{"id":145147,"date":"2026-01-22T09:00:39","date_gmt":"2026-01-22T08:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145147"},"modified":"2026-01-22T09:10:40","modified_gmt":"2026-01-22T08:10:40","slug":"stimmen-aus-russland-ruettelt-merz-an-den-grundfesten-der-westlichen-russland-legende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145147","title":{"rendered":"Stimmen aus Russland: R\u00fcttelt Merz an den Grundfesten der westlichen Russland-Legende?"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Ohne Russland sind sie nichts &ndash; blo&szlig; der Juniorpartner Washingtons. Mit Russland aber k&ouml;nnten sie zu ihrer alten Macht zur&uuml;ckkehren.&ldquo; Mit diesen Worten erkl&auml;ren Experten das &uuml;berraschende Statement des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, wonach &bdquo;Russland ein europ&auml;ischer Staat&ldquo; sei. Warum r&uuml;ckte Merz pl&ouml;tzlich vom Eckpfeiler der bisherigen westlichen antirussischen Kommunikationsstrategie ab, die jahrelang verbreitet wurde? Ein Beitrag von <strong>Geworg Mirsajan<\/strong> in der russischen Online-Zeitung <em>Vzgljad.ru<\/em>, aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn den letzten Wochen br&ouml;ckelt die Einigkeit der Europ&auml;er im Konflikt zwischen Russland und der EU. Erst sprach Frankreichs Pr&auml;sident Emmanuel Macron davon, man m&uuml;sse &bdquo;so schnell wie m&ouml;glich&ldquo; den Dialog mit Moskau suchen. Dann forderten die Staatschefs der gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen L&auml;nder, einen Verantwortlichen f&uuml;r diesen Dialog zu ernennen. Doch Bundeskanzler Friedrich Merz ging noch einen Schritt weiter.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wenn es uns gelingt, Frieden und Freiheit nach Europa zur&uuml;ckzubringen; wenn wir endlich wieder ein Gleichgewicht zu unserem gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen Nachbarn &ndash; n&auml;mlich Russland &ndash; finden; wenn Frieden einkehrt und Freiheit gesichert ist &ndash; wenn uns all das gelingt, dann werden die EU und auch wir in der Bundesrepublik diese Pr&uuml;fung bestehen&ldquo;, erkl&auml;rte er.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\" data-media-max-width=\"560\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">BIG U-TURN<a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Merz?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Merz<\/a> called <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Russia?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Russia<\/a> a \"European country\" and expressed hope that the EU will achieve a balance in relations with Moscow. <a href=\"https:\/\/t.co\/4ikLh1JQl0\">pic.twitter.com\/4ikLh1JQl0<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Russian Market (@runews) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/runews\/status\/2011816508171698628?ref_src=twsrc%5Etfw\">January 15, 2026<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p> <\/p><p>Dabei galt Merz noch vor Kurzem als der sch&auml;rfste europ&auml;ische &bdquo;Falke&ldquo; in der Russland-Frage. Im Gegensatz zum wortreichen Macron lie&szlig; Merz Taten sprechen: Er transferierte Milliarden Euro und enorme Mengen an Waffen an Kiew.<\/p><p><strong>Vom &bdquo;Falken&ldquo; zum Realpolitiker: Die Demontage des westlichen Feindbildes<\/strong><\/p><p>Doch nun wiederholte Merz in seiner Rede mehrfach den Gedanken, dass Russland ein europ&auml;ischer Staat sei. Und das nach vier Jahren einer Politik, die Russland konsequent aus Europa verdr&auml;ngen wollte: kulturell (durch die &bdquo;Absage&ldquo; an die russische Kultur), menschlich (durch Einreisebeschr&auml;nkungen f&uuml;r Russen) und wirtschaftlich (durch 20 Sanktionspakete und den Verzicht auf russische Energie). Nicht zu vergessen die milit&auml;rpolitische Ebene, auf der man Russland nicht mehr als Teil der europ&auml;ischen Sicherheit, sondern als deren Hauptbedrohung darstellte.