{"id":145079,"date":"2026-01-21T13:00:46","date_gmt":"2026-01-21T12:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145079"},"modified":"2026-01-21T11:10:04","modified_gmt":"2026-01-21T10:10:04","slug":"so-rauben-die-usa-die-ukraine-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145079","title":{"rendered":"So rauben die USA die Ukraine aus"},"content":{"rendered":"<p>Die Ukraine hat den ersten Gewinner einer Ausschreibung bekannt gegeben, welche jene Lizenzen betrifft, die im Rohstoffabkommen mit den USA festgeschrieben wurden. Die Genehmigung bezieht sich auf den Abbau der Lithium-Lagerst&auml;tte &bdquo;Dobra&ldquo; in der Region Kirowohrad. Die Ausschreibungsunterlagen offenbaren, wie der &bdquo;Deal&ldquo; zwischen Kiew und Washington &uuml;ber die Ausbeutung ukrainischer Bodensch&auml;tze in der Praxis aussieht. F&uuml;r die Ukraine fallen dabei lediglich Brosamen ab: Ihr garantierter Anteil betr&auml;gt gerade einmal zwei Prozent der Gesamtf&ouml;rdermenge. Dies ist ein typisches Beispiel daf&uuml;r, wie US-Unternehmen mit tatkr&auml;ftiger Unterst&uuml;tzung des Staates die Welt ausrauben &ndash; von Venezuela &uuml;ber Kasachstan bis hin zur Ukraine. Ein Beitrag von <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong>, aus dem Ungarischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Wir werden ein Wappen haben, eine Flagge, eine Hymne und eine Nation, die &uuml;ber die ganze Welt verstreut ist&ldquo;, erkl&auml;rte Julija Tymoschenko neulich bei einer Gerichtsanh&ouml;rung. &bdquo;Aber dar&uuml;ber hinaus wird es nichts mehr geben.&ldquo; Die Vorsitzende der oppositionellen Vaterlandspartei meint, dass &bdquo;Kiew derzeit keine echten Entscheidungen trifft und der unabh&auml;ngige Staat sowie sein Volk mit allen verf&uuml;gbaren Mitteln zerst&ouml;rt werden.&ldquo; Tymoschenko ist ein &bdquo;alter Hase&ldquo; und wei&szlig;, wovon sie spricht, schlie&szlig;lich hat sie in ihrer politischen Laufbahn selbst tief in die Staatskasse gegriffen und sich an staatlichen G&uuml;tern bedient, wo sie nur konnte. Doch was jetzt geschieht, &uuml;berrascht selbst sie. Ihre Worte ergeben nach der Bekanntgabe des Ausschreibungsergebnisses f&uuml;r die Erschlie&szlig;ung des Lithium-Vorkommens Dobra erst richtig Sinn.<\/p><p><strong>Ein abgekartetes Spiel f&uuml;r Trumps engstes Umfeld<\/strong><\/p><p>K&uuml;rzlich gab Premierministerin Julija Swyrydenko offiziell bekannt, dass das Konsortium, das die Ausschreibung f&uuml;r die Dobra-Lagerst&auml;tte gewonnen hat &ndash; wie es die <em>New York Times<\/em> bereits eine Woche zuvor &bdquo;vorhergesagt&ldquo; hatte &ndash;, Verbindungen zu einem Jugendfreund von Donald Trump unterh&auml;lt. Gewinner ist die <em>Dobra Lithium Holdings JV, LLC<\/em>, deren Anteilseigner unter anderem <em>Techmet<\/em> und <em>The Rock Holdings<\/em> sind. Das Unternehmen selbst wurde nat&uuml;rlich eigens f&uuml;r dieses Projekt gegr&uuml;ndet. Die letztendlichen Eigent&uuml;mer sind die US-Regierung und der Milliard&auml;r Ronald Lauder, ein enger Freund von Trump. Lauder, Erbe des Kosmetikkonzerns Est&eacute;e Lauder und Pr&auml;sident des J&uuml;dischen Weltkongresses, soll laut Presseberichten dem US-Pr&auml;sidenten einst die Annexion Gr&ouml;nlands vorgeschlagen haben.<\/p><p>Diese Entscheidung ist aus drei Gr&uuml;nden bemerkenswert:<\/p><ol>\n<li>Erstens, weil die <em>New York Times<\/em> den Sieger lange vor der offiziellen Bekanntgabe kannte. Mit anderen Worten: Das Ergebnis stand fest, die Ausschreibung war reine Formsache.