{"id":144900,"date":"2026-01-19T13:00:09","date_gmt":"2026-01-19T12:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144900"},"modified":"2026-01-24T16:19:42","modified_gmt":"2026-01-24T15:19:42","slug":"der-osten-laesst-sich-nicht-laenger-erklaeren-er-erklaert-sich-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144900","title":{"rendered":"Der Osten l\u00e4sst sich nicht l\u00e4nger erkl\u00e4ren \u2013 er erkl\u00e4rt sich selbst"},"content":{"rendered":"<p>Mehr als 36 Jahre Jahre nach dem Mauerfall ist die ostdeutsche Geschichte in der gesamtdeutschen Wahrnehmung oft eine Leerstelle oder verschwindet unter westlichen Deutungsmustern. Doch die Veranstaltung &bdquo;Der Osten redet Tacheles&ldquo; im Berliner Pfefferberg-Theater setzte ein klares Zeichen: Die R&uuml;ckeroberung der eigenen Geschichte ist kein Akt der Nostalgie, sondern eine politische Notwendigkeit. Von der Kritik an einer &bdquo;missionarischen&ldquo; West-Mentalit&auml;t bis hin zur Analyse des politischen Vakuums, das heute die AfD f&uuml;llt &ndash; <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> berichtet &uuml;ber eine Debatte, die die Suche nach der eigenen Erz&auml;hlung in den Fokus r&uuml;ckte.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>&bdquo;Gemeinschaft ist etwas, das der Osten dem Westen voraushat &ndash; sowohl in der gelebten Praxis als auch im Wissen darum.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Mit diesen Worten setzte der Songpoet Tino Eisbrenner einen zentralen Akzent. F&uuml;r Eisbrenner ist diese Gemeinschaft jedoch kein Selbstzweck, sondern die Basis f&uuml;r einen gr&ouml;&szlig;eren Prozess: die R&uuml;ckeroberung der Deutungshoheit &uuml;ber die eigene Geschichte. Dabei gab er sich realistisch: Vielleicht sei man noch gar nicht an dem Punkt, dem Westen zu erkl&auml;ren, wie alles ohne ihn verlaufen w&auml;re. &bdquo;Vielleicht&ldquo;, so Eisbrenner, &bdquo;sind wir erst an dem Punkt, an dem der Osten anf&auml;ngt, sich seine Geschichte erst einmal selbst zu erz&auml;hlen.&ldquo;<\/p><p>Diesem Ziel widmete sich die Podiumsdiskussion am 8. Januar 2026 im Berliner Pfefferberg-Theater, organisiert vom <a href=\"https:\/\/kulturkreis-pankow.de\/\">Kulturkreis Pankow<\/a>. Moderiert von Tilo Gr&auml;ser (Journalist bei <em>Hintergrund<\/em> und <em>Transition News<\/em>) debattierte eine illustre Runde &uuml;ber ein Thema, das auch mehr als 36 Jahre nach dem sogenannten Mauerfall nichts an Brisanz verloren hat. Die Diskussion legte offen, dass die &bdquo;Einheit&ldquo; f&uuml;r viele Teilnehmer ein blo&szlig;es Konstrukt bleibt, hinter dem tiefe Br&uuml;che in den Biografien klaffen.<\/p><p><strong>Ein Podium der Widerst&auml;ndigen<\/strong><\/p><p>Auf dem Podium prallten k&uuml;rzlich Perspektiven aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein k&ouml;nnten &ndash; und die doch ein gemeinsames Zentrum hatten: Die Frage nach der W&uuml;rde der eigenen Biografie.<\/p><p>Es war eine Runde, die sich der einfachen Einordnung entzog. Da ist <strong>Tino Eisbrenner<\/strong>, Jahrgang 1962, der das Kunstst&uuml;ck vollbracht hat, seinen Status als DDR-Popstar mit der Band <em>Jessica<\/em> nicht als blo&szlig;es Relikt der Vergangenheit zu betrachten, sondern als Fundament einer heutigen, grenz&uuml;berschreitenden Friedensarbeit. Wenn Eisbrenner von seinen Auftritten in Russland erz&auml;hlt oder &uuml;ber die Auszeichnung beim Wettbewerb &bdquo;Dorogi na Jaltu&ldquo; spricht, dann schwingt dort kein blinder Enthusiasmus mit, sondern ein tief verwurzelter, kritischer Blick &ndash; sowohl auf die heutige Gesellschaft als auch auf die Defizite des Ostens selbst.