{"id":144513,"date":"2026-01-09T11:00:07","date_gmt":"2026-01-09T10:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144513"},"modified":"2026-01-09T17:04:00","modified_gmt":"2026-01-09T16:04:00","slug":"verdeckte-armut-wenn-sozialleistungen-nicht-ankommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144513","title":{"rendered":"Verdeckte Armut: Wenn Sozialleistungen nicht ankommen"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland beziehen Millionen Menschen trotz bestehender Anspr&uuml;che keine Sozialleistungen &ndash; ein verstecktes Ph&auml;nomen mit weitreichenden Folgen. Viele dieser F&auml;lle bleiben unsichtbar, da die Betroffenen aus verschiedenen Gr&uuml;nden auf zustehende Hilfe verzichten. Dieses Problem der Nichtinanspruchnahme (oder der &bdquo;verdeckten Armut&ldquo;) ist weit verbreitet &ndash; deutlich weiter als etwa bekannt gewordene Missbrauchsf&auml;lle von Sozialleistungen. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2488\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-144513-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109-Verdeckte-Armut-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109-Verdeckte-Armut-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109-Verdeckte-Armut-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109-Verdeckte-Armut-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=144513-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109-Verdeckte-Armut-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260109-Verdeckte-Armut-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Dieser Artikel liegt auch als <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/260109-Verdeckte-Armut-NDS_DK.pdf\">gestaltetes PDF<\/a> vor. Wenn Sie ihn ausdrucken oder weitergeben wollen, nutzen Sie bitte diese M&ouml;glichkeit. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>In der &ouml;ffentlichen Debatte dominieren oft Berichte &uuml;ber Leistungsbetrug und &bdquo;Sozialschmarotzer&ldquo;. Tats&auml;chlich ist die Zahl der Menschen, die auf zustehende Leistungen verzichten, um ein Vielfaches h&ouml;her. Dennoch fristet das Thema bisher ein Schattendasein. Bereits jetzt beantragt rund ein Drittel der eigentlich berechtigten Haushalte in der Grundsicherung (B&uuml;rgergeld) keine Leistungen. Bei einzelnen Hilfen bleibt sogar die Mehrheit ungenutzt. Hier zeigt sich ein Paradox des Sozialstaats: Formale Rechte sind vorhanden, werden aber von vielen nicht in Anspruch genommen.<\/p><p><strong>Was sagen die Fakten?<\/strong><\/p><p>Studien [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] zeigen durchg&auml;ngig erhebliche Nichtinanspruchnahmequoten quer &uuml;ber verschiedene Leistungen, insbesondere bei bed&uuml;rftigkeitsgepr&uuml;ften Hilfen. Nahezu jede Studie zeigt, dass ein erheblicher Teil der Anspruchsberechtigten keine Leistungen bezieht. Beim <strong>B&uuml;rgergeld<\/strong> (ehemals Arbeitslosengeld II) lag die Dunkelziffer der Nichtbezieher aktuellen Sch&auml;tzungen zufolge bei &uuml;ber einem Drittel. In der <strong>Grundsicherung im Alter<\/strong> nehmen rund 60&#8239;Prozent der Berechtigten die Leistung nicht wahr [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]. <\/p><p>Noch dramatischer ist es bei einigen erg&auml;nzenden <strong>Familienleistungen<\/strong>: Vom <strong>Kinderzuschlag<\/strong> (KIZ) etwa werden nach aktuellen