<\/li>\n<li>Zweitens, weil die US-Regierung die <em>Techmet<\/em>-Holding &uuml;ber die <em>International Development Finance Corporation<\/em> (<em>DFC<\/em>) gemeinsam mit dem Konsortium des Milliard&auml;rs Ronald Lauder besitzt.<\/li>\n<li>Drittens ist dies die erste Entscheidung im Rahmen des &bdquo;Rohstoffabkommens&ldquo;, das die ukrainische Regierung bereits im Mai 2025 mit den Vereinigten Staaten geschlossen hat.<\/li>\n<\/ol><p>Hier zeigt sich der vielleicht interessanteste Aspekt: Weil die Regierung in Kiew die entscheidenden Dokumente des Deals als geheim eingestuft hat, bleiben der &Ouml;ffentlichkeit nur die parlamentarisch abgesegneten Eckpunkte zur Fondsbildung sowie recht vage Abmachungen. Die nun durch die Ausschreibung sichtbar gewordene Praxis macht deutlich, dass US-Investoren ein &bdquo;Vorkaufsrecht&ldquo; bei der Ausbeutung ukrainischer Vorkommen haben. Der Vertrag verweist bei allen entscheidenden Details des Prozesses auf &bdquo;technische Dokumente&ldquo;, die zwischen der ukrainischen Regierung und den USA unterzeichnet, aber nie ver&ouml;ffentlicht wurden.<\/p><p><strong>Die Zwei-Prozent-Falle: Wie Gewinne k&uuml;nstlich kleingerechnet werden<\/strong><\/p><p>Die Bedingungen, unter denen das Konsortium &ndash; einschlie&szlig;lich Trumps Freund &ndash; die Kontrolle &uuml;ber die Dobra-Lagerst&auml;tte erlangt hat, bringen nun Licht in die tats&auml;chlichen Konditionen des Gesch&auml;fts. Es &uuml;berrascht kaum, dass der Investitionsvertrag f&uuml;r die Geldgeber extrem vorteilhaft ist. Sie haben zweieinhalb Jahre Zeit, zu pr&uuml;fen, ob sie &uuml;berhaupt abbauen wollen. Entscheiden sie sich daf&uuml;r, stehen ihnen bis zur vollst&auml;ndigen Amortisation ihrer Investitionen 70 Prozent der gef&ouml;rderten Rohstoffe zu. &Uuml;ber die restlichen 30 Prozent wird so mit dem Staat geteilt, dass dessen garantierter Anteil an dieser Verteilung lediglich vier bis sechs Prozent betr&auml;gt.<\/p><p>F&uuml;r den Staat bleibt also am Ende ein garantierter Anteil von gerade einmal zwei Prozent der Gesamtmenge. &bdquo;Diese Formel ist f&uuml;r die Ukraine extrem nachteilig. Da der Investor die Kosten k&uuml;nstlich in die H&ouml;he treiben kann &ndash; etwa durch Anrechnung von Kosten, die nichts mit der Erschlie&szlig;ung zu tun haben, oder durch &uuml;berteuerte Ausr&uuml;stung &ndash;, verl&auml;ngert sich der Zeitraum der Kostenr&uuml;ckgewinnung. Das verringert effektiv den Anteil der profitablen Produktion und damit auch den Anteil der Ukraine&ldquo;, bemerkten Analytiker der Organisation <em>Ecology.Law.Human<\/em> gegen&uuml;ber dem ukrainischen Portal <em>Strana.ua<\/em>.<\/p><p>Formal erweckt das Modell den Eindruck einer gleichberechtigten Vereinbarung. Der Vorstand des gemeinsamen Investmentfonds besteht aus sechs Mitgliedern, jeweils drei aus den USA und drei aus der Ukraine. Die Ukraine beh&auml;lt die Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die Bodensch&auml;tze, w&auml;hrend sich die Rechte der USA nur auf deren F&ouml;rderung beziehen. Es wird erkl&auml;rt, dass der Handel mit den Erzeugnissen zu Marktbedingungen erfolgt. In der Realit&auml;t ist es jedoch wie im alten russischen M&auml;rchen: &bdquo;Ich bekomme den Rahm, du die Wurzeln.&ldquo; Ein von ukrainischen Medien zitierter Experte behauptet, dass es um Investitionen von mindestens einer Milliarde Dollar geht.