{"id":144172,"date":"2026-01-03T11:00:18","date_gmt":"2026-01-03T10:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144172"},"modified":"2026-01-03T12:17:58","modified_gmt":"2026-01-03T11:17:58","slug":"neuer-trend-in-russland-eine-ganz-persoenliche-geschichte-aus-dem-hier-und-jetzt-auf-der-buehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144172","title":{"rendered":"Neuer Trend in Russland: Eine ganz pers\u00f6nliche Geschichte aus dem Hier und Jetzt auf der B\u00fchne"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Jahr machen in Russland gleich zwei bekannte Schauspielerinnen ihr eigenes Leben zum Thema von Theaterst&uuml;cken: die Ballerina Anastasija Vinokur [<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144172#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] und die Schauspielerin Irina Gorbatschowa. Das ist f&uuml;r Russland neu. Mancher wird es nicht glauben, aber die russische Kultur ist offen f&uuml;r Experimente. Sie entwickelt sich weiter. Wenn Schauspielerinnen auf der B&uuml;hne &uuml;ber ihren ganz pers&ouml;nlichen Werdegang, &uuml;ber ihre Probleme und &Auml;ngste sprechen, k&ouml;nnte man denken, das interessiert die Zuschauer nicht. Doch das Gegenteil ist der Fall. Irina Gorbatschowa zeigt ihr St&uuml;ck &bdquo;Warum ich?&ldquo; [<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144172#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] nicht nur in Moskauer Theatern, sondern auch in der russischen Provinz. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Saal in der Konzerthalle von Tula, einer Stadt 300 Kilometer s&uuml;dlich von Moskau, war am 4. Dezember ausverkauft. Die 37 Jahre alte Schauspielerin Irina Gorbatschowa ist unter j&uuml;ngeren Menschen in Russland bekannt. Die Schauspielerin stand allein auf der B&uuml;hne. Sie erz&auml;hlte &ndash; untermalt von Musik &ndash; Episoden aus ihrem Leben. Es ging Schlag auf Schlag, fast zwei Stunden, und das ohne Pause. Ein H&ouml;hepunkt der Vorstellung war, als Gorbatschowa, eingepackt in eine gro&szlig;e Wareniki-Teigtasche mit Kirschen, ein St&uuml;ck aus einer italienischen Oper sang. Diese Teigtasche strahlte pure Lebensfreude aus. Die Handys wurden gez&uuml;ckt. Es fehlte nur die saure Sahne, mit der die Teigtaschen verspeist werden.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto1_Auftritt-Irina-Gorbatschowa-in-Tula-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto1_Auftritt-Irina-Gorbatschowa-in-Tula-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg.jpeg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"960\" class=\"alignleft size-full wp-image-144173\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto1_Auftritt-Irina-Gorbatschowa-in-Tula-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg.jpeg 1280w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto1_Auftritt-Irina-Gorbatschowa-in-Tula-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg-300x225.jpeg 300w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto1_Auftritt-Irina-Gorbatschowa-in-Tula-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto1_Auftritt-Irina-Gorbatschowa-in-Tula-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg-768x576.jpeg 768w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto1_Auftritt-Irina-Gorbatschowa-in-Tula-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg-867x650.jpeg 867w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto1_Auftritt-Irina-Gorbatschowa-in-Tula-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg-653x490.jpeg 653w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto1_Auftritt-Irina-Gorbatschowa-in-Tula-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg-327x245.jpeg 327w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/a><br>\n<small>Quelle: Ulrich Heyden<\/small><\/p><p>Irina Gorbatschowa ist eine hochgewachsene, schlanke Frau mit Kurzhaarschnitt. Sie hat einen jungenhaften, sportlichen Drive. Ich wartete vergeblich, dass die Schauspielerin mal tief durchatmet und sich sammelt. Aber nein. Es ging im Galopp. Nur, wenn sie sich auf der B&uuml;hne mit Hilfe einer Assistentin ein neues Kost&uuml;m &uuml;berstreifte, blieben ein paar Sekunden, um einen Schluck aus einer Wasserflasche zu nehmen. Dieser schnelle Rhythmus, diese F&uuml;lle von verschiedenen Lebenssituationen aneinandergereiht, das passt zum Leben der jungen Russen, das sich zwischen Geldverdienen, der L&ouml;sung von Problemen und dem Geplapper in sozialen Netzwerken bewegt.