Daten nur 12&ndash;36 Prozent der m&ouml;glichen F&auml;lle tats&auml;chlich ausgesch&ouml;pft; 64&ndash;88 Prozent der anspruchsberechtigten Familien rufen diese Leistung nicht ab. Beim <strong>Wohngeld<\/strong> variierten die Sch&auml;tzungen je nach Methode und Jahr zwischen grob 50 Prozent und 80 Prozent Nichtinanspruchnahme &ndash; die Bandbreite zeigt Unsicherheiten, doch selbst die vorsichtigsten Annahmen lassen auf einen erheblichen Anteil unversorgter Haushalte schlie&szlig;en. Zum Vergleich: <strong>Universelle Leistungen<\/strong> ohne Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung (etwa das Kindergeld) weisen nahezu 100 Prozent Inanspruchnahme auf. Das Problem konzentriert sich also auf die Hilfen, bei denen ein Antrag und Bedarfsnachweis erforderlich sind.<\/p><p><strong>Zur Erkl&auml;rung: Definition und Methodik<\/strong><\/p><p>Nichtinanspruchnahme (&bdquo;Non-Take-up&ldquo;) bezeichnet den Anteil der formal Leistungsberechtigten, die eine Sozialleistung nicht beziehen, obwohl ein Anspruch best&uuml;nde. Umgangssprachlich wird dies auch als verdeckte Armut bezeichnet, da die Betroffenen unter dem Existenzminimum leben, ohne in der Sozialstatistik aufzutauchen. <\/p><p>Die Ermittlung dieser Quoten erfolgt meist durch Mikrosimulationen auf Basis von Haushaltssurveys, da amtliche Statistiken nur die Leistungsempf&auml;nger erfassen, nicht aber die Nichtbezieher. Abh&auml;ngig von Daten und Annahmen ergeben sich Bandbreiten: So wurde die Nichtinanspruchnahme beim Wohngeld f&uuml;r 2013 je nach Datengrundlage auf 63 Prozent bis 87 Prozent gesch&auml;tzt. Unterschiedliche Annahmen etwa zu Wohnkosten oder Mehrbedarfen k&ouml;nnen die Quote sp&uuml;rbar beeinflussen. <\/p><p>Experten weisen jedoch darauf hin, dass selbst konservative Sch&auml;tzungen die reale Nichtinanspruchnahme eher untersch&auml;tzen. Klar ist: Obwohl die exakte H&ouml;he im Einzelfall variiert, best&auml;tigt jede Studie, dass ein erheblicher Teil der Berechtigten keine Leistung erh&auml;lt.<\/p><p><strong>Warum verzichten Berechtigte?<\/strong><\/p><p>Die Gr&uuml;nde f&uuml;r die Nicht-Inanspruchnahme liegen in einem Mix aus individuellen Barrieren und systembedingten H&uuml;rden. Viele Leistungsberechtigte wissen schlicht nicht, dass ihnen Hilfe zusteht, oder untersch&auml;tzen ihren Anspruch. Andere schrecken vor dem Antragsaufwand zur&uuml;ck: komplexe Formulare, lange Beh&ouml;rdeng&auml;nge und die Offenlegung privater Lebensverh&auml;ltnisse wirken abschreckend. Hinzu kommt eine, besonders durch bestimmte Boulevard-Medien betriebene Stigmatisierung der finanziellen Hilfe f&uuml;r arme Menschen: Schamgef&uuml;hle oder die Angst, als &bdquo;Bittsteller&ldquo; dazustehen, halten Menschen davon ab, Unterst&uuml;tzung zu beantragen. <\/p><p>Zyniker argumentieren gerne, wer auf eine angebotene Leistung verzichtet, braucht sie offenbar nicht wirklich oder tut es aus freien St&uuml;cken. Nichts k&ouml;nnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Untersuchungen zeigen, dass Verzicht meist unfreiwillig ist &ndash; bedingt durch Unkenntnis, Scham oder objektive H&uuml;rden und nicht durch mangelnden Bedarf. In einer Befragung [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] gaben &uuml;ber 50 Prozent der Teilnehmer an, im Falle eigener Bed&uuml;rftigkeit aus Angst vor Stigmatisierung eher auf Sozialleistungen verzichten zu wollen; sogar