{"id":145,"date":"2004-11-12T16:51:18","date_gmt":"2004-11-12T15:51:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=145"},"modified":"2020-02-20T10:57:24","modified_gmt":"2020-02-20T09:57:24","slug":"rainer-wend-sozialsysteme-aus-steuern-finanzieren-neuer-ausweg-aus-der-krise-des-sozialstaates","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145","title":{"rendered":"Rainer Wend: &#8220;Sozialsysteme aus Steuern finanzieren&#8221; \u2013 neuer Ausweg aus der Krise des Sozialstaates?"},"content":{"rendered":"<p>Karl Mai, Leser der NachDenkSeiten, Halle, den 24.10.04<br>\n<!--more--><br>\nRainer Wend (SPD) ist Vorsitzender des Bundestagsausschusses f&uuml;r Wirtschaft und Arbeit, hat also eine Schl&uuml;sselstellung im Parlament. Von ihm stammt der aktuelle Ausspruch, der o. a. zitiert ist. (&bdquo;Mitteldeutsche Zeitung&ldquo; v. 23.10.04, S. 4) Seiner Meinung nach &bdquo;werden die sozialen Sicherungssysteme auch in Deutschland mittel- und langfristig von der Erwerbsarbeit abgekoppelt werden m&uuml;ssen.&ldquo;<br>\nHierzu mein Kommentar: <\/p><p>Im Zeitalter hektischer Vorschl&auml;ge zur Rettung des Sozialstaates konnte man schon mancherlei &Uuml;berraschendes erleben &ndash; Reformen &bdquo;ohne Ende&ldquo; haben hohen Medienwert. Der neue Vorsto&szlig; von Rainer Wend liegt auf dieser Reform-Linie. Wem n&uuml;tzt er? <\/p><p>Eine partielle Steuerfinanzierung der Sozialleistungen in Deutschland ist l&auml;ngst &uuml;blich, denn der Staat zahlte z. B. im Jahr 2000 aus steuerlichen Einnahmen direkt 32,5% und damit sogar mehr als die Arbeitnehmer (28,2%) selbst. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Nun geht es darum, die gesamten Sozialleistungen oder einen &uuml;berwiegenden Anteil aus Steuern zu finanzieren. <\/p><p>Die generelle Steuerfinanzierung der staatlichen Sozialsysteme w&uuml;rde zun&auml;chst als reine &bdquo;Umfinanzierung&ldquo; erscheinen, denn sobald Sozialabgaben durch Steuern kompensatorisch ersetzt w&uuml;rden, blieben theoretisch die Sozialleistungen unverk&uuml;rzt erhalten. Aber: die resultierenden Belastungen der &bdquo;Umfinanzierung&ldquo; sind grundverschieden zu verorten: <\/p><ul>\n<li>Durch Wegfall der Sozialabgaben als ein staatlicher Abzug von den Arbeitskosten sinken die gesamten Arbeitskosten zun&auml;chst direkt um die SV-Arbeitgeberbeitr&auml;ge, d.h. die Bruttogewinne der Unternehmen erh&ouml;hen sich potenziell um dieses Volumen. Die Bruttol&ouml;hne k&ouml;nnten sodann auch noch um jenen Teil (im Unternehmerinteresse) abgesenkt werden, der nicht mehr als Lohnabzug f&uuml;r SV-Beitr&auml;ge ben&ouml;tigt wird &ndash; ohne die Kaufkraft der Netto-L&ouml;hne zu reduzieren. Bei gleichen Nettol&ouml;hnen entst&uuml;nde dann eine sprunghafte Erh&ouml;hung der zu erwartenden Bruttogewinne f&uuml;r die Unternehmen.<\/li>\n<li>Eine Umfinanzierung der Sozialleistungen durch Steuern setzt jedoch voraus, dass die Steuereinnahmen entsprechend im Volumen kompensatorisch ansteigen. Dies allerdings ist keineswegs automatisch gew&auml;hrleistet, solange die Steuergesetzgebung hier nichts absichert. Welche Steuern sollten deswegen neu erh&ouml;ht werden? Die privaten Unternehmen scheiden hierbei aus jeder neuen Belastung aus &ndash; denn die wollen ihre erh&ouml;hten Bruttogewinne unbedingt k&uuml;nftig selbst nutzen. Das bedeutet, die Unternehmen verwandeln ihre Vorteile in Nachteile f&uuml;r die neu zu belastenden B&uuml;rger.<\/li>\n<li>Es bleibt eine Erh&ouml;hung der indirekten Steuern auf den Massenkonsum als Potential f&uuml;r neue Steuereinnahmen zur Kompensation der h&ouml;heren Staatsausgaben f&uuml;r die bestehenden Sozialleistungen. Eine solche Erh&ouml;hung ist in Deutschland gegenw&auml;rtig &ldquo;tabu&ldquo;, weil man die &Ouml;ffentlichkeit auf das &bdquo;Heil aus Steuersenkungen&ldquo; eingestimmt hat. Die sind zwar bisher nachweisbar nicht als Konjunkturmotor wirksam geworden, aber sie erh&ouml;hten nachweisbar die Einnahmen der Besserverdienenden. Eine Wende zur Politik unbedingter Erh&ouml;hung der Staatseinnahmen durch Steuererh&ouml;hungen ist also absehbar nicht politisch konsensf&auml;hig.<\/li>\n<li>Praktisch w&uuml;rde jedoch jede erforderliche Erh&ouml;hung der Steuereinnahmen im Vorfeld reduziert, in dem die Kosten f&uuml;r die Sozialleistungen zuvor noch stark herabgedr&uuml;ckt werden. Die Aktion &bdquo;Umfinanzierung&ldquo; w&auml;re sodann nur noch eine Begleiterscheinung weiteren radikalen Sozialabbaus. Sie beg&uuml;nstigt aber ambivalent die Bruttogewinne der Unternehmen und erh&ouml;ht die Renditen.<\/li>\n<\/ul><p>So schlie&szlig;t sich der &bdquo;ausweglose Kreis&ldquo; der Sozialstaatskrise wieder zum Ausgangspunkt der fehlenden Haushaltseinnahmen, die langsamer steigen als die Haushaltsausgaben. So ist die Sozialstaatskrise im Grund eine extreme Einnahmekrise des Staates, gleichg&uuml;ltig ob man noch weiter die Sozialabgaben oder k&uuml;nftig die Steuereinnahmen manipulieren w&uuml;rde. <\/p><p>Rainer Wend wird jedoch den vollen Beifall der ungeduldigen Unternehmerverb&auml;nde erhalten, deren enormer Vorteil auf der Hand liegt. Selbst dann, wenn er eine nur schrittweise Vorgehensweise aus taktischen Gr&uuml;nden empfiehlt. Er kreiert die &bdquo;Generalreform&ldquo; der kommenden Legislaturperiode im Bundestag bereits heute durch seinen Vorsto&szlig;. Steuerfinanzierte niedrige Sozialleistungen, auf Mindestniveau einer bis zur T&uuml;rkei erweiterten EU, w&auml;re eine Vision, die das Aktienkapital mit &uuml;bersch&auml;umenden Kursexplosionen wegen der sprunghaften Renditesteigerungen quittieren w&uuml;rde.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] BMGS, &bdquo;Sozialkompass Europa&ldquo;, Ausgabe 2003, S. 13<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Mai, Leser der NachDenkSeiten, Halle, den 24.10.04<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[145,137],"tags":[312],"class_list":["post-145","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sozialstaat","category-steuern-und-abgaben","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=145"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58691,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145\/revisions\/58691"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=145"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=145"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=145"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}