{"id":145397,"date":"2026-01-27T09:00:51","date_gmt":"2026-01-27T08:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145397"},"modified":"2026-01-27T16:57:43","modified_gmt":"2026-01-27T15:57:43","slug":"der-mensch-ist-des-menschen-wolf-und-staaten-als-woelfe-unter-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145397","title":{"rendered":"\u201eDer Mensch ist des Menschen Wolf\u201c \u2013 und Staaten als W\u00f6lfe unter sich?"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Gipfel in Davos erkl&auml;rte der kanadische Premierminister Mark Carney, die alte Ordnung, in der der Westen den Rest der Welt durch eine suggerierte Rechtsordnung &ndash; die omin&ouml;se &bdquo;regelbasierte internationale Ordnung&ldquo; &ndash; dominiere, sei vor&uuml;ber. Die Feststellung des Wesensmerkmals dieser &bdquo;regelbasierten internationalen Ordnung&ldquo; ist an sich f&uuml;r den interessierten Beobachter internationaler Politik zwar keine neue Erkenntnis, f&uuml;r den normalen Michel jedoch schon. Mehr noch: Dass ein westlicher Staatschef dies so unverbl&uuml;mt einr&auml;umt, ist schon von besonderer Bedeutung und macht den Bruch in der bisherigen Weltpolitik deutlich. Bedauerlicherweise ging seine mehr als beachtenswerte Rede in dem Zirkus um den rabaukenhaften US-Pr&auml;sidenten Donald Trump unter. Die Rede des kanadischen Premierministers verdient eine besondere Aufmerksamkeit, da sie einerseits das westliche Verst&auml;ndnis von internationaler Politik, so wie es in den letzten Dekaden gepr&auml;gt wurde, gegen&uuml;ber der &Ouml;ffentlichkeit nun manifestiert. Aber andererseits hat Mark Carney auch diskussionswerte Vorschl&auml;ge unterbreitet, wie sich Europa aufstellen k&ouml;nnte. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8315\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-145397-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260127_Der_Mensch_ist_des_Menschen_Wolf_und_Staaten_als_Woelfe_unter_sich_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260127_Der_Mensch_ist_des_Menschen_Wolf_und_Staaten_als_Woelfe_unter_sich_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260127_Der_Mensch_ist_des_Menschen_Wolf_und_Staaten_als_Woelfe_unter_sich_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260127_Der_Mensch_ist_des_Menschen_Wolf_und_Staaten_als_Woelfe_unter_sich_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=145397-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260127_Der_Mensch_ist_des_Menschen_Wolf_und_Staaten_als_Woelfe_unter_sich_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260127_Der_Mensch_ist_des_Menschen_Wolf_und_Staaten_als_Woelfe_unter_sich_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;(&hellip;) Heute werde ich &uuml;ber den Bruch in der Weltordnung sprechen, &uuml;ber das Ende einer sch&ouml;nen Geschichte und &uuml;ber den Beginn einer brutalen Realit&auml;t, in der die Geopolitik zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten keinen Beschr&auml;nkungen mehr unterliegt. (&hellip;) &Uuml;ber Jahrzehnte prosperierten L&auml;nder wie Kanada unter dem, was wir die regelbasierte internationale Ordnung nannten. Wir traten Institutionen bei, priesen ihre Prinzipien und profitierten von ihrer Berechenbarkeit. (&hellip;). Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war; dass die St&auml;rksten sich ausnahmen, wenn es ihnen passte; dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden und dass internationales Recht je nach Identit&auml;t des Beschuldigten oder des Opfers unterschiedlich streng angewandt wurde. Diese Fiktion war n&uuml;tzlich, und die amerikanische Hegemonie lieferte insbesondere &ouml;ffentliche G&uuml;ter, offene Seewege, ein stabiles Finanzsystem, kollektive Sicherheit und Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Rahmen zur Streitbeilegung. (&hellip;) Dieses Gesch&auml;ft funktioniert nicht mehr. Lassen Sie mich direkt sein: Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einem &Uuml;bergang.