{"id":144290,"date":"2026-01-05T11:00:21","date_gmt":"2026-01-05T10:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144290"},"modified":"2026-01-05T13:11:54","modified_gmt":"2026-01-05T12:11:54","slug":"ein-epochenbruch-und-eine-neujahrsrede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144290","title":{"rendered":"Ein Epochenbruch und eine Neujahrsrede"},"content":{"rendered":"<p>Bundeskanzler Friedrich Merz hielt seine erste Neujahrsrede, neben viel Lyrik &auml;u&szlig;erte er sich auch zur Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik. Darin konstatierte er, <em>&bdquo;dass wir inmitten eines Epochenbruchs leben. Doch ich m&ouml;chte Ihnen aus tiefster innerer &Uuml;berzeugung sagen: Wir haben es selbst in der Hand, jede dieser Herausforderungen aus eigener Kraft zu bew&auml;ltigen. Wir sind nicht Opfer von &auml;u&szlig;eren Umst&auml;nden. Wir sind kein Spielball von Gro&szlig;m&auml;chten. Unsere H&auml;nde sind nicht gebunden.&ldquo;<\/em> Was jedoch bei der Rede wie bei der gesamten bisherigen Regierungsf&uuml;hrung komplett fehlt, war eine realpolitische Analyse der aktuellen Lage Deutschlands. Dieses Defizit wird uns noch teuer zu stehen kommen. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llige Wahrnehmung des &bdquo;Epochenbruchs&ldquo; ist schon mal eine gute Nachricht. Die schlechten Nachrichten indes sind: <\/p><p>Erstens ist des Kanzlers &bdquo;Epochenbruch&ldquo; ein Resultat aus der neuen Politik der Trump-Administration, womit Merz&lsquo; Wahrnehmung des Epochenbruchs wiederum nur eine westzentrierte und somit absolut verk&uuml;rzte und unterkomplexe Wahrnehmung weltpolitischer Entwicklungen ist. Mehr Reflexionspotential war offensichtlich nicht von Merz zu erwarten. Dementsprechend fallen auch seine, und damit sind wir bei der zweiten schlechten Nachricht, zu ziehenden Konsequenzen aus. <\/p><p>Die Bew&auml;ltigung der mit dem &bdquo;Epochenbruch&ldquo; einhergehenden Herausforderungen schaffen wir (<em>&bdquo;wir haben es selbst in der Hand &hellip;&ldquo;<\/em>) in Anlehnung an seine Vorvorg&auml;ngerin Merkel mit Aufr&uuml;stung, Militarisierung und Sozialabbau. Und seine Begr&uuml;ndung ist, wie sollte man es auch anders bei ihm erwarten, nach wie vor vom ideologischen Blockdenken statt sachlicher Faktenanalyse bestimmt: <em>&bdquo;Wir sind bereit, uns zu verteidigen, weil unsere Freiheit und unsere Lebensweise verteidigungsw&uuml;rdig sind.<\/em>&ldquo; Nur, wer bedroht denn &bdquo;unsere Freiheit&ldquo; und &bdquo;Lebensweise&ldquo;? F&uuml;r Merz ist Russland der prim&auml;re Bedrohungsfaktor. Aber ist es so? Hier sind durchaus <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=129641\">Zweifel anzubringen<\/a>. Hier nun eine realpolitische Analyse, die eigentlich vom Bundeskanzler Merz h&auml;tte dargeboten werden m&uuml;ssen:<\/p><p><strong>EU-Europa &ndash; Selbstverschuldetes Objekt<\/strong><\/p><p>Ist die Bedrohung unserer Freiheit und Lebensweise nicht eher hausgemacht aufgrund der Unf&auml;higkeit, die welt-, aber auch die EU- und innenpolitischen Entwicklungen unter realpolitischer Perspektive zu sehen? Sind wir nicht l&auml;ngst Spielball der Gro&szlig;m&auml;chte &ndash; auch hier wieder selbstverschuldet? Europ&auml;ische Sicherheit wurde nach 1945 bis heute nicht von Europ&auml;ern bestimmt oder gar gestaltet. Sie wurde in