{"id":144042,"date":"2025-12-26T11:00:42","date_gmt":"2025-12-26T10:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144042"},"modified":"2025-12-22T14:00:52","modified_gmt":"2025-12-22T13:00:52","slug":"friedensaktivist-der-fruehen-stunde-eine-weihnachts-begegnung-mit-wolf-g-teil-ii-von-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144042","title":{"rendered":"Friedensaktivist der fr\u00fchen Stunde: Eine (Weihnachts-)Begegnung mit Wolf G. (Teil II von III)"},"content":{"rendered":"<p>Der Bonner Diplom-Mathematiker <strong>Wolf G&ouml;hring<\/strong> (86) ist ein alerter Zeitzeuge bundesrepublikanischer Geschichte und Friedensaktivist seit Mitte der 1960er-Jahre. W&auml;hrend Menschen in seinem Alter &ndash; Linke oder Ex-Linke zumal &ndash; Seiten oder Barrikaden wechselten, blieb er sich treu und versucht als partout &bdquo;Kriegsunt&uuml;chtiger&ldquo; zum Schluss dieses Interviews, einen marxistischen Weg zu einer friedlichen Welt zu skizzieren. F&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> f&uuml;hrte <strong>Rainer Werning<\/strong> ausgiebige Gespr&auml;che mit Wolf G&ouml;hring, deren abschlie&szlig;ender dritter Teil am 27. Dezember auf diesen Seiten erscheint.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Rainer Werning: Der Weltkrieg kam also immer wieder in den Blick. Wie haben Sie die neuen Zeitl&auml;ufe, die die Kriegszeit abl&ouml;sten, als Heranwachsender wahrgenommen?<\/strong><\/p><p><strong>Wolf G&ouml;hring:<\/strong> Im Dezember 1947 wurde das Saarland in wirtschaftlichem Verbund mit Frankreich ein eigener Staat: die Lebensmittelmarken fielen weg. Meine Eltern konnten eine Kleinbildkamera und die Ausr&uuml;stung f&uuml;r ein Fotolabor ergattern, und so waren sie gut gewappnet, als der neue Staat seinen B&uuml;rgern neue P&auml;sse mit neuen Passbildern auszugeben gedachte. Die Leute standen vor der bauf&auml;lligen Scheune Schlange, um abgelichtet zu werden.<\/p><p>Einmal zogen zwei &bdquo;Mockscher&rdquo; &ndash; Nordafrikaner &ndash; mit je einem schweren Teppich auf der Schulter durch den Ort von Stahlarbeitern, Bergleuten, Bergmannsbauern, Kleinbauern, Handwerkern und wollten ihnen Berberteppiche verkaufen. Ob es gl&uuml;ckte, wei&szlig; ich nicht, aber es gibt ein Foto von den beiden, wie sie rauchend und lachend, einen Deutschen zwischen sich, in Opas Garten stehen. Dieser Dritte &ndash; das ist alles, was ich von ihm wei&szlig; &ndash; hatte Obdach bei Opa und Oma gefunden, er hie&szlig; Lorenz und war in einem KZ eingesperrt gewesen.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.17.57.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.17.57.png\" alt=\"\" width=\"816\" height=\"564\" class=\"alignleft size-full wp-image-144052\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.17.57.png 816w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.17.57-300x207.png 300w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.17.57-768x531.png 768w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.17.57-709x490.png 709w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.17.57-354x245.png 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 816px) 100vw, 816px\" \/><\/a><br>\n<small>Abb. 8\/ &bdquo;Mockscher&ldquo;<br>\nTitel: Drei in Opas Garten<br>\nQuelle: Privatbesitz W. G&ouml;hring (Aufnahme ca. 1949)<\/small><\/p><p>Ab 1950 kamen neue Kriege in den Blick: der franz&ouml;sische Indochinakrieg und der vor allem amerikanische Koreakrieg. Im Radio war davon zu h&ouml;ren. In der &bdquo;Wochenschau&ldquo; im Kino wurden regelm&auml;&szlig;ig Kriegsszenen gezeigt. Meine Eltern sprachen dar&uuml;ber: &bdquo;Uns&rdquo; haben sie vorgeworfen, wir k&ouml;nnten mit Kolonien nicht umgehen. Ohne &bdquo;unsere Fremdenlegion&auml;re&rdquo; h&auml;tten die Franzosen schon lange verloren. Warum machten die Franzosen das? Der Friedensschluss zu Indochina von 1954 wurde begr&uuml;&szlig;t. Warum nicht gleich so? Musste &bdquo;das&rdquo; alles sein! Usw. Die vorgesehenen freien Wahlen in Vietnam wurden durch Putsche im S&uuml;den verhindert. Hoppla, so l&auml;uft das mit freien Wahlen? Wird Frankreich das Abstimmungsergebnis &uuml;ber das Saarstatut im Oktober 1955 akzeptieren, wenn das Statut verworfen wird? Frankreich akzeptierte die Ablehnung des Statuts, und ab 1957 war die Saar Teil der Bundesrepublik Deutschland, der BRD.