{"id":144528,"date":"2026-01-10T11:00:53","date_gmt":"2026-01-10T10:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144528"},"modified":"2026-01-12T07:18:59","modified_gmt":"2026-01-12T06:18:59","slug":"was-passiert-gerade-in-lateinamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144528","title":{"rendered":"Was passiert gerade in Lateinamerika?"},"content":{"rendered":"<p>Eine reaktion&auml;re politische Welle rollt &uuml;ber den Kontinent hinweg. &Uuml;berall dort, wo die Linken und Progressiven aufgrund eigener Fehler zusammenbrechen (Argentinien, El Salvador, Ecuador, Bolivien, Chile), st&uuml;rzt sich ein unverhohlener Anti-Egalitarismus auf die kollektiven Erwartungen mit der Absicht, die errungenen Rechte und Anerkennungen des Volkes zu schleifen. &Uuml;berall dort, wo die progressive Welle sich behauptet (Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Uruguay, Honduras), wird sie von allen Seiten bedr&auml;ngt und untergraben, um ihr ein Ende zu bereiten. Dort, wo es m&ouml;glich ist (Venezuela), werden ausl&auml;ndische Interventionen geprobt. Von <strong>Alvaro Garc&iacute;a Linera<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9159\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-144528-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109_Was_passiert_gerade_in_Lateinamerika_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109_Was_passiert_gerade_in_Lateinamerika_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109_Was_passiert_gerade_in_Lateinamerika_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109_Was_passiert_gerade_in_Lateinamerika_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=144528-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260109_Was_passiert_gerade_in_Lateinamerika_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260109_Was_passiert_gerade_in_Lateinamerika_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Lateinamerika war schon immer ein turbulenter und extremer Kontinent. Ein Kontinent der Volksrevolutionen, Staatsstreiche und Milit&auml;rdiktaturen. Aber auch ein Kontinent der Zyklen institutioneller Stabilit&auml;t. Der Neoliberalismus beispielsweise, der in einigen F&auml;llen mit Diktaturen (Chile, Argentinien) oder in Zeiten eines demokratischen &Uuml;bergangs (Bolivien, Paraguay, Uruguay, Ecuador, Brasilien) seinen Anfang nahm, f&uuml;hrte zu einer 20-j&auml;hrigen Phase der relativen Normalisierung eines Regimes wirtschaftlicher Akkumulation und eines Systems politischer Parteien, die darin &uuml;bereinstimmten, die Gewerkschaftsbewegungen zu zerschlagen, &ouml;ffentliche Unternehmen zu privatisieren und den Freihandel zu f&ouml;rdern.<\/p><p>Auch wenn es anf&auml;nglich zu Widerstand gegen ihn aus der Gesellschaft kam, schaffte er es trotzdem, den gesellschaftlichen Erwartungshorizont zu bestimmen.<\/p><p>Ebenso gelang es den zu Beginn des 21. Jahrhunderts in weiten Teilen des Kontinents auf den Plan getretenen progressiven und linken Regierungen, das Wirtschaftswachstum und das politische System f&uuml;r l&auml;nger als ein Jahrzehnt zu stabilisieren. Im Falle Boliviens sogar f&uuml;r fast zwei Jahrzehnte.<\/p><p>Jedoch handelt es sich trotz dieser scheinbaren &Auml;hnlichkeiten in Bezug auf Zeitrahmen und territoriale Ausdehnung um qualitativ sehr unterschiedliche Prozesse. Der Neoliberalismus ging Hand in Hand mit einer Allianz aus Gro&szlig;exporteuren, Finanziers, gebildeten Mittelschichten und gro&szlig;en westlichen Konzernen, die von internationalen Finanzinstitutionen (IWF, Weltbank) beraten wurden. Den Widerstand gegen seine Umsetzung f&uuml;hrten die im Niedergang begriffenen Lohnabh&auml;ngigen an, die an die Importsubstitution der Zeit des Staatskapitalismus gebunden waren.