{"id":14502,"date":"2012-09-22T16:01:55","date_gmt":"2012-09-22T14:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14502"},"modified":"2015-04-28T09:50:43","modified_gmt":"2015-04-28T07:50:43","slug":"prechtig-philosophiert-reformiert-herolde-und-hintermanner-aktueller-bildungsoffensiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14502","title":{"rendered":"\u201ePrechtig\u201c philosophiert &#038; reformiert? Herolde und Hinterm\u00e4nner aktueller Bildungsoffensiven"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;ber das &bdquo;Aphorismen-Pingpong&ldquo; zwischen dem Bestseller-Philosophen Richard Precht und dem Hirnforscher und Bildungskritiker Gerald H&uuml;ther, &uuml;ber dessen reformp&auml;dagogische Umw&auml;lzungen und &uuml;ber weitere Hinterm&auml;nner der aktuellen Reform- und Bildungspolitik wie die Bertelsmann Stiftung macht sich <strong>Marc Erang<\/strong> seine Gedanken.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>I. Das philosophische Duett<\/strong><\/p><p>Das neue Schuljahr ist angebrochen. Da traf es sich gut, dass kein Geringerer als Bestsellerautor Richard David Precht Anfang September [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] den Hirnforscher und Bildungskritiker Gerald H&uuml;ther zum TV-Disput geladen hatte.<\/p><p>Rei&szlig;erisch der Titel der Sendung: <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/beitrag\/video\/1720560\/Macht-Lernen-dumm%253F#\/beitrag\/video\/1720560\/Macht-Lernen-dumm%3F\">&bdquo;Skandal Schule &ndash; Macht Lernen dumm?&ldquo;<\/a> &ndash; nicht minder rei&szlig;erisch der mit Cartoonfiguren animierte Vorspann:<br>\nZwei grimmig-graue Eminenzen f&uuml;llen Kinder per Trichter wie Flaschen auf dem Flie&szlig;band ab. <em>&bdquo;Mit einem Wissen, das aus der Vergangenheit stammt&ldquo;<\/em>, kommentiert Precht aus dem Off. Und weiter: <em>&bdquo;An unseren Schulen werden die Kinder von den falschen Leuten nach den falschen Methoden in den falschen Dingen unterrichtet.&ldquo;<\/em> <\/p><p>Provokative Pauschalurteile dieses Typs am&uuml;sieren zun&auml;chst. Deutet sich hier nicht die <em>sokratische Ironie<\/em> eines Philosophen an, der sich absichtlich verstellt, seinen Gespr&auml;chspartner in tr&uuml;gerische Sicherheit wiegt &ndash; um ihn mit scheinbar harmlosen Fragen allm&auml;hlich aufs Glatteis zu f&uuml;hren?<\/p><p>Leider Fehlanzeige! Eine geschlagene Dreiviertelstunde dauert das <em>&bdquo;Aphorismen-Pingpong&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]. W&auml;hrend der eine orakelt und doziert, paraphrasiert und illustriert der andere. Augenscheinlich geht es Precht in erster Linie darum, den Zuschauer f&uuml;r H&uuml;thers deterministisch-biologistisches Bildungskonzept zu erw&auml;rmen, wo neuronale und gesellschaftliche Strukturen nahtlos ineinander &uuml;bergehen. <\/p><p>Passend zum hypnotischen Wechselgesang: das halbdunkle Aquarium-Ambiente des Studiodekors mit seinen m&auml;andernden Luftblasen im Hintergrund &hellip;<br>\nDunkel auch die Weissagung des Hirngro&szlig;meisters: <em>&bdquo;Wenn es uns nicht gelingt, unser Schulsystem zu transformieren, dann wird es unser Land in Zukunft nicht mehr geben.&ldquo;<\/em><br>\nWelch&rsquo; apokalyptische Vorstellung! Besorgt greift Precht sie auf. Als enger Vertrauter des Endzeitpropheten verr&auml;t er uns sogar den Termin: <em>&bdquo;In zehn Jahren&ldquo;<\/em>.<br>\nH&ouml;chste Zeit, aus unserem Dornr&ouml;schenschlaf zu erwachen!<br>\n<em>&bdquo;Warum h&ouml;rt man nicht l&auml;ngst auf Menschen wie Sie?&ldquo;<\/em>, fragt Precht rhetorisch.<\/p><p>Dabei ist die <em>&bdquo;neue Botschaft&ldquo;<\/em> (O-Ton Precht) des G&ouml;ttinger Neurowissenschaftlers so schlicht und volksnah, <em>&bdquo;dass man nicht nur kein Studium braucht, um sie zu begreifen, sondern auch keines, um sie zu &auml;u&szlig;ern&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>].<\/p><p>Und das, was der besorgte Professor uns verk&uuml;ndet, kann richtig Angst einjagen:<br>\nEin ganzes Land krankt an seinem <em>&bdquo;unglaublich ineffizienten, maroden Schulsystem&ldquo;<\/em>:  Das, wenn es ein Wirtschaftsunternehmen w&auml;re, l&auml;ngst h&auml;tte Konkurs anmelden m&uuml;ssen. Das wichtigstes  Potenzial wie Kreativit&auml;t und Entdeckerfreude restlos vernichtet.  Das Kinder zu sinnlosem <em>Bulimielernen<\/em> verdammt. Das am Ende nur diejenigen belohnt, die sich am besten angepasst haben. Das Jugendlichen die Lust raubt, einen Beruf zu ergreifen und sie dazu bringt, sp&auml;ter im Alkohol ihr Heil zu suchen. Das Hartz-4-Empf&auml;nger produziert. Das alles Individuelle hasst. Das Ausbildung mit Herzensbildung verwechselt. usw. <\/p><p>Welch niederschmetternde Bilanz! Keine Frage, der kinderfressende Moloch geh&ouml;rt abgeschafft!<br>\nAber wie?<br>\nBei der anstehenden Kulturrevolution vertraut H&uuml;ther ganz auf das gesunde Volksempfinden: <em>&bdquo;Es geht nicht mit Argumenten, wenn was passieren soll, sondern Leidenschaftlichkeit muss erwachen in der Gesellschaft! (&hellip;) Gegen diese Barrieren werden nicht die Politiker anrennen. (&hellip;.) Dagegen m&uuml;ssen B&uuml;rger im Land anrennen.