ein Drittel meinte, andere sollten lieber ebenfalls keinen Antrag stellen. Ein solcher Wertekontext (versch&auml;mte Armut) untergr&auml;bt das Solidarprinzip des Sozialstaats und verstetigt Armut. <\/p><p>Auch systemische Faktoren spielen hinein: Wer keinen festen Wohnsitz oder keine l&uuml;ckenlosen Nachweise hat, kann trotz Not durchs Raster fallen. In der Fachdebatte wird entsprechend zwischen prim&auml;rer Nicht-Inanspruchnahme (Berechtigte stellen gar keinen Antrag) und sekund&auml;rer Nicht-Inanspruchnahme (Antrag gestellt, aber Leistung nicht bewilligt oder nicht voll ausgesch&ouml;pft) unterschieden.<\/p><p>Wie sich das konkret auswirken kann, illustriert der folgende &bdquo;Fall&ldquo; &ndash; &bdquo;Frau M.&ldquo; <strong>ist eine fiktive Person<\/strong>, die hier geschilderten Lebensumst&auml;nde und Geschehnisse haben aber einen sehr realen Hintergrund:<\/p><blockquote><p>Frau M. ist 72 Jahre alt. Sie lebt allein in einer kleinen Mietwohnung in einem Mehrfamilienhaus, irgendwo zwischen Durchgangsstra&szlig;e und Hinterhof. Die Wohnung ist sauber, ordentlich, still &ndash; zu still.<\/p>\n<p>Ihre monatliche Rente betr&auml;gt rund 800 Euro. Es ist das Ergebnis eines langen Arbeitslebens &ndash; unterbrochen von Familienarbeit, Teilzeit, niedrigen L&ouml;hnen. Rein rechtlich h&auml;tte Frau M. Anspruch auf Grundsicherung im Alter. Ihr Einkommen liegt deutlich unter dem sozialrechtlich definierten Existenzminimum.<\/p>\n<p>Doch Frau M. stellt keinen Antrag. Nicht, weil sie nichts davon wei&szlig;. Sondern weil sie sich sch&auml;mt. &bdquo;Ich will niemandem zur Last fallen&ldquo;, sagt sie. &bdquo;Ich habe doch mein Leben lang gearbeitet.&ldquo; Der Gedanke, staatliche Hilfe zu beantragen, f&uuml;hlt sich f&uuml;r sie nicht nach einem Recht an, sondern nach einem pers&ouml;nlichen Versagen. Als w&uuml;rde sie eingestehen, dass ihr Leben am Ende &bdquo;nicht gereicht&ldquo; hat.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die Angst. Angst vor dem Amt. Angst vor Formularen, vor Nachfragen, vor Briefen, die sie nicht versteht. Vor allem aber die Angst, dass das Sozialamt ihre erwachsenen Kinder kontaktieren k&ouml;nnte &ndash; Kinder, die selbst kaum &uuml;ber die Runden kommen. Frau M. f&uuml;rchtet, ihnen zur Last zu fallen, ihre Beziehungen zu belasten, Schuldgef&uuml;hle auszul&ouml;sen. Sie hat geh&ouml;rt, dass &Auml;mter Unterhalt pr&uuml;fen. Ob das in ihrem Fall zutr&auml;fe, wei&szlig; sie nicht genau. Aber allein die Vorstellung reicht.<\/p>\n<p>Und dann ist da noch die Wohnung. Seit Jahrzehnten lebt sie hier. Sie kennt jede Macke im T&uuml;rrahmen, jede kalte Ecke im Winter. In ihrer Vorstellung ist das Sozialamt eine Macht, die &uuml;ber ihr Leben entscheidet &ndash; und vielleicht auch dar&uuml;ber, ob sie bleiben darf. Ob diese Angst begr&uuml;ndet ist, spielt kaum eine Rolle. Sie ist real.<\/p>\n<p>Also spart Frau M. &ndash; nicht an Luxus, sondern am Notwendigen. Sie dreht die Heizung kaum auf. Sie kauft Lebensmittel kurz vor Ladenschluss, wenn sie reduziert sind. Fleisch gibt es selten. Frisches Obst manchmal gar nicht. Arztbesuche schiebt sie hinaus, Medikamente teilt sie ein. &bdquo;So schlimm ist es schon nicht&ldquo;, sagt sie dann.<\/p>\n<p>Ihre Armut ist unsichtbar. In keiner Statistik taucht sie auf. Sie gilt nicht als leistungsbeziehend, nicht als hilfsbed&uuml;rftig. Nach au&szlig;en wirkt sie unauff&auml;llig, angepasst, &bdquo;ordentlich&ldquo;. Genau so, wie das System es belohnt.