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Rede Carneys an sich war von dem Willen motiviert, zu verdeutlichen, dass die demokratischen Mittelm&auml;chte sich angesichts des gro&szlig;en weltpolitischen Bruchs gegen die r&auml;uberischen Gro&szlig;m&auml;chte zusammenschlie&szlig;en m&uuml;ssten. Nur gemeinsam k&ouml;nne man die Souver&auml;nit&auml;t gegen diese Gro&szlig;m&auml;chte erfolgreich verteidigen. Gewisserma&szlig;en zur Einf&uuml;hrung in das Thema konzediert Carney so ganz nebenbei, die <em>&bdquo;regelbasierte internationale Ordnung<\/em>&ldquo; sei &bdquo;<em>teilweise falsch gewesen<\/em>&ldquo;. Falsch, weil sie selektiv und letztlich instrumentell im Sinn der westlichen F&uuml;hrungsm&auml;chte genutzt worden sei, um ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen.<\/p><p><strong>Regelbasierte internationale Ordnung<\/strong><\/p><p>Die sogenannte &bdquo;<em>regelbasierte internationale Ordnung<\/em>&ldquo; tauchte im politischen Diskurs irgendwann in den 2010er-Jahren als neue Wortsch&ouml;pfung auf. Aus dem Englischen wurde die &bdquo;<em>ruled based international Order<\/em>&ldquo; ins Deutsche als &bdquo;<em>regelbasierte internationale Ordnung<\/em>&ldquo; wortgetreu &uuml;bersetzt und zunehmend auch im politischen Berlin zur Standardformulierung &ndash; eine Formulierung, die es zu hinterfragen gilt: Was ist die &bdquo;<em>regelbasierte internationale Ordnung<\/em>&ldquo; eigentlich? Wer versucht, sie mit welcher Legitimation zu etablieren? Warum wird der Begriff des Internationalen Rechts, des V&ouml;lkerrechts pl&ouml;tzlich nicht mehr oder nachrangig verwendet? Der Begriff &bdquo;regelbasiert&ldquo; h&ouml;rt sich ja erst einmal gut und richtig an: Eine Ordnung, die auf Regeln basiert, ist besser als anarchische Zust&auml;nde. Aber eine regelorientierte Ordnung hatten wir ja bereits: das Internationale Recht &ndash; auf globaler Ebene mit der UNO-Charta und den entsprechenden internationalen Regierungsorganisationen und Unterorganisationen. Also, warum eine begriffliche Neusch&ouml;pfung? Ist es denn nur eine begriffliche Neusch&ouml;pfung, oder steckt da auch etwas Neues drin?<\/p><p>Die Antwort lautet: Das V&ouml;lkerrecht, das Internationale Recht also, sollte &auml;u&szlig;erst geschickt durch die &bdquo;<em>regelbasierte internationale Ordnung<\/em>&ldquo; ersetzt werden &ndash; nicht nur begrifflich, sondern auch inhaltlich. W&auml;hrend das herk&ouml;mmliche Internationale Recht im Wesentlichen ein konsensuales Recht ist &ndash; die Rechtsetzenden (die Staaten) auch die Rechtsunterworfenen sind &ndash;, handelt es sich bei dem neuen Gesch&ouml;pf um eine westliche Ordnungsvorstellung, bei der das Rechte-und-Pflichten-Prinzip auf den Kopf gestellt wird. Es handelt sich also um eine asymmetrische Rechtskonstruktion zur Wahrung und zum Ausbau einer asymmetrischen, hegemonialen Weltordnung. Das bislang herrschende Internationale Recht, insbesondere die UNO-Charta, erf&uuml;llt diese Zielsetzung der hegemonialen oder auch imperialen Absicherung eben nicht in ausreichendem Ma&szlig;e.<\/p><p>Da stehen so seltsame Dinge wie souver&auml;ne Gleichheit und Souver&auml;nit&auml;t, die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten und so weiter drin &ndash; also Schutznormen, auf die sich kleine Staaten berufen, um ihre ohnehin begrenzte Unabh&auml;ngigkeit zu sch&uuml;tzen. Solche Schutznormen st&ouml;ren Gro&szlig;m&auml;chte, da sie ihre Machtpolitik auf Kosten kleinerer Staaten m&ouml;glichst ungest&ouml;rt verfolgen wollen. Aufgrund dessen ben&ouml;tigte man ein neues Rechtsmodell, das die Umsetzung westlicher Interessen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Scheins einer Ordnung erm&ouml;glicht. An den Erfolg dieses neuen Rechtsmodells haben allerdings nur die westlichen Staaten geglaubt. Der Rest der Welt hat das Wesen der regelbasierten internationalen Ordnung erkannt und diese nicht akzeptiert, was bereits als F&uuml;hrungsschw&auml;che des Westens im Kontext des globalen Multipolarisierungsprozesses zu verstehen ist.