{"id":144092,"date":"2025-12-22T14:49:19","date_gmt":"2025-12-22T13:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144092"},"modified":"2025-12-23T07:07:47","modified_gmt":"2025-12-23T06:07:47","slug":"rolf-becker-unersetzbar-als-kuenstler-fuer-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144092","title":{"rendered":"Rolf Becker \u2013 unersetzbar als K\u00fcnstler f\u00fcr den Frieden"},"content":{"rendered":"<p>Rolf Becker (31.3.1935 &ndash; 12.12.2025), seit Jahrzehnten enger pers&ouml;nlicher Freund und grandioser Mitstreiter auf der B&uuml;hne gegen Imperialismus, ist vor ein paar Tagen gestorben. In einem mehrst&uuml;ndigen Telefonat vor sechs Wochen hatte er mir so etwas vom Krankenbett aus angek&uuml;ndigt, n&uuml;chtern, ohne jedes Lamento. Von <strong>Diether Dehm<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWer ihn im Unterhaltungs-TV wie bei &bdquo;In aller Freundschaft&rdquo; oder &bdquo;Tatort&ldquo; sieht, kann sich oft nicht vorstellen, wie er Show-Regeln und sogar die klassische Schauspielschule beiseiteschob, wenn es um politische Kundgebungen ging. Sogar, wenn er dort Brecht, Tucholsky, Heine oder Neruda vortrug, geschah dies stets nach Vorgaben einer wirkm&auml;chtigen, politischen Rede!<\/p><p>Am 15. April 2009 waren wir &ndash; Rolf, Michael Letz am Klavier und ich &ndash; von Pastor Peter Strutinsky zum Ostermarsch nach Kassel eingeladen. Ich sang nach ihm. W&auml;hrend seiner (nachfolgend auszugsweise abgedruckten) Rede beschrie ihn eine Handvoll &bdquo;Antideutscher&ldquo; mit Israelfahnen, seitw&auml;rts der 600 Ostermarschierer, als &bdquo;Antisemiten&ldquo;. <\/p><p>Damals waren diese zionistischen Wortverdreher vom geheimdienstlich-medialen Komplex noch nicht so hochgep&auml;ppelt &ndash; sodass die anwesenden Medienvertreter &uuml;ber den Schwachsinn &ouml;ffentlich die K&ouml;pfe sch&uuml;tteln durften. <\/p><p>Mehrfach, sogar bei seinem 80. Geburtstag, bedankte er sich sp&auml;ter bei mir, dort die Antisemitismus-Groteske zur&uuml;ckgewiesen zu haben. Obwohl: Rolf Beckers Aufrichtigkeit und seinen lebenslangen Kampf gegen Antisemitismus und Antikommunismus zu loben, bedurfte an diesem Mikro in Kassel beileibe keiner sonderlichen Tapferkeit. Eigentlich h&auml;tte ich sogar besch&auml;mt sein m&uuml;ssen, da&szlig; die Randalierer bei meinen Songs schweigsamer geworden waren (<a href=\"https:\/\/youtu.be\/GAZ8CU9m_JI?si=iLZ0LEUzPcqLkqYD\">https:\/\/youtu.be\/GAZ8CU9m_JI?si=iLZ0LEUzPcqLkqYD<\/a>). Vielleicht war ich als MdB und Liedermacher in den Jahren zuvor einfach nur mit der Kritik an der israelischen Armee nicht so deutlich geworden wie er. <\/p><p>Rolf Becker &ndash; der Weitsichtige, der sich als Marxist verstand &ndash; war halt schon damals nicht zu ersetzen. Ein k&uuml;nstlerischer Denker und denkender K&uuml;nstler, der viel mehr las, als er vorlas, proproletarisch in einem kleinb&uuml;rgerlichen Beruf, internationalistischer Botschafter in einer nationalen Kultur. <\/p><p><strong>Rede von Rolf Becker beim Ostermarsch 2009 in Kassel: <\/strong><\/p><blockquote><p>Und eines Morgens war alles in Flammen,<br>\nund eines Morgens brachen Feuerst&ouml;&szlig;e<br>\naus der Erde<br>\nund verschlangen Leben,<br>\nund von da an Feuer,<br>\nPulver von da an,<br>\nund von da an Blut.<\/p>\n<p>Banditen mit Flugzeugen<br>\nkamen vom Himmel, um Kinder zu t&ouml;ten;<br>\nund in den Stra&szlig;en das Blut von Kindern:<br>\nes floss einfach so, wie Blut von Kindern.<\/p>\n<p>Aber aus jedem toten Kind wird ein Gewehr mit Augen,<br>\naus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren.<\/p>\n<p>Ihr werdet fragen, warum meine Dichtung<br>\nuns nichts vom Traum erz&auml;hlt, von den Bl&auml;ttern,<br>\nden gro&szlig;en Vulkanen meines Ursprungslandes?<\/p>\n<p>Kommt und seht das Blut in den Stra&szlig;en,<br>\nkommt und seht<br>\ndas Blut in den Stra&szlig;en,<br>\nkommt und seht das Blut<br>\nin den Stra&szlig;en!