<\/p><p>Bezahlt wird mit den gef&ouml;rderten Rohstoffen (Lithiumerze und andere seltene Erden). Die Ukraine wird diese Milliarde mit ebendiesen Materialien begleichen. W&auml;hrenddessen verf&uuml;gen die US-Amerikaner nach der Verarbeitung der Rohstoffe &uuml;ber exportfertige Produkte, deren Wert ein Vielfaches der Investition betr&auml;gt. Zudem gibt es zahlreiche Wege, die Investitionskosten k&uuml;nstlich aufzubl&auml;hen: Kauf von Ausr&uuml;stung, Ersatzteilen und Verbrauchsmaterialien bei &bdquo;unabh&auml;ngigen&ldquo; Lieferanten zum Zwei- bis F&uuml;nffachen des Marktpreises, Beratungsgeb&uuml;hren, Lizenzk&auml;ufe &hellip;<\/p><p>Im Grunde hindert nichts den Investor daran, die Amortisationszeit bis zur v&ouml;lligen Ersch&ouml;pfung der Bodensch&auml;tze auszudehnen. In all diesen Jahren erhalten die US-Regierung und der Trump-Vertraute Lauder 98 Prozent der Rohstoffe, verarbeiten sie zu marktf&auml;higen Metallen und handeln damit auf dem Weltmarkt. Angesichts des Handelskriegs mit China, der die Preise f&uuml;r seltene Erden in die H&ouml;he treibt, verspricht das Gesch&auml;ft extrem profitabel zu werden &ndash; und zwar f&uuml;r die Vereinigten Staaten.<\/p><p>Ein weiterer bemerkenswerter Punkt: Beim Treffen US-amerikanischer Unternehmen mit dem ukrainischen Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj im Juli dieses Jahres wurde <em>Techmet<\/em> durch Wolodymyr Ihnaschtschenko vertreten. W&auml;hrend der Pr&auml;sidentschaft von Poroschenko leitete dieser die Firma <em>Petro-Consulting<\/em>, die Verbindungen zu Ihor Kononenko hatte, dem damaligen Aufseher des Energiesektors. Interessanterweise erhielt <em>Petro-Consulting<\/em> damals eine Sondergenehmigung f&uuml;r &bdquo;das Projekt Dobra&ldquo;, die sp&auml;ter jedoch widerrufen wurde. Dieser Fall ist rechtlich noch immer nicht abgeschlossen, da eine Berufung gegen den Widerruf l&auml;uft.<\/p><p>In der Ukraine wurden zahlreiche solcher umstrittenen Lizenzen an Investoren vergeben, die gar nicht &uuml;ber die Mittel f&uuml;r eine F&ouml;rderung verf&uuml;gen. Diese Besitzer suchen nun eifrig den Kontakt zu finanzstarken US-Geldgebern, um ihre Lizenzen gegen eine Entsch&auml;digung abzutreten &ndash; ohne langwierige Prozesse oder Beh&ouml;rdenverfahren. Zudem leitete Jehor Perelyhin, der derzeitige stellvertretende Wirtschaftsminister und Aufseher f&uuml;r die Rohstoffvertr&auml;ge, zwischen 2018 und 2019 ebenjene Firma <em>Petro-Consulting<\/em>.<\/p><p><strong>Ressourcen-Diplomatie als Gesch&auml;ftsmodell<\/strong><\/p><p>In diesem Fall scheint die allgegenw&auml;rtige Korruption die beg&uuml;nstigten westlichen Firmen nicht zu st&ouml;ren, und die Politik schweigt nat&uuml;rlich. Es zeigt sich: W&auml;hrend dem Staat nur zwei Prozent des Produktionsvolumens garantiert sind, verstehen die Ukrainer durchaus zu taktieren. Die Investoren m&uuml;ssen sich also noch mit den lokalen Gegebenheiten herumschlagen und f&uuml;r eine Einigung wohl zus&auml;tzlich in die Tasche greifen. In diesem Sinne findet ein gegenseitiges Ausrauben statt.<\/p><p>Die Ukraine ist jedoch kein Einzelfall; das Muster der Ressourcen-Diplomatie l&auml;sst sich auch in Zentralasien beobachten. Ende 2025 ver&ouml;ffentlichte Olshas Baidildinow, Mitglied des &ouml;ffentlichen Rates des kasachischen Staatsfonds <em>Samruk-Kazyna<\/em>, einen Bericht auf Basis einer Analyse von <em>Rystad Energy<\/em>. Das Fazit: Die Kaspische Region wird zur Haupteinnahmequelle f&uuml;r Giganten wie ExxonMobil, Chevron und Shell. Die drei S&auml;ulen der kasachischen &Ouml;lindustrie &ndash; Tengiz, Kashagan und Karachaganak &ndash; werden den Aktion&auml;ren in den n&auml;chsten f&uuml;nf Jahren mindestens 101 Milliarden Dollar einbringen. Davon gehen nur etwa 17,7 Milliarden an die nationale <em>KazMunayGas<\/em>, w&auml;hrend der