<\/p><p>Auf dem Podium sa&szlig; ebenfalls <strong>Tobias Morgenstern<\/strong>, ein Musiker, dessen Akkordeonspiel oft als poetisches Ereignis beschrieben wird. Er ist einer, der das anfangs f&uuml;r ihn vorgesehene Bundesverdienstkreuz nicht erhalten hat &ndash; wegen kritischer Aussagen in der Corona-Krise. Das sagt vielleicht mehr &uuml;ber die Vergabepraxis als &uuml;ber seine Leistung aus. Schon in der DDR war er jemand, der nicht schwieg, wenn ihm etwas &bdquo;gegen den Strich ging&ldquo; &ndash; eine Haltung, die er sich bis heute bewahrt hat.<\/p><p>Die Schauspielerin und Regisseurin <strong>Anja Panse<\/strong> erg&auml;nzte diese k&uuml;nstlerische Front um die Komponente des Theaters. Mit ihrem Ensemble <a href=\"https:\/\/www.triple-a-theater.de\/\">&bdquo;Triple A&ldquo;<\/a> k&auml;mpft sie f&uuml;r eine Form des Ausdrucks, die sich nicht verbiegen l&auml;sst. F&uuml;r sie, wie f&uuml;r die anderen im Osten Sozialisierten, war der Abend ein Pochen auf die &bdquo;authentische Erfahrung&ldquo; &ndash; ein Begriff, der in Talkshows oft als sentimentale Ostalgie abgetan wird, hier jedoch als harte W&auml;hrung der Identit&auml;t fungierte.<\/p><p>Interessant wurde es durch die Perspektiven von au&szlig;en oder &ndash; besser gesagt &ndash; aus dem Westen. <strong>Hans-Christian Lange<\/strong>, ein ehemaliger Kanzleramtsberater und Manager aus der alten Bundesrepublik, berichtete von seinem &bdquo;Seitenwechsel&ldquo;. Sein Weg f&uuml;hrte ihn aus den Korridoren der Macht zur Mitbegr&uuml;ndung der Bewegung &bdquo;Aufstehen&ldquo; und der Gewerkschaft &bdquo;Social Peace&ldquo;. Lange ist einer, der das Vertrauen in die etablierte Politik verloren hat, nicht aus Ressentiment, sondern aus intimer Kenntnis der Strukturen. Sein Blick auf den Osten ist der eines Verb&uuml;ndeten, der die sozialen Verwerfungen der Leiharbeit und der politischen Entfremdung aus erster Hand kennt.<\/p><p>Als intellektuelles Gegen&uuml;ber fungierte <strong>Alexander Grau<\/strong>. Der Publizist und Philosoph, der die bekannte Kolumne &bdquo;Grauzone&ldquo; im <em>Cicero<\/em> verantwortet, &uuml;bernahm bereitwillig die Rolle des &bdquo;Westphilosophen&ldquo;. Er brachte die notwendige Reibung in die Runde, indem er die Frage aufwarf, ob die ostdeutsche Identit&auml;tssuche nicht Gefahr laufe, in einer &bdquo;melancholischen Selbstvergewisserung&ldquo; zu erstarren.<\/p><p>Die Veranstaltung unterstrich: Die R&uuml;ckeroberung der Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die eigene Erz&auml;hlung ist weniger ein Kampf gegen den Westen als vielmehr ein notwendiger Dialog des Ostens mit sich selbst.<\/p><p><strong>Konstrukt oder Tradition?<\/strong><\/p><p>Bereits die Einstiegsfrage, &bdquo;Was ist das, der Osten?&ldquo;, riss tiefe weltanschauliche Gr&auml;ben auf. W&auml;hrend Anja Panse den Osten prim&auml;r als einen Raum definiert, den spezifische Sozialisation und Nachwende-Erfahrungen pr&auml;gen, betrachtet Alexander Grau ihn als k&uuml;nstliches Produkt der Nachkriegszeit. Da die nationale Identit&auml;t nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 diskreditiert war, h&auml;tten die Menschen in den Besatzungszonen die jeweilige Ideologie als Ersatz-Identit&auml;t adaptiert.