Washington und Moskau bestimmt. Damals wie auch heute. Zu keinem Zeitpunkt gab es die Bereitschaft, eine nachhaltige gesamteurop&auml;ische Sicherheit von Europa f&uuml;r Europa zu schaffen. <\/p><p>Selbst das gro&szlig;e Zeitfenster von 1989 bis 2000 wurde nicht genutzt, um endlich eine wirkliche gesamteurop&auml;ische Sicherheitsarchitektur zu etablieren. Zwar wurde mit der Charta von Paris 1990 ein Vertragswerk genau daf&uuml;r geschaffen, aber zugleich auch wieder unter bewusstem und intendiertem Mittun der westeurop&auml;ischen F&uuml;hrungseliten zu Gunsten einer US-dominierten NATO wieder begraben. Dass die USA ihre Dominanz &uuml;ber Europa aufrechterhalten und ausweiten wollten, ist das eine. Solche Ambitionen haben nun mal Gro&szlig;m&auml;chte, deswegen sind sie Gro&szlig;m&auml;chte, das ist der Wesenskern von Gro&szlig;m&auml;chten. Dass jedoch unsere europ&auml;ischen F&uuml;hrungseliten unsere europ&auml;ische Sicherheit und Souver&auml;nit&auml;t nicht nur fahrl&auml;ssig, sondern vors&auml;tzlich und ohne R&uuml;cksprache mit ihrer Bev&ouml;lkerung, dem Souver&auml;n, einer raumfremden Macht dauerhaft &uuml;bergaben, ist schon etwas anderes. Es sind diese Eliten, die auch jetzt noch das Wesen des Epochenbruchs und seine Konsequenzen ideologisch bedingt nicht kapieren (wollen).<\/p><p>Und nun holt uns die neue Realit&auml;t mit aller Brutalit&auml;t ein. Wenn unsere europ&auml;ischen F&uuml;hrungseliten in den letzten 80 Jahren nicht in der Lage waren und es bis dato nicht sind, den europ&auml;ischen Kontinent selbstst&auml;ndig zu gestalten, dann ist es schon sehr gewagt, zu erkl&auml;ren, wir seien <em>&bdquo;kein Spielball von Gro&szlig;m&auml;chten&ldquo;<\/em>. Tats&auml;chlich sind EU-Europa und Deutschland kein Subjekt der internationalen Politik, sondern ein absolut selbstverschuldeter <em>&bdquo;Spielball&ldquo;<\/em>. Sowohl die USA als auch die Russische F&ouml;deration betrachten die EU-Europ&auml;er nicht als gleichberechtigte Partner. <\/p><p><strong>Nationale Sicherheitsstrategie der USA<\/strong><\/p><p>Im Kontext der k&uuml;rzlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143476\">ver&ouml;ffentlichten und von mir analysierten Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) der USA<\/a> wird ein neues Akteurskonstrukt in der internationalen Politik thematisiert: Die &bdquo;Core 5&ldquo; (C5). Unter diesem Label werden die folgenden Staaten als die Gestaltungsm&auml;chte des 21. Jahrhunderts nach den Vorstellungen der Trump-Administration gefasst: Die USA, China, Russland, Indien und Japan. Europa, bzw. EU-Europa, taucht nicht auf. Und schaut man sich die Analyse Europas in der NSS an, so wird auch deutlich, warum: EU-Europa ist der kranke, sich selbst degenerierende Mann des eurasischen Doppelkontinents. <\/p><p>Die NSS ist eine gesinnungsfreie bzw. ideologiefreie schonungslose Analyse auf der Grundlage des politischen Realismus. EU-Europa kommt hierbei nicht gut weg &ndash; weil gefangen in seinem nicht mehr tauglichen, wenn &uuml;berhaupt jemals tauglichen Gesinnungsethos &bdquo;Wir sind die Guten!