<\/p><p>Niemand verlie&szlig; den Saal. Das Thema &bdquo;Angst&ldquo; und die Erinnerung an die schwierigen 1990er-Jahre gingen unter die Haut. Die Sprache der Schauspielerin war einfach. Es gab keine Anspielungen und keine Doppeldeutigkeiten. Alles wurde direkt beim Namen genannt.<\/p><p><strong>Geboren am Schwarzen Meer, in Mariupol<\/strong><\/p><p>Schon bei den ersten Worten der Schauspielerin erstarrte ich. Gorbatschowa erz&auml;hlte, sie sei in Mariupol in einer ganz normalen Plattenbausiedlung aufgewachsen. Mariupol, dieser Name steht nicht nur f&uuml;r eine Hafenstadt am Schwarzen Meer. Man denkt bei dem Namen dieser s&uuml;dlichen Stadt nicht nur an M&ouml;wen, Akazien und Aprikosen. Das Wort Mariupol steht auch f&uuml;r eine der schlimmsten Schlachten im Ukraine-Krieg. Dass die junge Frau, die in dieser Stadt geboren wurde, auf der B&uuml;hne steht und einen ganzen Saal in Atem h&auml;lt, war wie ein Zeichen, dass das Leben weitergeht.<\/p><p>Die erste Szene handelte von der Geburt der Schauspielerin. Diese wurde wie ein Spektakel inszeniert. Unter einem langen T&uuml;llrock zog die Schauspielerin ein rotes Kn&auml;uel hervor. Die kleine Irina war geboren! Man h&ouml;rt kein &bdquo;oh wie s&uuml;&szlig;&ldquo; oder &bdquo;ganz der Mutter &auml;hnlich&ldquo;, sondern laute Musik.<\/p><p>Als Irina Gorbatschowa 1988 geboren wurde, waren die Zeiten chaotisch. Die Perestroika (Umbau der Gesellschaft) von Michael Gorbatschow hatte leere Regale zur Folge. Die Menschen k&auml;mpften ums &Uuml;berleben. Irinas Vater arbeitete im Stahlwerk Ilitsch. L&ouml;hne wurden damals ein halbes Jahr lang nicht gezahlt. Einmal sagte Irinas Mutter zu ihrer Tochter und den beiden Br&uuml;dern: &bdquo;Kinder, ich habe heut nichts zu essen f&uuml;r Euch.&ldquo; Darauf sagte Irina, so als wollte sie allen Mut machen: &bdquo;Wir sind gar nicht hungrig.&ldquo; Die Kinder gingen dann zum Spielen auf den Hof. W&auml;hrenddessen klingelte die Mutter bei verschiedenen Nachbarn und bat um Eier, Mehl, Zucker und &Ouml;l. Sie werde das Erbetene bei Gelegenheit zur&uuml;ckgeben, sagte sie. Irgendwann hatte die Mutter dann genug zusammen. Und als die Kinder abends nach Haus kamen, stand auf dem K&uuml;chentisch ein gro&szlig;er Teller mit duftenden, in &Ouml;l gebackenen Ponschikis, Kringeln aus Teig.<\/p><p><strong>Die erste B&uuml;hne war der Hof zwischen den H&auml;usern<\/strong><\/p><p>Der Hof zwischen den Plattenbauten, in denen sie und ihre Familie wohnten, war die erste B&uuml;hne f&uuml;r Irina Gorbatschowa. Hier tanzte und schauspielerte sie spontan vor Kindern und Jugendlichen. Sie erz&auml;hlte, &bdquo;die Omas forderten Zugaben&ldquo;. Das glaubt man Gorbatschowa gerne, denn in der Konzerthalle von Tula sah man, wie die Schauspielerin einen perfekten Breakdance auf die B&uuml;hne legte und dabei auch noch sang. Die Worte &bdquo;motherfucker, motherfucker&ldquo; waren zu h&ouml;ren.<\/p><p>Dass sie Schauspielerin wurde, verdanke sie einer P&auml;dagogin in einem Sommerlager, erz&auml;hlte Gorbatschowa. Die habe ihr gesagt, sie solle f&uuml;nf T&auml;tigkeiten nennen, die sie mag und mit denen man Geld verdienen kann. Gorbatschowa sagte Tanzen, Komik, Singen, Verkleiden. Darauf sagte die P&auml;dagogin: &bdquo;Du bist ein Clown!&ldquo; Als sie dann sp&auml;ter eine Ausbildung als Clown machte, sagte ihr eine Kollegin: &bdquo;Clown, das ist ein Zustand, als ob jemand einen Mehlsack auf dich geworfen hat.