{"id":14528,"date":"2012-09-25T09:12:41","date_gmt":"2012-09-25T07:12:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14528"},"modified":"2015-04-29T17:50:23","modified_gmt":"2015-04-29T15:50:23","slug":"quotensturm-im-genderwasserglas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14528","title":{"rendered":"Quotensturm im Genderwasserglas"},"content":{"rendered":"<p>Es kommt selten vor, dass die im Bund regierenden Koalitionsparteien CDU, CSU und FDP in einem Punkt derart &uuml;ber Kreuz liegen, dass es innerhalb der Koalition eine offene Rebellion gibt, der Fraktionszwang in Frage gestellt wird und die FDP in einem &bdquo;Brandbrief&ldquo; (Zitat: BILD) die Kanzlerin auffordert, ein schr&ouml;dersches Basta! zum Besten zu geben. Doch wer nun denkt, es ginge bei diesem Streit um bedeutende Dinge wie die Zukunft Europas, die gesetzliche Rente oder den boomenden Niedriglohnsektor, der irrt gewaltig. Die Herren und Damen Koalition&auml;re zoffen sich stattdessen lieber bis aufs Blut um die Frage, ob Deutschlands b&ouml;rsennotierte Unternehmen genug Frauen in ihren Aufsichtsr&auml;ten haben. Dies ist nicht nur ein Luxusproblem, sondern auch ein Elitenproblem, das an der Lebenswirklichkeit von 99,9% der Menschen komplett vorbeigeht und noch nicht einmal viel mit Gleichberechtigung zu tun hat. Ein Kommentar von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Geschlechtergerechtigkeit ist ein Gebot, das es endlich umzusetzen gilt&ldquo;, so hei&szlig;t es vollmundig in der sogenannten &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.berlinererklaerung.de\/\">Berliner Erkl&auml;rung<\/a>&ldquo;. Das klingt freilich erst einmal vern&uuml;nftig. Doch wer hinter dieser vielversprechenden Forderung, die von verschiedenen Parlamentarierinnen und einer Lobbyvereinigung aus &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.fidar.de\/ueber-fidar.html\">Frauen in F&uuml;hrungspositionen<\/a>&ldquo; aufgestellt wurde, einen progressiven Schritt in Richtung Gleichberechtigung vermutet, der irrt gewaltig. Da man(n) mit der Abgabe der Privilegien ja irgendwo anfangen muss, konzentriert sich die Berliner Erkl&auml;rung einzig und allein auf die Einf&uuml;hrung einer Frauenquote bei den Aufsichtsr&auml;ten gro&szlig;er Unternehmen und diskreditiert damit den vermeintlich hehren Anspruch. Es ist verst&auml;ndlich, dass &bdquo;Frauen in F&uuml;hrungspositionen&ldquo; gerne in den Aufsichtsr&auml;ten sitzen w&uuml;rden. Wer den Initiatorinnen daher eher egoistische denn altruistische Motive unterstellt, wird sicher nicht vollkommen daneben liegen.<\/p><p>Um was geht es eigentlich bei der Berliner Erkl&auml;rung, die unverkennbar das Muster f&uuml;r die aktuell (lediglich) in Politikerkreisen lebhaft diskutierte <a href=\"http:\/\/www.bundesrat.de\/cln_101\/nn_6898\/DE\/presse\/pm\/2012\/139-2012.html?__nnn=true\">Gesetzesinitiative der L&auml;nder Hamburg und Brandenburg<\/a> darstellt? In der Belle Etage der Deutschland AG riecht es immer noch mehr nach Testosteron als nach Chanel No. 5. In den mitbestimmten b&ouml;rsennotierten Unternehmen der Republik sind lediglich 12,7% der <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/39069_39093.htm\">Aufsichtsratsmandate<\/a> mit Vertretern des weiblichen Geschlechts besetzt. Das ist zweifelsohne erschreckend wenig. Da die Aufsichtsratsposten bei Unternehmen, die unter die Mitbestimmungsgesetze fallen, zur H&auml;lfte von den Arbeitnehmern und zur H&auml;lfte von der Kapitalseite, also den Unternehmenseignern bestimmt werden, lohnt sich auch hier ein Blick auf die unterschiedlichen Seiten. W&auml;hrend die Arbeitnehmer immerhin 20,6% Frauen entsenden, sind nur verschwindend geringe 7,8% der Vertreter der Kapitalseite weiblichen Geschlechts &ndash; und somit nur geringf&uuml;gig mehr als im Maurerhandwerk mit seiner Frauenquote von 0,2%. <\/p><p>Sicher, man kann sich daf&uuml;r einsetzen, dass bei der Besetzung der Kontrollgremien der Gro&szlig;konzerne in Zukunft nicht nur nach Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern auch nach M&auml;nnlein und Weiblein unterschieden wird. Dabei gibt es jedoch wahrlich dringendere Probleme, &uuml;ber die man sich den Kopf zerbrechen k&ouml;nnte &ndash; auch bei der Frage der Besetzung von Aufsichtsr&auml;ten. Die Frage, ob aktive oder ehemalige Politiker ein Aufsichtsratsmandat in einem Unternehmen wahrnehmen d&uuml;rfen, das im erweiterten Entscheidungsbereich der politischen