{"id":14434,"date":"2012-09-13T13:51:56","date_gmt":"2012-09-13T11:51:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14434"},"modified":"2015-04-28T09:32:48","modified_gmt":"2015-04-28T07:32:48","slug":"um-wessen-demokratie-geht-es-hier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14434","title":{"rendered":"Um wessen Demokratie geht es hier?"},"content":{"rendered":"<p>Die Vertreter der Politik und die Kommentatoren der Tagespresse sind sich bei der Bewertung des gestrigen ESM-Urteils des Bundesverfassungsgerichts in einem Punkt einig &ndash; die Demokratie wurde gest&auml;rkt und das ist gut. Dass es begr&uuml;&szlig;enswert ist, wenn die Demokratie gest&auml;rkt wird, ist freilich ein Gemeinplatz. Die Frage, die sich hier stellt, ist jedoch, wessen Demokratie durch das ESM-Urteil gest&auml;rkt wurde &ndash; die deutsche oder die europ&auml;ische? W&auml;hrend der Bundestag durch das Urteil in der Tat mehr Entscheidungsbefugnisse bekommen hat, bedeutet das Urteil f&uuml;r die k&uuml;nftigen L&auml;nder als Empf&auml;nger von ESM-Krediten keinesfalls mehr Mitsprache und Demokratie &ndash; im Gegenteil. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMachen Sie Sich einmal die M&uuml;he und lesen das ESM-Urteil mit all seinen Bez&uuml;gen auf die demokratischen Grundrechte mit folgender Vorgabe: Deutschland w&auml;re kein ESM-Kreditgeber, sondern ein ESM-Kreditnehmer. Sicher, diese Vorgabe ist unrealistisch. Sie w&uuml;rden jedoch sehr schnell feststellen, dass die Einschr&auml;nkungen der Rechte des deutschen Bundestages, die sich durch die &Uuml;bertragung elementarer politischer Rechte auf das supranationale Gremium ESM ergeben w&uuml;rden, nach den Definitionen des Urteils des Bundesverfassungsgerichts noch nicht einmal im Ansatz mit dem Grundgesetz zu vereinbaren w&auml;ren. F&uuml;r die Karlsruher Richter ging es ausschlie&szlig;lich darum, ob die demokratischen Rechte des Bundestages f&uuml;r den Fall gew&auml;hrleistet sind, dass Deutschland ein ESM-Geberland ist. Dies w&auml;re unproblematisch, wenn die Folgen des ESM-Urteils nur die deutsche Demokratie betreffen w&uuml;rden. Das Gegenteil ist hier jedoch der Fall.<\/p><p>Sollte beispielsweise Italien im n&auml;chsten Jahres erkennen m&uuml;ssen, dass es aus eigener Kraft nicht mehr gegen die Finanzm&auml;rkte ankommt und Hilfe vom ESM und der EZB ben&ouml;tigt, muss es mit der Europ&auml;ischen Kommission und der EZB ein sogenanntes &bdquo;Memorandum of Understandig&ldquo; aushandeln. Ob dieses Memorandum Grundlage f&uuml;r die Bewilligung von ESM-Mitteln ist und damit auch die Grundlagen f&uuml;r das Anleiheprogramm der EZB erf&uuml;llt, wird vom ESM-Gouverneursrat beschlossen. Der deutsche Vertreter in diesem  Gremium ist Finanzminister Sch&auml;uble, der &ndash; so will es das Bundesverfassungsgericht &ndash; sich in seinem Abstimmverhalten an das Votum des Deutschen Bundestags zu halten hat. Ohne die Stimme Sch&auml;ubles kann der ESM-Gouverneursrat keine Entscheidung f&auml;llen, da Deutschland dort eine Sperrminorit&auml;t hat. Diese Konstellation f&uuml;hrt dazu, dass die Abgeordneten des Deutschen Bundestages zu einem Kontrollgremium &uuml;ber die Richtlinien italienischer Politik werden. Ob also Italien beispielsweise seinen Arbeitsmarkt dereguliert, die Renten k&uuml;rzt und Lehrer entl&auml;sst, wird zwar formal in Rom entschieden, die Weichen dazu werden jedoch in Berlin gestellt. H&auml;lt sich die italienische Regierung nicht an die Vorgaben, die Deutschland als Bedingung f&uuml;r eine Zustimmung im ESM-Gouverneursrat stellt, kann das Land auch keine Hilfe von ESM und EZB in seinen Kampf gegen die Finanzm&auml;rkte erwarten und muss in letzter Konsequenz vielleicht sogar den Staatsbankrott erkl&auml;ren &ndash; mit all seinen verheerenden Wirkungen f&uuml;r das Volk.