<\/p><p>Im Falle des Progressismus ging dies einher mit flexiblen Koalitionen der unter dem Neoliberalismus Leidenden: nicht gewerkschaftlich organisierte Lohnabh&auml;ngige, durch die Managementeliten verdr&auml;ngte Mittelschichten, Bewohner mit mehreren Jobs aus den Randzonen der St&auml;dte, Gewerkschaftergruppen und, im Falle Boliviens und Ecuadors, eine starke Bauern- und Indigenenbewegung.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus, und dies ist entscheidend f&uuml;r das Verst&auml;ndnis der Gegenwart, wurde die neoliberale Stabilit&auml;t des Kontinents auf den S&auml;ulen einer allgemeinen Umgestaltung der globalen wirtschaftlichen und politischen Ordnung errichtet: Die USA und Europa bauten schrittweise die seit den 30er-Jahren ausgehandelten Sozialvertr&auml;ge des Wohlfahrtsstaates ab. China &ouml;ffnete sich dem &bdquo;freien Handel&rdquo;, und die Planwirtschaft der UdSSR brach unter dem Druck der globalen M&auml;rkte zusammen.<\/p><p>Die thatcheristische Sentenz &bdquo;Es gibt keine Alternative&rdquo; fand in ihrer Brutalit&auml;t plausible Unterst&uuml;tzung in einer triumphierenden Globalisierung, die durch einen gem&auml;&szlig;igten politischen Liberalismus legitimiert wurde. Die damaligen lateinamerikanischen Staats- und Regierungschefs brauchten sich gar nichts einfallen zu lassen, um den in die Krise geratenen nationalen Progressismus beiseitezuschieben. Es reichte, einfach die Papiere des IWF zu kopieren und zu &uuml;bersetzen, um sich vor einer W&auml;hlerschaft, die auf Alternativen wartete, als &bdquo;Staatsm&auml;nner&rdquo; zu pr&auml;sentieren.<\/p><p>Im Gegensatz dazu musste der lateinamerikanische Zyklus des Progressimus gegen den weltumspannenden Globalisierungsstrom ank&auml;mpfen. Als er sich in den Jahren 2000 bis 2006 herausbildete, setzte er sich dabei, je nach Fall, &uuml;ber einige oder viele der weltweit geltenden Normen hinweg: den Ausbau sozialer Rechte, die Wiederbelebung der Gewerkschaften, den Schutz der lokalen Produktion, die Erh&ouml;hung der Steuern f&uuml;r ausl&auml;ndische Konzerne, die Umverteilung von Reichtum, die Verstaatlichung von Unternehmen usw.<\/p><p>Das hei&szlig;t, er setzte Politiken um, die dem im Weltma&szlig;stab weiterhin vorherrschenden neoliberalen Common Sense (mit Ausnahme Chinas) zuwiderliefen. Darin lagen seine Kreativit&auml;t und K&uuml;hnheit. Tats&auml;chlich war der Kontinent dem, was selbst die &bdquo;entwickelten&rdquo; Volkswirtschaften heute unter dem Deckmantel von &bdquo;Industriepolitik&rdquo;, &bdquo;Protektionismus&rdquo; oder Zollkriegen selektiv umzusetzen versuchen, um 15 Jahre voraus. Aber diese zeitliche Entkopplung zwischen dem Kontinent und dem Rest der Welt hat auch zur gegenw&auml;rtigen Erm&uuml;dung und Instabilit&auml;t des lateinamerikanischen Progressismus beigetragen, der heute an der Seite einer ultrarechten Welle existiert.<\/p><p><strong>Die linke Welle<\/strong><\/p><p>Der Neoliberalismus auf dem Kontinent erfuhr zwei Konsolidierungsmomente. Der Erste erfolgte, als es ihm gelang, die aus der Schuldenkrise der 80er-Jahre entstandene Inflation durch die K&uuml;rzung &ouml;ffentlicher Investitionen und die Liberalisierung der Importe zu stoppen. Der Zweite geschah, als er die Binnenwirtschaft durch die Zuf&uuml;hrung ausl&auml;ndischer Kapitalstr&ouml;me ankurbelte, die durch die Versteigerung staatlicher Unternehmen angelockt wurden. Damit wurde jedoch der Grundstein f&uuml;r seinen sp&auml;teren Niedergang gelegt.<\/p><p>Die &bdquo;Reduktion des Haushaltsdefizits&rdquo; riss jedoch L&ouml;cher in das grundlegende Netz der sozialen Vorsorge, mit dem jeder Staat der Welt seine Bev&ouml;lkerung zusammenh&auml;lt. W&auml;hrenddessen begann ausl&auml;ndisches Kapital, im Zuge der Privatisierungen die Gewinne aus seinen Investitionen au&szlig;er Landes zu bringen, was zu einer neuen Kapitalflucht f&uuml;hrte. Dies und der Verfall der Rohstoffpreise st&uuml;rzten die regionalen Volkswirtschaften in Stagnation, Inflation und eine nachfolgende Rezession.