&ldquo;. Ob wir das sind oder nicht, ob wir das glauben zu sein oder nicht, ist absolut irrelevant. Die Realpolitik interessiert sich nicht f&uuml;r moralische Attit&uuml;den oder romantisierender Selbstbeschreibung. W&auml;hrend die Welt sich im Zeitraffer ver&auml;ndert &ndash; und das nicht zum Vorteil EU-Europas &ndash; h&ouml;ren wir weiterhin von unseren F&uuml;hrungseliten die alten Kalter-Krieg-Phrasen von Freiheit und Demokratie, die es zu verteidigen gelte, da sie angeblich von au&szlig;en bedroht w&uuml;rden. Unf&auml;hig, das Blockdenken zu &uuml;berwinden und den Geist f&uuml;r die neuen Realit&auml;ten und deren vielf&auml;ltige Mitgestaltungsm&ouml;glichkeiten &uuml;berhaupt zu &ouml;ffnen.<\/p><p>Offensichtlich wird EU-Europa bereits in der NSS keine Gestaltungsrolle in der Weltpolitik mehr zugetraut. Doch welche Szenarien nach jetzigem Stand der Dinge sind denkbar?<\/p><p><strong>Die multipolare Weltordnung<\/strong><\/p><p>Die neue, sich herausbildende multipolare Weltordnung wird gerne als eine Weltordnung beschrieben, die aus f&uuml;nf Gestaltungsm&auml;chten (Pentarchie) bestehen w&uuml;rde. Ob diese Pentarchie letztlich Realit&auml;t wird, ist in der Natur der Sache liegend spekulativ. Dennoch lassen sich grob zwei Modelle der Pentarchie beschreiben:<\/p><p><strong>1. Pentarchie mit EU-Europa<\/strong><\/p><p>Bislang ist man in den politischen und massenmedialen Eliten in EU-Europa wie selbstverst&auml;ndlich davon ausgegangen, dass, wenn eine multipolar strukturierte Staatenwelt trotz aller Anstrengungen des Unterminierens dieser Entwicklung nicht mehr abwendbar sei, man doch zumindest am Tisch der Gro&szlig;m&auml;chte als eine gleichberechtigte Gro&szlig;macht sitzen w&uuml;rde, sodass EU-Europa die Welt mitgestalten w&uuml;rde. <\/p><p>Diese Pentarchie (f&uuml;nf Akteure) best&uuml;nde aus den USA, Russland, China, Indien und EU-Europa. Die Pentarchie w&uuml;rde das neue, den UNO-Sicherheitsrat de facto ersetzend, globale Direktorium darstellen. Dies w&auml;re auch f&uuml;r Deutschland ein Weg, im Vehikel EU-Europa die Weltpolitik mitzugestalten, bleibt Deutschland doch der permanente Sitz im UN-Sicherheitsrat verbaut. Die unweigerlich aufkommende Frage wird sein: Wird das EU-Europa ein deutsches Europa (Deutschland als &bdquo;F&uuml;hrungsnation&ldquo; mit der gr&ouml;&szlig;ten konventionellen Armee, wie es Merz fordert) oder ein multipolares EU-Europa unter der F&uuml;hrung der Mittelm&auml;chte Deutschland, Frankreich, Italien und Polen? Allein diese aufkommende Frage und die damit einhergehenden Konflikte sind ausreichender Sprengstoff, um EU-Europa als eine Gro&szlig;macht angesichts der internen Rivalit&auml;ten zu verhindern.<\/p><p><strong>2. Pentarchie ohne EU-Europa<\/strong><\/p><p>Der nicht sonderlich gegen&uuml;ber der Regierungspolitik kritische Politikwissenschaftler <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ausland\/krisen\/id_100251602\/usa-china-russland-indien-eu-experte-ueber-die-neue-weltordnung.html\">Herfried M&uuml;nkler &auml;u&szlig;erte bereits 2023 in einem Interview Zweifel ob der Zukunft EU-Europas<\/a>: <em>&bdquo;(&hellip;) Ich bin nicht sicher, ob sich die Europ&auml;ische Union auf Dauer im besagten &ldquo;Direktorium&rdquo; wird halten k&ouml;nnen. (&hellip;) Eine Mitgliedschaft innerhalb der f&uuml;nf globalen F&uuml;hrungsm&auml;chte ist aber kein Selbstl&auml;ufer &ndash; eine Macht kann jederzeit herausfallen und durch eine andere ersetzt werden. Keine sonderlich angenehme Vorstellung, denn dann diktieren uns andere die Regeln.