<\/p><p><strong>Internationales Recht<\/strong><\/p><p>Aber selbst die Normen der UNO-Charta wurden seitens der Gro&szlig;m&auml;chte <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136012\">zunehmend selektiv genutzt<\/a> &ndash; auch durch Russland. Man denke nur an die an L&auml;cherlichkeit grenzenden <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137491\">Argumentationen zur territorialen Integrit&auml;t und Souver&auml;nit&auml;t versus Selbstbestimmungsrecht der V&ouml;lker<\/a>:<\/p><p><strong>Externes Selbstbestimmungsrecht versus Souver&auml;nit&auml;t\/territoriale Integrit&auml;t &ndash; zwei Matrizen<\/strong><br>\n<strong>Matrix 1 = Aus westlicher Perspektive<\/strong><\/p><table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"7\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>\n<strong>Souver&auml;nit&auml;t\/<\/strong><br>\n<strong>territoriale Integrit&auml;t Gesamtstaat<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>Externes Selbstbestimmungsrecht<\/strong><br>\n<strong>Gliedstaat od. Volksgruppe<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Slowenien<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Kroatien<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Bosnien-Herzegowina<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Bosnien-Herzegowina Sezessionsinteresse Republika Srpska (serbische Entit&auml;t)<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Makedonien<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Montenegro<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Serbien bleibt &uuml;brig<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Serbien &ndash; Sezession Kosovo (Provinz in S&uuml;dserbien)<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Kosovo &ndash; gew&uuml;nschte Sezession\/R&uuml;ckf&uuml;hrung Nordkosovo (serbisch besiedelt)<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Georgien &ndash; Sezession S&uuml;d-Ossetien<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Georgien &ndash; Sezession Abchasien<\/td>\n<td>\n<strong>-+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Ukraine &ndash; Sezession Ost- und S&uuml;dukraine<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Ukraine &ndash; Sezession Krim<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Spanien &ndash; versuchte Sezession Kataloniens<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p><strong>Matrix 2 = Aus russischer Perspektive<\/strong><\/p><table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"7\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>\n<strong>Souver&auml;nit&auml;t\/<\/strong><br>\n<strong>territoriale Integrit&auml;t Gesamtstaat<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>Externes Selbstbestimmungsrecht<\/strong><br>\n<strong>Gliedstaat od. Volksgruppe<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Slowenien<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Kroatien<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Bosnien-Herzegowina<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Bosnien-Herzegowina Sezessionsinteresse Republika Srpska (serbische Entit&auml;t)<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Makedonien<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Sezession Montenegro<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Jugoslawien &ndash; Serbien bleibt &uuml;brig<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Kroatien &ndash; Sezession Krajina und West-Slawonien<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Serbien &ndash; Sezession Kosovo (Provinz