&ldquo;<\/em><br>\nIhren Ausgang werde die Offensive in den Kommunen nehmen. H&uuml;ther nennt das <em>&bdquo;eine Transformation vor Ort des Systems&ldquo;<\/em>: <em>&bdquo;Wir &ouml;ffnen Kinderg&auml;rten und Schulen f&uuml;r das, was es f&uuml;r die Kinder und Jugendlichen in diesen Kommunen zu entdecken und zu gestalten gibt (&hellip;). Da &ouml;ffnet sich die Bedeutung der Schule. Schule wird weniger bedeutsam, es entstehen Lernfelder der Kommune. Programme werden eigenst&auml;ndig gefahren.&ldquo;<\/em><br>\nPrecht spinnt weiter: <em>&bdquo;Und dann entsteht ein Dominoeffekt!&ldquo;<\/em><br>\nEin Dominoeffekt, der in Windeseile das ganze Land erfassen wird &ndash; mit dem Resultat, dass es, so H&uuml;ther, <em>&bdquo;in 6 Jahren Schulen, so wie wir sie kennen, nicht mehr geben wird&ldquo;<\/em>!<\/p><p>Freilich w&uuml;rden bei diesem <em>&bdquo;Transformationsprozess&ldquo;<\/em> manche gen&ouml;tigt, ihren Hut zu  nehmen: Einerseits sollten <em>&bdquo;die Landespolitiker, die f&uuml;r Kultusfragen stehen, (&hellip;.) sich selbst abschaffen&ldquo;. Andererseits m&uuml;ssten &bdquo;andere Menschen aus anderen Motiven (&hellip;) Lehrer werden.&ldquo;<\/em> <\/p><p>Die Stunde der H&uuml;therschen <em>&bdquo;Potenzialentfaltungscoaches&ldquo;<\/em> hat geschlagen!<br>\n<em>&bdquo;Potenzialentfaltungscoaches versuchen nicht, Sch&uuml;lern etwas beizubringen, sondern sie bauen den Rahmen, in dem Sch&uuml;ler Interesse entwickeln, sich selbst einen Stoff erschlie&szlig;en und in der Lage sind, aus einem zusammengew&uuml;rfelten Haufen ein leistungsstarkes Team zu machen, eine Gruppe, die wirklich was will.&ldquo;<\/em><br>\nOhnehin hat die <em>&bdquo;Gruppe&ldquo;<\/em> es H&uuml;ther angetan: <em>&bdquo;Lernprozesse vollziehen sich nicht im Einzelnen, sondern es sind immer Gruppenprozesse (&hellip;.) Ich kann kein Gef&uuml;hl f&uuml;r meine eigenen M&ouml;glichkeiten finden, wenn ich nicht in der Gruppe dazu beigetragen habe mit anderen gemeinsam etwas zu erarbeiten, was zu gestalten.&ldquo;<\/em><br>\nAls Extra-Bonus gibt&rsquo;s einen Leckerli f&uuml;rs Hirn: <em>&bdquo;Etwas Immaterielles, nackte Beziehungserfahrung f&uuml;hrt zu etwas Materiellem im Hirn. Etwas Geistiges wird zu einem neuronalen Vernetzungsmuster, (&hellip;.) zu Strukturen, mit deren Hilfe Kinder sich in der Welt zurechtfinden (&hellip;.) Nachhaltig bauen diese Strukturen sich im Hirn auf, wenn dort eine Art D&uuml;nger ausgesch&uuml;ttet wird.&ldquo;<\/em><\/p><p>Irgendwann entf&uuml;hren Precht und H&uuml;ther uns in reinste reformp&auml;dagogische Gefilde: Jetzt, da jedes Kind auf seine Weise als hochbegabt gilt und es nur noch die eingliedrige Gesamtschule gibt, die jahrein, jahraus 80 Prozent Abiturienten in die globalisierte Welt entl&auml;sst, jetzt sind letzten Endes auch Zensuren und Noten obsolet geworden. Die Unis schaffen den Numerus clausus ab und Chirurg darf &ndash; so Precht &ndash; endlich auch der feinmechanisch begabte Menschenfreund werden, obwohl er schon immer eine Niete in Franz&ouml;sisch gewesen ist.<\/p><p>Vergessen sind die Zeiten nicht gew&auml;hrter Chancengleichheit, wo unser <em>&bdquo;komische Bildungsbegriff (&hellip;) das Durchschlagen im System mit Begabung&ldquo;<\/em> verwechselte, wo Kinder am Ende zwar das Abitur, aber keine Lust mehr aufs Leben hatten. Vergessen die elit&auml;re Klientelpolitik, bei der nur einzelnen eine optimale Bildung zuteil wurde, w&auml;hrend der Rest verk&uuml;mmerte. Vergessen das dreigliedrige Schulsystem mit seiner Begabungsselektion&hellip;<br>\nUnser ganzes Mitgef&uuml;hl gilt fortan den armen auf Leistung getrimmten Pisa-Spitzenreitern aus China, die sich irgendwann vor die Wahl gestellt sehen, entweder sich selbst oder die eigenen tyrannischen Eltern umzubringen.<br>\nIm Vergleich dazu ist unser hirnged&uuml;ngter, hochpotenziert-begeisterter Nachwuchs nur zu beneiden, oder?<\/p><p>Seltsam nur, dass dem allwissenden Experten ausgerechnet dann die Ideen ausgehen, wenn es f&uuml;r die 80prozentige Masse der begeisterten Abiturienten irgendwann um die Wurst, pardon: um einen Arbeits- bzw. einen Studienplatz geht.