<\/p><p>Laut Grau entstand im Osten das Gef&uuml;hl: &bdquo;Wir sind das &uuml;berlegene, sozialistische Deutschland &ndash; vielleicht &auml;rmer, aber solidarischer und mit mehr Gemeinschaftsgef&uuml;hl.&ldquo; Dies habe im direkten Kontrast zum Bild des &bdquo;kalten, liberalistischen Ellenbogen-Westens&ldquo; gestanden. Umgekehrt pflegte der Westen das Selbstbild des Progressiven und Freiheitlichen. Dass diese Gegens&auml;tze selbst heute noch immer wirken, bezeichnet Grau als &bdquo;h&ouml;chst interessant&ldquo;.<\/p><p>Dem widersprach Tino Eisbrenner vehement. Er sah im Osten kein k&uuml;nstliches Konstrukt ab 1945, sondern die Fortf&uuml;hrung einer tiefen humanistischen und antifaschistischen Tradition, die sich auch auf Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bezieht. Der Osten sei keinesfalls das blo&szlig;e Resultat einer Besatzung: &bdquo;Das war keine &uuml;bergest&uuml;lpte Geschichte.&ldquo; Vielmehr habe dort die gelebte &Uuml;berzeugung geherrscht, dass eine Alternative zum Kapitalismus historisch gewollt und m&ouml;glich war.<\/p><p>Hans-Christian Lange vertrat hingegen die These, dass erst die Diskriminierung durch den Westen den Osten zu einer Einheit zusammengeschwei&szlig;t habe. Er verwies auf Hannah Arendts Begriff der &bdquo;negativen Solidarit&auml;t&ldquo;, die durch &auml;u&szlig;eren Druck entstehe. Lange stellte kritisch fest: &bdquo;Wir erleben heute gro&szlig;e Solidarit&auml;t mit anderen, aber immer noch ein Befremden gegen&uuml;ber den B&uuml;rgern der neuen Bundesl&auml;nder.&ldquo;<\/p><p><strong>Wer erz&auml;hlt unsere Geschichte?<\/strong><\/p><p>Bei der Frage nach der Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die eigene Erz&auml;hlung st&uuml;tzte sich Anja Panse auf ein Mosaik aus &uuml;ber 60 Interviews. Ob Republikfl&uuml;chtling oder Angepasster &ndash; ein Gef&uuml;hl einte alle: &bdquo;Die Wahrnehmung, dass die ostdeutsche Sicht in Gesamtdeutschland nicht geh&ouml;rt wird.&ldquo; Panse sieht die Geschichte vor allem durch eine &bdquo;Dehistorisierung&ldquo; im Bildungssystem bedroht. Mit Kunst und authentischen Figuren in ihrem Theaterst&uuml;ck &bdquo;Im Osten &ndash; Geschichten aus der Sonderzone&ldquo; versucht sie, diese Geschichte zu bewahren.<\/p><p>Tino Eisbrenner forderte, dass der Osten aufh&ouml;ren m&uuml;sse, sich seine Biografie von au&szlig;en erkl&auml;ren zu lassen. Gleichwohl r&auml;umte er ein, dass viele Ostdeutsche ihre Lebensl&auml;ufe &bdquo;frisierten&ldquo;, um im westlichen System eine Chance auf den &bdquo;American Way of Life&ldquo; zu haben. Er verschweigt auch die Schattenseiten nicht: T&auml;ter, die bei der wirtschaftlichen Abwicklung halfen oder SED-Gelder verschwinden lie&szlig;en. Dennoch bleibe die &bdquo;faktische Kolonialisierung&ldquo; &ndash; das herablassende &bdquo;Wir erkl&auml;ren euch jetzt, wie es l&auml;uft&ldquo; &ndash; eine Erfahrung, die tiefe Wunden hinterlie&szlig;.<\/p><p>Der Philosoph Alexander Grau betonte, dass das Ost-West-Bild viel &auml;lter sei als der Zweite Weltkrieg. Schon im Kaiserreich h&auml;tten kulturelle Stereotypen existiert: Ein Rheinl&auml;nder blickte nicht unbedingt mit Hochachtung auf einen Pommern. Konrad Adenauer habe einst gespottet, hinter Kassel beginne die Walachei. Wer am Rhein geboren ist und nach Frankreich blickt, habe eine andere Perspektive als jemand, der nach Sachsen schaut.