&ldquo;<\/p><p>Als Schauspielerin muss man auf alles gefasst sein und improvisieren k&ouml;nnen. Als sie an der Moskauer Schukin-Schauspielschule bei einer Aufnahmepr&uuml;fung vortanzen sollte, kam Gorbatschowa in einem roten Adidas-Anzug und tanzte zu klassischer Musik in einer Mischung aus Breakdance und Ballett. Die Pr&uuml;fungskommission stellte merkw&uuml;rdige Fragen wie: &bdquo;K&ouml;nnen sie diesen Tanz auch im Rock vorf&uuml;hren?&ldquo; &bdquo;Warum&ldquo;, fragte Gorbatschowa. &bdquo;Weil wir dann ihre Beine sehen k&ouml;nnen&ldquo;. &bdquo;Aber sie k&ouml;nnen doch meine Beine sehen&ldquo;, sagte Gorbatschowa und zog ihre Hosenbeine stramm.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto2-Irina-Gorbatschowa-Website-der-Kuenstlerin-.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto2-Irina-Gorbatschowa-Website-der-Kuenstlerin-.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"1024\" class=\"alignleft size-full wp-image-144174\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto2-Irina-Gorbatschowa-Website-der-Kuenstlerin-.jpg 1280w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto2-Irina-Gorbatschowa-Website-der-Kuenstlerin--300x240.jpg 300w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto2-Irina-Gorbatschowa-Website-der-Kuenstlerin--1024x819.jpg 1024w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto2-Irina-Gorbatschowa-Website-der-Kuenstlerin--768x614.jpg 768w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto2-Irina-Gorbatschowa-Website-der-Kuenstlerin--813x650.jpg 813w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto2-Irina-Gorbatschowa-Website-der-Kuenstlerin--613x490.jpg 613w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto2-Irina-Gorbatschowa-Website-der-Kuenstlerin--306x245.jpg 306w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/a><br>\n<small>Quelle: Ulrich Heyden<\/small><\/p><p>Als sie dann einen Text vortragen sollte, war sie so im Stress, dass sie den Text verga&szlig;. Schlie&szlig;lich trug sie ihren Lieblingstext vor. Er stammte aus dem Buch &bdquo;Der kleine Prinz&ldquo; von Antoine de Saint-Exup&eacute;ry. Da hei&szlig;t es: &sbquo;Wenn Du einem Erwachsenen sagst, du hast einen neuen Freund, dann interessieren ihn nur Zahlen. Wie alt ist der Freund, wie viele Br&uuml;der hat er, was verdient sein Vater? Sie fragen nie, was hat er f&uuml;r eine Stimme, welche Spiele spielt er gerne und mag er gerne Schmetterlinge fangen?&lsquo;<\/p><p><strong>Schmiere stehen bei einem Klau<\/strong><\/p><p>Kann man das russische Publikum mit solchen Alltagsgeschichten, die 30 Jahre zur&uuml;ckliegen, unterhalten? Ja, das kann man. Die Schrecken der &Uuml;bergangszeit in den wilden Kapitalismus liegen lange genug zur&uuml;ck. Aber diese Zeit hat bei allen Russen Spuren hinterlassen. Jeder kann auf seine Weise stolz sein, dass er die schwierigen 1990er-Jahre &uuml;berstanden hat. Und jeder denkt heute an diese Zeit zur&uuml;ck.<\/p><p>Wie die meisten russischen Kinder spielten Irina und ihre Br&uuml;der auf dem Hof mit anderen Kindern. Die Eltern arbeiteten. Es war eine gef&auml;hrliche Zeit. Der Geldmangel brachte nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder auf &bdquo;krumme Gedanken&ldquo;. Die Br&uuml;der planten, in einem Nachbarhaus aus einer Privatwohnung in einem oberen Stockwerk Spielzeug zu klauen. Irina sollte sich vor dem Haus postieren und das Spielzeug einsammeln, welches die Br&uuml;der aus dem Fenster werfen wollten.<\/p><p>Die Aktion schlug fehl. Die R&auml;uber wurden von Erwachsenen gestellt. Irinas Vater verpasste seinen unartigen Kindern Schl&auml;ge mit dem Lederg&uuml;rtel. Es tat sehr weh, erinnerte sich Gorbatschowa. Weitere Raubz&uuml;ge veranstalteten die Br&uuml;der nicht.<\/p><p>Ergreifend war, wie die Schauspielerin von ihrer ersten Liebe erz&auml;hlt. Als ein gutaussehender junger Armenier, auf den Irina ein Auge geworfen hatte, ihr sagte, dass er sie gut findet, blieb Irina gefasst. Auf der B&uuml;hne spielt sie ihre Stimmung in einer Pantomime nach. Sie kr&uuml;mmt und windet sich, als ob eine Krankheit sie qu&auml;lt. Der Grund: Sie kann es fast nicht glauben, dass dieser Armenier sie gut findet, wurden ihr doch schon viele Jungen, die sie mochte, von anderen M&auml;dchen weggeschnappt.