<br>\nEben schw&auml;rmt er uns noch die Ohren voll, dass f&uuml;r unsere Kinder l&auml;ngst eine neue &Auml;ra angebrochen sei, ein Ende des Maschinenzeitalters, wo unsere Spr&ouml;sslinge nicht mehr als <em>young ressources<\/em> ausgenutzt w&uuml;rden, wo die Angst vor harter Konkurrenz unberechtigt sei, wo alle gebraucht w&uuml;rden, wo eine sozialdarwinistische Mentalit&auml;t nicht mehr zeitgem&auml;&szlig; w&auml;re &hellip; um dann abrupt eine Kehrtwende zu vollziehen:<br>\n<em>&bdquo;An Unis und in der Wirtschaft hat es sich herumgesprochen, man kann sich auf die guten Zensuren gar nicht verlassen. Abitur reicht nicht. Was hast du sonst noch gemacht? Wenn da nichts kommt, n&uuml;tzt das sch&ouml;nste Abitur nichts. Was kannst du denn sonst noch? Die gro&szlig;en Unternehmen, die weltweit operieren, haben das schon vor Jahren gemerkt und ein Programm f&uuml;r ihre Absolventen eingef&uuml;hrt, die sie von den tollsten Universit&auml;ten in Oxford, Cambridge (&hellip;) bekommen. Sie sagen, wir nehmen weiterhin die Besten, aber bevor die bei uns anfangen, sollen sie zun&auml;chst mal zeigen, ob sie was k&ouml;nnen und das Programm hei&szlig;t &bdquo;Teach first&ldquo;. Ein Oxford-Absolvent wird in eine Stadtteilschule in der Bronx geschickt und muss aus einem zusammengew&uuml;rfelten losen Haufen ein leistungsorientiertes Team machen.&ldquo;<\/em><\/p><p>Anders formuliert: <em>&bdquo;Du geh&ouml;rst zu den Besten, wenn es dir gelingt aus einer undisziplinierten Saubande eine stramme Armee von leistungsorientierten kleinen Klonkriegern im globalen Endkampf der M&auml;rkte zu machen.&ldquo;<\/em><br>\nAde Chancengleichheit! Ade Individualit&auml;t! Ade Leidenschaft! Ade Herzensbildung! <\/p><p>Ein ern&uuml;chterndes Finale f&uuml;r eine leidenschaftlich vom Zaun gebrochene Bildungsoffensive: Letzten Endes paddeln unsere hirnged&uuml;ngt-begeisterten Sch&auml;fchen doch allesamt im neoliberalen Haifischbecken um die Wette. <\/p><p>In seiner &bdquo;Theorie der Unbildung&ldquo; bringt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann es auf den Punkt:<br>\n<em>&bdquo;Dies f&uuml;hrt zu der besonderen Pointe, dass die Reformen der Gegenwart, die gnadenlos auf Zukunft und das Neue zu setzen scheinen, tats&auml;chlich die gr&ouml;&szlig;te R&uuml;ckkehrbewegung der neueren Geschichte darstellen: prek&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse, (&hellip;) Zwang zur Mobilit&auml;t, Anpassungsdruck , privatisierte Infrastrukturen, (&hellip;) anspruchsvolle Bildung zunehmend nur mehr f&uuml;r die, die es sich leisten k&ouml;nnen (&hellip;) Die Verk&uuml;ndigung des Neuen ist unter anderem deshalb so einfach und risikolos geworden, weil kaum noch erkannt wird, wie alt das vermeintlich Neue mitunter ist.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p><strong>II. Wir alle sind Bertelsmann!<\/strong><\/p><p>Besch&auml;ftigt man sich etwas eingehender mit den Hinterm&auml;nnern aktueller Reform- und Bildungspolitik im In- und Ausland, f&auml;llt auf, dass die momentan hoch im Kurs stehenden <em>&bdquo;neuen&ldquo;<\/em> Akteure  meist die <em>alten<\/em> sind.<\/p><p>Ich denke hier in erster Linie an die <em>Bertelsmann AG<\/em> [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>], den Weltkonzern mit dem Riesenappetit, dessen Umsatz j&auml;hrlich bei 20 Milliarden Euro liegt.<br>\nWas nicht alle wissen: Den Grundstein seines Erfolgs legte der Global Player unter dem Nationalsozialismus, wo er sich in den drei&szlig;iger Jahren vom Verlag f&uuml;r religi&ouml;se Erbauungsliteratur zum Hauptproduzenten von Kriegsliteratur f&uuml;r Jugendliche mauserte. Mit Titeln wie <em>&bdquo;Mit Bomben und MGs &uuml;ber Polen&ldquo;<\/em> und <em>&bdquo;Wir funken f&uuml;r Franco&ldquo;<\/em> erzielte man Millionenauflagen [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>].<br>\nBertelsmanns wohl sch&ouml;nster Beitrag zur offensiven Volksbildung: 1934 wird Langsdorffs <em>&bdquo;Flieger am Feind&ldquo;<\/em>, das <em>&bdquo;Buch der todesbereiten Pflichterf&uuml;llung&ldquo;<\/em> zum <em>&bdquo;Weihnachtsbuch der Hitlerjugend&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] gek&uuml;rt und 124 000 Mal verkauft.<br>\nDoch das ist alles nichts im Vergleich zu dem, was bei Kriegsausbruch kommt: Bertelsmann gewinnt die Wehrmacht als Gro&szlig;kunden und verkauft von 1939-1944 bis zu 21 Millionen Feldausgaben.<br>\nDas Ende des Dritten Reiches ist nicht viel mehr <em>&bdquo;als der &Uuml;bergang von einem gro&szlig;en Auftraggeber zum anderen&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]: Bertelsmann stilisiert sich zum Widerstandsverlag, erschleicht sich bei der britischen Milit&auml;rregierung eine Lizenz und druckt in deren Auftrag Hunderttausende von Schulb&uuml;chern f&uuml;r die gesamte britische Zone. <\/p><p>Und was hat sich <em>&bdquo;Krake Bertelsmann&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] seit der Nachkriegszeit nicht alles einverleibt!<br>\nGruner + Jahr, den gr&ouml;&szlig;ten Zeitschriftenverlag Europas, verantwortlich u.a. f&uuml;r <em>Stern, Geo, Eltern<\/em>, den Weltmarktf&uuml;hrer Random House, rund 200 Musiklabels, 18 Radio- und 22 Fernsehsender, darunter die RTL-Gruppe, 50 % der Sony BMG Music Entertainment &hellip;<br>\nZus&auml;tzlich aufger&uuml;stet wird das Imperium durch den Bertelsmann-<em>Buchclub<\/em> mit weltweit 25 Millionen Mitgliedern [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>], Immobilienhandel, die Konzerntochter <em>Arvato<\/em> AG, spezialisiert auf die private Verwaltung &ouml;ffentlicher Einrichtungen, die in England bereits die Verwaltung einer ganzen Gemeinde &uuml;bernommen hat und damit lieb&auml;ugelt,  auch die gesamte Verwaltung von Schulen zu &uuml;bernehmen [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]. <\/p><p><em>Wer bist du &ndash; und wenn ja, wie viele?