L&ouml;wenanteil von 83,5 Milliarden Dollar an ausl&auml;ndische Unternehmen abflie&szlig;t. Kasachstan unterzeichnete ebenfalls Abkommen zur Produktionsaufteilung. Da das Land in einer viel st&auml;rkeren Position war als die heutige Ukraine, erh&auml;lt es zwar mehr, wird aber dennoch ausgebeutet. Seit Kasym-Schomart Tokajew an der Macht ist, hat Kasachstan begonnen, die Investitionsabkommen aus den 1990er-Jahren zu revidieren. Heute belaufen sich die Forderungen allein gegen die Entwickler des Kashagan-Feldes auf kolossale 160 Milliarden Dollar.<\/p><p>Ein weiteres aktuelles Beispiel ist Venezuela. US-Unternehmen f&ouml;rderten dort bereits seit den 1920er-Jahren &Ouml;l. In den ersten Jahrzehnten waren die Vertr&auml;ge f&uuml;r das venezolanische Volk extrem nachteilig. Die Firmen zahlten eine feste Lizenzgeb&uuml;hr von 7,5 bis 11 Prozent und waren von den meisten Steuern befreit. Erst nach langem Kampf errang die Regierung 1948 neue Bedingungen: Eine Lizenzgeb&uuml;hr von einem Sechstel der Produktion plus 50 Prozent des Nettogewinns der Unternehmen verblieben im Land. Der n&auml;chste Wendepunkt war die Verstaatlichung 1976, doch auch danach blieben die US-&Ouml;lfirmen pr&auml;sent.<\/p><p>Es scheint, dass die Ukraine noch schlechtere Bedingungen erhalten hat als Venezuela vor 100 Jahren oder Kasachstan in den 1990ern. Dennoch bezeichnete Selenskyj den &bdquo;Deal&ldquo; als &bdquo;fair und f&uuml;r beide Seiten vorteilhaft&ldquo;, w&auml;hrend sein damaliger Premierminister Denys Schmyhal von einem &bdquo;Sieg der Diplomatie&ldquo; sprach. Es ist unwahrscheinlich, dass die ukrainische F&uuml;hrung derart den Realit&auml;tssinn verloren hat. Vielmehr ist der Ressourcen-Deal tats&auml;chlich ein Sieg der Diplomatie &ndash; allerdings der US-amerikanischen Diplomatie (im Sinne von Washington), welche die Schuldentilgung &uuml;ber ein r&auml;uberisches System der Produktionsaufteilung (PSA) durchgesetzt hat.<\/p><p>Dass nicht nur US-Staatsunternehmen, sondern auch das Umfeld von Trump davon profitieren, ist in den USA &uuml;blich. So war es auch bei Joseph Bidens Sohn, dessen Einnahmen im Vergleich zu den jetzigen Abschl&uuml;ssen lediglich einen Bruchteil ausmachten. Trump wird seine befreundeten Milliard&auml;re nutzen, um die Geldpumpe anzuwerfen.<\/p><p>Es ist eine klassische US-amerikanische Methode, die Meisterregisseur Martin Scorsese in seinem Film &bdquo;Gangs of New York&ldquo; eindrucksvoll gezeigt hat: Der Lieblingstrick der Banden war es, Feuer zu legen und unter dem Vorwand der Lebensrettung die Bewohner des brennenden Hauses auszurauben. Genau das passiert gerade in der Ukraine. Wie formulierte es Donald Trump k&uuml;rzlich? Er sagte, ohne ihn bes&auml;&szlig;e Russland jetzt die ganze Ukraine. Nun, jetzt ist klar: Er will die ganze Ukraine f&uuml;r sich allein besitzen. Na gut, zwei Prozent &uuml;berl&auml;sst er dem Selenskyj-Regime dann doch.<\/p><p><em>Der Beitrag ist auf Ungarisch <a href=\"https:\/\/moszkvater.com\/igy-rabolja-ki-amerika-ukrajnat\/\">bei Moszkvater erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Mykhailo Repuzhynskyi \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/73a0a2c554504eb9bda3bb75dfaa1d19\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ukraine hat den ersten Gewinner einer Ausschreibung bekannt gegeben, welche jene Lizenzen betrifft, die im Rohstoffabkommen mit den USA festgeschrieben wurden. Die Genehmigung bezieht sich auf den Abbau der Lithium-Lagerst&auml;tte &bdquo;Dobra&ldquo; in der Region Kirowohrad. 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