<\/p><p>Grau analysierte das Auftreten der Westdeutschen nach 1989 mit einem provokanten Vergleich: Viele Westdeutsche seien keineswegs in b&ouml;ser Absicht, sondern mit einer &bdquo;missionarischen&ldquo; Haltung in den Osten gekommen &ndash; vergleichbar mit dem globalen Agieren der USA heute. Fest davon &uuml;berzeugt, das &uuml;berlegene Weltbild im Gep&auml;ck zu haben, seien sie auf einen Widerstand gesto&szlig;en, den der Westen nicht verstanden habe.<\/p><p>Diese Konfrontation f&uuml;hrte laut Grau zu tiefen Ressentiments auf beiden Seiten. Dennoch distanzierte er sich von der Suche nach einer kollektiven Erz&auml;hlung. Als Individualist ben&ouml;tige er keine regionalen &bdquo;Sammelgeschichten&ldquo; &ndash; eine Position, die im krassen Gegensatz zum Bed&uuml;rfnis der anderen Diskutanten nach einer gemeinsamen Identit&auml;t stand.<\/p><p>Laut Grau gleiche Deutschland seit 100 Jahren einer &bdquo;kollektiven Therapiegruppe&ldquo;, die sich in permanenter Selbstbefragung verliere. Interessanterweise sah er auch den Westen als Verlierer einer liebgewonnenen Stabilit&auml;t: In den 1980er-Jahren h&auml;tten viele Westdeutsche die Wiedervereinigung innerlich abgeschrieben. Die pl&ouml;tzliche Wende 1989 sei daher f&uuml;r viele Westdeutsche nicht nur eine Freude, sondern eine m&uuml;hsame R&uuml;ckkehr der Geschichte gewesen. Das Ergebnis: beidseitige kulturelle Frustration.<\/p><p><strong>Keine Therapiegruppe: Die verpasste Chance der Aufarbeitung<\/strong><\/p><p>Tino Eisbrenner widersprach Graus Analyse der &bdquo;Therapiegruppe&ldquo; entschieden und r&uuml;ckte die emotionale Notwendigkeit der Aufarbeitung in den Fokus. F&uuml;r ihn ist die st&auml;ndige Selbstbefragung kein Zeichen von Schw&auml;che, sondern eine verpasste Chance der Nachwendezeit.<\/p><p>Der Songpoet hielt gegen Graus Ironie fest: Das Problem sei nicht, dass die Deutschen sich zu viel hinterfragen, sondern dass sie es nicht aufrichtig getan h&auml;tten. Er warf dem Westen vor, nach 1945 viele Aspekte der eigenen Geschichte unter den Teppich gekehrt zu haben. Dem Osten wiederum habe man nach 1990 die Chance auf eine echte Selbsthinterfragung genommen. Man habe die Biografien einfach abgewickelt, statt sie auszuwerten.<\/p><p>Aus diesem Mangel an echter Kommunikation resultiert f&uuml;r Eisbrenner die aktuelle Blockade: &bdquo;Wir stecken fest.&ldquo; Er beobachtet eine gef&auml;hrliche Entwicklung: Weil der Osten sich nicht geh&ouml;rt f&uuml;hlt, entwickle er nun eine eigene Arroganz. Das &auml;u&szlig;ere sich in dem Satz: &bdquo;Wir wissen mehr als ihr, weil wir zwei Systeme erlebt haben.&ldquo; Er sieht die Kultur als den entscheidenden Raum, in dem Gemeinschaft entsteht und in dem man den Mut findet, einen eigenen Blick auf die Vergangenheit zu werfen &ndash; fernab von westlichen Deutungsmustern.<\/p><p><strong>Abrechnung mit der Elite: Von BlackRock zu Friedrich Merz<\/strong><\/p><p>Hans-Christian Lange verkn&uuml;pfte die ostdeutsche Interpretationshoheit unmittelbar mit dem Zustand der bundesrepublikanischen F&uuml;hrungsklasse. Er sieht die &bdquo;West-Eliten im Abstieg begriffen&ldquo; und forderte mehr &bdquo;K&ouml;pfe, die dagegenhalten&ldquo;. Die Deutungshoheit sei kein Geschenk, sondern eine Chance, die der Osten jetzt aktiv ergreifen m&uuml;sse.