in S&uuml;dserbien)<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Kosovo &ndash; gew&uuml;nschte Sezession\/R&uuml;ckf&uuml;hrung Nordkosovo (serbisch besiedelt)<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Georgien &ndash; Sezession S&uuml;d-Ossetien<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Georgien &ndash; Sezession Abchasien<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Ukraine &ndash; Sezession Ost- und S&uuml;dukraine<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Ukraine &ndash; Sezession Krim<\/td>\n<td>\n<strong>&ndash;<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<strong>+<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Spanien &ndash; versuchte Sezession Kataloniens<\/td>\n<td>\n?\n<\/td>\n<td>\n?\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p>Widerspr&uuml;chlicher und instrumenteller k&ouml;nnten die Argumentationen kaum sein mit Blick auf Jugoslawien\/Republiken als Nachfolgestaaten einerseits und Georgien\/Abchasien und S&uuml;d-Ossetien, die Ukraine\/Ost-Ukraine und Krim, China\/Taiwan oder D&auml;nemark\/Gr&ouml;nland andererseits. Die Rechtsnormen der Souver&auml;nit&auml;t\/territorialen Integrit&auml;t versus Selbstbestimmungsrecht wurden je nach Interessenlage unterschiedlich gewichtet. Und genau dieser missbr&auml;uchliche Umgang mit dem Internationalen Recht sowie letztlich dessen Ersetzungsversuch durch die &bdquo;<em>regelbasierte Internationale Ordnung<\/em>&ldquo; konzediert der kanadische Premierminister so ganz nebenbei.<\/p><p><strong>Postnormatives Zeitalter und die Hobbes&lsquo;schen W&ouml;lfe<\/strong><\/p><p>Das V&ouml;lkerrecht ist weitgehend tot. Die &bdquo;regelbasierte internationale Ordnung&ldquo; des liberalen Westens ist nun auch gescheitert, wie Carney es in seiner Rede einr&auml;umt. Der internationale Naturzustand ist offiziell zur&uuml;ck &ndash; personifiziert durch den US-Pr&auml;sidenten Donald Trump. Der bekannte Staatsphilosoph Thomas Hobbes (1588 &ndash; 1679) pr&auml;gte die Formulierung des <em>&bdquo;homo homini lupus&ldquo;<\/em>, der <em>&bdquo;Mensch ist des Menschen Wolf&ldquo;<\/em>. In seinem ber&uuml;hmten Werk &bdquo;Leviathan&ldquo; formuliert er ein negatives Menschenbild, n&auml;mlich des Menschen, dessen Leidenschaften sein Handeln bestimmen. Die Leidenschaft eines jeden Meschen sei es, genau wie die eines jeden Tieres, zu &uuml;berleben.<\/p><p>Der Mensch unterscheide sich durch das Tier nur dadurch, dass die Leidenschaft durch die Vernunft erg&auml;nzt werde. Diese Vernunft mache den Menschen im Gegensatz zum Tier noch r&auml;uberischer, gef&auml;hrlicher und unberechenbarer, weil der Mensch nicht nur im Augenblick &uuml;berleben will, wie das Tier, sondern sein &Uuml;berleben langfristig plane. Und die beste planbare &Uuml;berlebensstrategie sei es, durch Machtakkumulation andere Menschen zu unterwerfen. <em>&bdquo;Der Mensch ist des Menschen Wolf&ldquo;<\/em>, so Hobbes. Und ist er nicht Wolf, so werde er Hase (<em>homo homini lepus<\/em>). Ob man dieses negative Menschenbild nun teilen mag oder nicht, es ist eine Charakterisierung der menschlichen Natur, die zumindest nicht g&auml;nzlich der empirischen Grundlage entbehrt. Warum sonst gibt es Kriminalit&auml;t, warum sonst verschlie&szlig;en wir nachts die Haus- oder Wohnungst&uuml;r &ndash; etwa, weil wir nur von Hasen umgeben sind?<\/p><p>Und genau deshalb gibt es Staaten, deren konstitutive Aufgabe die Schaffung der inneren Sicherheit ist. Das ist der grundlegende Gesellschaftsvertrag zwischen der Gesellschaft und ihrem Staat. Ein Staat hingegen, der die innere Sicherheit nicht als zentrale Aufgabe versteht, entledigt sich seines Daseinsrechts.