<\/p><p>In diese Zeit fiel die Wiederbewaffnung der BRD. &bdquo;K&ouml;nnen die nie genug kriegen!&rdquo;, kommentierte meine Mutter. Als der erste junge Mann aus unserem Ort in Uniform herumlief, meinte mein Stiefvater nur: &bdquo;Angeber&rdquo;; er wusste sicherlich, wovon er sprach. In der Schulklasse diskutierten wir, ob sie uns einziehen werden. Die Musterungen kamen im Saarland erst sp&auml;ter; mein Jahrgang 1939 war der erste, er wurde 1960 gemustert. Da studierte ich schon und konnte darauf rechnen, vor Studienende nicht eingezogen zu werden. Kurz danach gab&rsquo;s ein Gesetz, wonach die einzigen S&ouml;hne gefallener V&auml;ter auf Antrag von der Wehrpflicht befreit werden. Ich stellte den Antrag und erhielt einen entsprechenden Eintrag in meinen Wehrpass &ndash; von wegen &bdquo;strammer Soldat&rdquo;.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.18.56.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.18.56.png\" alt=\"\" width=\"810\" height=\"1134\" class=\"alignleft size-full wp-image-144054\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.18.56.png 810w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.18.56-214x300.png 214w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.18.56-731x1024.png 731w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.18.56-768x1075.png 768w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.18.56-464x650.png 464w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.18.56-350x490.png 350w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-um-12.18.56-175x245.png 175w\" sizes=\"auto, (max-width: 810px) 100vw, 810px\" \/><\/a><br>\n<small>Abb. 9\/ Wehrpass<br>\nTitel: Vom Wehrdienst befreit<br>\nQuelle: Privatbesitz W. G&ouml;hring<br>\nKlartext: &ldquo;Vom Wehrdienst gem. &sect; 11 Abs 2 zweiter Halbsatz des Wehrpfl.ges. befreit und daher von der Wehr&uuml;berwachung gem. &sect; 24 Abs. 3 Nr 3 Wehrpfl.ges. ausgenommen.&rdquo;<\/small><\/p><p>Ein m&ouml;glicher deutscher Griff nach der Atombombe war in den sp&auml;ten 1950ern ein Thema. Unser Physiklehrer machte die G&ouml;ttinger Erkl&auml;rung [ver&ouml;ffentlicht am 12. April 1957 und unterzeichnet von international renommierten deutschen Naturwissenschaftlern und Kernphysikern, darunter Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizs&auml;cker &ndash; RW] gegen eine deutsche Atombombe zum Stoff einer Physikstunde. Er lie&szlig; uns diskutieren und moderierte fast nur, fasste die Positionen zusammen: f&uuml;r und gegen die Bombe. Am Ende waren wir uns einig: gegen die Bombe. Wissenschaftler sind verantwortlich f&uuml;r ihr Tun. Der Physiklehrer hatte Erfahrung im U-Bootkrieg. &bdquo;1937 sind wir mit 800 angetreten. 400 sind zur&uuml;ckgekommen. 67 leben noch. Ich muss zu unserm Veteranentreffen fahren&rdquo;, meinte er vor 25 Jahren in einem Telefonat mit mir, als ich stattdessen einen Termin f&uuml;r ein Klassentreffen mit ihm ausmachen wollte. Er, das war der WOII auf U96 [Zweiter Wachoffizier &ndash; Anm. d. Red.], sp&auml;ter verfilmt in &bdquo;Das Boot&ldquo;.<\/p><p>Der Algerienkrieg wurde kritisch be&auml;ugt. Menschen aus Algerien waren uns nicht fremd, viele arbeiteten in der grenznahen lothringischen Industrie. Man sah sie auf der Stra&szlig;e, in den Gesch&auml;ften. Ihre Angeh&ouml;rigen k&auml;mpften daf&uuml;r, nicht mehr in einer De-facto-Kolonie unter franz&ouml;sischer Herrschaft zu leben. Warum nicht? Ein Bekannter war, noch w&auml;hrend der &bdquo;franz&ouml;sischen&ldquo; Saar, pl&ouml;tzlich verschwunden. Nach einem halben Jahr kam eine Nachricht: er war Fremdenlegion&auml;r geworden. Den Vertrag hatte er im Rausch unterschrieben, in einer franz&ouml;sischen Kaserne konnte er ausn&uuml;chtern. Sein Einsatzgebiet war Algerien. An der Schule hatten wir w&ouml;chentlich eine Stunde &bdquo;Korrespondenz&rdquo; in Franz&ouml;sisch, gegeben von einem jungen Franzosen. Nach dem Beitritt der Saar zur BRD befand er sich pl&ouml;tzlich im Ausland, wof&uuml;r er eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis brauchte. Etwa 1960 ging er zur&uuml;ck nach Frankreich. Er wurde eingezogen, in Algerien eingesetzt und ist dort gefallen.