Arbeit steht bzw. stand, ist beispielsweise eine Frage, der die Politik dringend nachgehen sollte, es aber nicht tut &ndash; auch hier darf man den Herren und Damen Parlamentarier durchaus egoistische Motive unterstellen. Weiterhin stellt sich auch die Frage, ob das deutsche Mitbestimmungssystem, bei dem sich Konzerne durch personelle &Uuml;berschneidungen zwischen Vorstands- oder Aufsichtsratsposten in mehreren Unternehmen oft verflechten, wirklich im Sinne der Allgemeinheit ist. Der ehemalige Henkel-Manager und heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Telekom, Ulrich Lehner, sitzt beispielsweise gleich in den Kontrollgremien von zehn deutschen Gro&szlig;konzernen. Da fragt man sich, wie er Interessenkonflikten aus dem Weg gehen will. Die Frage, ob Lehner nun Ulrich oder Ulrike hei&szlig;t, ist da eher sekund&auml;r.<\/p><p>Die B&uuml;rger sehen es nat&uuml;rlich gerne, wenn Politiker sich nicht dem Fraktionszwang unterwerfen wollen und ihr eigenes Gewissen &uuml;ber die Fraktionsdisziplin stellen. Die Frage, wer als Vertreter des Gro&szlig;kapitals in den erlauchten Kreis der Vorst&auml;nde der Gro&szlig;konzerne entsandt wird, tangiert die Mehrheit der B&uuml;rger jedoch nicht. Ob die Aktion&auml;rsversammlung der Siemens AG nun Lord oder Lady <a href=\"http:\/\/www.siemens.com\/about\/de\/management_unternehmensstruktur\/aufsichtsrat.htm\">Vallance of Tummel<\/a> in den Aufsichtsrat entsendet, d&uuml;rfte der alleinerziehenden Krankenschwester herzlich egal sein. Es g&auml;be zahlreiche Gesetzesinitiativen, mit denen man die geschlechterspezifische Benachteiligung wirkungsvoll lindern k&ouml;nnte, die Frage nach einer Frauenquote in den Aufsichtsr&auml;ten der Gro&szlig;konzerne geh&ouml;rt jedoch sicher nicht dazu. <\/p><p>Es ist jedoch bezeichnend f&uuml;r den Zustand unserer Demokratie, dass sich unsere gew&auml;hlten Vertreter nicht &uuml;ber Fragen streiten, die mit der Lebenswirklichkeit der B&uuml;rger zu tun haben, sondern stattdessen in anderen Sph&auml;ren schweben und sich ihren Kopf &uuml;ber Fragen zermartern, die bestenfalls eine kleine selbsternannte Elite besch&auml;ftigen. Ein besonders absto&szlig;ender Aspekt dieser Emanzipationsgroteske ist, dass die ganze Diskussion unter dem F&auml;hnlein der &bdquo;Frauenpolitik&ldquo; gef&uuml;hrt wird. Die Frage, welches Geschlecht die Aufsichtsr&auml;te der b&ouml;rsennotierten Unternehmen haben, hat mit Frauenpolitik ungef&auml;hr so viel zu tun, wie die Frage, ob in Schloss Bellevue rote oder gelbe Brokatvorh&auml;nge das pr&auml;sidiale Schlafzimmer vor dem glei&szlig;enden Licht der Realit&auml;t sch&uuml;tzen, etwas mit Wohnungsbaupolitik zu tun hat. Sollte die schwarz-gelbe Koalition wirklich &ndash; wie es die FDP unglaubw&uuml;rdig <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/streitthema-frauenquote-unionsfrauen-rebellieren-gegen-fdp-und-fraktionszwang_aid_824776.html\">unkt<\/a> &ndash; an dieser Frage zerbrechen, w&auml;re dies symptomatisch f&uuml;r deren geistigen Zustand. Aber diesen Gefallen wird uns die Politik leider nicht tun.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/d0c2afdc7dcb4987a7551e3c2f6e0c50\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es kommt selten vor, dass die im Bund regierenden Koalitionsparteien CDU, CSU und FDP in einem Punkt derart &uuml;ber Kreuz liegen, dass es innerhalb der Koalition eine offene Rebellion gibt, der Fraktionszwang in Frage gestellt wird und die FDP in einem &bdquo;Brandbrief&ldquo; (Zitat: BILD) die Kanzlerin auffordert, ein schr&ouml;dersches Basta! zum Besten zu geben. Doch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14528\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[206,126,168],"tags":[374],"class_list":["post-14528","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chancengerechtigkeit","category-erosion-der-demokratie","category-gleichstellung","tag-eliten"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14528","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14528"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14528\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25884,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14528\/revisions\/25884"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14528"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14528"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14528"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}