<\/p>\n<p>Was hier sichtbar wird, ist kein individueller Ausnahmefall, sondern ein strukturelles Versagen. Ein Sozialstaat, der Rechte gew&auml;hrt, sie aber so organisiert, dass ausgerechnet die Schw&auml;chsten sie nicht in Anspruch nehmen. Ein System, das auf Antragspflichten, Abschreckung, Angst vor Kontrolle und moralische Stigmatisierung setzt &ndash; und sich dann wundert, wenn Hilfe nicht ankommt.<\/p>\n<p><strong>Unsere Frau M. ist eine fiktive Person<\/strong>, aber ihre Situation ist allt&auml;gliche Realit&auml;t f&uuml;r hunderttausende &auml;ltere Menschen in Deutschland. Und sie wirft eine unbequeme Frage auf:<\/p>\n<p>Was ist ein Sozialstaat wert, wenn Menschen lieber frieren und hungern, als ihn in Anspruch zu nehmen?<\/p><\/blockquote><p><strong>Wem n&uuml;tzt es?<\/strong><\/p><p>Kurzfristig scheint der Staat finanziell davon zu profitieren, wenn Leistungen nicht abgerufen werden &ndash; doch diese Einsparungen gehen mit versteckten Kosten und Risiken einher. Tats&auml;chlich entlastet jede nicht ausgezahlte Sozialleistung zun&auml;chst den Haushalt der &ouml;ffentlichen Hand: Es flie&szlig;en weniger Transferzahlungen. Im Jahr 2023 etwa wurden &ndash; bedingt durch die geringe Inanspruchnahme &ndash; nur etwa 800.000 Kinder &uuml;ber den Kinderzuschlag erreicht, was rund 35 Prozent der anspruchsberechtigten Familien entspricht. Der Staat sparte so Hunderte Millionen Euro an Ausgaben. Auch bei der Grundsicherung f&uuml;r Arbeitssuchende (B&uuml;rgergeld) verzichtete etwa ein Drittel der Berechtigten auf die Leistung &ndash; rechnerisch blieben dadurch Milliardenbetr&auml;ge in der Kasse. Und wenn 60 Prozent der anspruchsberechtigten Seniorinnen und Senioren keine Grundsicherung im Alter abrufen, spart der Staat j&auml;hrlich rund 2 Mrd. Euro. <\/p><p>Diese Nicht-Inanspruchnahme sei doch positiv, da sie den Steuerzahler entlaste, argumentieren neoliberal verbildete Menschen gerne. Aber ihnen sei gesagt: Diese &bdquo;Ersparnis&ldquo; ist tr&uuml;gerisch. Kurzfristig mag der Verzicht der Berechtigten den Sozialetat schonen, doch langfristig kommen Folgekosten auf uns alle zu. Verdeckte Armut f&uuml;hrt n&auml;mlich zu h&ouml;heren Belastungen an anderer Stelle: Ungelinderte Not kann gesundheitliche Probleme versch&auml;rfen, Bildungschancen von Kindern verringern und die Betroffenen in anhaltender Armut halten. All das erzeugt sp&auml;ter Mehrkosten, etwa im Gesundheitswesen, im Bildungssystem oder durch sp&auml;tere Arbeitslosigkeit. &Uuml;ber die Jahre summieren sich diese indirekten Kosten auf ein Vielfaches der kurzfristig &bdquo;eingesparten&ldquo; Betr&auml;ge. Anders ausgedr&uuml;ckt: Was der Staat heute an Transfers nicht zahlt, zahlt er morgen oft mit Zinsen &ndash; etwa f&uuml;r Notf&auml;lle, Reparaturen und Folgema&szlig;nahmen.