<\/p><p>Diese Sichtweise sei v&ouml;llig konstruiert, erkl&auml;rt Dmitri Ofizerow-Belski vom IMEMO-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften gegen&uuml;ber der Zeitung <em>VZGLJAD<\/em>: &bdquo;Russland war nie eine sch&auml;dliche Kraft f&uuml;r Europa. Es hat nie versucht, Europa, den europ&auml;ischen Geist oder die Kultur zu vernichten. Historisch wirkte es stattdessen als Stabilisator der europ&auml;ischen Beziehungen.&ldquo;<\/p><p>Andererseits diente die vom Westen und Kiew forcierte These von Russland als &bdquo;Anti-Europa&ldquo; als ideologisches Fundament. Sie rechtfertigte den Zusammenhalt der EU zur angeblichen Abwehr russischer Aggression und legitimierte die Milliardenzahlungen an die Ukraine als Bollwerk gegen die &bdquo;Barbaren aus dem Osten&ldquo;. Sie untermauerte den Mythos eines existenziellen Kampfes zwischen Europa und Russland.<\/p><p>Indem Merz Russland nun als europ&auml;isches Land anerkennt, entzieht er diesem Bild den Boden. Er positioniert den Konflikt nicht mehr als schicksalhafte Schlacht zwischen Gut und B&ouml;se, sondern als eine Art innereurop&auml;ische Auseinandersetzung. Davon gab es auf dem Kontinent &uuml;ber die Jahrhunderte viele &ndash; und auf sie folgte stets eine Vers&ouml;hnung. Manchmal entstanden aus Feinden sogar Verb&uuml;ndete, wie der Deutsch-Deutsche Krieg von 1866 zeigt, nach dem &Ouml;sterreich bald zum engsten Partner des vereinten Deutschlands wurde.<\/p><p>Warum vollzieht Merz diesen Schwenk, der die m&uuml;hsam aufgebaute &bdquo;Cancel Culture&ldquo; gegen Russland einrei&szlig;t? Faktisch untergr&auml;bt der Kanzler damit die gesamte ideologische Basis, auf der die Konfrontation seit 2022 ruht. Vielleicht spielt der Zeitpunkt eine Rolle: In den letzten Monaten wurde offensichtlich, dass die Strategie der &bdquo;strategischen Niederlage&ldquo; Russlands gescheitert ist. Wer diesen Kurs weiterverfolgt &ndash; besonders w&auml;hrend Washington und Moskau bereits wieder miteinander sprechen &ndash; riskiert sein eigenes politisches Ende.<\/p><p><strong>Strategische Neuausrichtung: Europa zwischen Washingtoner Dominanz und Moskauer Rohstoffen<\/strong><\/p><p>Vielleicht spielte auch der Ort eine Rolle: Merz sprach im Osten Deutschlands, wo die Stimmung traditionell pro-russischer ist als im Westen und wo die AfD, die f&uuml;r normale Beziehungen zu Russland wirbt, eine Hochburg hat. &bdquo;Seine Umfragewerte sinken. Die W&auml;hler brauchen ein Signal, dass der Krieg nicht ewig dauert und es ein Licht am Ende des Tunnels gibt&ldquo;, erkl&auml;rt der Politikwissenschaftler Wadim Truchatschow.<\/p><p>Auch das Publikum k&ouml;nnte entscheidend gewesen sein: Merz redete vor Unternehmern. Diese leiden darunter, dass sie keinen Zugang mehr zu g&uuml;nstigem russischen Gas und dem attraktiven russischen Markt haben. &bdquo;Die deutsche Gro&szlig;industrie kritisiert den Kanzler st&auml;ndig f&uuml;r seine Moskau-Politik&ldquo;, so Truchatschow weiter.<\/p><p>Doch auch die Geopolitik treibt Merz um. Er sucht offenbar ein Gegengewicht zur tats&auml;chlichen Bedrohung der europ&auml;ischen Souver&auml;nit&auml;t, die derzeit von den USA ausgeht. &bdquo;Washington fordert h&ouml;here Verteidigungsausgaben und zieht die Europ&auml;er faktisch in einen Krieg gegen Russland hinein&ldquo;, meint Ofizerow-Belski. &bdquo;Gleichzeitig greifen sie nach Gr&ouml;nland und ignorieren europ&auml;ische Interessen. Merz versucht nun, den US-Amerikanern zu signalisieren: Europa braucht diesen Krieg nicht, wir k&ouml;nnen uns mit den Russen auss&ouml;hnen.&ldquo;<\/p><p>Strategisch gesehen erkennt Europa &ndash; unter dem Druck, unter Trump einen eigenen Weg finden zu m&uuml;ssen &ndash;, dass dies nur gemeinsam mit Russland gelingt. Ofizerow-Belski f&uuml;hrt aus: &bdquo;Statt jemanden aus Europa zu verdr&auml;ngen, muss der Kontinent versuchen, eine neue Rolle in der Welt zu finden. Die Zeit der europ&auml;ischen Weltreiche ist vorbei. Ohne Russland bleiben sie blo&szlig; der Juniorpartner Washingtons. Mit Russland aber k&ouml;nnten sie wieder an Macht gewinnen&ldquo; &ndash; gest&uuml;tzt auf russische Rohstoffe, Absatzm&auml;rkte, Milit&auml;rkraft und ein gemeinsames Sicherheitssystem.