&ldquo;<\/em><\/p><p>Damit antizipierte er bereits die Ausf&uuml;hrungen der NSS, in der von Japan statt EU-Europa als Akteur in der Pentarchie gesprochen wird. Sollte sich dieser Entwicklungspfad verstetigen &ndash; und vieles spricht angesichts der Unwilligkeit der EU-Europ&auml;er, Realpolitik zu verstehen, daf&uuml;r &ndash;, dann bleiben nur wenige Optionen:<\/p><ol>\n<li>EU-Europa ordnet sich geschlossen den USA unter. Diese Unterordnung unter die Trump-Administration wird in einer bis dahin selbst f&uuml;r &uuml;berzeugte Transatlantiker sehr unsch&ouml;nen Qualit&auml;t verlaufen. Haben die bisherigen US-Administrationen zumindest nach au&szlig;en hin den Anschein einer Partnerschaft, wenn auch nicht auf Augenh&ouml;he, doch zumindest nicht permanent dem&uuml;tigend, gegen&uuml;ber den EU-Europ&auml;ern gewahrt, so ist das unter der Trump-Administration nicht zu erwarten. Mit Blick auf die demokratische Partizipation bedeutet dies, dass au&szlig;en- und sicherheitspolitische Themen noch weniger als zuvor Gegenstand des Willensbildungsprozesses des W&auml;hlers sein werden, da die EU-europ&auml;ische Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik in Washington bestimmt werden wird.<\/li>\n<li>EU-Europa wird einen tendenziellen Desintegrationsprozess &ndash; eine &auml;u&szlig;ere H&uuml;lle bliebe bestehen &ndash; durchleben, indem einige Staaten, insbesondere ost- und s&uuml;deurop&auml;ische Mitgliedsstaaten, wieder souver&auml;ne Rechte aus Br&uuml;ssel abziehen. Hierzu geh&ouml;rt auch die Option, die Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik wieder verst&auml;rkt zu nationalisieren, also sowohl EU- als auch NATO-Br&uuml;ssel diese Kompetenz wieder zu entziehen. Die Pflege bilateraler Beziehungen zu den USA, aber auch zu Russland und zu China d&uuml;rften reale Optionen sein. Ungarn, Tschechien und die Slowakei praktizieren diese Option bereits ansatzweise.<br>\nDas Spektrum bewegt sich zwischen einer vollst&auml;ndigen Ausrichtung als Juniorpartner einer der Gro&szlig;m&auml;chte bis hin zu einer multi-vektoralen Politik entlang der jeweiligen nationalen Interessen des Landes.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die bipolare Weltordnung<\/strong><\/p><p>Eine andere in der Debatte stehende Entwicklungsoption w&auml;re eine erneute bipolare statt multipolare Weltordnung. Die beiden Antagonisten w&auml;ren die USA und China. Ihnen jeweils untergeordnet die zu Mittelm&auml;chten degradierten Akteure wie Russland, Indien, Brasilien etc. W&auml;hrend der US-Block den klassischen Westen (siehe Option 1 &ndash; vollst&auml;ndige Unterordnung EU-Europas unter die USA) darstellen w&uuml;rde, best&uuml;nde der China-Block aus den Staaten der BRICS+ und der SCO.<\/p><p>Die Koh&auml;sion des wiederaufgelegten Westens w&auml;re um ein Vielfaches gr&ouml;&szlig;er als die Koh&auml;sion des China-Blocks &ndash; sofern der Begriff des &bdquo;Blocks&ldquo; im letzteren Falle &uuml;berhaupt anzuwenden sein d&uuml;rfte -, da weder Indien noch Russland oder auch andere Staaten sich auf Gedeih und Verderb China als F&uuml;hrungsnation unterordnen w&uuml;rden. Russland ist mehr als die Tankstelle Chinas. Und auch Indien besitzt die Qualit&auml;ten einer eigenst&auml;ndigen Gro&szlig;macht. Von einem China-Block mit entsprechender Blockdisziplin ist nicht auszugehen. Im Gegensatz zu EU und der NATO sind die SCO und die BRICS-plus-Formate locker und auf die Beibehaltung der nationalen Souver&auml;nit&auml;t der Mitgliedsstaaten ausgelegt.