&ldquo;<\/em> Im Falle dieser globalen Hydra w&auml;re eine solche Erkundigung reine Rhetorik &ndash; wie &uuml;brigens auch die Frage nach dem <em>Wo bist du?<\/em>: <\/p><p>Kein Bereich, wo die umtriebigen Bertelsm&auml;nner nicht t&auml;tig w&auml;ren: Ganz gleich ob im Medien-, Verlags-, Finanz-, Gesundheits-, Sozial- oder Bildungswesen &ndash; &uuml;berall mischt und <em>&bdquo;reformiert&ldquo;<\/em> die Nebenregierung in G&uuml;tersloh mit und zwar de facto mit &ouml;ffentlichem Geld &ndash; und zwar dank eines umstrittenen Steuertricks des 2009 verstorbenen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn: Durch die &Uuml;bertragung von drei Vierteln des Aktienkapitals auf die Bertelsmann- Stiftung werden gut zwei Milliarden Euro Erbschafts- oder Schenkungssteuer gespart und die j&auml;hrliche Dividenden-Zahlung an die Stiftung ist steuerfrei [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>].<\/p><p>Die einflussreiche <em>Bertelsmann-Stiftung<\/em> ist der Think Tank des Unternehmens. Im Bildungs- und Kulturbereich  verfolgt sie das Ziel einer weitr&auml;umigen <em>&bdquo;Kommerzialisierung von Wissenschaft und Bildung &ndash; nicht zuletzt deshalb, weil der Medienkonzern sich hier neue M&auml;rkte erschlie&szlig;en k&ouml;nnte&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>]. &Uuml;berall &ndash; ja selbst hinter den Kulissen von Prechts Sendung [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] &ndash;  bietet die Stiftung ihre <em>&bdquo;L&ouml;sungen f&uuml;r die Zukunft&ldquo;<\/em> an, will <em>&bdquo;Motor f&uuml;r Reformen&ldquo;<\/em> sein &ndash; und ist in Wahrheit <em>&bdquo;der st&auml;rkste Motor beim Zerst&ouml;rungswerk&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>].<\/p><p>Denn unter der &Auml;gide von Bertelsmann wird planiert statt reformiert &ndash; mit zum Teil verheerenden Auswirkungen auf die europ&auml;ische Bildungslandschaft, die sich allm&auml;hlich in eine &ouml;de W&uuml;ste verwandelt: <\/p><p><strong>Offensiv vernichtet wird der gesamte kulturelle Unterbau einer Gesellschaft:<\/strong><\/p><p><em>&bdquo;Man tut&ldquo;<\/em>, klagt Philosoph Liessmann, <em>&bdquo;als m&uuml;sse man (&hellip;) gegen die verstaubten Bildungsideale des 19. Jahrhunderts k&auml;mpfen. Kein wirtschaftsnaher (&hellip;.) Reformer, der nicht (&hellip;) statt bildungsb&uuml;rgerlicher Kopflastigkeit Praxisn&auml;he (&hellip;) einfordert.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] Und was diesem Kriterium nicht entspricht, braucht erst gar nicht gelernt zu werden: <em>&bdquo;Daher der Hass auf F&auml;cher, (&hellip;.) die keinen unmittelbaren Bezug zu einer Praxis haben: alte Sprachen, Philosophie, Mathematik, klassische Literaturen, Kunst und Musik.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>]<br>\nErsetzt wird dieses auch Precht suspekt gewordene <em>&bdquo;Wissen, das aus der Vergangenheit stammt&ldquo; durch &bdquo;ein fl&uuml;chtiges St&uuml;ckwerkwissen, das gerade reicht, um die Menschen f&uuml;r den Arbeitsprozess flexibel und f&uuml;r die Unterhaltungsindustrie&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>] zu <em>begeistern<\/em>.<br>\nDieses Wissen <em>macht Ah!<\/em> Es ist leichte Kost <em>&bdquo;f&uuml;r Klugschei&szlig;er&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>] &ndash; frei nach der Maxime: <em>&bdquo;Zeige etwas Interessantes! (&hellip;) Wissen unter diesen Bedingungen erscheint vor allem unter dem Aspekt der Verbl&uuml;ffung, der oberfl&auml;chlichen Neugier, dem Verdacht ausgesetzt, (&hellip;) die grundlegenden Zusammenh&auml;nge und Wahrheiten zu &uuml;bersehen.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>]<\/p><p><strong>Vernichtet wird die Bedeutung der schulischen Erziehung als liebevolle, aber klare Anleitung:<\/strong><\/p><p>Ausgedient hat eine <em>&bdquo;Lehrerschaft (&hellip;), die mehrheitlich noch in einem alten Weltbild des Lehrens und Lernens sozialisiert und qualifiziert worden ist&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_21\" name=\"note_21\">21<\/a>] &ndash; so der freie Bildungsreferent Siegfried Seeger, der momentan 15 Pilotschulen hier in Luxemburg betreut.<br>\nErsetzt werden sollen diese <em>&bdquo;Lehrpersonen (&hellip;), die nicht mehr in diese Zeit passen&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_22\" name=\"note_22\">22<\/a>] durch <em>Coaches<\/em>, die &ndash; wir erinnern uns an H&uuml;thers Ausspruch &ndash; nicht <em>&bdquo;versuchen den Sch&uuml;lern etwas beizubringen, sondern die den Rahmen bauen, in dem Sch&uuml;ler (&hellip;) sich selbst einen Stoff erschlie&szlig;en.