{"id":14401,"date":"2012-09-10T17:06:12","date_gmt":"2012-09-10T15:06:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14401"},"modified":"2015-04-28T09:21:17","modified_gmt":"2015-04-28T07:21:17","slug":"wachstumswahn-wachstumszwang-postwachstumsgesellschaft-eine-irrelevante-und-in-die-irre-leitende-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14401","title":{"rendered":"\u201eWachstumswahn, Wachstumszwang, Postwachstumsgesellschaft \u2013 eine irrelevante und in die Irre leitende Debatte\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Am <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14219\">21. August<\/a> hatten wir auf den Hambacher Disput zu &bdquo;Wachstum 2.0&ldquo; mit Angelika Zahrnt contra Albrecht M&uuml;ller und Meinhard Miegel contra Heiner Flassbeck hingewiesen. Die Veranstaltung auf dem seit 1832 als Ort demokratischen Streits ber&uuml;hmten Hambacher Schloss fand &ndash; auch dank des Interesses von Leserinnen und Lesern der NachDenkSeiten &ndash; reges Interesse. Es folgt unten mein Beitrag im Disput mit Angelika Zahrnt, der Ehrenvorsitzenden des BUND. &ndash; Nachwirkender Gesamteindruck: Es ist bemerkenswert, in welch weitem Ma&szlig;e es dem Neoliberalen Meinhard Miegel gelungen ist, sich und seiner Partei, der Union, ein gr&uuml;nes und fortschrittliches M&auml;ntelchen umzuh&auml;ngen. Beim Hambacher Disput fand das seinen augenf&auml;lligen Niederschlag in der sichtbaren Verbr&uuml;derung (&bdquo;Verschwisterung&ldquo;) der BUND-Ehrenvorsitzenden und einer anwesenden Landtagsabgeordneten der Gr&uuml;nen mit Meinhard Miegel. Auf diesen erstaunlichen PR Erfolg Miegels und der Union <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9169\">hatte ich im April 2011<\/a> schon einmal hingewiesen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Beitrag von Albrecht M&uuml;ller zum Thema:<\/strong><\/p><p><strong>&bdquo;Wachstumswahn, Wachstumszwang, Postwachstumsgesellschaft &ndash; eine irrelevante und in die Irre leitende Debatte&ldquo;<\/strong><br>\n(Eine etwas erweiterte Fassung)<\/p><p>Die Welt um uns herum brennt. Die Arbeitslosigkeit in Spanien liegt im Mai 2012 bei 24,6 %. Jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos, im Mai 2012 52,1%; <\/p><p>In Griechenland ist die wirtschaftliche und soziale Lage noch dramatischer; auch in Irland, in Portugal, in Italien geht es bergab. Die zweite Weltwirtschaftskrise steht vor der T&uuml;r; sie wird auch Deutschland nicht verschonen.<br>\nUnd wir treffen uns auf Schloss Hambach, da, wo sich Menschen vor 180 Jahren versammelt haben, weil ihnen die wirklichen, schlimmen Verh&auml;ltnisse auf den N&auml;geln brannten. Wir hingegen disputieren &uuml;ber die &bdquo;Postwachstumsgesellschaft&ldquo;.<br>\nHaben wir keine anderen Probleme? Ich k&ouml;nnte &ndash; polemisch klingend, aber faktisch berechtigt &ndash; hinzuf&uuml;gen: die &bdquo;Postwachstumsgesellschaft&ldquo; haben wir schon. Die erw&auml;hnten L&auml;nder haben den &bdquo;Wachstumswahn&ldquo; und den &bdquo;Wachstumszwang&ldquo; schon &uuml;berwunden. Sie schrumpfen und kommen damit den W&uuml;nschen der Wachstumskritiker  nach. Griechenland ist besonders erfolgreich und schon neun Quartale nacheinander auf Schrumpfkurs. Das Bruttoinlandsprodukt liegt dort heute 17,5 % unter dem Wert des zweiten Quartals 2008.<br>\nErfolgreich auf Schrumpfkurs ist auch Spanien; insbesondere bei den Arbeitnehmereinkommen geht es steil bergab: Minus 5,77% zum Vorjahresquartal. <\/p><p><strong>Europa auf Schrumpfkurs! Wunderbar!<\/strong><\/p><p>Es f&auml;llt schwer, die Wachstumskritiker ernst zu nehmen. Ich will das dennoch versuchen und merke deshalb artig an: Es ist gut, dass die Landeszentrale f&uuml;r Politische Bildung des Landes Rheinland-Pfalz zum Disput &uuml;ber dieses Thema eingeladen hat. Man kann damit die Hoffnung verbinden, dass dies hilft, die Wachstumsdebatte zu beenden, und dass damit endlich der unendliche Gebrauch von Schlagworten und zusammengef&uuml;gten und gef&uuml;hlsm&auml;&szlig;ig aufgeladenen Begriffskonstruktionen versiegt. <\/p><p>Meine Anmerkungen zum Thema habe ich in zehn Beobachtungen gepackt:<\/p><ol>\n<li><strong>Erste Beobachtung: Es ist richtig und &uuml;beraus wichtig, auf einen schonenden Umgang mit den knappen Ressourcen zu pochen, das Bewusstsein daf&uuml;r zu sch&auml;rfen und die notwendigen politischen Entscheidungen zu erzwingen.