<\/p><p>Der junge Armenier ber&uuml;hrte sie dann auf einer Bank das erste Mal mit einem Finger. Auf der B&uuml;hne sah man, wie die Schauspielerin den Kampf ihrer Gef&uuml;hle bei dieser Ber&uuml;hrung wortlos in Bewegungen ausdr&uuml;ckte. Gorbatschowa windet sich wie eine Schlange, die von einem Stromschlag getroffen wurde. Auf m&auml;nnliche Zuneigung reagierte sie mit Ungl&auml;ubigkeit und Scham. Nach dem ersten Kuss &ndash; es war gleich ein Zungenkuss &ndash; bekam Irina eine Warnung von ihrem Vater. Wenn es vor dem 18. Lebensjahr etwas mit einem Mann gibt, dann werde er sie bestrafen.<\/p><p><strong>Schmerz, der nicht vergeht<\/strong><\/p><p>Was war der Grund f&uuml;r die Gef&uuml;hlsk&auml;mpfe von Irina Gorbatschowa? Im ersten Teil des St&uuml;ckes taucht an einer Wand unvermittelt das Wort &bdquo;Bol&ldquo; (Schmerz) in gro&szlig;en Buchstaben auf. &bdquo;Ich habe damals einen sehr gro&szlig;en Schmerz gehabt&ldquo;, erz&auml;hlte die Schauspielerin, ohne das Thema weiter auszuf&uuml;hren. Damals war Irina neun Jahre alt. Erst gegen Ende des St&uuml;ckes kam die Aufl&ouml;sung zum Thema Schmerz.<\/p><p>Gorbatschowa erz&auml;hlt. Einmal kam die Mutter besoffen nach Hause und sagte besorgt: &bdquo;Irina, du kannst ja noch nicht mal Kartoffeln sch&auml;len.&ldquo; Einige Zeit sp&auml;ter begleitete Irina &ndash; damals neun Jahre alt &ndash; ihre Mutter zusammen mit ihren Br&uuml;dern zum Zug. Danach hat sie die Mutter nie wieder gesehen. Keiner ihrer Briefe wurde beantwortet.<\/p><p>Nach einigen Monaten kam die Nachricht, dass die Mutter gestorben ist, offenbar an einer Krankheit. Das Grab der Mutter besuchte Gorbatschowa erst, als sie erwachsen war. Vorher hatte die Familie kein Geld f&uuml;r die Reise.<\/p><p>Der Schmerz &uuml;ber den Tod der Mutter steckt der Schauspielerin bis heute in den Knochen. Sie erz&auml;hlte von einer Masseurin auf der Insel Bali. Die fragte, warum Irina nicht schreit, wenn bei der Massage Schmerzpunkte ber&uuml;hrt werden. Auf der B&uuml;hne sah man die Schauspielerin, die sich am Boden kr&uuml;mmte und versuchte, zu schreien, was nur mit M&uuml;he gelang.<\/p><p>Irina erz&auml;hlte, nach dem Tod der Mutter habe sie den Schmerz regelrecht gesucht. Als Jugendliche habe sie sich mit einer Nadel L&ouml;cher ins Ohr, die Nase und die Lippen gestochen. Wollte sie ihren Schmerz f&uuml;r alle sichtbar machen, um sich so Erleichterung zu verschaffen? Diese Frage bleibt unbeantwortet.<\/p><p><strong>Geteiltes Leid<\/strong><\/p><p>Zum Schluss Schauspiels kommt Gorbatschowa auf Jesus zu sprechen. Der habe am Kreuz Schmerzen erlitten, sei gestorben, aber dann wiederauferstanden. Sie res&uuml;miert: &bdquo;Geteiltes Leid l&auml;sst sich leichter ertragen, geteilte Freude ist noch sch&ouml;ner.&ldquo; Diese Worte wirken wie eine Erleichterung.<\/p><p>Von nun an wurde die Stimme der Schauspielerin ganz normal, so als ob sie einer Freundin etwas erz&auml;hlt. Sie sagte, dieses St&uuml;ck habe sie einfach machen m&uuml;ssen. Leben sei die B&uuml;hne, die Kollegen und die Freunde. Das sei der Teppich, auf dem sie stehe.<\/p><p>Das Publikum war ergriffen. Es applaudierte stehend und der Schauspielerin wurden viele Blumen &uuml;berreicht, so wie es in russischen Theatern Sitte ist.<\/p><p>Mit einem Trick hatte die Schauspielerin das Publikum gleich zu Beginn des St&uuml;ckes auf ihre Seite gezogen. Sie fragte, ob jemand aus dem Parkett auf die B&uuml;hne kommen k&ouml;nne. Dann zeigte sie auf eine Dame mittleren Alters in einem lila Pullover. &bdquo;Wo arbeiten sie&ldquo;, fragte die Schauspielerin die Dame. &bdquo;In der &sbquo;Tula-Waffenfabrik&lsquo;&ldquo;, lautete die Antwort. Gorbatschowa bat um Applaus f&uuml;r die Dame. Der Saal antwortete prompt mit rhythmischem, fast begeistertem Klatschen.