{"id":144,"date":"2004-10-29T16:14:19","date_gmt":"2004-10-29T15:14:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=144"},"modified":"2016-03-24T11:16:30","modified_gmt":"2016-03-24T10:16:30","slug":"die-cdu-verscharft-ihren-neoliberalen-reformkurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144","title":{"rendered":"Die CDU versch\u00e4rft ihren neoliberalen Reformkurs"},"content":{"rendered":"<p>Die Analyse eines Lesers der NachDenkSeiten.<br>\n<!--more--><br>\nHinter der aktuellen Kontroverse der Unionsparteien &uuml;ber die &bdquo;K-Frage&ldquo; und eine neue Krankenversicherung &agrave; la Kopfpauschale verschwimmt derzeit, dass die CDU-F&uuml;hrung ihr neoliberales Reformprogramm insgesamt deutlich versch&auml;rfen will.\t<\/p><p>Mit ihrem vom Bundesvorstand verabschiedeten 78seitigen Leitantrag f&uuml;r den n&auml;chsten Bundesparteitag am 6.\/7.12.2004 in D&uuml;sseldorf mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.cdu.de\/doc\/pdf\/10_04_04_leitantrag_wachstum.pdf\" title=\"Externer Link [PDF - 364 KB] zu http:\/\/www.cdu.de\/doc\/pdf\/10_04_04_leitantrag_wachstum.pdf\">&bdquo;Wachstum &ndash; Arbeit -Wohlstand. Wachstumsstrategien f&uuml;r die Wissensgesellschaft&ldquo; [PDF &ndash; 364 KB]<\/a>, der eine Art Blaupause f&uuml;r ein Regierungsprogramm der Union darstellt, erhebt die CDU den Anspruch, &bdquo;Reformkonzepte&ldquo; zur Schaffung von Wachstum, Arbeit und Wohlstand vorzulegen. <\/p><p>So zutreffend manche Befunde und so anerkennenswert die Zielsetzungen sind &ndash; die &Uuml;berwindung der Wachstumsschw&auml;che unserer Volkswirtschaft und der hohen Arbeitslosigkeit sollen in den Mittelpunkt aller wirtschaftspolitischen &Uuml;berlegungen gestellt werden -, so zweifelhaft bis gef&auml;hrlich einseitig sind die im Leitantrag enthaltenen Diagnosen und Therapieans&auml;tze. Wo immer es konkreter wird, setzt die CDU n&auml;mlich fast ausschlie&szlig;lich und damit noch merklich st&auml;rker als fr&uuml;her auf die Konzepte der Angebots&ouml;konomie. Ganz im neoliberalen Geiste sucht sie das wirtschaftspolitische Heil in der Senkung der Arbeitskosten (zzgl. weiterer Strukturreformen am Arbeitsmarkt wie Verl&auml;ngerung der Arbeitszeiten, Einschr&auml;nkung der Tarifautonomie, zus&auml;tzliche Lockerungen des K&uuml;ndigungsschutzes und Etablierung eines Niedriglohnsektors auch f&uuml;r Vollerwerbsarbeitspl&auml;tze), in forcierter Deregulierung und Entstaatlichung sowie ausdr&uuml;cklich in der F&ouml;rderung von Eliten. Hierbei allerdings wie auch bei Forschungs- und Verkehrsinvestitionen wird dem Staat eine st&auml;rkere Rolle als bisher einger&auml;umt (ohne das jedoch mit wirklich belastbaren Finanzierungsvorschl&auml;gen zu verkn&uuml;pfen). <\/p><p>Geht man die 78 Seiten des Leitantrags vollst&auml;ndig durch, finden sich nahezu alle der in Albrecht M&uuml;llers Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; kritisch aufgearbeiteten Reformmythen und -legenden in den &bdquo;Wachstumsstrategien&ldquo; der Union wieder. Indes, die CDU-Spitze glaubt anscheinend fest daran und beschw&ouml;rt die typischen Leits&auml;tze bisweilen w&ouml;rtlich (siehe z.B. das Motto auf S. 29ff.: &bdquo;Sozial ist, was Besch&auml;ftigung schafft&ldquo;). <\/p><p>Der Agenda 2010-Reformkurs der Bundesregierung wird von den &bdquo;Wachstumsstrategien&ldquo; der CDU z.T. so radikal zu &uuml;berholen versucht, dass ihr die SPD bereits &ndash; insoweit mit Berechtigung &ndash; nicht nur &bdquo;Ideenklau&ldquo;, sondern auch &bdquo;Sozialabbau&ldquo; und &bdquo;Verantwortungslosigkeit&ldquo; unter &bdquo;Verlust gesamtwirtschaftlichen Denkens&ldquo; zum Vorwurf machen kann. <\/p><p>Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht frappierend sind aber nicht nur die eindeutige soziale Schieflage der CDU-Konzepte und die v&ouml;llig einseitige Betonung der Angebotsfaktoren (und -interessen). Fast noch bedenklicher erscheint das Ignorieren und teilweise sogar Tabuisieren zentraler makro&ouml;konomischer Problemlagen:<\/p><ul>\n<li>So werden die Kosten der deutschen Einheit von Fr. Merkel &amp; Co. als Problem einfach wegdefiniert: &bdquo;Die Umwandlung der sozialistischen Planwirtschaft in die Soziale Marktwirtschaft in den neuen Bundesl&auml;ndern kann nicht ernsthaft als Ursache der Wachstumsschw&auml;che in Deutschland gelten&ldquo; (S. 5) Im weiteren hei&szlig;t es, dass sich auch ohne Wiedervereinigung die alte Bundesrepublik h&auml;tte reformieren m&uuml;ssen und dass den Transfers in die neuen L&auml;nder ja die Vorteile f&uuml;r den Westen aus den zus&auml;tzlichen Absatzm&ouml;glichkeiten im Osten gegenzurechnen seien. &ndash; Das ist alles zu dieser fundamentalen Frage; kaum zu glauben, wie einfach es sich die CDU macht und eine derartige national&ouml;konomische Milchm&auml;dchenrechnung dazu pr&auml;sentiert.