<\/p><p>Zwei Bemerkungen noch, in denen mir und uns auch die andere Seite und ihr Leiden besonders deutlich wurde.<\/p><p>1958 fuhren wir, die Unterprimen, mit dem Bus nach Verdun. Noch fast 30 Kilometer vom Ziel entfernt, sah ich die ersten Granattrichter neben der Stra&szlig;e, nach wenigen Kilometern war das Gel&auml;nde dicht bei dicht von Trichtern bedeckt. Wie konnte da jemand &uuml;berleben! Wir gingen zum Beinhaus von Douaumont und blickten auf die zusammengesch&uuml;tteten Knochen zehntausender Menschen, die man vom Schlachtfeld getragen hatte. Noch immer wurden welche gefunden. Wir fuhren dann hinab nach Verdun. Mit einigen Mitsch&uuml;lern besichtigte ich die gotische Kathedrale. Ein K&uuml;ster hatte unser Deutsch geh&ouml;rt und kam zu uns. Er wies auf eine Stelle im Kirchenschiff; dort war einst eine deutsche Granate eingeschlagen. Wir nickten stumm. Beim Gehen gr&uuml;&szlig;ten wir ihn.<\/p><p>Im Konfirmandenunterricht im Jahr 1953 bemerkte ein M&auml;dchen, die Juden seien zu Recht vernichtet worden, sie h&auml;tten unsern Heiland ans Kreuz geschlagen. Der Pfarrer wurde deutlich. &sbquo;Wer!? Die Juden? Das waren Menschen wie wir hier. Kinder, wie ihr, viele noch ganz klein, wenige Jahre alt, wie eure kleinen Geschwister, mit ihren M&uuml;ttern, Frauen wie eure M&uuml;tter! Mit ihren V&auml;tern! Zusammengetrieben, eingesperrt in G&uuml;terwaggons. Ohne Essen und Trinken. K&ouml;nnt ihr euch vorstellen, so tagelang ins Ungewisse zu fahren!? Angekommen im Lager, wurden sie hinausgejagt und in die Gaskammern getrieben, die man mit dicken Schiebern verriegelte, sodass niemand mehr hinauskonnte. Und dann &ouml;ffnete man die H&auml;hne f&uuml;r das Gas, bis alle erstickt waren, die Kinder, die M&uuml;tter, alle.&lsquo; Wir waren hernach sehr still.<\/p><p><strong>Wieso begeisterten Sie sich ausgerechnet f&uuml;r Mathematik und studierten dieses Fach, was sehr vielen Menschen &ndash; ich schlie&szlig;e mich da nicht aus &ndash; den Schulalltag geh&ouml;rig vergraulte?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Du kannst bestimmt mal gut rechnen&rdquo;, hie&szlig; es oft und es wurde aufgez&auml;hlt, wer alles in der Familie gut rechnen kann. Wie sollte ich bei solchem Zuspruch nicht das n&ouml;tige Zutrauen besitzen, auch mal gut in Rechnen zu werden? Im Herbst 1945 kam ich noch nicht in die Schule, aber Z&auml;hlen lernen, das wollte ich. Sie brachten mir das Z&auml;hlen bis zehn bei. Und dann ein bisschen rechnen, das hei&szlig;t: zusammenz&auml;hlen: Hier drei Dinge und da zwei, beides zusammengez&auml;hlt f&uuml;nf. Was kommt nach zehn? Zwanzig. Danach? Drei&szlig;ig, vierzig bis schlie&szlig;lich hundert. Ist bei hundert Schluss? Nein, es geht weiter. Wie weit? Dann kommt zweihundert, dreihundert und so weiter bis tausend. Was kommt nach tausend, nach zehntausend, nach hunderttausend? Wo h&ouml;ren die Zahlen auf? Nirgends. Abends vorm Einschlafen z&auml;hlte ich, bis hundert, weiter bis zweihundert, dreihundert. Ach, die letzte Stelle wiederholt sich immer wieder. Weglassen. So kam ich schnell bis tausend, danach die Zehner-, dann die Hunderter-, schlie&szlig;lich sogar die vielen Tausenderstellen &uuml;berspringend, konnte ich an einem Abend bis zu einer Million z&auml;hlen. Das war mir dann genug.<\/p><p>Wie geht das Malnehmen? Wenn du in der Schule bist, dann kannst du das lernen. Mein Eifer lie&szlig; nicht nach. Eines Abends, als ich am Bett meine Stiefelchen auszog, z&auml;hlte ich: Eins zwei drei Haken hier, und nochmals drei gegen&uuml;ber, zusammengez&auml;hlt sechs. Also zwei mal drei Haken sind sechs Haken. Kurz: zwei mal drei gleich sechs. Als meine Mutter kam, um mir Gute Nacht zu sagen, fragte ich: &bdquo;Mutti, zwei mal drei ist sechs?&rdquo; Verbl&uuml;fft best&auml;tigte sie es mir, und ich erz&auml;hlte, wie ich das herausgefunden hatte. Eigentlich, so erg&auml;nze ich nun als alter Mensch, hatte ich nichts anderes getan als das, was Kinder dieses Alters t&auml;glich tun: Ich hatte einen Begriff von &bdquo;mal&rdquo;, n&auml;mlich &bdquo;komm mal her&rdquo;, &bdquo;zweimal&rdquo; und &auml;hnliche Redewendungen. Diesen Begriff erweiterte ich ein wenig: einmal, zweimal, dreimal, viermal. Nicht anders, als wenn ein Kind ein Dutzend St&uuml;hle gesehen hat und sich einen allgemeinen Begriff &bdquo;Stuhl&rdquo; bildet.