>\n<li>die neuen Regeln f&uuml;r &Ouml;PP\/PPP (Privat-Public Partnership) und damit ihre Erleichterung,<\/li>\n<li>alle Ma&szlig;nahmen, die die Privatvorsorge f&ouml;rdern und das Vertrauen in die gesetzliche Rente weiter der Erosion preisgeben, konkret: durch Nullrunden bei den Renten und die Drohung mit dem sogenannten Nachholfaktor, wonach die Renten noch st&auml;rker von der Einkommensentwicklung abgekoppelt werden sollen.<\/li>\n<\/ul><p>Gewinner dieser &raquo;Asset-Wirtschaft&laquo; &ndash; des Handels mit Verm&ouml;genswerten &ndash; ist ein m&auml;chtiger Kreis von Finanzunternehmen und reichen privaten Verm&ouml;gensbesitzern: die Banken und an&shy;dere Akteure des Kapitalmarkts &ndash; also Investmentbanker, Broker, B&ouml;rsen etc. &ndash;, die Versicherungsunternehmen sowie, besonders wichtig, Anwaltskanzleien, Beratungsunternehmen, PR- und Werbefirmen. &raquo;Auf Investmentbanker regnet es in diesen Wochen Millionen &ndash; weil die Gesch&auml;fte gl&auml;nzend liefen&laquo;, berichtete die S&uuml;ddeutsche Zeitung am 13. Januar 2006 in einem Beitrag &uuml;ber die &uuml;ppigen Pr&auml;mien, die nach dem Aktienboom des Jahres 2005, vielen Neuemissionen an den B&ouml;rsen, einem Karussell von &Uuml;bernahmen und Kapitalumschichtungen f&auml;llig werden. Die Beh&ouml;rden von New York sch&auml;tzen, dass dort 18 Milliarden Euro an Pr&auml;mien ausgesch&uuml;ttet werden. Milliarden, nicht Millionen! In London, so berichtet die S&uuml;ddeutsche, k&ouml;nnen vermutlich dreitausend Investmentbanker damit rechnen, dass sie aufgrund der Pr&auml;mien von ungef&auml;hr 1,5 Millionen Euro (wohlgemerkt: pro Person!) f&uuml;r den Rest ihres Lebens ausgesorgt haben.<\/p><p>Beim Verkauf von Verm&ouml;genswerten entstehen in der Regel keine Werte. Alle diese Gewinne basieren im Kern nicht auf einer Wertsch&ouml;pfung durch die Produktion von Waren und Dienst&shy;leistungen, zumindest werden die dahintersteckenden Vorg&auml;nge dieser wertsch&ouml;pfenden Art den kleineren Teil ausmachen. Alles andere sind Ergebnisse von Spekulationen, von einer Neuordnung zu Lasten von Kleinaktion&auml;ren und Arbeitnehmern und zu Lasten des Fiskus.<\/p><p>Da diese Gewinne eine v&ouml;llig andere Dimension haben als die Gewinne normaler Wertsch&ouml;pfung im Produktions- und Dienstleistungsbereich, sind auch die M&ouml;glichkeiten, mit finanziellen Zuwendungen und anderen Formen der Unterst&uuml;tzung n&uuml;tzliche politische Entscheidungen zu erreichen, &uuml;berdimensional gro&szlig;. Ein paar Millionen f&uuml;r sogenannte Handling Fees sind bei Mil&shy;liardentransaktionen nur noch tausendstel Prozentpunkte. Da kann man ruhig schon mal den wirtschaftspolitischen Sprechern der Bundestagsfraktionen einen Beratervertrag anbieten, der ihre Abgeordneten-Di&auml;t um ein Mehrfaches &uuml;bersteigt. Da kann man ruhig schon mal einen Empfang von Ministerien oder von Fraktionen sponsern, und da kann man auch ruhig mal einige hunderttausend Euro Spenden lockermachen. Das sind Peanuts angesichts der Betr&auml;ge, um die es da geht. Auch wenn die Betrof&shy;fenen sagen, sie h&auml;tten sich von solchen Zuwendungen in ihrer politischen Meinungsbildung nie beeinflussen lassen, muss man nach aller Lebenserfahrung davon ausgehen, dass sie nie etwas gegen die Interessen ihrer Geldgeber unternommen h&auml;tten, sondern sie, so gut es geht, unterst&uuml;tzen. Und das vielleicht noch guten Gewissens, weil man ja schon immer dieser Meinung war.<\/p><p>Man darf davon ausgehen, dass die Willensbildung einzelner Parteien auf einschl&auml;gigen Feldern weitgehend schon von diesen Verm&ouml;gens-Gewinn-Interessen gepr&auml;gt ist. Weite Teile unserer Eliten in den Topetagen sind davon ber&uuml;hrt.<\/p><p>Auch andere Folgen dieser besonderen St&auml;rke der Verm&ouml;genslobby sind absehbar: Es werden unn&ouml;tig viele und auch qua&shy;lifizierte Ressourcen auf diesen Bereich konzentriert, es unterbleiben wichtige Rahmensetzungen gegen einen &ouml;konomisch unvern&uuml;nftigen Ausverkauf. Im Zuge der st&auml;ndigen Verm&ouml;gensdispositionen, Umgr&uuml;ndungen und &Uuml;bernahmen kommt es typischerweise auch zu Repressionen gegen die Arbeitnehmerschaft. Die Arbeitnehmer m&uuml;ssen durch Stress und Rationalisierung, durch Einkommensverzicht und Mehrarbeit letztlich die Gewinne bei Verm&ouml;genstransfers, und damit auch die Pr&auml;mien der Investmentbanker, schaffen.<\/p><p>Diese Art von Kapitalmarkt ist wie ein Klotz am Bein unserer Volkswirtschaft. Dort wird zwar &ndash; betriebswirtschaftlich gesehen &ndash; viel verdient, volkswirtschaftlich betrachtet sind diese &shy;Gesch&auml;fte aber eine Vergeudung von Ressourcen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Privatisierung &ouml;ffentlicher Unternehmen und Einrichtungen ist eine der lukrativsten M&ouml;glichkeiten, schnell viel Geld zu verdienen. Deshalb ist der Druck auf die Gemeinden, die St&auml;dte und Kreise besonders gro&szlig;. 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