<\/p><p>Die verschiedenen linken und progressiven Regierungen Lateinamerikas sind die gesellschaftliche Antwort auf den strukturellen Niedergang des kontinentalen Neoliberalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts.<\/p><p>Die kollektive materielle Frustration ging mit einem Schwinden der Bindungen an den wettbewerblichen Individualismus und an das ihn legitimierende Parteiensystem einher. In den meisten L&auml;ndern kam es zu einer allgemeinen nationalen Krise. In diesem Kontext traten soziale Akteure von unten in den Vordergrund und pr&auml;gten neue Erwartungshorizonte, ausgerichtet auf Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und Souver&auml;nit&auml;t.<\/p><p>Kollektives Handeln ist nicht nur ein Mechanismus des legitimen gesellschaftlichen Protests. Findet es in Form von Aufst&auml;nden, Massenprotesten, Erhebungen oder Insurrektionen breit und expansiv seinen Ausdruck, erzeugt es zugleich neue gemeinsame kognitive Schemata, mit denen Menschen ihre Stellung in der Welt neu verorten und Leitlinien f&uuml;r das Zusammenleben der Gesellschaften entwickeln. Es schafft eine allgemeine Bereitschaft, alte, mit Entt&auml;uschung und Scheitern verbundene &Uuml;berzeugungen zu revidieren und sich neuen Systemen von Gewissheiten anzuschlie&szlig;en, die alternative Zukunftsszenarien entwerfen k&ouml;nnen.<\/p><p>Auf diesem zugrunde liegenden kollektiven Geist &ndash; und innerhalb seiner Grenzen &ndash; beruhten die wirtschaftlichen und sozialen Reformen, die die damaligen linken und progressiven Kr&auml;fte zwischen 2003 und 2015 umsetzten. Es gelang ihnen, die Wirtschaft zu stabilisieren und die kollektiven Rechte auszuweiten. In unterschiedlichem Ma&szlig;e wurden in den einzelnen L&auml;ndern einige Steuern f&uuml;r Exportunternehmen erh&ouml;ht. In anderen F&auml;llen wurden privatisierte Unternehmen wieder verstaatlicht, wodurch ein gr&ouml;&szlig;erer Teil des &Uuml;berschusses einbehalten werden konnte, der &uuml;ber allgemeine und zielgerichtete sozialpolitische Ma&szlig;nahmen an breite Bev&ouml;lkerungsschichten umverteilt wurde.<\/p><p>Man setzte auf h&ouml;here &ouml;ffentliche Investitionen, die die Wirtschaft ankurbelten und den Binnenkonsum steigerten. Gleichzeitig kombinierte man eine Politik selektiver Handels&ouml;ffnung, die zu einem Anstieg der Exporte f&uuml;hrte, mit protektionistischen Ma&szlig;nahmen zum Schutz der lokalen Industrien. Das soziale Wohlergehen stieg.<\/p><p>In anderthalb Jahrzehnten kehrte die Wirtschaft zu gesunden Wachstumsraten zur&uuml;ck, fast 70 Millionen Lateinamerikaner kamen aus der Armut heraus, und es kam zu einem bemerkenswerten sozialen Aufstieg breiter Bev&ouml;lkerungsschichten. Im Falle Boliviens handelte es sich dabei &uuml;berwiegend um Indigene.<\/p><p>Um das Jahr 2015 herum zeigte dieses Reformprogramm jedoch erste Ersch&ouml;pfungserscheinungen, was in Wahlniederlagen der damals regierenden linken Kr&auml;fte seinen Ausdruck fand.<\/p><p>Die Debatte &uuml;ber die Ursachen dieses politischen R&uuml;ckschlags, insbesondere jene Erkl&auml;rungen, die von einer herbeigef&uuml;hrten &bdquo;Passivierung&rdquo;, der allgegenw&auml;rtigen Rolle der sozialen Netzwerke oder von &bdquo;undankbaren&rdquo; unteren Bev&ouml;lkerungsschichten sprechen, verschiebe ich auf einen anderen Zeitpunkt. Dabei handelt es sich um kontrafaktische Spekulationen. Tats&auml;chlich waren jene Reformen, die in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts erfolgreich die zentralen Probleme l&ouml;sten, welche die Bev&ouml;lkerung beunruhigten, in der zweiten Dekade nicht mehr ausreichend. Dies f&uuml;hrte zur Aussch&ouml;pfung durch Erf&uuml;llung.