&ldquo;<\/em> Demnach h&auml;tten wir es hier mit <em>Moderatoren, Motivatoren und Zauberern<\/em> zu tun, die einen Unterricht nicht mehr systematisch f&uuml;hren und stattdessen Arbeitsmappen und Wochenpl&auml;ne verteilen oder sich hinter Computer, Internet und Lernsoftware verschanzen, w&auml;hrend ihre Schutzbefohlenen <em>&bdquo;selbst&auml;ndig&ldquo;<\/em> vor sich hinwerkeln. Der P&auml;dagoge und Reformkritiker Jochen Krautz warnt vor den dramatischen Folgen eines solchen <em>&bdquo;Wachsenlassens des Kindes oder des Sch&uuml;lers&ldquo;<\/em>, das in Wirklichkeit einem Im-Stich-Lassen gleichkommt:<br>\n<em>&bdquo;Selbst&auml;ndigkeit f&auml;llt nicht vom Himmel, sondern braucht geduldige und genaue Anleitung in der p&auml;dagogischen Beziehung. Wird dies unterlassen, haben die Sch&uuml;ler keine Orientierung, dann entsteht statt Selbst&auml;ndigkeit Egoismus oder das Recht des St&auml;rkeren.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_23\" name=\"note_23\">23<\/a>]<\/p><p><strong>Vernichtet werden die Schulen als St&auml;tten der Bildung, der Konzentration und Kontemplation:<\/strong><\/p><p>An ihre Stelle treten <em>&bdquo;Anstalten der Lebensnot&ldquo;<\/em>, d.h. <em>&bdquo;Probleml&ouml;sungsanstalt(en) f&uuml;r die Fragen der Erwachsenenwelt&ldquo;<\/em>, <em>&bdquo;Drogen- und Aidsprophylaxeinstitution, erster Therapieplatz, Hort der sexuellen und sonstigen Aufkl&auml;rung&ldquo;<\/em>, wo <em>&bdquo;Projekte und Praktika (dominieren), die Erfahrungen und Vernetzungen, die Exkursionen und Ausfl&uuml;ge.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_24\" name=\"note_24\">24<\/a>]  Das ist es wohl, was H&uuml;ther meint mit: <em>&bdquo;Da &ouml;ffnet sich die Bedeutung der Schule. Schule wird weniger bedeutsam, es entstehen Lernfelder der Kommunen. Programme werden eigenst&auml;ndig gefahren&ldquo;<\/em> &ndash; wom&ouml;glich eines sch&ouml;nen Tages von der Bertelsmann-Tochter Arvato, die sich l&auml;ngst zutraut <em>&bdquo;sowohl das Finanzmanagement einer Schule zu bew&auml;ltigen als auch Stundenpl&auml;ne zu erstellen oder die Leistungen der Sch&uuml;ler zu erfassen&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_25\" name=\"note_25\">25<\/a>].<\/p><p><strong>Vernichtet werden die Universit&auml;ten als Hort der Forschung und Lehre:<\/strong><\/p><p>Wie die Schulen haben auch die Universit&auml;ten sich zu <em>&bdquo;&ouml;ffnen&ldquo;<\/em> &ndash; und zwar f&uuml;r den freien Markt. Als Leitbild dient die Idee  der <em>&bdquo;entfesselten Hochschule&ldquo;<\/em> des Bertelsmann-Lobbyisten und <em>heimlichen Bildungsministers der Republik<\/em> Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling:<br>\n<em>&bdquo;Internationalit&auml;t und Wettbewerbsorientierung zeichnen die k&uuml;nftige Hochschule aus; und Wirtschaftlichkeit ist f&uuml;r sie kein Fremdwort mehr&ldquo;<\/em> &ndash; so die Bertelsmann-Stiftung selbst auf ihrer Homepage.<\/p><p>Diskret aber werden die Schattenseiten der <em>&bdquo;autonomen&ldquo;<\/em>, <em>&bdquo;entfesselten&ldquo;<\/em> Hochschule verschwiegen: <em>&bdquo;Was nicht vermarktbar ist&ldquo;<\/em>, schreibt Jochen Krautz in <em>Ware Bildung<\/em>, <em>&bdquo;wird nicht erforscht: Gen-Technik ist hoch lukrativ; Philosophie und Theologie, die kritisch nach der ethischen Verantwortbarkeit dieser Techniken fragen, interessieren niemanden.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_26\" name=\"note_26\">26<\/a>]<br>\nDie traurige Folge: <em>&bdquo;Innerhalb der Universit&auml;ten bricht ein Hauen und Stechen um die Vergabe der geringen Mittel ein, die Universit&auml;ten untereinander treten in einen erbitterten Konkurrenzkampf ein (&hellip;). Statt sich um Forschung und Lehre zu k&uuml;mmern, besch&auml;ftigt man sich mit Finanzplanung (&hellip;). Die Universit&auml;tsleitungen besch&auml;ftigen sich vor allem mit (&hellip;) Pressekonferenzen, Hochglanzbrosch&uuml;ren, Internetauftritten (&hellip;.), denn nun geht es darum, Studenten zu werben, auch wenn man nichts zu bieten hat. Denn neuerdings bringen die Studenten ja Geld: Studiengeb&uuml;hren!&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_27\" name=\"note_27\">27<\/a>]<br>\nAuch der renommierte Soziologe Richard M&uuml;nch kann darum einer Umwandlung von Universit&auml;ten in Unternehmen nichts Positives abgewinnen: <em>&bdquo;Der Professor ist dann nicht mehr Forscher und Lehrer, dessen Denken und Handeln von einer professionellen Ethik (&hellip;) geleitet wird&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_28\" name=\"note_28\">28<\/a>]. Vielmehr verhalten die Wissenschaftler sich jetzt <em>&bdquo;wie Wettbewerber auf einem Markt. Sie wollen ihren eigenen Nutzen maximieren.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_29\" name=\"note_29\">29<\/a>] Und da kann es schon mal passieren, <em>&bdquo;dass man es mit Quellen, Autorschaften und Seriosit&auml;t nicht ganz so ernst nimmt &ndash; bis hin zu Betrug und F&auml;lschung.