<\/p><\/blockquote><p>Liebe Friedensfreunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Genossinnen und Genossen, <\/p><p>die eben zitierten Zeilen sind aus Pablo Nerudas Gedicht &bdquo;ZUR ERKL&Auml;RUNG EINIGER DINGE&ldquo;, geschrieben angesichts der Schrecken des Spanischen B&uuml;rgerkriegs von 1936 bis 1939 &ndash; des faschistischen Terrors gegen das republikanische Spanien durch die Milizen der Franco-Gener&auml;le, unterst&uuml;tzt von der deutschen Wehrmacht. Sie sind leider &uuml;bertragbar auf die Kriege &ndash; ich beschr&auml;nke mich auf das letzte Jahrzehnt &ndash;, die wir seit 1999 erleben: Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Gaza &ndash; s&auml;mtlich gef&uuml;hrt unter direkter oder indirekter Beteiligung Deutschlands. Der Einwand, die Bundesregierung habe den Angriff auf Gaza doch lediglich gebilligt, &uuml;berzeugt nicht: Billigung ist nur eine besondere Form der Beteiligung &hellip;<\/p><p>Wir haben die genannten Kriege nicht verhindern k&ouml;nnen. Wir waren, trotz aller Bem&uuml;hungen, zu schwach. Wir sind zu schwach. <\/p><p>Als sich die Bundesrepublik Deutschland 1999 am Nato-&Uuml;berfall auf die bis dahin sozialistische F&ouml;deration und damit am ersten Angriffskrieg seit 1939, dem Beginn des 2. Weltkriegs, beteiligte, wurde der Protest dagegen nur von wenigen geteilt. Der Propaganda von Regierung und Medien lie&szlig; weder die Friedensbewegung noch kapitalismuskritische Parteien und Gruppierungen unbeeindruckt. Das Ja zum Krieg seitens des DGB blieb weitgehend unwidersprochen. Bis heute, zehn Jahre danach, ist es gewerkschaftlich nicht thematisiert, geschweige denn aufgearbeitet worden. Dabei best&uuml;nde mehr als Anlass dazu: war es doch seit der Bewilligung der Kriegskredite 1914, die den 1. Weltkrieg &uuml;berhaupt erst m&ouml;glich machten, das zweite Ja zu einem Krieg in der Geschichte deutscher Gewerkschaften. Solange wir hier nicht ansetzen und f&uuml;r die Masse der Besch&auml;ftigten endlich Klarheit schaffen, wird unser Protest nicht wirksam werden, nicht zum Widerstand, der die Absichten der Herren &uuml;ber Leben und Tod zunichte machen kann. Ein drittes Ja deutscher Gewerkschaftsf&uuml;hrungen zu einem Krieg darf es nicht geben!<\/p><p>&hellip; In Serbien und im Kosovo &ndash; nach wie vor einer Provinz Serbiens, trotz der v&ouml;lkerrechtswidrigen und gegen die Beschl&uuml;sse der UNO erfolgten Anerkennung durch die Bundesregierung &ndash; waren es 78 Tage. Punktgenau vernichtet: &uuml;ber 300 Schulen und Universit&auml;ten, sogar mehrere Krankenh&auml;user, darunter die Entbindungsstation des Belgrader Krankenhaus Dr. Dragisa Misovic am Bulevar Mira, dem Friedensboulevard, begr&uuml;ndet mit der Annahme, sie seien milit&auml;risch genutzt worden. Punktgenau auch die Treffer der Splitterbomben auf dem Marktplatz von Nis zur Einkaufszeit &hellip; <\/p><p>Auch wenn die US-Truppen teilweise abgezogen und nach Afghanistan verlegt werden sollen, auch hier gilt: &bdquo;Der Feldzug ist noch nicht zuend&ldquo; (Brecht). Die Bewegung gegen diesen, wieder mit L&uuml;gen begr&uuml;ndeten und gegen V&ouml;lkerrecht und UNO-Beschl&uuml;sse gef&uuml;hrten opferreichen Krieg war weltweit und einzigartig in der Geschichte der Friedensbewegung &ndash; verhindern konnten wir ihn nicht &hellip;<\/p><p>Das Entsetzen &uuml;ber den Einmarsch und das Vorgehen der israelischen Armee ist weltweit &ndash; weltweit und hierzulande noch gr&ouml;&szlig;er allerdings die Ratlosigkeit, wie dem zu begegnen ist. Die Gleichsetzung jeglicher Kritik an der Regierung des Staates Israel mit Antisemitismus, deren einsch&uuml;chternde Wirkung beabsichtigt ist, hat Desorientierung bis in Parteien und Gruppierungen der Linken zur Folge. Wir sollten uns dadurch weder beirren noch unsere Sprache verbieten lassen, sondern weiterhin Klartext reden. Klartext wie vor Jahren schon Erich Fried mit seinem &bdquo;H&ouml;re