<\/p><p>Besonders scharf ins Visier nahm Lange Bundeskanzler Friedrich Merz. Er zog eine direkte Linie zwischen dessen fr&uuml;herer T&auml;tigkeit f&uuml;r den Finanzgiganten BlackRock und der gegenw&auml;rtigen wirtschaftlichen Misere. F&uuml;r Lange ist Merz&rsquo; berufliche Pr&auml;gung beim weltweit gr&ouml;&szlig;ten Verm&ouml;gensverwalter das &bdquo;Stichwort f&uuml;r Deindustrialisierung&ldquo;: Sein gelerntes Handwerk bestehe im &sbquo;Zerlegen und Verh&ouml;kern&lsquo;, was nun die industrielle Substanz Deutschlands substanziell gef&auml;hrde.<\/p><p>Diese &ouml;konomische Kritik m&uuml;ndet bei Lange in einer tiefen Sorge um die demokratische Legitimit&auml;t. Er warnte vor einer Entwicklung, die das gesamte System delegitimieren k&ouml;nnte: &bdquo;Wenn sich herausstellen sollte, dass Wahlen nicht korrekt liefen, delegitimiert das ganze System.&ldquo; Er zog eine historische Parallele zum Ende der DDR: So wie der wirtschaftliche Niedergang einst das System Honecker zu Fall brachte, sieht er heute in Berlin eine fatale Konstellation aus wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und eingeschr&auml;nkter Meinungsfreiheit, die einen &bdquo;Regiewechsel absehbar&ldquo; mache.<\/p><p><strong>Kultur als Inseln der Eigenst&auml;ndigkeit<\/strong><\/p><p>F&uuml;r Tino Eisbrenner ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte die notwendige Basis, um handlungsf&auml;hig zu werden. Kultur schaffe den Raum, in dem Gemeinschaft w&auml;chst und in dem man den Mut f&uuml;r einen &bdquo;eigenen Blick auf die Vergangenheit&ldquo; findet.<\/p><p>Tobias Morgenstern positionierte die Kultur als expliziten Gegenentwurf zum westlich gepr&auml;gten &bdquo;Kulturbetrieb&ldquo;. F&uuml;r ihn ist Kunst ein &bdquo;Instrument zur Selbsterm&auml;chtigung und zum Widerstand gegen eine als fremdbestimmt empfundene Geschichte&ldquo;. Morgenstern lobte die Qualit&auml;t der DDR-Ausbildung an Musik- und Balletthochschulen, die fundierter und &bdquo;weniger amerikanisiert&ldquo; gewesen sei. Ost-K&uuml;nstler verf&uuml;gten &uuml;ber ein Studium, das ihnen eine eigene k&uuml;nstlerische Sprache erm&ouml;glichte, w&auml;hrend West-K&uuml;nstler oft nur Workshops besuchten.<\/p><p>Provokant stellte Morgenstern fest, dass es ihm in der DDR trotz politischer H&uuml;rden leichter gefallen sei, gesellschaftliche Visionen zu entwickeln. Heute hingegen empfinde er den Druck des &bdquo;oligarchischen Kapitalismus&ldquo; als l&auml;hmender. Er lehnt das Wort &bdquo;Einheit&ldquo; ab und spricht stattdessen von &bdquo;Verkoppelung&ldquo; oder &bdquo;Anschluss&ldquo;. Seine L&ouml;sung liegt in autarken Gemeinschaften &ndash; &bdquo;Inseln der Eigenst&auml;ndigkeit&ldquo;. Deutungshoheit bedeute, im Kleinen zu entscheiden: &bdquo;Wir machen das f&uuml;r uns anders.&ldquo;<\/p><p><strong>Das politische Vakuum und die AfD<\/strong><\/p><p>Die Debatte auf dem Podium drehte sich auch um die Frage, warum die &bdquo;Westpartei&ldquo; AfD die einzige politische Kraft zu sein scheint, die sich um den Osten k&uuml;mmert, was einst die PDS stark gemacht habe. Ihr Erfolg im Osten wurde prim&auml;r als Symptom eines tiefgreifenden politischen Vakuums gesehen. Tobias Morgenstern bezeichnete die Partei in diesem Zusammenhang als das direkte &bdquo;Resultat der Ignoranz der anderen Parteien&ldquo;. Er argumentierte, dass ein Raum entstanden sei, den nun die AfD besetze, weil die etablierten Kr&auml;fte die spezifischen Sorgen des Ostens konsequent ausklammern w&uuml;rden.