<\/p><p><strong>Die drei Ebenen Weltordnung &ndash; bipolar, multipolar und der Rest<\/strong><\/p><p>Ein bislang wenig diskutiertes Szenario ist die Drei-Ebenen-Ordnung: Sie vereint in gewissem Ma&szlig;e das bipolare mit dem multipolaren Szenario. China und die USA st&uuml;nden in einem bipolaren Verh&auml;ltnis. Der US-Block w&auml;re weitgehend geschlossen &ndash; der Westen gegen den Rest der Welt. Der chinesische Block w&auml;re nichts anderes als nur die relative F&uuml;hrungskraft Chinas im Rahmen der BRICS-plus und der SCO. Nicht weil China zu schwach w&auml;re, sondern weil Russland, Indien und Brasilien zu stark w&auml;ren, China das F&uuml;hrungsmonopol g&auml;nzlich zuzugestehen. Innerhalb der SCO- und der BRICS-plus-Welt best&uuml;nde eine Art multipolare Struktur unter F&uuml;hrung Chinas, Russlands, Indiens (SCO) und Brasiliens und S&uuml;dafrikas (BRICS-plus). Andere Akteure in der zweiten Reihe, wie der Iran und Indonesien, d&uuml;rften ihre Interessen auch erfolgreich artikulieren. Weitere zuk&uuml;nftige Akteure wie die T&uuml;rkei oder Saudi-Arabien sind denkbar und w&uuml;rden die BRICS-plus-Formate weiter st&auml;rken.<\/p><p>Das multipolare Binnenverh&auml;ltnis in der BRICS-plus- und SCO-Welt unterscheidet sich erheblich vom westlichen Block, in dem die USA das uneingeschr&auml;nkte F&uuml;hrungsmonopol aus&uuml;ben werden. Die &uuml;brigen Staaten dieser Welt, der &bdquo;Rest&ldquo;, werden sich individuell f&uuml;r eine Unterordnung unter einen der beiden Bl&ouml;cke oder eine Schaukelpolitik (multi-vektorale Politik) entscheiden. <\/p><p><strong>Globale Regierungsorganisationen?<\/strong><\/p><p>Die Zukunft f&uuml;r globale Regierungsorganisationen wie die UNO und ihre Unterorganisationen schaut wohl eher d&uuml;ster aus. Sie werden wohl nicht formell aufgel&ouml;st, aber faktisch weiter ausgeh&ouml;hlt werden.<\/p><p>Die reformresistente Komposition der UNO und ihrer Unterorganisationen f&uuml;hrt dazu, dass die Anziehungskraft dieser Institutionen f&uuml;r den Nicht-Westen, der in diesen Organisationen seine Macht nicht hinreichend reflektiert sieht, nachl&auml;sst. Es werden bereits regionale Ersatzorganisationen und -institutionen gegr&uuml;ndet.<\/p><p>Auch mit Blick auf ihre Kernaufgabe &ndash; der Behandlung und L&ouml;sung internationaler Konflikte &ndash; spielt die UNO faktisch keine Rolle mehr. Der UN-Sicherheitsrat fasst nahezu keine Beschl&uuml;sse mehr, bei denen es um Interessenkollisionen zwischen den Sicherheitsratsmitgliedern geht, sondern dient nur noch als globale Anklageb&uuml;hne gegen die anderen. Man m&ouml;ge einwenden, dass der Sicherheitsrat immer schon auch eine Anklageb&uuml;hne gewesen sei, und dass es auch in der Vergangenheit zahlreiche Vetos im Sicherheitsrat gab. Das ist richtig. Dennoch hat der praktizierte Rechtsnihilismus und die faktische Delegitimierung der UNO durch fast alle Gro&szlig;machtakteure angesichts ihrer Selbstmandatierungen zur Gewaltanwendung ein bislang nicht bekanntes Ma&szlig; erreicht, ein Ma&szlig;, das das 21. Jahrhundert zum Zeitalter der rechtsfreien Staatenanarchie machen k&ouml;nnte: Der unprovozierte Angriff auf Venezuela und die Entf&uuml;hrung des venezolanischen