<\/p><p>Und die W&ouml;lfe im Sinne Hobbes&lsquo; existieren auch im internationalen Bereich, n&auml;mlich die Staaten. Warum sonst gibt es Kriege? Weil es im Wesentlichen um &ouml;konomische und strategische Interessen geht. Die USA &uuml;berfallen Venezuela, um sich die dortigen Bodensch&auml;tze zu sichern (&ouml;konomisches Motiv) und Russland und China aus der &bdquo;westlichen Hemisph&auml;re&ldquo; zu verdr&auml;ngen (geostrategisches Motiv).<\/p><p>Wenn in der Hobbes&lsquo;schen Weltinterpretation Menschen W&ouml;lfe sind, so sind es auch Staaten, da ihre Staatenlenker Menschen sind. Und Donald Trump verk&ouml;rpert den hungrigen und r&uuml;cksichtslosen Alphawolf wie vermutlich kein anderer Staatenlenker der letzten 80 Jahre.<\/p><p><strong>Gro&szlig;m&auml;chte und Mittelm&auml;chte<\/strong><\/p><p>Die westliche Entwicklung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges folgte einem hegemonialstrukturierten Modell: Die USA f&uuml;hrten politisch, &ouml;konomisch und milit&auml;risch, stellten Westeuropa, und ab den sp&auml;ten 1990er-Jahre auch Teile Osteuropas, unter ihren Schutzschirm. Die Europ&auml;er akzeptierten die absolute Dominanz der USA, sie akzeptierten also den Alphawolf USA im gemeinsamen Rudel. Im Gegenzug konnte sich Europa &ouml;konomisch entwickeln. Die EU steht f&uuml;r die &ouml;konomische Integration und den Erfolg &ndash; zumindest bis vor wenigen Jahren &ndash;, die US-gef&uuml;hrte NATO steht f&uuml;r die Sicherheit &ndash; zumindest f&uuml;r das, was sie als Sicherheit betrachtete. Die Europ&auml;er akzeptierten auch die V&ouml;lkerrechtsbr&uuml;che des Alphawolfs, sei es Regime Change oder auch umfassende Kriege wie Vietnam, Jugoslawien, Irak oder Libyen.<\/p><p>Insgesamt seien es seit Ende des Kalten Krieges allein 251 milit&auml;rische Unternehmungen, so eine Studie des US-Kongresses (zitiert nach Jonas T&ouml;gel, &bdquo;Kognitive Kriegsf&uuml;hrung&ldquo;). Bisweilen beteiligten sich die Europ&auml;er auch aktiv, &uuml;bernahmen eins zu eins das Rechtfertigungswording aus Washington, um aus einem offensichtlichen V&ouml;lkerrechtsbruch einen lupenreinen rechtskonformen und altruistischen Akt herbeizufabulieren. Und wenn europ&auml;ische Staaten, wie im Falle Irak 2003, nicht mitziehen wollten, wurden sie nicht nur von den USA gema&szlig;regelt (&bdquo;altes Europa&ldquo;), sondern auch von den europ&auml;ischen Partnerstaaten kritisiert. Wenn nun von einem &bdquo;Bruch&ldquo; gesprochen wird, wie es beispielsweise Mark Carney in Davos formuliert hat, so sind damit faktisch zwei Ebenen gemeint, die wegbrechen.<\/p><ol>\n<li>Der US-Pr&auml;sident legt als Alphawolf, um bei der Hobbes&lsquo;schen Begrifflichkeit zu bleiben, den allzu strapazierten Schafspelz beiseite. Er formuliert ganz klar in Anlehnung an die (neo-)realistischen Theorie seine Interessen und deren Durchsetzungsabsichten unter Androhung oder gar Anwendung von Gewalt. Seine Vorg&auml;nger hingegen trugen demonstrativ den Schafspelz (V&ouml;lkerrecht, regelbasierte Ordnung und Werte). Die Europ&auml;er wiederum schl&uuml;pften unter diesen Schafspelz, um ihre Interessen gewisserma&szlig;en trittbrettfahrend und nach au&szlig;en hin moralisch integer verfolgen zu k&ouml;nnen. Mit Trumps Ablegen des Schafspelzes entf&auml;llt all das &ndash; inklusive der gern formulierten wertebasierten Au&szlig;enpolitik. Und nichts weniger erkl&auml;rt der kanadische Premierminister in seiner Rede in Davos, so ganz nebenbei.<\/li>\n<li>Der Alphawolf beginnt, sein eigenes Rudel zu fressen, weil er glaubt, er k&ouml;nne es. Egal, wie eine Gr&ouml;nlandregelung letztlich ausschauen wird, sie wird die Handschrift Trumps tragen. Und die Europ&auml;er werden sich nur noch um eine gesichtswahrende Formulierung bem&uuml;hen.<\/li>\n<\/ol><p>Und hier kommt Carneys eigentliche, durchaus kluge Botschaft seiner Rede ins Spiel: <em>&bdquo;Mittelm&auml;chte m&uuml;ssen gemeinsam handeln, denn wenn Du nicht mit am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte.&ldquo;<\/em> Er ruft aber nicht nur nach einer Koalition der Mittelm&auml;chte gegen die Gro&szlig;m&auml;chte auf, sondern flexibilisiert die Au&szlig;enpolitik, indem er sich gegen monolithisches Blockdenken wendet: <em>&bdquo;Um globale Probleme zu l&ouml;sen, verfolgen wir die &sbquo;variable Geometrie&lsquo; &ndash; unterschiedliche Koalitionen f&uuml;r unterschiedliche Themen, basierend auf Werten und Interessen.&ldquo;<\/em> Dementsprechend verk&uuml;ndet er: <em>&bdquo;In den letzten Tagen haben wir neue strategische Partnerschaften mit China und Katar abgeschlossen.&ldquo;<\/em><\/p><p>Ob die Europ&auml;er diesen klugen strategischen Neuansatz Carneys &uuml;berhaupt kapieren und erst recht auch umzusetzen versuchen, wage ich zu bezweifeln. Die ersten europ&auml;ischen Staaten laufen bereits wieder in die Arme Trumps:<\/p><p>Der in Davos von US-Pr&auml;sident Trump ausgerufene und unter seiner auf Lebenszeit alleinigen Leitung gegr&uuml;ndete &bdquo;Friedensrat&ldquo;, der de facto die UNO ersetzen soll, hat bereits <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/internationales\/kanada-nun-wieder-ausgeladen-auffallend-viele-autokratische-staaten-wollen-bei-trumps-friedensrat-mitmachen-15167503.html\">erste Zusagen und sogar Beitrittsstaaten<\/a>. Darunter sind die EU-Staaten Ungarn und Bulgarien sowie der EU-Beitrittskandidat Albanien und das EU- und NATO-Protektorat Kosovo. So wird das nichts mit einem starken Europa. Die EU und die westeurop&auml;ischen F&uuml;hrungsnationen schauen derweil wie ein Kaninchen auf die Schlange &ndash; geschockt vom neuesten Coup des Alphawolfs, der sein Rudel ratlos und in Angstzust&auml;nden zur&uuml;ckl&auml;sst. Vermutlich werden Berlin, Paris und London sich gen&ouml;tigt sehen, auf den Trump-Zug sp&auml;testens dann aufzuspringen, wenn Italien unter der F&uuml;hrung Giorgia Melonis die Seiten wechselt.<\/p><p>Wir sind wahrlich Zeitzeugen eines weltpolitischen Umbruchs, dessen Ende wir noch nicht erkennen k&ouml;nnen &ndash; ein Umbruch, der weit &uuml;ber den Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges hinausgeht.<\/p><p><small>Titelbild: Morphart Creation\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/6c25e4e043694f50845fd6c70fd2c36d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Gipfel in Davos erkl&auml;rte der kanadische Premierminister Mark Carney, die alte Ordnung, in der der Westen den Rest der Welt durch eine suggerierte Rechtsordnung &ndash; die omin&ouml;se &bdquo;regelbasierte internationale Ordnung&ldquo; &ndash; dominiere, sei vor&uuml;ber. Die Feststellung des Wesensmerkmals dieser &bdquo;regelbasierten internationalen Ordnung&ldquo; ist an sich f&uuml;r den interessierten Beobachter internationaler Politik zwar keine<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145397\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":145398,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,126,205],"tags":[3212,3360,3621,1426,2529,2175,3125,1800,3438,1556,1703],"class_list":["post-145397","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-doppelte-standards","tag-europaeische-union","tag-friedensrat","tag-hegemonie","tag-imperialismus","tag-interventionspolitik","tag-regelbasierte-ordnung","tag-trump-donald","tag-un-charta","tag-usa","tag-voelkerrecht"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/shutterstock_445154257.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145397","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=145397"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":145425,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145397\/revisions\/145425"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/145398"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=145397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=145397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=145397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}