<\/p><p>Man muss wissen: In der Stadt Tula werden seit der Zarenzeit Waffen hergestellt. Der Sitz der &bdquo;Tula-Waffenfabrik&ldquo; befindet sich direkt gegen&uuml;ber dem Konzertsaal. Die Ehrung der Zuschauerin auf der B&uuml;hne war wie ein gemeinsames Bekenntnis zur Tradition der Stadt.<\/p><p>Irina Gorbatschowa hat in den letzten neun Jahren zahlreiche russische Auszeichnungen f&uuml;r ihre Leistungen als Schauspielerin erhalten, ihre erste bekam sie 2016. Die Auff&uuml;hrung von Shakespeares &bdquo;Ein Sommernachtstraum&ldquo;, aufgef&uuml;hrt von dem Ensemble des Moskauer Theaters Fomenko, wurde als &bdquo;bestes Schauspiel&ldquo; pr&auml;miert. Gorbatschowa spielte in dem St&uuml;ck eine Hauptrolle.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto3_Irina-Gorbatschowa-.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto3_Irina-Gorbatschowa-.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"677\" class=\"alignleft size-full wp-image-144175\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto3_Irina-Gorbatschowa-.jpg 1280w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto3_Irina-Gorbatschowa--300x159.jpg 300w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto3_Irina-Gorbatschowa--1024x542.jpg 1024w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto3_Irina-Gorbatschowa--768x406.jpg 768w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto3_Irina-Gorbatschowa--1060x561.jpg 1060w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto3_Irina-Gorbatschowa--926x490.jpg 926w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Foto3_Irina-Gorbatschowa--463x245.jpg 463w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/a><\/p><p>Noch eine Schlussbemerkung: Ich kann mir vorstellen, dass viele Zuschauer den Auftritt von Gorbatschowa als Ermutigung empfanden. Eine Frau aus einer Arbeiterfamilie hat es geschafft, ber&uuml;hmt zu werden, ohne sich dabei an den Massengeschmack anzupassen und Klischees &uuml;ber Frauen zu bedienen.<\/p><p><small>Titelbild: Irina Gorbatschowa<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/73b880899d294e60a77f7db060934d31\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/ein-ungewoehnlicher-theaterabend-in-moskau-eine-russische-primaballerina-erzaehlt-ihre-lebensgeschichte\/\">Bericht &uuml;ber das St&uuml;ck von Anastasija Vinokur<\/a><\/small><\/p><p><small>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/pochemu-ya.ru\/\">Pers&ouml;nliche Website von Irina Gorbatschowa<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Jahr machen in Russland gleich zwei bekannte Schauspielerinnen ihr eigenes Leben zum Thema von Theaterst&uuml;cken: die Ballerina Anastasija Vinokur [<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144172#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] und die Schauspielerin Irina Gorbatschowa. Das ist f&uuml;r Russland neu. Mancher wird es nicht glauben, aber die russische Kultur ist offen f&uuml;r Experimente. Sie entwickelt sich weiter. Wenn Schauspielerinnen auf der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144172\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":144176,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917,20],"tags":[1678,918,259],"class_list":["post-144172","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","category-landerberichte","tag-kuenstler","tag-kulturlandschaft","tag-russland"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Cover_Heyden.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144172","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=144172"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144172\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":144258,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144172\/revisions\/144258"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/144176"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=144172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=144172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=144172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}