<\/strong>\n<p>Wenn die Wachstumskritiker warnen, wir w&uuml;rden unseren Globus und die uns &uuml;berlassenen Sch&auml;tze r&uuml;cksichtslos pl&uuml;ndern und unseren Kindeskindern gro&szlig;e Lasten hinterlassen, dann haben sie v&ouml;llig recht.<br>\nAuch die Warnung, es sei eher 5 nach 12 als 5 vor 12, ist berechtigt. Aber um diese Warnung los zu werden, muss man nicht auf dem Gebrauch der Wachstumsrate herumdreschen. Denn eine Volkswirtschaft kann statistisch gemessen wachsen, auch wenn Ressourcen geschont werden.<\/p><\/li>\n<li><strong>Zweitens: Wenn wir das Bewusstsein f&uuml;r den schonenden Umgang mit der Erde sch&auml;rfen wollen und wenn wir daf&uuml;r die Herzen der Menschen &ouml;ffnen wollen, dann ist es hilfreich, ihnen wirtschaftliche und soziale Sicherheit zu bieten.<\/strong>\n<p>Glaubt hier jemand, die 52 % arbeitslosen Jugendlichen in Spanien und die verbliebenen 48 %, denen man Lohn und soziale Sicherheit zusammen streicht, w&auml;ren f&uuml;r Umweltschutz und f&uuml;r den schonenden Umgang mit unserer Welt zu begeistern oder auch nur zu gewinnen? &bdquo;Erst das Fressen, dann die Moral&ldquo;. Bertolt Brecht hat das tendenziell richtig eingesch&auml;tzt und wir haben in der kurzen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland immer wieder diese Erfahrung best&auml;tigt bekommen. Zum Beispiel zwischen 1969 und 1974. Die Regierung Brandt und die damalige sozialliberale Koalition haben 1969 mit dem Umweltschutz begonnen. Die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r diese Politik brach mit der &Ouml;lpreiskrise von 1973\/74 ein, als die Menschen Angst hatten um ihre wirtschaftliche Sicherheit. Sie w&auml;re wiederzugewinnen gewesen, wie das damalige Energiesparprogramm zeigte. Aber der Kanzlerwechsel zu Helmut Schmidt hat dann daf&uuml;r gesorgt, dass die werbende Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Umweltschutz und Lebensqualit&auml;t durch die politische Spitze wegfiel. Dieser Vorgang ist typisch f&uuml;r das Auf und Ab in der Debatte um den Schutz von Umwelt und Ressourcen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Dritter Anmerkung: Wachstumskritiker sind wie eine verschworene Gemeinschaft und sie &uuml;bertreiben ma&szlig;los.<\/strong>\n<p>Sie tauschen untereinander Botschaften aus, ohne dass sie ihre Aussagen belegen und begr&uuml;nden m&uuml;ssen. Man glaubt einander. Der SPD-Politiker Michael M&uuml;ller zum Beispiel muss nicht begr&uuml;nden, warum er von &bdquo;Wachstumszwang&ldquo; spricht und auch nicht erkl&auml;ren, was eine &bdquo;Wachstumsfalle&ldquo; ist, und warum er das Thema f&uuml;r ein &bdquo;Megathema&ldquo; h&auml;lt. Die Verschworenen glauben das einfach.  Attac kann verlautbaren, es g&auml;be einen &bdquo;Wachstumswahn&ldquo; &ndash; auch das wird offensichtlich ohne Beleg geglaubt. Die Wachstumskritiker nennen Zusammenh&auml;nge ohne den Versuch der Begr&uuml;ndung &ndash; so zum Beispiel mit der Behauptung im Attac-Aufruf vom Fr&uuml;hjahr 2011, die &bdquo;ungebremste Wachstumsdynamik&ldquo; habe sich in der Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise entladen. Auch andere sehen diesen Zusammenhang ohne jeglichen Versuch der Begr&uuml;ndung. Sie verbinden Worte ohne logische Verkn&uuml;pfung. Das ist nahezu in allen Texten zu beobachten, herausragend bei Angelika Zahrnts &bdquo;Thesen f&uuml;r eine Postwachstumsgesellschaft&ldquo;. Auch f&uuml;r den Gebrauch dieses seltsamen Wortes reicht das emotionale Signal. Es ist offenbar schick, vor alles m&ouml;gliche das Wort &bdquo;Post&ldquo; zu setzen. Hier wie bei &bdquo;Postdemokratie&ldquo;.