<\/p><p>Mit dem gleichen Spa&szlig; an der Freud&lsquo; stieg ich auf B&auml;ume, manchmal mittels einer Spitzbubenleiter.<\/p><p>Wird das Rechnenlernen &ndash; ich habe das Wort &bdquo;Mathematik&rdquo; vermieden &ndash; fr&uuml;h in die kindliche Wissbegierde und Begriffswelt eingebunden, dann sollte es klappen und die Lust auf &bdquo;mehr&rdquo; davon, letztlich auch auf komplizierte Mathematik geweckt werden k&ouml;nnen. Wird hingegen wie heute den F&uuml;nfj&auml;hrigen schon im Kindergarten eingetrichtert, dass es &bdquo;plus&rdquo;, &bdquo;minus&rdquo; und &bdquo;addieren&rdquo; hei&szlig;en m&uuml;sse anstelle von &bdquo;und&rdquo;, &bdquo;weniger&rdquo; und &bdquo;hinzutun&rdquo; oder &bdquo;zusammenz&auml;hlen&rdquo;, so wird nicht an vorhandene Begriffe angekn&uuml;pft. Sie bleiben ungenutzt, neue werden zusammenhanglos danebengesetzt. Sie m&uuml;ssen, um h&auml;ngen zu bleiben, gepaukt werden. Spa&szlig; geht anders.<\/p><p>Der Mathelehrer, den wir von der siebten bis zur neunten Klasse hatten, weckte diesen Spa&szlig;. Den Quadratzahlen n&auml;herten wir uns im Treppenhaus unserer vierst&ouml;ckigen Schule, ausger&uuml;stet mit einer riesigen Stoppuhr, einer flachen Blechwanne und einem St&uuml;ck Blei. Ein Trupp blieb oben mit dem Blei, der andere ging auf die darunterliegende Etage. Der Lehrer z&auml;hlte: drei, zwei, eins los! Das Blei wurde losgelassen, die Stoppuhr gestartet, beim Scheppern in der Wanne wurde gestoppt. Der Messwert wurde notiert; so ging&rsquo;s einige Male auf jeder Etage. Die verschiedenen Jobs wechselten unter uns. Halt, dieser Wert ist schlecht, zu sp&auml;t gestoppt. Nochmal. Zur&uuml;ck in der Klasse, wurden die Werte notiert und grafisch dargestellt. Was zeigen uns die Zahlen, was bedeutet die Kurve? So nach und nach kamen wir ans Fallgesetz s=g\/2 t2 und an die Quadratzahlen. Und dann: Wer kann die Quadrate von zehn bis zwanzig am schnellsten aufsagen, ohne sich zu verhaspeln; gestoppt wurde wieder mit jenem Monster von Stoppuhr. Mit viel Spa&szlig; lernten wir.<\/p><p>Ich war nicht immer gut in Mathematik; in der Sechsten st&uuml;rzte ich in einem Test beim Multiplizieren gemischter Zahlen ab, also sowas wie 4 3\/5 mal 3 1\/7. Die entscheidenden Minuten, als der Lehrer dies im Unterricht vormachte, waren an mir vorbeigerauscht. Ich &uuml;berlegte mir in diesem Test, dass ich eigentlich (4+3\/5) * (3+1\/7) zu rechnen habe, das hei&szlig;t, ich musste &bdquo;alles mit allem&rdquo; malnehmen. Gedacht, getan &ndash; nun hatte ich eine ganze Zahl und drei Br&uuml;che. Der Lehrer hatte in seinem Ergebnis nur eine ganze Zahl und einen Bruch. Ich strich kurzerhand zwei Br&uuml;che; jetzt sah das Ergebnis aus wie das des Lehrers, leider aber falsch. Bei weiteren Aufgaben in dem Test sollten mehrstellige Zahlen multipliziert werden. Bei den vielen kleinen Einzelrechnungen machte ich, verteilt auf die verschiedenen Gesamtaufgaben, je ein Fehlerchen: Schon war die ganze Aufgabe falsch.<\/p><p>Ich zog zwei Schl&uuml;sse. Wenn ich anhand mir bekannter Verfahren zu einem Ergebnis komme, dann darf ich nicht daran herumpfuschen, auch wenn es nicht &bdquo;sch&ouml;n&rdquo; aussieht; anderes w&auml;re &bdquo;opportunistisch&rdquo;. Der zweite Schluss hie&szlig;, beim Rechnen nicht galoppieren, sondern zweimal hinschauen, ob ich auch wirklich das rechne, was ich will, ob ich das aufschreibe, was ich gerechnet habe, und ob ich es so notiert habe, dass ich 20 Sekunden sp&auml;ter noch die Teilergebnisse richtig miteinander verbinden kann.<\/p><p><strong>Von der Mathematik zur Politik &ndash; welche Ereignisse politisierten Sie?<\/strong><\/p><p>Ich erw&auml;hnte, dass wir in Physik die <em>G&ouml;ttinger Erkl&auml;rung<\/em> diskutierten. Auch die Wehrpflicht war eine politische Frage. &Uuml;berhaupt waren alle Ereignisse, die mit dem Krieg zusammenhingen, politische und keine individuellen, im normalen famili&auml;ren Leben auftretende Ereignisse.