<\/li>\n<li>Die unzureichende Binnennachfrage als Hauptursache der anhaltenden Wachstumsschw&auml;che in Deutschland sowie die M&ouml;glichkeit fiskalpolitischer Stimuli zu ihrer Belebung werden einfach ausgeblendet, d.h. gar nicht erst untersucht. Selbst ihre eigenen Vorschl&auml;ge zur Steuerreform verkauft die CDU nur unter dem Etikett Steuervereinfachung, nicht aber als Steuersenkungen zur Konjunkturbelebung. Das ist insofern folgerichtig, als von vorneherein aus ideologischer Blockade jegliches antizyklisches Deficit Spending als &bdquo;Wohlstand auf Pump&ldquo; diskreditiert (S. 13) und eine strikt auf Haushaltsausgleich gerichtete Finanzpolitik &bdquo;wieder nach den Grunds&auml;tzen des Vertrages von Maastricht&ldquo; eingefordert (S. 65). Eine konjunkturelle Verantwortung und Steuerungsaufgabe der Wirtschaftspolitik wird ohne Erl&auml;uterung zur&uuml;ckgewiesen: &bdquo;Wirtschaftspolitik ist nicht in erster Linie der Konjunktur verpflichtet, sondern einem mittel- bis langfristigen Wachstumspfad&ldquo;. (S. 11) &ndash; Wie man allerdings ohne bessere Konjunktur bzw. eine aktive wirtschaftspolitische Bek&auml;mpfung von Rezessionen zu einem h&ouml;heren Wachstumspfad kommen kann, der zudem besch&auml;ftigungswirksam sein soll, bleibt das unerkl&auml;rbare Geheimnis der CDU (und ihrer neoliberalen &ouml;konomischen Berater).<\/li>\n<li>&Uuml;berhaupt nicht behandelt werden auf den 78 Seiten voller Vorschl&auml;ge f&uuml;r &ldquo;Strukturreformen&rdquo; die Strukturprobleme der Geld- und Kapitalm&auml;rkte. Ebenso wenig analysiert werden die internationalen W&auml;hrungsrelationen und das Problem der hohen Realzinsen und Zinsnachteile, die Deutschland seit Etablierung der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion innerhalb von Euroland zu tragen hat. Wie ist gerade dieses anders zu erkl&auml;ren, als dass wie bei den Folgelasten der deutschen Einheit auch hier schwerwiegende wirtschaftspolitische Managementfehler der damaligen CDU-gef&uuml;hrten Bundesregierung schlicht verschwiegen werden sollen? Dabei verspricht die CDU mit dem vorliegenden Programm &ldquo;die derzeitige Lage ehrlich und n&uuml;chtern zu analysieren&rdquo; (S. 4).<\/li>\n<li>Trotz vieler Verweise auf die Herausforderungen der Globalisierung, die angeblich &ldquo;von v&ouml;llig neuer Qualit&auml;t&rdquo; (S. 2) sind, findet sich im Leitantrag der CDU auch nicht ein einziger Hinweis auf die gro&szlig;e Abh&auml;ngigkeit unserer Volkswirtschaft von den Entwicklungen auf den globalen Rohstoff- und Energiem&auml;rkten. Dass allein die anhaltende Explosion der Roh&ouml;lpreise (auf inzwischen &uuml;ber 50 $\/b) weltweit die Wachstumsperspektiven tr&uuml;bt und die Rohstoffpreise allenthalben steigen, scheint trotz der dramatischen Auswirkungen, die zwei &Ouml;lpreiskrisen auch in Deutschland hatten, f&uuml;r die Wachstumsstrategen der Union kein Thema zu sein. So etwas kommt in ihrer marktgl&auml;ubigen Rezeptur eben gar nicht vor oder es wird als &ldquo;Angebotschock&rdquo; verbucht, gegen den man sowieso nichts machen k&ouml;nne. Speziell zur Energievorsorge fordert die CDU konkret &uuml;brigens nur die weitere Nutzung der Kernenergie &ndash; als ob Atomstrom Heiz&ouml;l und Benzin ersetzen k&ouml;nnte, von allen Umweltrisiken ganz abgesehen.<\/li>\n<\/ul><p>Frei nach Heinrich Heine gesprochen, muss ein nicht parteigebundener &Ouml;konomen das Fazit ziehen:<\/p><blockquote><p>\nDenk ich an solche &ldquo;Reformkonzepte&rdquo; f&uuml;r Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht!\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Analyse eines Lesers der NachDenkSeiten.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,192,30],"tags":[290,233,312,402],"class_list":["post-144","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-cducsu","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-marktliberalismus","tag-reformpolitik","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=144"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32474,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144\/revisions\/32474"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}