<\/p><p>Hinzu kommt ein gesamtwirtschaftlicher Effekt, der in der politischen Debatte meist ausgeblendet wird: In einer nachfragegetriebenen Wirtschaft wie der unseren sind einkommensarme Haushalte nicht nur Leistungsempf&auml;nger, sondern auch zentrale Konsumenten. Transfers an Arme flie&szlig;en mit hoher Wahrscheinlichkeit unmittelbar in den Wirtschaftskreislauf zur&uuml;ck &ndash; f&uuml;r Miete, Lebensmittel, Energie, Mobilit&auml;t und lokale Dienstleistungen. &Ouml;konomisch gesprochen ist ihre marginale Konsumneigung besonders hoch. Bleiben diese Mittel aus, fehlt Nachfrage genau dort, wo sie konjunkturell am wirksamsten w&auml;re. W&auml;hrend zus&auml;tzliche Einkommen bei sehr Verm&ouml;genden h&auml;ufig gespart oder in Finanz- und Kapitalm&auml;rkte verschoben werden, stabilisieren Sozialtransfers an einkommensarme Haushalte realwirtschaftliche Nachfrage. Nichtabgerufene Sozialleistungen sind deshalb nicht nur ein sozialpolitisches, sondern auch ein makro&ouml;konomisches Problem: Sie entziehen der Binnenwirtschaft Kaufkraft und verst&auml;rken Abschwungstendenzen, statt ihnen entgegenzuwirken. <\/p><p><strong>Folgen f&uuml;r Gesellschaft und Demokratie<\/strong><\/p><p>Wenn Sozialleistungen ihr Ziel verfehlen, verliert die Gesellschaft auf lange Sicht doppelt &ndash; wirtschaftlich durch ungenutztes Potenzial und politisch durch schwindendes Vertrauen. Die Armutsbek&auml;mpfung leidet, weil staatliche Hilfen ihre steuernde Wirkung verfehlen: Offizielle Statistiken untersch&auml;tzen das tats&auml;chliche Ausma&szlig; der Bed&uuml;rftigkeit, da Nichtbezieher gar nicht erfasst werden. Dadurch kann eine sinkende Zahl von Leistungsbeziehern tr&uuml;gerisch als sozialpolitischer Erfolg erscheinen, obwohl in Wirklichkeit nur die Dunkelziffer gewachsen ist. <\/p><p>Gesamtgesellschaftlich geht wertvolles Potenzial verloren: Menschen, die mit etwas Unterst&uuml;tzung ein produktiveres, ges&uuml;nderes Leben f&uuml;hren k&ouml;nnten, bleiben in der Armutsfalle und k&ouml;nnen ihre F&auml;higkeiten nicht einbringen. Vor allem bei Kindern bedeutet verdeckte Armut verlorene Chancen &ndash; f&uuml;r die Individuen und f&uuml;r die Gesellschaft, die sp&auml;ter die Folgen tragen muss. Sozial&ouml;konomisch verliert der Staat langfristig Steuereinnahmen und Sozialbeitr&auml;ge, wenn viele B&uuml;rger wegen fehlender Unterst&uuml;tzung in niedrig entlohnten Prek&auml;rjobs oder in Arbeitslosigkeit verbleiben. <\/p><p>Und schlie&szlig;lich sind da die demokratiepolitischen Implikationen: Verdeckte Armut untergr&auml;bt das Grundvertrauen in den Sozialstaat. B&uuml;rger, die erleben, dass ihnen zustehende Hilfe faktisch nicht ankommt, verlieren an Vertrauen in die Institutionen. Rechtspopulistische Narrative, wie etwa &bdquo;Die Migranten sind schuld!&ldquo;, finden in so einem Klima immer mehr Zulauf. Auch das soziale Zusammenleben leidet, wenn Teile der Bev&ouml;lkerung dauerhaft abgeh&auml;ngt bleiben. Der vielbeschworene gesellschaftliche Zusammenhalt wird untergraben und politische Teilhabechancen sind ungleich verteilt. Die Nichtinanspruchnahme ist somit weder aus fiskalischer noch aus gesellschaftlicher Sicht trivial &ndash; im Gegenteil, sie kommt uns alle teuer zu stehen.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Ein Sozialstaat, in dem Rechte nur auf dem Papier stehen, verliert an Glaubw&uuml;rdigkeit. Verdeckte Armut bedeutet, dass der Anspruch auf Hilfe zwar formal existiert, praktisch aber ins Leere l&auml;uft &ndash; eine demokratiepolitisch brisante Schieflage. Wenn erhebliche Teile der Bev&ouml;lkerung ihr soziales Recht auf Sicherung des Existenzminimums nicht realisieren k&ouml;nnen, wird das Versprechen gleicher B&uuml;rgerrechte ausgeh&ouml;hlt. Es besteht die Gefahr, dass Betroffene das Vertrauen in die Fairness und Leistungsf&auml;higkeit staatlicher Institutionen immer mehr verlieren. <\/p><p>Mit dem