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_30\" name=\"note_30\">30<\/a>]<br>\nUnd fortan wird ein neuer Gelehrtentypus an den entfesselten Unis Karriere machen: <em>&bdquo;der rationale Egoist bzw. Opportunist&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_31\" name=\"note_31\">31<\/a>], der <em>&bdquo;um den Erdball jettende (&hellip;) Wissenschaftsmanager&ldquo;<\/em>, der <em>&bdquo;im Rausch seiner Beschleunigung keinen klaren Gedanken mehr fassen kann&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_32\" name=\"note_32\">32<\/a>] &ndash; und nur noch eines wirklich beherrscht: die <em>&bdquo;Sprechblasen aus dem Jargon des New Management&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_33\" name=\"note_33\">33<\/a>], <em>&bdquo;die alles beherrschende Sprache des Coaching, Controlling und Monitoring&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_34\" name=\"note_34\">34<\/a>] &ndash; alles Anzeichen  eines grassierenden <em>&bdquo;sprachlichen Idiotentums&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_35\" name=\"note_35\">35<\/a>].<br>\nUnter solchen Bedingungen leidet die Ausbildung des homogenisierten akademischen Nachwuchses. Die neuen Massenuniversit&auml;ten entlassen <em>&bdquo;schlecht qualifizierte Beinaheakademiker als Graduierte auf einen Arbeitsmarkt, der bald erkennen wird, wes Geistes Kinder sich da tummeln.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_36\" name=\"note_36\">36<\/a>]<br>\nDie Fortsetzung der Geschichte ist bekannt. H&uuml;ther hatte sie uns in der Sendung verraten: Die Arbeitgeber <em>&bdquo;sagen, wir nehmen weiterhin die Besten, aber bevor die bei uns anfangen, sollen sie zun&auml;chst mal zeigen, ob sie was k&ouml;nnen.&ldquo;<\/em><\/p><p>Damit geht das Hauen und Stechen wieder von vorne los: Ganze Testbatterien, Eignungs- und Einstellungstests m&uuml;ssen her, um aus der Masse der <em>Wissensarbeiter<\/em> die Spreu vom Weizen zu trennen. Parallel steigt die Nachfrage nach Zusatzqualifikationen und Eliteprogrammen &agrave; la <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12746\">&bdquo;Teach first&ldquo;<\/a> als <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/090722_teach_first.pdf\">Distinktionsmittel [PDF &ndash; 110 KB]<\/a>.<br>\nUnd die Profiteure warten schon: Psycho- und Braintrainer aus der Managerfortbildungsszene, Akkreditierungsunternehmen,  Testagenturen, Weiterbildungs- und Beratungsfirmen &ndash; inklusive Bertelsmann nat&uuml;rlich!<\/p><p>Ich f&uuml;r meinen Teil winke jetzt ab &hellip;<br>\nZeit, Abschied von Precht, H&uuml;ther und all den anderen <em>Bertelsm&auml;nnern<\/em> zu nehmen.<\/p><p>Eins aber h&auml;tte ich doch gerne von Precht gewusst:<br>\nWarum philosophiert er beim &ouml;ffentlich-rechtlichen ZDF und nicht bei RTL?<br>\nAls Starredner der <em>Bertelsmann Referentenagentur<\/em> [<a href=\"#foot_37\" name=\"note_37\">37<\/a>] und Vordenker einer umfassenden Bertelsmannisierung unserer Kultur- und Bildungslandschaften w&auml;re er beim Haussender des Konzerns doch bestens aufgehoben. <\/p><p>Nach dem Umzug empfehle ich dem eloquenten <em>&bdquo;Dressman&ldquo;<\/em>-Philosophen [<a href=\"#foot_38\" name=\"note_38\">38<\/a>], seine Sendung <em>&bdquo;Precht&ldquo;<\/em> unbedingt umzutaufen, schlie&szlig;lich geht es <em>&bdquo;der Disziplin der Philosophie doch immer (&hellip;) darum (&hellip;), den Eigennamen durchzustreichen und auf die Schaffung eines Wir zu zielen.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_39\" name=\"note_39\">39<\/a>]<\/p><p>In diesem Sinne w&auml;re der Name <em>&bdquo;Bertelsmann!&ldquo;<\/em> ideal.<\/p><p><strong>Anmerkung der Redaktion:<\/strong><\/p><p>Zu den bildungs- und schulpolitischen Vorschl&auml;gen des Hirnforschers Gerald H&uuml;ther siehe auch die &Uuml;berlegungen des Konstanzer Psychologieprofessors Georg Lind:<\/p><p>&ldquo;Auch wenn ich mit vielem sympathisiere, was H&uuml;ther zum schulischen Lernen zu sagen hat, l&ouml;sen seine Ideen bei mir auch Unbehagen aus. Eine nachhaltige Reform sollte sich nicht gegen etwas (die jetzige Schule) richten, sondern f&uuml;r etwas. Nat&uuml;rlich kann man alles in kurzer Zeit abschaffen. Aber was kommt danach? Was ist das Leitbild der Reform? Wie kann sie landesweit so umgesetzt werden, dass nicht neue Ungleichheiten und Benachteiligungen entstehen? Wenn Reform-Schulen die besten Lehrkr&auml;fte anziehen, dann fehlen diese anderswo. Ohne ein wirksames Konzept f&uuml;r eine bessere Lehrerbildung entsteht leicht ein &ldquo;Absahn-Effekt&rdquo;. Wie man als Lehrer die Sch&uuml;ler beim Unterricht interessiert und wach h&auml;lt, kann man lernen. Die Belohnung hei&szlig;t: effektiver und st&ouml;rungsfreier Unterricht. Das wei&szlig; ich aus eigener Erfahrung als Lehrerausbilder. Ob dann noch Begeisterung dazu kommt, l&auml;sst sich nicht steuern. Man sollte Begeisterung auch nicht zu steuern versuchen.