Pr&auml;sidenten Maduro &ndash; kurzum ein noch unvollendeter Regime-Change &ndash; ist das j&uuml;ngste Beispiel eines eklatanten V&ouml;lkerrechtsbruchs, n&auml;mlich das Verbot der Androhung und Anwendung von Gewalt sowie das Interventionsverbot. Der Artikel 2 der UNO-Charta ist da wenig interpretierbar: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Artikel 2<\/p>\n<p>Die Organisation und ihre Mitglieder handeln im Verfolg der in Artikel 1 dargelegten Ziele nach folgenden Grunds&auml;tzen:<\/p>\n<p>1. Die Organisation beruht auf dem Grundsatz der souver&auml;nen Gleichheit aller ihrer Mitglieder.<\/p>\n<p>3. Alle Mitglieder legen ihre internationalen Streitigkeiten durch friedliche Mittel so bei, da&szlig; der Weltfriede, die internationale Sicherheit und die Gerechtigkeit nicht gef&auml;hrdet werden.<\/p>\n<p>4. Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabh&auml;ngigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.<\/p>\n<p>7. Aus dieser Charta kann eine Befugnis der Vereinten Nationen zum Eingreifen in Angelegenheiten, die ihrem Wesen nach zur inneren Zust&auml;ndigkeit eines Staates geh&ouml;ren, oder eine Verpflichtung der Mitglieder, solche Angelegenheiten einer Regelung auf Grund dieser Charta zu unterwerfen, nicht abgeleitet werden; die Anwendung von Zwangsma&szlig;nahmen nach Kapitel VII wird durch diesen Grundsatz nicht ber&uuml;hrt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Das UNO-V&ouml;lkerrecht ist tot, es bietet den Schwachen nicht einmal mehr den Mindestschutz. Die daraus zu ziehende katastrophale Lehre wird sein: Selbstschutz, also Aufr&uuml;stung und wenn m&ouml;glich mit Atomwaffen.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Der neue Bundeskanzler h&auml;tte seine erste Neujahrsansprache nutzen k&ouml;nnen und m&uuml;ssen, um eine unideologische und realpolitische Analyse zu leisten, statt unterkomplexe Unterhaltungslyrik und Durchhalteparolen in Kombination mit Aufr&uuml;stungsambitionen zu bieten. Er h&auml;tte erkl&auml;ren m&uuml;ssen, die neue Weltordnung formiere sich unaufhaltsam, ihre finale Form sei noch nicht absehbar. Er h&auml;tte konzedieren m&uuml;ssen, der Status EU-Europas in dieser sich neuformierenden Weltordnung sei ebenfalls noch nicht abschlie&szlig;end erkennbar, ja sogar, dass die M&ouml;glichkeit des tendenziellen Zerfalls der EU nicht mehr auszuschlie&szlig;en sei. Er h&auml;tte klarmachen m&uuml;ssen, dass es endg&uuml;ltig vorbei sei mit der Globaldominanz des Westens und seiner &bdquo;regelbasierten internationalen Ordnung&ldquo;, denn weder Europa noch der &bdquo;Westen&ldquo; werden weiterhin der Nabel der Welt sein. Diese 500-j&auml;hrige Geschichte ist an ihrem Ende angekommen. Was das f&uuml;r uns in Europa bedeuten wird, werden wir in den n&auml;chsten Jahren und Dekaden sehen. Er h&auml;tte Zuversicht verbreiten k&ouml;nnen, dass Deutschland und EU-Europa sich in diese neue Entwicklung friedlich, konstruktiv und kooperativ einbringen werden, statt aufzur&uuml;sten, die Wehrpflicht einzuf&uuml;hren und zur Finanzierung dieses Hasardeursvorhabens den Sozialstaat zu zerschlagen.