<\/p><p>In den ersten Jahren nach dem Krieg hie&szlig; es bei der Bahnfahrt von Saarbr&uuml;cken nach Karlsruhe in Ein&ouml;d kurz vor Zweibr&uuml;cken samt Gep&auml;ck auszusteigen, eine Pass- und Zollkontrolle durch franz&ouml;sische Beamte mit &Ouml;ffnen der Koffer zu passieren, um nach zwei Kilometern Weiterfahrt denselben Zirkus in Zweibr&uuml;cken mit westdeutschen Beamten nochmal mitzuspielen; bei der R&uuml;ckreise entsprechend, alles in allem jeweils &uuml;ber zwei Stunden. Ganz anders die Grenze zu Frankreich im Wald hinter meinem Wohnort, diese war nur wahrnehmbar, wenn man auf einen Grenzstein traf.<\/p><p>Die Frage, ob das Saarland deutsch oder franz&ouml;sisch sein oder einen Zwischenstatus &agrave; la Luxemburg haben w&uuml;rde, bewegte die Gem&uuml;ter. Aus den Ferien im Schwarzwald zur&uuml;ckkommend, sah ich im August 1955 vor dem Saarbr&uuml;cker Bahnhof wohl ein Dutzend Mal das Plakat <em>&bdquo;Nie wieder Barras. Darum Nein zum Saarstatut. KPS&rdquo;<\/em>. Barras bedeutete Wehrdienst. Tolles Plakat, dachte ich. Im Herbst 1955 verteilte ich vor dem Kino Flugbl&auml;tter f&uuml;r das Nein zum Saarstatut. Ein lothringisches Blatt enth&uuml;llte, dass mein Vormund, stellvertretender Vorsitzender der neuen Saar-CDU, w&auml;hrend des Krieges in der Tschechei ein &bdquo;Blutrichter&rdquo; war: Er hatte 31 Todesurteile gef&auml;llt. Er war mein Vormund auf vorsorglichen Wunsch meines Vaters geworden, dessen Wandervogelf&uuml;hrer er wohl in den fr&uuml;hen 1920ern war.<\/p><p>Kurz nach dem &bdquo;Tag X&rdquo; im Sommer 1959, als die D-Mark an der Saar eingef&uuml;hrt wurde, redete Ludwig Erhard &ouml;ffentlich in Saarbr&uuml;cken. Er erntete Buhrufe. Er redete, wie es eine Zuh&ouml;rerin zusammenfasste, als h&auml;tten wir jetzt erstmals Gelegenheit, uns Zahnb&uuml;rsten zu kaufen.<\/p><p>In den 1950ern sa&szlig; auf der Poststelle unseres Ortes ein Mann &ndash; Kommunist &ndash; mit einer riesigen Beule auf der Stirn, sie r&uuml;hrte von einem Schlag in einem KZ. In der Schule lernten wir fr&uuml;h, dass es DDR und nicht &bdquo;Zone&rdquo; hei&szlig;e. So schrieb ich &bdquo;DDR&rdquo; auf ein P&auml;ckchen zu Verwandten &bdquo;nach dr&uuml;ben&rdquo; und brachte es zaghaft zur Post. Wird der Postmann das akzeptieren? Na klar akzeptierte er. Ich wusste noch nichts &uuml;ber die weiteren Zusammenh&auml;nge.<\/p><p>In den sp&auml;ten 1950ern wollte Bundeskanzler Konrad Adenauer die Bundeswehr mit Atomgranaten ausr&uuml;sten, einer &bdquo;Weiterentwicklung der Artillerie&rdquo;, wie er dem Bundestag vorgaukelte. Vor ein paar Jahren las ich, dass die USA damals zahlreiche davon in der BRD lagerten, abzufeuern von gr&ouml;&szlig;eren Pickups, maximale Reichweite etwa 4,5 Kilometer. US-Pr&auml;sident John F. Kennedy wurde dessen gewahr und zog dieses Teufelszeug in die USA zur&uuml;ck, f&uuml;r die restlichen erlie&szlig; er Einsatzregeln und Befehlsstrukturen, was es bis dahin nicht gegeben hatte.<\/p><p>In jenen Jahren entwickelte sich eine APO, au&szlig;erparlamentarische Opposition, die derlei Zumutungen entgegentrat, auch jener, bestimmte Einheiten der Polizei mit Maschinengewehren und Granatwerfern aufzur&uuml;sten. Die APO sei undemokratisch, hie&szlig; es, da sie gegen Mehrheitsbeschl&uuml;sse des Bundestags antrat. Nur solche Beschl&uuml;sse seien demokratisch. Wie bitte?! Demokratie, so hatte ich gelernt, hei&szlig;e Volks- und nicht blo&szlig; Parlamentsherrschaft.<\/p><p>Die Schwabinger Krawalle &ndash; entstanden, als Polizisten das Musizieren dreier Leute auf dem Trottoir unterbinden wollten &ndash; waren letztlich Auftakt f&uuml;r staatliche Pr&uuml;geleien bei Kundgebungen gegen den Vietnamkrieg und die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg anl&auml;sslich des Schahbesuchs in Berlin. Die 68er-Ereignisse nahm ich zur Kenntnis. In Erlangen, wo ich mittlerweile lebte, sah ich nur kleinere Aktionen.<\/p><p>Die Aufhebung der Verj&auml;hrung von Mord, um Verbrechen aus der Nazizeit auch weiterhin vor Gericht bringen zu k&ouml;nnen, sah ich positiv, mein Stiefvater lehnte ab: &bdquo;Es muss doch mal Schluss sein!&rdquo; Nachdem ihm sechs Jahre lang als Soldat mit Tod, Verderben und Angst die besten Jugendjahre genommen worden waren, wollte er nicht mehr an diese Zeit erinnert werden.