<\/p>\n<p>Wer zur Glaubensgemeinschaft der Wachstumskritiker geh&ouml;rt, wird trotz Fehlens von Belegen und von logischen Verkn&uuml;pfungen mitgenommen. Es reichen die Signale. <\/p>\n<p>Wachstumswahn, Wachstumszwang, Megathema, Schl&uuml;sselfrage des 21. Jahrhunderts, alle Regierungen der Welt setzen auf Wachstum, Wachstum habe die Finanzkrise verursacht &ndash; dies sind allesamt Glaubenss&auml;tze und obendrein unangemessene &Uuml;bertreibungen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Bedeutung der Wachstumsrate als politischer Ziel- und Angelpunkt wird &uuml;bersch&auml;tzt. Die Wachstumskritiker tun so, als w&auml;re Wachstum und die Wachstumsrate in der Regel eine operative Gr&ouml;&szlig;e im Gesch&auml;ft von Politik und Wirtschaft. Damit wird ein Popanz aufgebaut, auf den sich trefflich einschlagen l&auml;sst.<\/strong>\n<p>Es gibt sie, die Leute, die nicht gen&uuml;gend PS unter die Motorhaube packen k&ouml;nnen, und immer wieder das st&auml;rkste und teuerste Auto erwerben.<br>\nEs gibt in der Welt vermutlich Regierungen, die am Ziel einer m&ouml;glichst hohen Wachstumsrate kleben. Frau Merkel geh&ouml;rte dazu. Die Chinesen vielleicht auch. Aber ist diese Fixierung auf Wachstumsraten als Zielgr&ouml;&szlig;en repr&auml;sentativ f&uuml;r die Mehrheit der Regierenden und politisch Verantwortlichen? <\/p>\n<p>Wachstum ist, um mit Helmut Kohl zu sprechen, das, was hinten rauskommt. Es wird von den statistischen &Auml;mtern, bei uns vom Statistischen Bundesamt, gemessen, und am Ende des Jahres oder in k&uuml;rzeren Abst&auml;nden wird festgestellt, dass die wirtschaftliche T&auml;tigkeit in Produktion und Dienstleistung dazu gef&uuml;hrt habe, dass das Bruttoinlandsprodukt um X Prozent gewachsen &ndash; oder gesunken &ndash; ist.<br>\nAber in der wachstumskritischen Debatte wird der irref&uuml;hrende Sprachgebrauch munter verwandt. Ich zitiere als Beispiel aus einem Beitrag von Till van Treek in &bdquo;Aus Politik und Zeitgeschichte&ldquo; vom 2. Juli dieses Jahres. Dort hei&szlig;t es schon im zweiten Satz:<\/p>\n<blockquote><p>&bdquo;Einerseits schafft und erh&auml;lt Wachstum Einkommen und Arbeitspl&auml;tze und tr&auml;gt damit zum Wohlstand bei.&ldquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist eine Fehleinsch&auml;tzung bzw. der in der Debatte &uuml;bliche schlampige Sprachgebrauch:<br>\n&bdquo;Wachstum schafft Einkommen&ldquo;? Wachstum schafft gar nichts. Wachstum wird am Ende einer Periode gemessen.<br>\n&bdquo;Wachstum tr&auml;gt zum Wohlstand bei&ldquo;? Unsinn. Zum Wohlstand tr&auml;gt bei, dass Menschen arbeiten und daf&uuml;r Maschinen und m&ouml;glicherweise auch nat&uuml;rliche Ressourcen nutzen. Und am Ende misst man, wenn man will, um wie viel Prozent die Volkswirtschaft gewachsen ist.<\/p>\n<p>Wenn Sie sich dieses Verst&auml;ndnis von Wachstum klarmachen, dann werden Sie viele Formulierungen in der laufenden Wachstumsdebatte als fragw&uuml;rdig erkennen: &bdquo;Wachstumszwang&ldquo; zum Beispiel. Oder: &bdquo;Wachstum er&ouml;ffne Verteilungsspielr&auml;ume&ldquo; und &bdquo;Ohne Wachstum g&auml;be es diese nicht&ldquo;. Oder: In den vergangenen Jahrzehnten sei &bdquo;Wachstum die gro&szlig;e Maschine&ldquo;, die soziale Integration und gesellschaftlichen Fortschritt m&ouml;glich gemacht habe, so Michael M&uuml;ller von der SPD. Meinhard Miegel von der CDU unterstellt den Wachstumsfreunden, sie strebten Wachstum an, weil dadurch m&ouml;glicherweise zus&auml;tzliche Arbeitspl&auml;tze entstehen.<\/p>\n<p>Sie sehen, hier wird das Wachstum als etwas Eigenes gesehen, aus dem dann etwas anderes, im konkreten Fall Arbeitspl&auml;tze, hervorgehen. Stimmt aber nicht. Arbeitspl&auml;tze werden geschaffen. Und dann misst man als Ergebnis ein Wachstum.<\/p>\n<p>Angelika Zahrnt wird am 13. Juni 2012 vom WDR im O-Ton zitiert:<\/p>\n<blockquote><p>&bdquo;Es gibt ein sehr weit verbreitetes Unbehagen in der Bev&ouml;lkerung, dass die Versprechen, die mit wirtschaftlichem Wachstum verbunden waren, n&auml;mlich dass es einen sozialen Ausgleich gibt, dass wir Vollbesch&auml;ftigung haben werden, dass wir unsere Umweltprobleme damit l&ouml;sen werden, dass diese Versprechungen nicht mehr geglaubt werden, weil sie sich de facto als Illusion erwiesen haben.&ldquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das klingt ganz gut. Aber auch hier wird ein Popanz aufgebaut. Ich w&uuml;sste nicht, welcher ernst zu nehmende Verantwortliche versprochen hat, &bdquo;sozialen Ausgleich&ldquo;, &bdquo;Vollbesch&auml;ftigung&ldquo; und &bdquo;die Umweltprobleme&ldquo; mit wirtschaftlichem Wachstum zu l&ouml;sen. Politiker und Wissenschaftler, denen man &uuml;ber den Weg trauen kann, wissen, dass man zur L&ouml;sung dieser Probleme nicht den Umweg &uuml;ber Wachstumspolitik gehen muss. Vollbesch&auml;ftigung erreicht man durch aktive Besch&auml;ftigungspolitik einschlie&szlig;lich Arbeitszeitverk&uuml;rzung; sozialen Ausgleich schafft man mithilfe von &ouml;ffentlichen Leistungen, die auch die schlecht Verdienenden und ihre Kinder versorgen, oder mit einem solidarischen Rentenversicherungssystem statt der Kommerzialisierung der Altersvorsorge. Und Umweltprobleme geht man mit der entsprechenden Energie- und Verkehrspolitik, mit &Ouml;kosteuer und gezielter Umweltpolitik an.<\/p>\n<p>Die zus&auml;tzliche Produktion von G&uuml;tern und Dienstleistungen, die am Ende als Wachstumsrate erscheint, kann &ouml;kologisch hilfreich und &ouml;kologisch verheerend gewesen sein. Die Wachstumsrate kann hoch sein, sie kann auch dann steigen, wenn &ouml;kologisch Vern&uuml;nftiges gemacht wird. Daf&uuml;r gibt es in Deutschland in der Vergangenheit und in der Gegenwart gute Beispiele:<\/p>\n<p>Als die Bundesregierung in der zweiten H&auml;lfte der 1970er Jahre mit Konjunkturprogrammen, insbesondere mit dem Zukunftsinvestitionsprogramm, dem ZIP, die Arbeitslosigkeit zu bek&auml;mpfen versuchte, gab es eine beachtliche Erholung der Konjunktur mit einer Wachstumsrate von durchschnittlich 3,8% in den vier Jahren von 1976 bis 1979. Es gibt ohne Untersuchung dessen, was da gewachsen ist, keinen Grund f&uuml;r negative Urteile &uuml;ber dieses Wachstum. Als ich zehn Jahre nach Einf&uuml;hrung des Zukunftsinvestitionsprogramms hier in der S&uuml;dpfalz zum Bundestag kandidierte und jede Gemeinde besuchte, habe ich mich bei B&uuml;rgermeistern regelm&auml;&szlig;ig erkundigt, welche Objekte mit dem ZIP finanziert worden waren. Es sind mir dabei nur wenige begegnet, bei denen man h&auml;tte sagen k&ouml;nnen, sie seien &ouml;kologisch gesehen sch&auml;dlich und sachlich nicht berechtigt gewesen.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel:<\/p>\n<p>In den sechziger und siebziger Jahren drohte der Bodensee zu &bdquo;kippen&ldquo;. &bdquo;Grund daf&uuml;r waren Einleitungen ungereinigter Abw&auml;sser, die zu einem N&auml;hrstoff&uuml;berangebot im See und&nbsp;in Folge&nbsp;zu einer massenhaften Vermehrung der Algen f&uuml;hrten. Der konsequente Ausbau der Abwasserreinigungsanlagen im Einzugsgebiet des Bodensees zeigte Erfolg: heute befindet sich der Bodensee wieder in einem &ouml;kologisch stabilen Zustand mit Wasserqualit&auml;ten wie zu Beginn der 1960er Jahre&ldquo;. (Zitiert von <a href=\"http:\/\/www.vorarlberg.at\/vorarlberg\/umwelt_zukunft\/umwelt\/umweltundlebensmittel\/weitereinformationen\/fluesse_seen_baederhygien\/tiefenprofil\/tiefenprof_phosphor.htm\">hier<\/a>). Dazu bedurfte es gro&szlig;er Investitionen, die sich mit Sicherheit in einer h&ouml;heren Wachstumsrate niedergeschlagen haben. M&uuml;ssen wir deshalb dagegen anrennen? <\/p>\n<p>Nach Lesart der Postwachstumsgesellschaftstheoretiker ist dies negativ zu bewerten. Dem kann ich nicht folgen. Hier nicht und bei vielen anderen Beispielen auch nicht.<\/p><\/li>\n<li><strong>F&uuml;nfte Beobachtung: Es kommt darauf an, was w&auml;chst. Auch und gerade in modernen Volkswirtschaften gibt es viel zu tun, und es gibt vieles zu tun, was Ressourcen schont.<\/strong>\n<p>Es ist ein gro&szlig;es Missverst&auml;ndnis, zu meinen, Arbeitspl&auml;tze w&uuml;rden nur geschaffen, wenn Ressourcen verbraucht werden oder gar Raubbau betrieben wird.<br>\nZur konkreten Erl&auml;uterung dieser Beobachtung trifft es sich gut, dass wir hier oben von Schloss Hambach einen sch&ouml;nen &Uuml;berblick &uuml;ber eine gro&szlig;e Region haben &ndash; die Mittelhaardt, die Vorderpfalz und die S&uuml;dpfalz. So k&ouml;nnen wir anschaulich begreifen, was es heute so alles zu tun g&auml;be:<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>In Sichtweite von hier liegt das Kernkraftwerk Philippsburg. Die Stilllegung dieses Kernkraftwerks wie der Ausstieg aus der Kernenergie insgesamt und der Umbau der Energieversorgung wird sich bei den Wachstumsraten kr&auml;ftig niederschlagen. Warum regen wir uns also &uuml;ber Wachstumsraten auf?