<\/p><p>Die Schule ist eine gesellschaftliche Einrichtung, die einerseits dazu dient, den Menschen die Dinge lernen zu lassen, die er f&uuml;r ein erf&uuml;lltes Leben als Person, als Mitglied der Gesellschaft und als Teilnehmer im Wirtschaftsleben ben&ouml;tigt. Zudem ist sie dazu da, zur Erhaltung und Weiterentwicklung unserer demokratischen Gesellschaft beizutragen und das demokratische Zusammenleben mit anderen Gesellschaften und Kulturen zu f&ouml;rdern, indem sie die daf&uuml;r erforderlichen F&auml;higkeiten trainiert. Der schulische Lernprozess muss also sowohl auf individuelle wie auch gesellschaftliche Lernziele abgestimmt werden. Wir brauchen beides im schulischen Lernprozess. Diese beiden Zielsetzungen kann man klar unterscheiden, aber sie widersprechen sich nicht. Im Gegenteil: Wie eine funktionierende Gesellschaft auf gesunde und kompetente B&uuml;rger angewiesen ist, ist auch jedes Individuum in seiner Entwicklung und Entfaltung auf eine gute (d.h. demokratische) Gesellschaft angewiesen.<\/p><p>Die meisten Schulen versuchen auch heute schon, beiden Zielen gerecht zu werden. Aber das ist verbesserungsf&auml;hig und von daher hat die heutige Reformdebatte ihre Berechtigung. Die Trennung der Kinder in zig Schulformen und die st&auml;ndig steigende Flut von Vergleichsbewertungen (sprich: Noten und Tests) ist mit beiden Zielen nicht vereinbar. Das sind aber Systemprobleme, die nicht durch isolierte Reformma&szlig;nahmen gel&ouml;st werden k&ouml;nnen. Anders gesagt: Eine Gemeinschaftsschule ist keine &ldquo;Gemeinschafts&rdquo;-Schule, wenn sie nur f&uuml;r ein paar Prozent der Kinder eingerichtet wird. Sie muss f&uuml;r die ganze Gemeinschaft sein, also f&uuml;r alle Kinder.<\/p><p>Wenn die Reform der Schule nicht auf relativ wenige Schulen begrenzt bleiben soll und wenn sie nicht mehr als eine symbolische Reform sein soll, muss daf&uuml;r ein in sich stimmiges Konzept f&uuml;r das gesamte Schulsystem in Deutschland und am Ende auch f&uuml;r Europa erarbeitet werden &mdash; wie das vor Jahren in Schweden und Finnland geschehen ist. Das Buch von Rainer Domisch NIEMAND WIRD ZUR&Uuml;CKGELASSEN. EINE SCHULE F&Uuml;R ALLE ist eine wahre Fundgrube f&uuml;r alle, die an einer nachhaltigen Reform unseres Schulsystems interessiert sind. Auch wenn die Bedingungen in jedem Land anders sind, ist es lehrreich, weil es wichtige Punkte anspricht, die unabh&auml;ngig von landesspezifischen Eigenheiten sind.&rdquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Ausstrahlung in ZDF (2.09.2012) Wiederholung in 3sat (8.09) &amp; ZDF.kultur (9.09)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Juknat, Ingo: Precht im ZDF &ndash; Bauchredner trifft Puppe und der Aufstand von unten. Waz.m.derwesten.de, 3.09.2012.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Hammelehle, Sebastian: Precht ab. Spiegel Online, 30.08.2012.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Liessmann, Konrad Paul: Theorie der Unbildung. Die Irrt&uuml;mer der Wissensgesellschaft. Piper, M&uuml;nchen 2010, S. 164f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] In Luxemburg ist Bertelsmann nicht zuletzt als Eigent&uuml;mer von RTL eine feste Gr&ouml;&szlig;e, auch wenn der Konzern eher unsichtbar im Hintergrund wirkt. Zu Fran&ccedil;ois Tavenas, dem 2004 verstorbenen Gr&uuml;ndungsrektor der Universit&auml;t Luxemburg, scheinen die G&uuml;tersloher gute Kontakte gepflegt zu haben. Auf der Homepage des Bertelsmann nahen &bdquo;Centrums f&uuml;r Hochschulentwicklung&ldquo; (CHE) hei&szlig;t es im Newsblock vom 13.02.2004: &bdquo;Professor Fran&ccedil;ois Tavenas ist verstorben. Das CHE trauert um einen Freund und Mitstreiter. (&hellip;) Gerne h&auml;tten wir die Zusammenarbeit in Luxemburg fortgesetzt, wie es geplant war.&ldquo; Zwei Jahre sp&auml;ter kam es dann zu einer weiteren Kooperation: Das CHE wurde damit beauftragt, &bdquo;Empfehlungen f&uuml;r den Ausbau der Verwaltung an der Universit&auml;t Luxemburg&ldquo; auszuarbeiten. Damals ging es auch darum, der neu gegr&uuml;ndeten Universit&auml;t ein &bdquo;spezifisches Forschungsprofil&ldquo; (im Sinne von Bertelsmann?) zu verpassen und damit &bdquo;die Weichen f&uuml;r die Zukunft&ldquo; zu stellen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] B&ouml;ckelmann, Frank. Fischler, Hersch: Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums. Eichborn, Frankfurt am Main 2004, S. 83.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Ebenda.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Ebenda, S. 110.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] M&uuml;ller, Albrecht: Krake Bertelsmann &ndash; eine Dokumentation. Nachdenkseiten.de, 25.07.2006.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Barth, Thomas. Sch&ouml;ller, Olivier: Bertelsmann und Bildungsstifter. Die Privatisierung der Bildungspolitik. E&amp;W Niedersachsen, 12\/2005.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Krautz, Jochen: Ware Bildung. Schule und Universit&auml;t unter dem Diktat der &Ouml;konomie. Diederichs, M&uuml;nchen 2009, S. 164.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Schumann, Harald: Macht ohne Mandat. Tagesspiegel, 24.09.2006.