<\/p><p>Die Berichte zum Eichmann- und zum Frankfurter Auschwitz-Prozess lieferten mir viele Hinweise zum Terror der Nazizeit gegen&uuml;ber j&uuml;dischen Menschen. Die Wiedergutmachung und die Gr&uuml;ndung von Israel erschienen mir als gerecht. Letzteres geriet in Zweifel, als ich mich im Fr&uuml;hsommer 1969 an einem Infotisch von Pal&auml;stinensern gegen deren Forderung nach der R&uuml;ckkehr aller Fl&uuml;chtlinge wandte. In der BRD w&uuml;rde eine solche Forderung von ganz reaktion&auml;ren Gruppen vorgebracht. Sie wollten das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs nicht akzeptieren und somit neuen Krieg riskieren. Eine junge Pal&auml;stinenserin widersprach mir. Deutschland habe einen verbrecherischen Krieg begonnen und verloren, die Pal&auml;stinenser h&auml;tten keinen begonnen. Sie lebten in ihren D&ouml;rfern, als j&uuml;dische Truppen sie vertrieben. Als kleines M&auml;dchen musste sie zusammen mit ihrer Familie unter Waffengewalt ihr Haus und ihr Dorf verlassen &ndash; ohne Anlass auf pal&auml;stinensischer Seite.<\/p><p>Von Sommer 1960 bis Ende 1965 las ich regelm&auml;&szlig;ig den Spiegel. Die <em>Spiegelaff&auml;re<\/em> war das Ding. Zwei gro&szlig;e Veranstaltungen im Audimax der Saarbr&uuml;cker Uni, eine mit Professor Maihofer, die andere eine Podiumsdiskussion mit Repr&auml;sentanten aller im Landtag vertretenen Gruppen, darunter ein Mitglied der <em>Deutschen Friedensunion DFU<\/em>, der zuvor &ndash; bis zu deren Verbot &ndash; der <em>KPS, der Kommunistischen Partei Saar<\/em>, angeh&ouml;rt hatte. Die CDU-Studentenorganisation <em>RCDS<\/em> l&auml;rmte wegen dieser Einladung durch den Asta, bis dessen Vorsitzender zur&uuml;cktrat.<\/p><p>Die Spiegellekt&uuml;re gab ich Anfang 1966 auf. Dort waren zwei gro&szlig;e Anzeigen f&uuml;r Kriegsger&auml;t erschienen. In einer wurde ein Vielstoffmotor beworben, der auch als Panzerantrieb geeignet sei. In der anderen bewarb Boeing die &bdquo;fliegende Banane&rdquo;, jenen Transporthubschrauber mit zwei Tragschrauben, der sich in Vietnam bew&auml;hrt habe und geeignet sei, alle logistischen Probleme des Lesers zu l&ouml;sen, beispielsweise durch Transport einer Haubitze samt Bedienmannschaft.<\/p><p>Das waren einige von vielen politischen Ereignissen, die Kopfsch&uuml;tteln und Bedenken, manche auch scharfen Widerspruch hervorriefen, was ich aber nur in vertrautem Kreis, bei Freunden, Verwandten, Kommilitonen und Kollegen &auml;u&szlig;erte.<\/p><p><strong>Wie entwickelte sich Ihr beruflicher Werdegang nach dem Abitur?<\/strong><\/p><p>Nach dem Abi studierte ich Mathe und Physik. Nach dem Vordiplom erhielt ich im Fr&uuml;hjahr 1962 ein Angebot des Saarbr&uuml;cker Instituts f&uuml;r Angewandte Mathematik, als studentische Hilfskraft zu arbeiten. Ich klopfte sch&uuml;chtern bei Dr. H&auml;ndler, einem Assistenten, an, er war mir aus einer Vorlesung bekannt. Er legte mir eine Liste m&ouml;glicher Themen vor: Informationstheorie, Artificial Intelligence, Erkennung von Radarsignalen (zivil und milit&auml;risch) und viele weitere aus dem Feld der soeben aus den R&ouml;hrenrechnern hinaustrippelnden Computerei. Ich &auml;u&szlig;erte, dass ich lieber Ziviles als Milit&auml;risches machen w&uuml;rde. &bdquo;Kein Problem.&rdquo; Ich w&auml;hlte mir die Informationstheorie und schrieb nach gut zwei Jahren meine Diplomarbeit &uuml;ber einen mathematischen &bdquo;Vergleich von Lernprozessen&rdquo;, also ein KI-Thema.<\/p><p>H&auml;ndler habilitierte sich und zog nach Hannover an die TH. Er bot mir einen Job; nach dem Diplom fing ich an: Auf einem Vertrag bei der Fraunhofer-Gesellschaft, finanziert vom Verteidigungsministerium, hoppla, zusammen mit zwei weiteren. Einer, fast so jung wie ich, hatte gerade erst aus der DDR &bdquo;r&uuml;bergemacht&rdquo;. Wir sollten f&uuml;r eine halbe Million D-Mark einen Computer von Digital Equipment, eine PDP 7 mit Bildschirm bekommen, ein Dialogsystem schreiben und Mustererkennung am Bildschirm untersuchen, das hei&szlig;t, Symbole, die Panzer bedeuten, auf dem Schirm platzieren und den Computer eine gute oder schlechte Gefechtsfeldlage erkennen lassen. Wir durften auch daran denken, Schriftzeichen erkennen zu lassen.