<\/li>\n<li>Die B&auml;che, die aus dem Pf&auml;lzer Wald nach Osten in Richtung Rhein flie&szlig;en, sind zumeist begradigt. Mit einem Renaturierungsprogramm, k&ouml;nnte man die geplagte Pf&auml;lzer Landschaft sanft und &ouml;kologisch heilen. Dabei w&uuml;rden auch ein paar Arbeitspl&auml;tze geschaffen &ndash; und die Aktion schl&uuml;ge sich in einer steigenden Wachstumsrate nieder.<\/li>\n<li>Hier sind radikale Flurbereinigungen durchgesetzt worden &ndash; eine S&auml;uberung der vielf&auml;ltigen Landschaft von Hohlwegen, Hecken und B&auml;umen war das. Es gibt aber auch Musterbeispiele f&uuml;r eine &ouml;kologisch vertr&auml;gliche Flurbereinigungen. Warum sollte man die guten Erfahrungen nicht multiplizieren? Dieses Programm schl&uuml;ge sich in tendenziell steigenden Wachstumsraten nieder, obwohl die Ressource Landschaft dabei gewinnt.<\/li>\n<li>Nicht weit von hier, in einem der sch&ouml;nsten S&uuml;dpf&auml;lzer D&ouml;rfer, in Rhodt, lebt ein Chemiker, der f&uuml;r die BASF die Umsetzung neuer Erfindungen begleitet  hat, so zum Beispiel die Einf&uuml;hrung des W&auml;rmed&auml;mmstoffs Neopor. Die Produktion von Neopor hat wie schon die von Styropor der BASF Ums&auml;tze und Gewinne gebracht; vermutlich hat sich dies sogar messbar in der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts des Landes Rheinland-Pfalz niedergeschlagen. Was ist daran schlimm? &Ouml;kologisch ist dieses Wachstum wegen seiner Energie sparenden Wirkung ohnehin eher positiv zu beurteilen. In der W&auml;rmed&auml;mmung gibt es auch k&uuml;nftig viel zu tun.<\/li>\n<li>Ich habe im S&uuml;den der S&uuml;dpfalz t&auml;glich mit einem Alten-Pflegeheim zu tun. Dort sind zur Stunde gerade drei Pflegekr&auml;fte f&uuml;r 29 Bewohner verantwortlich, heute Nachmittag sogar nur zwei, heute Nacht eine. Das ist Stress f&uuml;r die arbeitenden Menschen. Es ist unbestritten, dass wir bundesweit im Pflegebereich mehr Personal brauchen. Das w&uuml;rde sich in einer steigenden Wachstumsrate niederschlagen. Ist das schlimm?<\/li>\n<li>Ist es schlimm, wenn wir mehr Geld und mehr Personal in der Jugendarbeit investieren? F&uuml;r mehr Ferienbetreuung zum Beispiel. Die Jugendarbeit, die notwendig ist, um Hunderttausenden junger Menschen, die weder einen Platz zur Ausbildung noch zur Arbeit gefunden haben, zu helfen, sich dennoch zurecht und eine berufliche Perspektive zu finden, wird Arbeitspl&auml;tze und Wachstum schaffen.<\/li>\n<li>Ist es schlimm, wenn wir die Lehrer-Sch&uuml;ler Relation verbessern? Das ist wie auch mehr Sprachunterricht notwendig, wenn wir die Integration von Kindern von Aussiedlern und Ausl&auml;ndern besser schaffen wollen. Wenn die Lehrer-Sch&uuml;ler-Relation verbessert wird, werden neue Lehrer angestellt und bezahlt. Die Wachstumsrate klettert dann. Auch wenn die Kollegien der Schulen systematisch in besseren Unterrichtsmethoden geschult werden, werden damit Werte geschaffen und das Bruttoinlandsprodukt w&auml;chst.<\/li>\n<p>&Uuml;berall wird sichtbar, dass es wenig Sinn macht, sich auf eine Kritik des Wachstums und der Wachstumsraten zu kaprizieren.<\/p>\n<li>Der Oggersheimer Helmut Kohl hat uns zwischen 1982 und 1984 die Kommerzialisierung des Fernsehens beschert und zusammen mit einer Riege von Ministern Jahre sp&auml;ter Beratungshonorare von einem der beiden Hauptprofiteure, von Leo Kirch, erhalten. Au&szlig;er den privaten Nutznie&szlig;ern dieser Entscheidung und der damit verbundenen &ouml;ffentlichen Subvention privater Profiteure gibt es massenhaft Verlierer: Millionen von vor der Glotze h&auml;ngenden Erwachsenen und Jugendlichen, mit direktem Einfluss auf das soziale Verhalten und die Gewaltbereitschaft sowie auf das Bildungsniveau. Es ist nach einer Emnid-Studie nach Einf&uuml;hrung des Kommerzes im Jahr 1984 messbar gesunken. Wenn Sie den Schaden dieses Wahnsinns der Kommerzialisierung zu heilen versuchen, m&uuml;ssten Sie 10tausende von Psychologen und Sozialarbeitern besch&auml;ftigen. Das w&auml;re ein beachtlich gro&szlig;es Wachstumsprogramm. W&uuml;rden damit ungeb&uuml;hrlich Ressourcen der gebeutelten Erde verbraucht?