<\/p><p>Die ersten Reformen ver&auml;nderten die soziale Struktur. Die Ausdehnung der Grundversorgung, die Verbesserung der L&ouml;hne von unten nach oben und die Ausweitung des Konsums breiterer Teile der unteren Schichten und indigener Bev&ouml;lkerungsgruppen &ndash; ein grundlegender Akt sozialer Gerechtigkeit &ndash; ver&auml;nderten die Forderungen dieser gesellschaftlichen Gruppen. Auch ver&auml;nderten sie Organisationsformen und damit auch ihre Art, sich mit ihren Erwartungen in der Welt zu verorten. Aber diese soziale Ver&auml;nderung &ndash; ein Ergebnis des eigenen Wirkens des Progressismus &ndash; hat dieser nicht verstanden und bezog sich weiterhin auf die unteren Schichten, als w&auml;ren sie dieselben geblieben wie vor den Reformen.<\/p><p>Von da an ist ein Teil der politischen Vorschl&auml;ge der Linken und des Progressismus anachronistisch geworden. In Argentinien ist die derzeitige Unf&auml;higkeit, die gesellschaftlichen Gruppen der sogenannten &bdquo;popul&auml;ren &Ouml;konomie&rdquo; anzusprechen, die bereits mehr als 50 Prozent der Erwerbsbev&ouml;lkerung ausmachen, paradigmatisch. Im Falle Boliviens ist das fehlende Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Forderungen der in die Mittelschicht aufgestiegenen gesellschaftlichen Gruppen der unteren Schichten und der indigenen Bev&ouml;lkerung ebenso dramatisch, wenn es darum geht, wieder politische Mehrheiten mit staatlicher Wirkung zu schaffen.<\/p><p>Hinzu kamen der R&uuml;ckgang kollektiven Handelns (mit Ausnahme von Chile und Kolumbien) und Ver&auml;nderungen im globalen Kontext. Der Verfall der Rohstoffpreise ab 2013 und die Abschw&auml;chung der Weltwirtschaft f&uuml;hrten zu einem R&uuml;ckgang der &ouml;ffentlichen Einnahmen und setzten die Umverteilungspolitiken der Linken unter Druck. All diese Realit&auml;ten erforderten und erfordern nach wie vor eine zweite Generation progressiver Initiativen.<\/p><p>In der ersten Phase wurde der wirtschaftliche &Uuml;berschuss internalisiert und nach Ma&szlig;gaben der sozialen Gerechtigkeit umverteilt. Diese neue Phase erfordert ein mutiges Herangehen in der Produktions- und Steuerpolitik, um den Umverteilungsma&szlig;nahmen langfristige Nachhaltigkeit zu verleihen. Dazu ist ein staatliches Investitionsprogramm im Bereich der Industriepolitik erforderlich, das vom Staat ausgehend gezielt auf den privaten klein- und mittelst&auml;ndischen Produktionssektor sowie auf produktionsbezogene Dienste ausgerichtet ist. Ebenso ist eine substanzielle &Auml;nderung des derzeitigen regressiven Steuersystems erforderlich.<\/p><p>Es muss zu einer progressiven Besteuerung &uuml;bergegangen werden, sodass die Million&auml;re, die weniger als ein Prozent der Bev&ouml;lkerung ausmachen, deutlich mehr zahlen m&uuml;ssten, ohne dass die Mittelschicht und die unteren Bev&ouml;lkerungsschichten davon betroffen w&auml;ren. Auf diese Weise wird die Ungleichheit verringert, und das gesellschaftliche Unbehagen konzentriert sich auf eine kleine verm&ouml;gende Minderheit.<\/p><p>Aber diese Ma&szlig;nahmen wurden nicht ergriffen. Tats&auml;chlich werden bis heute weder diese noch andere Ma&szlig;nahmen diskutiert, die es erm&ouml;glichen w&uuml;rden, die politische Initiative zur&uuml;ckzugewinnen und wieder eine hoffnungsvolle Zukunft zu gestalten. Stattdessen dominiert eine melancholische R&uuml;ckbesinnung auf die &bdquo;guten alten Zeiten&rdquo; und die fr&uuml;heren Errungenschaften des Progressismus &ndash; und zwar inmitten eines frustrierenden Mangels an neuen Horizonten, die die bestehenden Belastungen &uuml;berwinden k&ouml;nnten.