<\/p><p>Nach wenigen Monaten fand ich mich in einer Besprechung mit einem Vertreter einer R&uuml;stungsfirma wieder. Es ging um die Analyse von Sonarsignalen: Zeigt ein Signal einen Heringsschwarm oder einen ankommenden Torpedo? W&uuml;rde ich mitarbeiten, m&uuml;sste ich sicherheits&uuml;berpr&uuml;ft werden. Es gab keine zweite Besprechung mit mir; ob ich &uuml;berpr&uuml;ft wurde, wei&szlig; ich nicht; ein anderer Kollege machte sp&auml;ter den Job. Im Jahr darauf besuchte ich zwei Fachveranstaltungen der NATO. Eine Woche in Paris zum Einsatz von Bildschirmen bei &bdquo;Command and Control&rdquo;-Systemen. Dort h&ouml;rte ich erstmals das Wort Ergonomie: der Operator am Bildschirm soll&rsquo;s guthaben, damit er stress- und fehlerfrei Bomber im Vietnamkrieg steuern kann.<\/p><p>Abends hatte ich mein Kontrastprogramm: Am Boulevard Rochechouart lernte ich ein Paar &ndash; einen Deutschen und eine Schweizerin &ndash; kennen, die ihre Gem&auml;lde feilboten. Er war nach Paris ausger&uuml;ckt, um dem Wehrdienst zu entgehen. &bdquo;Quittiere den Job. Alles, was du dort machst, ist f&uuml;rs Milit&auml;r. Glaub&lsquo; nicht, dass du dort etwas Ziviles machen kannst&rdquo;, meinte er radikal. Die Nacht, in der wir das diskutierten, war ziemlich lang.<\/p><p>Vier Wochen sp&auml;ter kamen drei Tage in M&uuml;nchen dazu: Display-Techniken f&uuml;r eine quasi Life-Projektion einer Gefechtsfeldlage in Vietnam, damit Offiziere aus der Ferne schnelle und &bdquo;realistische&rdquo; Entscheidungen treffen k&ouml;nnten. Der Beamer war noch nicht erfunden, die gezeigten Techniken muten heute skurril an.<\/p><p>Schwabing bot mir am Abend eine andere Welt. Ein Kabarettist spielte einen Dialog zwischen Rudolf Augstein als SPIEGEL-Redakteur und Rudolf Augstein als Privatier. Das Zwiegespr&auml;ch dieser gespaltenen Pers&ouml;nlichkeit endete, als der Privatier zum Redakteur sagte: &bdquo;Ach, den Spiegel. Den lese ich schon lange nicht mehr.&rdquo;<\/p><p>In dieser Zeit wechselte H&auml;ndler von Hannover nach Erlangen; ich folgte all den anderen in seinem Tross. In Erlangen war das Milit&auml;rische erst einmal au&szlig;en vor. Mit dem j&uuml;ngeren Kollegen in unserem Gr&uuml;ppchen war ich mir einig, es sei besser, den Computer f&uuml;r eine zivile Aufgabe, n&auml;mlich f&uuml;r die Erkennung von Schriftzeichen, zu nutzen, statt das Geld f&uuml;r Panzer auszugeben. Das war unsere ganz private und niemandem ein Beispiel gebende &bdquo;R&uuml;stungskonversion&rdquo;. Meine Arbeitsergebnisse waren zuletzt ein Dialogeditor f&uuml;r Grafiken und ein Dialogprogramm, mit dem man Algorithmen zur Erkennung von Schriftzeichen studieren konnte.<\/p><p>Im Herbst 1969 ging ich zu einer Gruppe bei AEG-Telefunken in Konstanz, die ein &bdquo;kleines&rdquo; Betriebssystem f&uuml;r den &bdquo;Gro&szlig;rechner&rdquo; TR 440 entwickeln sollte, finanziert wurde das Projekt vom Bundesforschungsministerium. Das Betriebssystem sollte zivilen Anwendungen dienen. In der Halle, in der der Rechner f&uuml;r unsere Tests stand, waren hinter spanischen W&auml;nden auch Rechner, an denen uniformierte Angeh&ouml;rige der Bundeswehr arbeiteten. Als das Ministerium 1971 die Finanzierung unseres Projekts einstellte, terminierte auch AEG-Telefunken das Projekt &ndash; ein Lehrbeispiel f&uuml;r die Verkn&uuml;pfung von Staat und der T&auml;tigkeit eines monopolistischen Gro&szlig;unternehmens.<\/p><p>Im ersten Jahr meines Aufenthalts in Konstanz dauerte es eine Woche, bis mir Briefe zugestellt wurden. Vermutlich wurden sie zwecks Sicherheits&uuml;berpr&uuml;fung an einen Mitleser umgeleitet, so wie auch Post in die DDR im Westen mitgelesen wurde. Bei Telefunken wurde sicherheits&uuml;berpr&uuml;ft, wie wir in unserer Projektgruppe bemerkten: Unsere Sekret&auml;rin heiratete einen Absolventen der Konstanzer Ingenieursschule. Er schloss vor der Hochzeitsreise einen Arbeitsvertrag mit Telefunken ab. Aber als er nach den Flitterwochen morgens um 8 Uhr auf der Matte stand, wurde ihm die Arbeitsaufnahme verweigert. Helle Aufregung bei unserer Sekret&auml;rin. Unser Chef konnte kl&auml;ren, ihr Mann erhielt einen anderen Arbeitsplatz. Das Theater wurde veranstaltet, weil sein &ouml;sterreichischer Vater &ndash; der Mann kam aus Bregenz &ndash; in den 1950er-Jahren als Ingenieur in der DDR gearbeitet hatte.