<\/p><p>Moskau steht einem solchen System nicht im Wege. Wladimir Putin betont, dass der Dialog nicht durch Russlands Schuld zum Erliegen kam. Er w&uuml;nscht sich eine R&uuml;ckkehr zur &bdquo;normalen, konstruktiven Kommunikation&ldquo;, die nationale Interessen und Sicherheitsbedenken respektiert.<\/p><p>Doch ist Merz wirklich bereit, die Beziehungen auf dieser Basis wiederaufzubauen? Und zieht der Rest Europas mit?<\/p><p>Aus Gro&szlig;britannien klingen die Signale anders. Au&szlig;enministerin Yvette Cooper lehnt jeden Dialog strikt ab, solange Moskau den Krieg nicht zu ukrainischen Bedingungen beendet. &bdquo;Wir m&uuml;ssen den wirtschaftlichen und milit&auml;rischen Druck erh&ouml;hen&ldquo;, forderte sie.<\/p><p>&Auml;hnlich d&uuml;rften die baltischen Staaten reagieren. Jene L&auml;nder, die noch vor zehn Jahren mit ihrer Leugnung der europ&auml;ischen Identit&auml;t Russlands am ideologischen Rand standen, k&ouml;nnten dorthin zur&uuml;ckkehren, wenn sie das Offensichtliche weiter leugnen. Sie m&uuml;ssen begreifen: Russland n&uuml;tzt der EU mehr als Gegengewicht zu den USA denn als Schreckgespenst. Wer Moskau weiterhin d&auml;monisiert, handelt letztlich antieurop&auml;isch &ndash; das gilt f&uuml;r London ebenso wie f&uuml;r die Kiewer Regierung. Sie alle stellen ihre Russophobie &uuml;ber das Schicksal des Kontinents.<\/p><p><em>&Uuml;ber den Autor: <strong>Geworg Mirsajan<\/strong> ist Politologe, Kandidat der Politikwissenschaften und Dozent an der Finanzuniversit&auml;t der Regierung der Russischen F&ouml;deration. Als langj&auml;hriger Mitarbeiter des Instituts f&uuml;r USA- und Kanadastudien sowie Korrespondent f&uuml;r Weltpolitik beim Magazin Expert spezialisiert er sich vor allem auf die US-Au&szlig;enpolitik, Ostasien und den Nahen Osten.<\/em><\/p><p><em>Der Beitrag ist <a href=\"https:\/\/vz.ru\/world\/2026\/1\/19\/1387882.html\">auf Russisch hier erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ EUS-Nachrichten<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/00d256db90c7403ba18768348649eba4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Ohne Russland sind sie nichts &ndash; blo&szlig; der Juniorpartner Washingtons. Mit Russland aber k&ouml;nnten sie zu ihrer alten Macht zur&uuml;ckkehren.&ldquo; Mit diesen Worten erkl&auml;ren Experten das &uuml;berraschende Statement des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, wonach &bdquo;Russland ein europ&auml;ischer Staat&ldquo; sei. Warum r&uuml;ckte Merz pl&ouml;tzlich vom Eckpfeiler der bisherigen westlichen antirussischen Kommunikationsstrategie ab, die jahrelang verbreitet wurde?<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145147\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":145148,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,181],"tags":[1101,3260,3481,783,259,1556],"class_list":["post-145147","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-europapolitik","tag-europaeischer-gedanke","tag-feindbild","tag-friedliche-koexistenz","tag-merz-friedrich","tag-russland","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/shutterstock_2665481675.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145147","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=145147"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145147\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":145156,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145147\/revisions\/145156"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/145148"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=145147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=145147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=145147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}