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Barth \/ Sch&ouml;ller: a.a.O. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Der Teufel steckt diesmal im Detail des &bdquo;Archivs&ldquo;: Man sehe sich nur aufmerksam den Abspann an.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Lieb, Wolfgang: Der st&auml;rkste Motor beim Zerst&ouml;rungswerk &ndash; die Bertelsmann Stiftung. nachdenkseiten.de, 9.03.2010. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] Liessmann: a.a.O., S. 51.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Ebenda, S. 65.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] Ebenda, S. 53.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] So die Macher der WDR -Kindersendung &bdquo;Wissen macht Ah!&ldquo;. (Quelle: Wikipedia)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] Liessmann: a.a.O., S. 19.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_21\" name=\"foot_21\">&laquo;21<\/a>] Gantenbein, Mich&egrave;le: Schule anders denken. Freier Bildungsreferent Siegfried Seeger &uuml;ber die geplante Sekundarschulreform. LW, 7.02.2012.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_22\" name=\"foot_22\">&laquo;22<\/a>] Ebenda.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_23\" name=\"foot_23\">&laquo;23<\/a>] Krautz: a.a.O.,  S. 16.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_24\" name=\"foot_24\">&laquo;24<\/a>] Liessmann: a.a.O., S. 62.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_25\" name=\"foot_25\">&laquo;25<\/a>] Krautz: a.a.O., S. 163.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_26\" name=\"foot_26\">&laquo;26<\/a>] Ebenda, S. 170.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_27\" name=\"foot_27\">&laquo;27<\/a>] Ebenda, S. 138f. F&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren k&auml;mpft Bertelsmann &uuml;brigens seit Jahren, weil gerade Geb&uuml;hren die Universit&auml;t f&uuml;r private Investoren lukrativ machen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_28\" name=\"foot_28\">&laquo;28<\/a>] M&uuml;nch, Richard: Globale Eliten, lokale Autorit&auml;ten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey &amp; Co. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, S. 119.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_29\" name=\"foot_29\">&laquo;29<\/a>] Ebenda, S. 19.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_30\" name=\"foot_30\">&laquo;30<\/a>] Liessmann: a.a.O., S. 98. &ndash; Die Uni Luxemburg bildet da keine Ausnahme. Ich erinnere hier an den Wissenschaftsskandal um den Bioinformatiker Carsten Carlberg: Am 9. Juli 2011 wurde der Professor wegen anscheinend gef&auml;lschten Publikationen und nicht eingehaltenen Ausbildungsrichtlinien entlassen. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_31\" name=\"foot_31\">&laquo;31<\/a>] M&uuml;nch: a.a.O., S. 120.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_32\" name=\"foot_32\">&laquo;32<\/a>] Liessmann: a.a.O., S. 97.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_33\" name=\"foot_33\">&laquo;33<\/a>] Ebenda, S. 123.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_34\" name=\"foot_34\">&laquo;34<\/a>] Ebenda, S. 46.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_35\" name=\"foot_35\">&laquo;35<\/a>] Ebenda, S. 137.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_36\" name=\"foot_36\">&laquo;36<\/a>] Ebenda, S. 107.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_37\" name=\"foot_37\">&laquo;37<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.referentenagentur-bertelsmann.de\">www.referentenagentur-bertelsmann.de<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_38\" name=\"foot_38\">&laquo;38<\/a>] Charim, Isolde: Der redegewandte Dressman. taz.de, 2.09.2012.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_39\" name=\"foot_39\">&laquo;39<\/a>] Probst, Maximilian: Precht macht dumm. zeit.de, 3.09.2012.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;ber das &bdquo;Aphorismen-Pingpong&ldquo; zwischen dem Bestseller-Philosophen Richard Precht und dem Hirnforscher und Bildungskritiker Gerald H&uuml;ther, &uuml;ber dessen reformp&auml;dagogische Umw&auml;lzungen und &uuml;ber weitere Hinterm&auml;nner der aktuellen Reform- und Bildungspolitik wie die Bertelsmann Stiftung macht sich <strong>Marc Erang<\/strong> seine Gedanken.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[34,206,129],"tags":[232,1384],"class_list":["post-14502","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-chancengerechtigkeit","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","tag-bertelsmann","tag-precht-richard-david"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14502"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14502\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25869,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14502\/revisions\/25869"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}