Regierungswechsel ist die zuvor geplante Kindergrundsicherung in ihrer urspr&uuml;nglichen Form nicht weiterverfolgt worden. Statt eines Systemwechsels hin zu geb&uuml;ndelten und automatisch ausgezahlten Leistungen setzt die Bundesregierung bislang auf punktuelle Vereinfachungen bestehender Instrumente, insbesondere beim Kindergeld. Ob diese Schritte ausreichen, um die hohen H&uuml;rden der Nichtinanspruchnahme wirksam zu senken, ist offen. <\/p><p>Unabh&auml;ngig von der konkreten Reformarchitektur bleibt der Handlungsauftrag bestehen: die L&uuml;cke zwischen formalem Rechtsanspruch und sozialer Realit&auml;t zu schlie&szlig;en. An dieser Frage entscheidet sich nicht zuletzt die Glaubw&uuml;rdigkeit des Sozialstaats &ndash; denn ein Versprechen, das viele seiner Adressaten nicht erreicht, bleibt politisch folgenreich. Das darf niemand wollen.<\/p><p><small>Titeilbild: Berit Kessler \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Quellen &amp; Literatur (Auswahl)<\/strong><\/p><p><small><strong>BMAS\/ISG<\/strong> &ndash; <em>Bestandsaufnahme quantitativer Studien zum Ausma&szlig; der Nicht-Inanspruchnahme von Sozialleistungen<\/em>, Forschungsbericht 668 (Matta &amp; Engels), 2024.<\/small><br>\n<small><strong>Deutsches Jugendinstitut (DJI)<\/strong> &ndash; <em>Barrieren der Inanspruchnahme bedarfsgepr&uuml;fter Leistungen<\/em>, Studie (Castiglioni\/Boll), 2023.<\/small><br>\n<small><strong>Buslei, H. et al. (WSI)<\/strong> &ndash; <em>WSI-Report: Verdeckte Altersarmut<\/em>, 2019.<\/small><br>\n<small><strong>Parit&auml;tischer Wohlfahrtsverband<\/strong> &ndash; <em>Auswertung Bildungspaket<\/em>, 2019.<\/small><br>\n<small><strong>Sachverst&auml;ndigenrat Wirtschaft<\/strong> &ndash; <em>Jahresgutachten 2022\/23 (Wohngeld\/KiZ)<\/em>, 2022.<\/small><br>\n<small><strong>Fraunhofer\/Max-Planck-Institut<\/strong> &ndash; <em>Studie zu BAf&ouml;G-Nichtnutzung<\/em>, 2025.<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Fu&szlig;noten<\/strong><\/p><p><small>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bmas.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/Publikationen\/Forschungsberichte\/fb-668-bestandsaufnahme-nichtinanspruchnahme-sozialleistungen.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\">Bestandsaufnahme<\/a> quantitativer Studien zum Ausma&szlig; der Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen<\/small><br>\n<small>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Buslei, H.; Geyer, J.; Haan, P.; Harnisch, M. (2019): <em>Starke Nichtinanspruchnahme von Grundsicherung im Alter &ndash; trotz steigender Altersarmut<\/em>, DIW Wochenbericht 49\/2019, Berlin.<\/small><br>\n<small>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] BMAS \/ ISG (2024) &ndash; <a href=\"https:\/\/www.bmas.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/Publikationen\/Forschungsberichte\/fb-668-bestandsaufnahme-nichtinanspruchnahme-sozialleistungen.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\">Forschungsbericht 668<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland beziehen Millionen Menschen trotz bestehender Anspr&uuml;che keine Sozialleistungen &ndash; ein verstecktes Ph&auml;nomen mit weitreichenden Folgen. Viele dieser F&auml;lle bleiben unsichtbar, da die Betroffenen aus verschiedenen Gr&uuml;nden auf zustehende Hilfe verzichten. 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