Israel&ldquo;, Klartext wie Uri Avnery in seinen regelm&auml;&szlig;ig auch auf Deutsch erscheinenden Kommentaren und Moshe Zuckermann in seinem neuen Buch &bdquo;60 Jahre Israel&ldquo;, Klartext an der Seite der israelischen Friedensbewegung und der israelischen Kriegsverweigerer. Unsere Kritik ist Kritik bestehender Klassenverh&auml;ltnisse und Kritik imperialistischer Politik. Sie orientiert sich, bezogen auf Israel und Pal&auml;stina an den Beschl&uuml;ssen der Vereinten Nationen, die, w&uuml;rden sie umgesetzt, die Existenz Israels wirksamer und dauerhafter sichern w&uuml;rden als Siedlungsbau und Waffeng&auml;nge. <\/p><p>Zur vorl&auml;ufigen Bilanz des Krieges anhand der Angaben der Vereinten Nationen, israelischer und internationaler Presse wie &bdquo;The Independent&ldquo;, zitiert aus Noman Paechs Untersuchung &bdquo;Gaza und das V&ouml;lkerrecht vom 2. Februar 2009: &bdquo;Nach Angaben der UN vom 19. Januar 2009 wurden 1340 Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser get&ouml;tet, darunter 460 Kinder und 106 Frauen. 5320 Menschen wurden verletzt, darunter 1855 Kinder, wobei ein Gro&szlig;teil der Verletzungen schwerwiegend ist. Die Zahlen d&uuml;rften inzwischen noch gestiegen sein.<\/p><p>&hellip; Aufgrund des bisher Ausgef&uuml;hrten w&auml;re es unaufrichtig von mir, wenn ich meinen Einwand an einer &ndash; meines Erachtens wesentlichen &ndash; Forderung im Aufruf zu unserer heutigen Kundgebung nicht hier vor Euch aussprechen w&uuml;rde: Diese Forderung in Euerem Aufruf lautet: &bdquo;alle Waffenlieferungen an die Kontrahenten im Konfliktgebiet einzustellen&ldquo;. <\/p><p>&hellip; Die Forderung, den Waffenschmuggel f&uuml;r die Pal&auml;stinenser zu unterbinden, wurde au&szlig;er von der israelischen Staatsf&uuml;hrung bereits mehrfach von der Bundesregierung erhoben &ndash; wir m&uuml;ssen sie nicht wiederholen. <\/p><p>Entsprechend meine Bitte an das Kasseler Forum f&uuml;r Frieden und die den Aufruf unterst&uuml;tzenden Organisationen: &uuml;berpr&uuml;ft, was Euch veranlasst hat, die Zeile zu schreiben und zu ver&ouml;ffentlichen. Bedenkt, dass der vor wenigen Tagen zum Au&szlig;enminister Israels aufgestiegene Avigdor Lieberman unmittelbar nach seiner Ernennung programmatisch erkl&auml;rt hat &bdquo;Si vis pacem, para bellum&ldquo; &ndash; &uuml;bersetzt lautet das lateinische Sprichwort, dessen er sich bediente: &bdquo;Wenn du Frieden willst, f&uuml;hre Krieg.&ldquo; Wenn wir demgegen&uuml;ber nicht eindeutig Stellung beziehen, machen wir uns politisch &uuml;berfl&uuml;ssig. Und bedenkt, bitte bedenkt die eingangs zitierten Worte Nerudas:<\/p><p><em>&bdquo;Aus jedem toten Kind wird ein Gewehr mit Augen,<br>\naus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren.&ldquo; <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rolf Becker (31.3.1935 &ndash; 12.12.2025), seit Jahrzehnten enger pers&ouml;nlicher Freund und grandioser Mitstreiter auf der B&uuml;hne gegen Imperialismus, ist vor ein paar Tagen gestorben. 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Von <strong>Diether Dehm<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,917],"tags":[1120,1557,1678,432,747,303,2203],"class_list":["post-144092","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-friedensbewegung","tag-israel","tag-kuenstler","tag-kosovo","tag-nachruf","tag-palaestina","tag-serbien"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144092","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=144092"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144092\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":144121,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144092\/revisions\/144121"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=144092"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=144092"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=144092"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}