<\/li>\n<li>Wenn Sie hier nach Osten schauen, dann sehen Sie die Bahnlinie von Neustadt &uuml;ber Landau und Winden nach Karlsruhe. Von Winden zweigt eine Strecke zum els&auml;ssischen Wissembourg und eine nach Bad Bergzabern ab. 1997 und 1995 wurden diese Strecken wieder er&ouml;ffnet und es wurde insgesamt in den &ouml;ffentlichen Schienen-Nahverkehr und seine Vertaktung investiert, so dass inzwischen ein visuell und statistisch erfassbarer Anteil von Menschen mit der Bahn zur Arbeit nach Karlsruhe, nach Ludwigshafen oder anders wohin f&auml;hrt. Die Investitionen haben sich tendenziell in der Wachstumsrate niedergeschlagen. Ist das schlimm?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das waren einige Beispiele daf&uuml;r, dass es drauf ankommt, was w&auml;chst..<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang die sechster Anmerkung:<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Ressourcen m&ouml;gen endlich sein, das Wachstum nicht.<\/strong>\n<p>Es ist immer wieder ein beliebtes Spiel der Wachstumskritiker, in der Argumentation auf die Unm&ouml;glichkeit eines exponentiellen Wachstum hinzuweisen und im konkreten Fall dies mit dem Hinweis zu verbinden, die Ressourcen seien endlich, also k&ouml;nne es kein unendliches Wachstum geben. Einmal abgesehen davon, dass es ziemlich weit hergeholt ist, sich im Jahre 2012 mit der Unm&ouml;glichkeit des unendlichen Wachstums im Jahre 3025 zu besch&auml;ftigen, das statistisch gemessene Wachstum ist nicht endlich. Schon die Reparatur der bisher entstandenen &ouml;kologischen und sozialen Sch&auml;den verlangt auch in der Zukunft Besch&auml;ftigung, die man statistisch erfasst und die sich in positiven Wachstumsraten niederschlagen kann.<\/p><\/li>\n<li><strong>Ein verbindendes Element der Wachstumskritiker ist die Vorstellung von der S&auml;ttigung.<\/strong>\n<ul>\n<li>Konservative denken, den Leuten gehe es eh viel zu gut<\/li>\n<li>&Ouml;kologisch engagierte und an der Bewahrung der Sch&ouml;pfung Interessierte halten den Konsum aus ethischen Gr&uuml;nden f&uuml;r &uuml;berzogen.<\/li>\n<li>Marxistisch gepr&auml;gte Menschen sehen ihre Erwartungen erf&uuml;llt, der Kapitalismus sterbe an &Uuml;berproduktion und S&auml;ttigung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Sie spielen sich gegenseitig die B&auml;lle zu. Eine fatale Koalition. Die S&auml;ttigungsthese passt zu den gut versorgten und tonangebenden Mittelschichten und Oberschichten. Dass es nicht allen so gut geht wie der gehobenen Mittelschicht und viele Menschen und Familien berechtigte Bed&uuml;rfnisse haben, wird oft vergessen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Achte Beobachtung: Die Debatte hat eine besch&auml;ftigungs- und arbeitnehmerfeindliche Wirkung.<\/strong>\n<p>Wer heute daf&uuml;r eintritt, dass die statistisch gemessene Wachstumsrate gleich Null sein m&uuml;sse oder negativ, also ein Zeichen f&uuml;r eine schrumpfende Wirtschaft, der ist de facto auch gegen besch&auml;ftigungsf&ouml;rdernde politische Entscheidungen. Die Wachstumskritiker sind Kritiker einer aktiven Konjunkturpolitik, die in der jetzigen Situation immer eine expansive Wirtschaftspolitik sein muss. Die neoliberalen Kr&auml;fte setzen seit fast 30 Jahren darauf, dass ein Heer von Arbeitslosen und Niedriglohnempf&auml;ngern entsteht und damit Druck ausge&uuml;bt wird auf die L&ouml;hne insgesamt. Sie waren mit dieser Strategie ausgesprochen erfolgreich. Die Lohnquote ist im gleichen Zeitraum quasi abgesoffen &ndash; von &uuml;ber 70% in den 1970ern auf knapp &uuml;ber 60% heute, die Reall&ouml;hne stagnieren, die Lohnst&uuml;ckkosten liegen weit unter dem Niveau der europ&auml;ischen Entwicklung.