<\/p><p>Im Herbst 1971 arbeitete ich f&uuml;r Telefunken in Berlin. Noch nicht lange in der Stadt, schlich ich an einem Novemberabend durch eine Wohnstra&szlig;e, an deren Ende etwas mehr Leben erhoffend. Pl&ouml;tzlich trat mir ein Mann in den Weg. &bdquo;Bitte bleiben Sie stehen. Ich muss Ihnen Wichtiges sagen.&rdquo; Z&ouml;gerlich blieb ich stehen. &bdquo;Was wollen Sie sagen?&rdquo; Der Mann sprach von Budapest, 1944: &bdquo;Man trieb Juden auf eine Br&uuml;cke und zwang sie, &uuml;ber das Gel&auml;nder in die Donau zu springen. Dann schoss man auf sie. Entschuldigung, dass ich Sie aufgehalten habe. Ich musste das sagen.&rdquo; &bdquo;Es war gut, dass Sie es mir sagten&rdquo;, antwortete ich verbl&uuml;fft. Einige Momente noch standen wir wortlos beisammen, dann ging der Mann zu einem Hauseingang, wo die T&uuml;r leise ins Schloss fiel. Damals in Budapest mochte er Anfang 20 gewesen sein.<\/p><p>Seit ich studentische Hilfskraft war, kam meine Arbeit immer wieder mit dem Milit&auml;rischen in Ber&uuml;hrung. Ich konnte mich etwas wegducken oder es manchmal ignorieren, aber ganz absch&uuml;tteln lie&szlig; es sich nicht. Ich war in den sp&auml;ten 1960ern mit der Bahn zwischen Donauw&ouml;rth und Ulm unterwegs, irgendwo stiegen zwei betrunkene junge M&auml;nner ein. Sie waren bester Laune, sie riefen sich Stichworte zu und lachten schallend. Ich quatschte sie an: &bdquo;Sie haben wohl Tolles erlebt?&rdquo; &bdquo;Ja&rdquo;, meinten sie, &bdquo;wir sind heute wegen Unf&auml;higkeit dauerhaft aus der Bundeswehr entlassen worden&rdquo;, ein Ziel, auf das sie mit gr&ouml;&szlig;tem intellektuellen Einsatz in den ersten Wochen des Grundwehrdienstes hingearbeitet hatten. Meinen Gl&uuml;ckwunsch nahmen sie gern entgegen.<\/p><p><strong>Wie w&uuml;rden Sie die Stimmung in der damaligen Bundesrepublik charakterisieren?<\/strong><\/p><p>Es gab eine politische und technische Aufbruchstimmung. Es ging vorw&auml;rts, so die Beobachtung: Als ich an der Saarbr&uuml;cker Uni anfing, standen auf dem gro&szlig;en zentralen Platz kaum ein Dutzend Autos, zwei Jahre sp&auml;ter wurden Parkplaketten ausgegeben, um des Andrangs Herr zu werden. So scheint Fortschritt zu gehen. Autobahnen und Umgehungsstra&szlig;en wurden gebaut, Hochh&auml;user entstanden, alte windschiefe Stadtkerne, in den H&auml;usern noch Plumpsklo, wurden abgerissen und mit gef&uuml;gigem Beton wurde Neues errichtet. Es wurde mehr Altes abgerissen, als in den Bombenn&auml;chten zertr&uuml;mmert worden war. K&uuml;hlschr&auml;nke, Waschmaschinen und Fernseher wurden Allgemeingut. Telefone wurden verbreitet genutzt. &bdquo;Elektronengehirne&rdquo;, sprich Rechenzentren, wurden installiert. Die Automation wurde kr&auml;ftig angeschoben. Der Stromverbrauch stieg enorm. Die Strategen der Gro&szlig;industrie sprachen von &bdquo;exponentiellem Wachstum&rdquo; des Bedarfs und beschworen eine drohende &bdquo;Stroml&uuml;cke&rdquo; herauf, wenn nicht AKWs und nochmals AKWs gebaut w&uuml;rden. Zehn St&uuml;ck sollten am Hochrhein und in der N&auml;he entstehen. Der &bdquo;schreckliche Jurist&rdquo; Filbinger, Ministerpr&auml;sident von Baden-W&uuml;rttemberg, wollte dort ein &bdquo;zweites Ruhrgebiet&rdquo; kreieren, wohl mit gl&uuml;cklichen Mercedes-, Porsche- und Boscharbeitern an gl&uuml;cklichen, von Atomstrom getriebenen Flie&szlig;b&auml;ndern.<\/p><p>Drei Atomkraftwerke dieser Serie entstanden: Zwei in der Schweiz im Aargau und eins bei Fessenheim im Elsass. Das vierte w&auml;re Wyhl gewesen. Aber die Badener Winzer hielten so wenig von einem zweiten Ruhrgebiet wie ich. Aus Wyhl wurde das fr&uuml;he Symbol gegen Atomenergie. So viel zur technischen Aufbruchstimmung der sp&auml;ten 1960er- und der fr&uuml;hen 1970er-Jahre. Die politische Aufbruchstimmung galt den innen- und au&szlig;enpolitischen Blockaden der Adenauerjahre.<\/p><p><small>Titelbild: (c) privat<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bonner Diplom-Mathematiker <strong>Wolf G&ouml;hring<\/strong> (86) ist ein alerter Zeitzeuge bundesrepublikanischer Geschichte und Friedensaktivist seit Mitte der 1960er-Jahre. 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