<\/p><p>Diese Abtretung der Entscheidungskompetenz &uuml;ber die Richtlinien der Politik an Gremien, die nicht vom eigenen Volk demokratisch legitimiert wurden, hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil best&auml;rkt. Dank der Informationspflicht und der Mitentscheidungsrechte sind die deutschen Parlamentarier &uuml;ber jede Detailfrage der ESM-Verhandlungen bestens im Bilde und k&ouml;nnen den Daumen heben oder senken. Wenn man bedenkt, dass im n&auml;chsten Jahr in Niedersachsen, Bayern und im Bund wichtige Wahlen anstehen und sich alle Parteien bis auf die Linke gegenseitig darin &uuml;bertreffen, vom S&uuml;den &bdquo;Sparma&szlig;nahmen&ldquo; und &bdquo;Strukturreformen&ldquo; zu fordern, hei&szlig;t dies nichts anderes, als dass die politischen Leitlinien anderer europ&auml;ischer L&auml;nder Gegenstand des deutschen Wahlkampfs werden. <\/p><p>Dies ist zwar eine St&auml;rkung &bdquo;unserer&ldquo; demokratischen Mitbestimmung &ndash; jedoch auf einem Feld, auf dem &bdquo;wir&ldquo; eigentlich nichts mit- und schon gar nichts zu bestimmen haben. Es steht nun einmal weder dem deutschen W&auml;hler, noch dem Deutschen Bundestag zu, das Zepter &uuml;ber die politischen Leitlinien anderer Staaten in der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion zu schwingen. Die Vertreter aller deutschen Parteien begr&uuml;&szlig;en die &bdquo;St&auml;rkung der Demokratie&ldquo; durch das ESM-Urteil. Damit meinen sie die Rechte des deutschen Bundestages. Wer aber spricht in dem ganzen Durcheinander &uuml;berhaupt noch von den Rechten der W&auml;hler und  vom &bdquo;nicht antastbaren Gehalt des Demokratieprinzips&ldquo; im Land des potentiellen ESM-Kandidaten? Wer schert sich eigentlich noch darum, was die Parlamente in Athen, Lissabon, Dublin, Madrid oder Rom noch zu sagen haben? Niemand, denn bei der ganzen Debatte um den ESM geht es ausschlie&szlig;lich um &bdquo;uns&ldquo;, ausschlie&szlig;lich um &bdquo;unsere Demokratie&ldquo;, um &bdquo;unsere Rechte&ldquo;. Die demokratischen Rechte unserer europ&auml;ischen Mitb&uuml;rger in anderen L&auml;ndern tauchen da bestenfalls als Fu&szlig;note auf. <\/p><p>Ja, liebe Europ&auml;er, wir haben in Deutschland unsere Demokratie gest&auml;rkt, indem wir Eure Schwierigkeiten nutzen, um Eure Demokratie auszuhebeln. Ihr habt Eure demokratischen Rechte verwirkt, schlie&szlig;lich sind wir ja die Geber und ihr seid die Nehmer. Wir sind die Starken und ihr seid die Schwachen. Findet Euch damit ab, so funktioniert unser (deutsches) Europa.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a6d5c7ea421a45c99458038655498e5b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vertreter der Politik und die Kommentatoren der Tagespresse sind sich bei der Bewertung des gestrigen ESM-Urteils des Bundesverfassungsgerichts in einem Punkt einig &ndash; die Demokratie wurde gest&auml;rkt und das ist gut. Dass es begr&uuml;&szlig;enswert ist, wenn die Demokratie gest&auml;rkt wird, ist freilich ein Gemeinplatz. 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