<\/p><p>Hans-Christian Lange untermauerte diese Beobachtung mit dem Begriff der &bdquo;kulturellen Hegemonie&ldquo;. Er analysierte, dass die Partei es verstanden habe, eigene Medien und Netzwerke aufzubauen, w&auml;hrend die sogenannte &bdquo;Lifestyle-Linke&ldquo; den Bezug zu den materiellen Sorgen der Menschen verloren habe. Alexander Grau sah das Kernproblem hingegen in einem historischen Vers&auml;umnis: Demnach ist es nicht gelungen, eine ostdeutsche Regionalpartei nach dem Vorbild der bayerischen CSU zu gr&uuml;nden. Da dieses Zeitfenster nun endg&uuml;ltig geschlossen sei, fungiere die AfD als Besetzer dieses Vakuums.<\/p><p>Flankiert wurde diese Analyse von einer fundamentalen Demokratieskepsis, die sowohl Anja Panse als auch Tino Eisbrenner artikulierten. Panse gab offen an, nicht mehr von der parlamentarischen Demokratie &uuml;berzeugt zu sein, da Wahlversprechen ihrer Erfahrung nach folgenlos gebrochen w&uuml;rden. Die Debatte schloss mit der gemeinsamen Erkenntnis, dass zwar keiner der Teilnehmer die AfD als inhaltliche L&ouml;sung betrachte, man sie jedoch als die einzige Kraft anerkennen m&uuml;sse, die den Osten derzeit als &bdquo;politisches Kampffeld ernst nimmt&ldquo;.<\/p><p><strong>Expertise der Systembr&uuml;che: Ein Ausblick<\/strong><\/p><p>Der Abend verdeutlichte einen grundlegenden Perspektivwechsel: Der Osten begreift sich nicht l&auml;nger als defizit&auml;res Anh&auml;ngsel oder als korrekturbed&uuml;rftige Variante des Westens. Er tritt stattdessen als eigenst&auml;ndiger Akteur auf, der eine spezifische, durch Systembr&uuml;che gesch&auml;rfte Expertise in den gesamtdeutschen Diskurs einbringt. Gerade in der aktuellen Krise der Bundesrepublik bietet diese Krisenerfahrung eine wertvolle Ressource.<\/p><p>Das Res&uuml;mee der Veranstaltung ist politisch wegweisend: In der gegenw&auml;rtigen Instabilit&auml;t liegt f&uuml;r den Osten die Chance, die Defensive endg&uuml;ltig zu verlassen. Wenn es gelingt, entsteht daraus kein neuer Separatismus, sondern die notwendige Basis f&uuml;r eine echte Begegnung auf Augenh&ouml;he.<\/p><p>Deutungshoheit bedeutet im Sinne dieser Runde vor allem eines: Die eigene Biografie nicht l&auml;nger fremdbestimmen zu lassen. Sie fungiert nicht mehr als Beleg f&uuml;r ein &bdquo;Scheitern&ldquo;, sondern als Fundament, um die Zukunft aktiv und kritisch mitzugestalten. Es geht nicht um Jammern, sondern um die Behauptung von Erfahrungswissen gegen&uuml;ber einer politischen Realit&auml;t, die dieses Wissen allzu oft ignoriert hat. Wer diese Souver&auml;nit&auml;t gewinnt, braucht keinen Vormund mehr &ndash; weder f&uuml;r die Deutung der Vergangenheit noch f&uuml;r die Gestaltung der kommenden Auseinandersetzungen.<\/p><p><small>Titelbild: &Eacute;va P&eacute;li<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n    <strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p>    <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109741\">Kunstausstellung zur DDR: Der Osten kommt schlecht weg<\/a><\/p>\n<p>    <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143332\">K&uuml;nstler f&uuml;r den Frieden: Im Osten best&auml;ndiger<\/a><\/p>\n<p>    <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136911\">Deutsche Raumfahrt ohne Sigmund J&auml;hn? 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