<\/p><p>So befindet sich der Progressismus &ndash; hoffentlich nur vor&uuml;bergehend &ndash; in einer defensiven Phase, in der seine politische Welle abgeebbt ist und sich darauf beschr&auml;nkt, das Erreichte zu sichern, damit die Zukunft nicht schlechter wird als die Gegenwart. In hegemonialen politischen K&auml;mpfen geht es jedoch um etwas anderes: um das Ringen um das Monopol auf eine Zukunft, die besser, viel besser sein soll als Gegenwart und Vergangenheit. Ein Ausdruck des gegenw&auml;rtigen programmatischen Konservatismus des Progressismus ist, dass er sich darauf beschr&auml;nkt, lediglich &bdquo;humanere&rdquo; Varianten derselben makro&ouml;konomischen Anpassungspolitiken zu formulieren, wie sie auch vom rechten Block verfolgt werden.<\/p><p><strong>Die Welle der extremen Rechten<\/strong><\/p><p>Wie im Rest der Welt sind extreme autorit&auml;re und anti-egalit&auml;re Rechte nichts Neues. Lange Zeit vegetierten sie als marginale politische Kr&auml;fte eines neoliberalen rechten Zentrums, das fast das gesamte konservative politische Spektrum vereinnahmt hatte. Aber Wirtschaftskrisen bieten ihnen &ndash; wie auch der Linken &ndash; die M&ouml;glichkeit, sich zu entfalten. Das ist der grundlegende Charakter der gegenw&auml;rtigen &Uuml;bergangszeit.<\/p><p>Die &Uuml;bergangszeit ist der turbulente und verworrene historische Zeitraum, der &ndash; manchmal jahrzehntelang &ndash; einen relativ stabilen Zyklus &ouml;konomischer Akkumulation und politischer Legitimation von einem anderen Zyklus trennt.<\/p><p>Die Wirtschaftskrise, die die Grenzen oder das Scheitern des zuvor vorherrschenden Systems offenbart, zwingt die politischen Kr&auml;fte bei der Suche nach einem Ausweg aus dieser Kalamit&auml;t dazu, auseinanderzudriften und aufstrebenden politischen Kr&auml;ften Raum zu geben. Manifestiert sich die Krise unter einer rechtsgerichteten Regierung, &ouml;ffnet dies Spielr&auml;ume f&uuml;r linke oder progressive Koalitionen, die sich f&uuml;r Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und die Ausweitung staatlicher Gemeing&uuml;ter einsetzen.<\/p><p>Gleichzeitig werden auch rechtsextreme Kr&auml;fte wachsen, die eine autorit&auml;re Wiederherstellung der verlorenen Ordnung bef&uuml;rworten. Wenn die Wirtschaftskrise nicht gel&ouml;st wird oder sich durch die Politik einer progressiven Regierung noch versch&auml;rft, reifen die Voraussetzungen f&uuml;r eine rechtsextreme Regierungskoalition heran, die sich K&uuml;rzungen bei den kollektiven Rechten, Einschr&auml;nkungen der demokratischen Teilhabe und einen Abbau der &ouml;ffentlichen G&uuml;ter zum Ziel setzt.<\/p><p>Aber selbst unter erfolgreichen und relativ stabilen progressiven Regierungen erstarkt die autorit&auml;re Rechte. Sie ist das Gegenst&uuml;ck zur Ausweitung der Gleichheit. Sei es nun durch den sozialen Aufstieg aus den unteren Schichten und der indigenen Bev&ouml;lkerung, durch die Ert&uuml;chtigung der Frauen, die Verbesserung des Konsums der unteren Schichten oder durch die erfolgreiche Eingliederung von Migranten in den Arbeitsmarkt &ndash; all dies wird zu einer moralischen Panik der traditionellen Mittelschicht f&uuml;hren, die glaubt, dass ihre althergebrachten kleinen Privilegien entwertet werden. Daher bilden die Mittelschicht und teilweise auch die Teile von ihr, die aus den unteren Schichten kommen, die Basis f&uuml;r die extremen Rechten. Sie sind der virulente und kaltherzige Ausdruck einer anti-egalit&auml;ren Rache f&uuml;r den Verlust ihres Status.<\/p><p>Allerdings sind die Regime der extremen Rechten noch nicht der Beginn eines neuen Zyklus von Akkumulation und Legitimation. Der autorit&auml;re Neoliberalismus Bolsonaros in Brasilien konnte sich nicht durchsetzen und machte den Weg frei f&uuml;r die R&uuml;ckkehr des Progressismus. Mileis pseudolibert&auml;res Experiment musste letztlich seine Aussagen &uuml;ber die Vorz&uuml;ge der &bdquo;unsichtbaren Hand des Marktes&rdquo; einstellen und sich der sichtbaren Hand des (US-amerikanischen) Staates beugen. Die Existenz linker Regierungen in Brasilien und Mexiko, den gr&ouml;&szlig;ten Volkswirtschaften des Kontinents, erh&auml;lt das instabile regionale Gleichgewicht aufrecht.