<br>\nWer in dieser Situation mit der Forderung kommt, die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft weiter abzuw&uuml;rgen, der wird die Reservearmee an Arbeitslosen und Besitzern von prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen weiter vermehren und die Position der Arbeitnehmervertretungen und Gewerkschaften auf dem Arbeitsmarkt weiter verschlechtern. &bdquo;Jenseits des Wachstums!&ldquo; ist deshalb in der Regel gleichbedeutend mit &bdquo;Jenseits der Sorge um Arbeitsplatz und berufliche Perspektive!&ldquo;<\/p><\/li>\n<li><strong>In vielen Einlassungen wird so getan, als sei die Debatte um die Grenzen des Wachstums eine neue Debatte und vor allem wird so getan, als sei nicht schon einiges passiert und als sei Nachhaltigkeit eine neue Erfindung.<\/strong>\n<p>In den historischen Betrachtungen der Wachstumskritiker wird, wenn sie nicht so tun, als w&auml;re Wachstumskritik etwas ganz Neues, der Beginn der Diskussion mit der Ver&ouml;ffentlichung des Club of Rome von 1972 &uuml;ber die Grenzen des Wachstums datiert. Dieser Eindruck hat sich auch im Begleittext zur Einladung zum Hambacher Disput niedergeschlagen. Letzteres ist verzeihlich. Dass aber die Wachstumskritiker die Geschichte der Debatte um Wirtschaftswachstum und Lebensqualit&auml;t nicht korrekter wiedergeben, ist schon erstaunlich. Einige wenige Hinweise:<\/p>\n<ul>\n<li>Ein Beispiel aus der Wissenschaft: Dort gab es die Diskussion mindestens seit Beginn der sechziger Jahre. Der LSE-Professor Ezra J. Mishan ver&ouml;ffentlichte 1967 sein Buch &bdquo;The Cost of Economy Growth&ldquo;. Schon vorher, 1960, ver&ouml;ffentlichte er Aufs&auml;tze zum Thema.<br>\nZur einschl&auml;gigen politischen Debatte in Deutschland:<br>\nMan muss den Eindruck gewinnen, dass die Wachstumsdebattierer die historische Entwicklung als eine Linie der Verweigerung von Einsichten betrachten. Tats&auml;chlich ging es zumindest in Deutschland auf und ab:<\/li>\n<li>Willy Brandt hat das Thema schon am 28. April 1961 in einer Rede aufgegriffen. Er nannte den Schutz vor den Gefahren der Umweltbelastung eine Gemeinschaftsaufgabe. Bekannt ist der Schlusssatz seiner Einlassung: &bdquo;Der Himmel &uuml;ber dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!&ldquo;.<\/li>\n<li>Das Programm f&uuml;r eine Steuerreform, das von einer SPD-Kommission unter dem Vorsitz von Erhard Eppler im Herbst 1971 verabschiedet wurde, enthielt ein eigenes Kapitel zum Vorschlag einer Abgabe auf umweltsch&auml;dliche Produkte, also f&uuml;r eine Art &Ouml;kosteuer. Das war 1971.<\/li>\n<li>Im Fr&uuml;hjahr 1972 lud der Vorsitzende der IG Metall Otto Brenner nach Oberhausen zu einer Konferenz zum Thema Lebensqualit&auml;t ein. Ein beachtlicher Vorgang und ein Beleg f&uuml;r die Weisheit dieses sensiblen Vorsitzenden einer gro&szlig;en Arbeitnehmerorganisation.<\/li>\n<li>Im Titel und Inhalt des Wahlprogramms der SPD von 1972 war mit der Forderung &bdquo;&hellip; f&uuml;r eine bessere Qualit&auml;t des Lebens&ldquo; der Abschied von einer rein &ouml;konomischen Betrachtung des Geschehens vorgezeichnet.<\/li>\n<li>Genau vor 40 Jahren, im August 1972 erschien in verschiedenen Bl&auml;ttern, mit denen die SPD vor allem Multiplikatoren erreichen wollte, eine Anzeige zum Thema Umweltschutz. Die Zeichnung stammte von Tomi Ungerer:<\/li>\n<\/ul>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/120910_die_wirtschaft_blueht.png\" alt=\"\"><br>\n<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/120910_anzeige_3.pdf\">Bild als PDF zum download hier [PDF &ndash; 498.3 KB]<\/a><\/p>\n<p>Titel: &bdquo;Die Wirtschaft bl&uuml;ht.&ldquo;<br>\nDen Text k&ouml;nnte ich heute noch so schreiben:<\/p>\n<blockquote><p>&bdquo; Kauft Leute, es wird produziert. Produziert Leute, es wird gekauft. Ganz egal was. Denn kaufst Du was &ndash; bist Du was. Und die Wirtschaft w&auml;chst und w&auml;chst. Das ist Fortschritt. Das ist Leben.<br>\nFinden Sie, dass es das heute wirklich noch ist? Wachstum ist gut, kommt nur drauf an, was w&auml;chst. Wir meinen, wir m&uuml;ssen umdenken.&ldquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Text ist vor 40 Jahren geschrieben und im gleichen Jahr wie &bdquo;<em>Die Grenzen des Wachstums<\/em>&ldquo;, des Berichts des Club of Rome zur Lage der Menschheit&ldquo; ver&ouml;ffentlicht worden. Man k&ouml;nnte einen &auml;hnlichen Text auch heute finden, allerdings von den Wachstumskritikern mit dem Anspruch versehen, dass die Erkenntnisse gerade neu entdeckt worden sind. <\/p>\n<p>Noch wichtiger als die mit der Anzeige betriebene Werbung f&uuml;r &ouml;kologische Fragen, f&uuml;r besseren Umweltschutz und den sparsamen Umgang mit Ressourcen waren die politischen Entscheidungen. In der fr&uuml;hen Zeit der sozialliberalen Koalition wurden ab 1969 &uuml;ber 20 wichtige politische Entscheidungen zum Umweltschutz getroffen, zum Beispiel: zur Gr&uuml;ndung des Bundesumweltamtes, zum Benzinbleigesetz, zur Abwasserabgabe.<br>\nAls Antwort auf die erste &Ouml;lpreisexplosion vom Oktober 1973 verabschiedete die sozialliberale Koalition ein Energiesparprogramm. Und kurze Zeit vor der Wende zu Helmut Kohl im September 1982 machte der damalige Verkehrsminister Volker Hauff den Versuch, in der Verkehrspolitik &ouml;kologische und nachhaltige Akzente zu setzen. Dieser Versuch wurde dann in einer Gegenbewegung und gro&szlig;en Kampagne des ADAC mit Unterst&uuml;tzung der neuen Koalitionspartner CDU\/CSU und FDP mit dem Slogan &bdquo;Freie Fahrt f&uuml;r freie B&uuml;rger&ldquo; abger&auml;umt.<\/p>\n<p>Dass Politiker der Union, die sich heute gerne als Wachstumskritiker profilieren m&ouml;chten, von ihrer aggressiven Polemik gegen alles &Ouml;kologische heute nichts mehr wissen wollen, ist verst&auml;ndlich. Dass sie aber jetzt wie Meinhard Miegel so tun, als h&auml;tte Angela Merkel und Wolfgang Sch&auml;uble entdeckt, dass es heute um Lebensqualit&auml;t und Nachhaltigkeit gehen m&uuml;sse, das ist dann doch etwas des Guten zu viel.<br>\nIch beziehe mich auf einen Beitrag von Meinhard Miegel im schon erw&auml;hnten Heft &bdquo;Aus Politik und Zeitgeschichte&ldquo; vom 2. Juli 2012, wo unter der Zwischen&uuml;berschrift &bdquo;Debatten um Wachstum und Lebensqualit&auml;t&ldquo; au&szlig;er dem Sachverst&auml;ndigenrat f&uuml;r Umweltfragen gerade mal eine Rede der Bundeskanzlerin von 2010 und ein Artikel des Bundesfinanzministers Sch&auml;uble zitiert werden. Junge Leser dieses Heftes der politischen Bildung, die die Geschichte der Debatte um Wachstum und Lebensqualit&auml;t nicht kennen k&ouml;nnen, m&uuml;ssen so den Eindruck gewinnen, als sei das Thema von den heute politisch Verantwortlichen aus der konservativen Ecke entdeckt worden. Diesen Eindruck zu erwecken ist ja wohl auch die eigentliche Absicht der Aktivit&auml;ten des Meinhard Miegel als neuer Wachstumskritiker.<\/p>\n<p>Mein Fazit: Die Wachstumskritik dient leider oft der Profilierung ihrer Betreiber. Zu diesem Zweck werden alte Ans&auml;tze als neu verkauft und bei der Erz&auml;hlung der Geschichte der Wachstumskritik wird deshalb ordentlich geschummelt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die M&ouml;glichkeiten zur politischen Gestaltung werden in der wachstumskritischen Debatte deutlich untersch&auml;tzt.<\/strong>\n<p>Die Debatte um &Ouml;konomie und &Ouml;kologie verlief in den letzten 40-50 Jahren nicht so linear, wie dies in den Verlautbarungen der Wachstumskritiker erscheint. Die von Wachstumskritiker in gebrauchte Parole &bdquo;Schneller weiter h&ouml;her&ldquo; verf&auml;lscht den Ablauf der Diskussion und auch der politischen Entscheidungen zum Thema. Nur wenn man das Auf und Ab in der Umweltdebatte und in der Umweltpolitik in Rechnung stellt, wird man auch zu den politisch richtigen Schlussfolgerungen kommen. Man wird dann zum Beispiel den Gestaltungsspielraum begreifen k&ouml;nnen, den es gab und den es gibt, den man benutzt hat und dann wieder versch&uuml;ttet hat.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14219\">21. August<\/a> hatten wir auf den Hambacher Disput zu &bdquo;Wachstum 2.0&ldquo; mit Angelika Zahrnt contra Albrecht M&uuml;ller und Meinhard Miegel contra Heiner Flassbeck hingewiesen. Die Veranstaltung auf dem seit 1832 als Ort demokratischen Streits ber&uuml;hmten Hambacher Schloss fand &ndash; auch dank des Interesses von Leserinnen und Lesern der NachDenkSeiten &ndash; reges Interesse. 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