<\/p><p>Diese Erkenntnisse und daraus abzuleitende Konsequenzen sind es, die der Bundeskanzler Merz in seiner Neujahrsansprache h&auml;tte verbreiten k&ouml;nnen und m&uuml;ssen. Kurzum: Eine Analyse des politischen Zustandes der Welt, Europas und Deutschlands und der selbstverursachten Fehler sowie darauf aufbauend die unideologische Definition eines Ziels (wo wollen wir als Deutschland hin, was sind unsere Interessen &ndash; gemeint sind die tats&auml;chlichen Interessen der Bev&ouml;lkerung, nicht der F&uuml;hrungseliten und der R&uuml;stungskonzerne -, welche Ressourcen haben wir zur Umsetzung derselben und dienen die zu ergreifenden Ma&szlig;nahmen wirklich unserem Land oder nur den Eliten?). <\/p><p>Stattdessen erhielten wir am 1. Januar 2026 mal wieder nur Lyrik und Durchhaltepropaganda inklusive seines Willens, die Bundeswehr zur <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133605\">gr&ouml;&szlig;ten konventionellen Armee Europas<\/a> aufbauen zu wollen. Es war nicht anders zu erwarten. Ein neuer, ein realpolitischer Aufbruch ist unvermeidlich, sollen Deutschland und EU-Europa nicht endg&uuml;ltig unter die R&auml;der kommen. &Uuml;ber Merz und einem erheblichen Teil der politischen Klasse geht die Geschichte hinweg, sie haben es nur noch nicht begriffen. Man k&ouml;nnte diese Unf&auml;higkeit mit einem L&auml;cheln begleiten. Nur die Sache hat einen gro&szlig;en Haken:  Sie tragen die politische Verantwortung f&uuml;r Deutschland und damit ist ihr Schicksal auch unser aller Schicksal.<\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xInneysb8F8\">Screenshot Video Bundesregierung<\/a><\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/2ebbcd892516402685c73ac5d859d195\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundeskanzler Friedrich Merz hielt seine erste Neujahrsrede, neben viel Lyrik &auml;u&szlig;erte er sich auch zur Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik. Darin konstatierte er, <em>&bdquo;dass wir inmitten eines Epochenbruchs leben. Doch ich m&ouml;chte Ihnen aus tiefster innerer &Uuml;berzeugung sagen: Wir haben es selbst in der Hand, jede dieser Herausforderungen aus eigener Kraft zu bew&auml;ltigen. Wir sind nicht Opfer<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144290\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":144291,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169],"tags":[3614,1980,379,3360,2008,1497,783,893,3276,316,259,3284,1800,639,1556,1703],"class_list":["post-144290","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","tag-bipolare-welt","tag-brics","tag-china","tag-europaeische-union","tag-indien","tag-japan","tag-merz-friedrich","tag-militarisierung","tag-multipolare-welt","tag-neujahrsansprache","tag-russland","tag-shanghai-cooperation-organization","tag-trump-donald","tag-uno","tag-usa","tag-voelkerrecht"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bildschirmfoto-2026-01-05-um-08.34.38-scaled.png","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144290","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=144290"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144290\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":144313,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144290\/revisions\/144313"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/144291"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=144290"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=144290"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=144290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}