<\/p><p>In der Tat wird der Kontinent auch im n&auml;chsten Jahrzehnt ein Labor f&uuml;r gleichzeitig ablaufende progressive Wellen und rechte Gegenwellen bleiben. Es ist eine Zeit kurzer Siege und kurzer Niederlagen zugleich. Und wenn sich keine der beiden Wellen eindeutig durchsetzt, wird der Ausgang auf globaler Ebene entschieden &ndash; getragen von den einflussreichsten Volkswirtschaften der Welt, die in der Lage sind, eine technologische und organisatorische Grundlage f&uuml;r einen neuen Zyklus globaler Akkumulation und Legitimation zu schaffen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>&Uuml;ber den Autor: <strong>&Aacute;lvaro Garc&iacute;a Linera<\/strong> nahm an der Gr&uuml;ndung des Guerillaheeres Tupaj Katari (EGTK) teil und verbrachte mehrere Jahre als politischer Gefangener im Gef&auml;ngnis von Chonchocoro in La Paz. 2006 wurde er zum Vizepr&auml;sidenten Boliviens gew&auml;hlt und bis zum Milit&auml;rputsch von 2019 wiedergew&auml;hlt, der ihn zwang, gemeinsam mit Pr&auml;sident Evo Morales ins Exil zu gehen. Autor von mehr als zwei Dutzend B&uuml;chern, ist sein letztes Werk &bdquo;El concepto de Estado en Marx: lo com&uacute;n por monopolios&rdquo; (Das Staatsbegriff bei Marx: Das Gemeinsame durch Monopole).<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>&Uuml;bersetzung: Gerhard Mertschenk, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/280062\/was-passiert-gerade-lateinamerika\">Amerika21<\/a><\/em><\/p><p><small>Titelbild: NMK-Studio \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139416\">Die aktuellen Kriege der USA in Lateinamerika und der Karibik<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143543\">Die &bdquo;w&uuml;tende Flut&ldquo; der Ultrarechten in Lateinamerika<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142826\">Die Trump-Doktrin f&uuml;r Lateinamerika<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144506\">Bundesregierung verweigert Antwort: Auf welcher Quellen-Grundlage beruht Merz-Aussage zu Maduro und Venezuela?<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/a195f8cc54664a5db62ae28c23576099\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine reaktion&auml;re politische Welle rollt &uuml;ber den Kontinent hinweg. &Uuml;berall dort, wo die Linken und Progressiven aufgrund eigener Fehler zusammenbrechen (Argentinien, El Salvador, Ecuador, Bolivien, Chile), st&uuml;rzt sich ein unverhohlener Anti-Egalitarismus auf die kollektiven Erwartungen mit der Absicht, die errungenen Rechte und Anerkennungen des Volkes zu schleifen. &Uuml;berall dort, wo die progressive Welle sich behauptet<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144528\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":144531,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,205,132,30],"tags":[2145,1352,312,3424,2700,291],"class_list":["post-144528","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-lateinamerika","tag-rechtsruck","tag-reformpolitik","tag-soziooekonomischer-status","tag-systemkonkurrenz","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/shutterstock_2703473797-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144528","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=144528"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144528\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":144662,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144528\/revisions\/144662"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/144531"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=144528"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=144528"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=144528"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}