{"id":145805,"date":"2026-02-04T10:00:55","date_gmt":"2026-02-04T09:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145805"},"modified":"2026-02-04T10:44:01","modified_gmt":"2026-02-04T09:44:01","slug":"us-garantien-fuer-deutschland-sind-ein-bluff-dmitri-trenin-im-exklusivinterview-ueber-die-neue-nukleare-aera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145805","title":{"rendered":"\u201eUS-Garantien f\u00fcr Deutschland sind ein Bluff\u201c \u2013 Dmitri Trenin im Exklusivinterview \u00fcber die neue nukleare \u00c4ra"},"content":{"rendered":"<p>Es ist der Tag, an dem die diplomatischen Leitplanken fallen: Mit dem Ende des New-START-Vertrages &uuml;ber die Verringerung strategischer Atomwaffen am 5. Februar 2026 beginnt eine neue, unberechenbare Zeitrechnung. Im Exklusivinterview mit <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> spricht der renommierte russische Politologe <strong>Dmitri Trenin<\/strong> &uuml;ber die &bdquo;nukleare Ern&uuml;chterung&ldquo; des Westens. Er erkl&auml;rt, warum die Arktis f&uuml;r Moskau heute wichtiger ist als Europa und warum die Stationierung von US-Raketen in Deutschland die Bundesrepublik zum vorrangigen Zielgebiet macht. Ein Weckruf &uuml;ber das Ende der Vers&ouml;hnung und die R&uuml;ckkehr der nackten Logik des St&auml;rkeren.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Eacute;va P&eacute;li: Dmitri Witaljewitsch, mit dem Auslaufen des New-START-Vertrags (auch START III genannt) am 5. Februar bricht das letzte Fundament der globalen R&uuml;stungskontrolle weg. In Ihrem j&uuml;ngsten Artikel beschreiben Sie die Strategie Washingtons als zynisch und zugleich entlarvend offen. Erleben wir gerade den Moment, in dem die Maske der diplomatischen Vertr&auml;ge f&auml;llt und durch eine nackte &bdquo;Architektur der Gewalt&ldquo; ersetzt wird, in der nur noch die Logik des St&auml;rkeren z&auml;hlt?<\/strong><\/p><p><strong>Dmitri Trenin:<\/strong> Die &Auml;ra der R&uuml;stungskontrolle ist nicht wegen US-Pr&auml;sident Donald Trump zu Ende gegangen. Ihr Ende war bereits vor einigen Jahren absehbar, als Joseph Biden noch Pr&auml;sident der USA war. Hierbei spielten mehrere Faktoren eine Rolle:<\/p><p>Geopolitische Faktoren:<\/p><ol>\n<li>Die strategische Expansion Chinas: Dies geschieht in einer Zeit, in der Washingtons Au&szlig;enpolitik gegen&uuml;ber Peking auf harten Antagonismus und gegen&uuml;ber Moskau auf einen direkten Konfrontationskurs umgeschaltet hat.<\/li>\n<li>Die Eskalation in Europa: Wir erleben eine massive Versch&auml;rfung der Beziehungen Russlands zu den beiden &bdquo;kleinen&ldquo; europ&auml;ischen Atomm&auml;chten &ndash; Gro&szlig;britannien und Frankreich. Deren Arsenale blieben im Rahmen der bisherigen R&uuml;stungskontrolle unber&uuml;cksichtigt, stehen nun aber am Rande eines &bdquo;hei&szlig;en Krieges&ldquo;.<\/li>\n<li>Neue strategische Dreiecke: Die Weltordnung hat sich von der bipolaren Struktur gel&ouml;st. Wir sehen die Herausbildung komplexer Dreiecksbeziehungen wie Russland&ndash;USA&ndash;China sowie China&ndash;Indien&ndash;Pakistan.<\/li>\n<\/ol><p>Technologische Faktoren:<\/p><ol>\n<li>Nicht-nukleare strategische Waffen: Das Aufkommen konventioneller Pr&auml;zisionswaffen, die heute bereits strategische Funktionen erf&uuml;llen k&ouml;nnen, ver&auml;ndert das Kalk&uuml;l grundlegend.<\/li>\n<li>Das Ende des ABM-Vertrags: Washingtons Ausstieg aus dem Vertrag &uuml;ber Raketenabwehrsysteme und die konsequente Weiterentwicklung dieser Technologien haben das Gleichgewicht destabilisiert.<\/li>\n<li>Neue Dom&auml;nen der Kriegsf&uuml;hrung: Die Entwicklung von Cyberwaffen und die drohende Stationierung von Waffensystemen im Weltraum entziehen sich den alten Kontrollmechanismen.<\/li>\n<\/ol><p>Entsprechend greift die alte Formel bilateraler, rein numerischer Begrenzungen f&uuml;r strategische Tr&auml;gersysteme und Sprengk&ouml;pfe zu kurz. Dar&uuml;ber hinaus hat das bilaterale Verh&auml;ltnis zwischen Moskau und Washington heute schlicht nicht mehr die zentrale Bedeutung, die ihm noch in den Jahren des Kalten Krieges zukam.<\/p><p><strong>Wie kam es zu dieser Situation, dass heute kein einziger Abr&uuml;stungs- oder R&uuml;stungskontrollvertrag zwischen Washington und Moskau mehr besteht? Ist die Welt damit dem Atomkrieg wieder n&auml;hergekommen?<\/strong><\/p><p>Nach dem Ende des Kalten Krieges entwickelten sich die Beziehungen zwischen Russland und den USA zunehmend asymmetrisch. In Washington begann man, vertragliche Verpflichtungen gegen&uuml;ber einem Land als belastend zu empfinden, das f&uuml;r die USA kein ebenb&uuml;rtiger Rivale mehr zu sein schien.<\/p><p>Dieser schleichende Erosionsprozess vollzog sich in mehreren Etappen:<\/p><ol>\n<li>2002: Die Regierung von George W. Bush k&uuml;ndigte den ABM-Vertrag (&uuml;ber Raketenabwehrsysteme).<\/li>\n<li>2019: Donald Trump stieg aus dem INF-Vertrag (&uuml;ber Mittel- und Kurzstreckenraketen) aus.<\/li>\n<li>2020: Es folgte der Austritt aus dem Vertrag &uuml;ber den Offenen Himmel (<em>Open Skies<\/em>).<\/li>\n<\/ol><p>Zwar wurde der START-III-Vertrag (New START) im Jahr 2021 noch einmal um f&uuml;nf Jahre verl&auml;ngert, doch die Politik der Biden-Administration nach Beginn der &bdquo;milit&auml;rischen Spezialoperation&ldquo; zwang Wladimir Putin dazu, Russlands Teilnahme an diesem Abkommen auszusetzen. Einen Vorschlag Putins vom Herbst 2025, die Beschr&auml;nkungen von START-III nach dem offiziellen Auslaufen im Februar 2026 zumindest f&uuml;r ein weiteres Jahr informell einzuhalten, lehnte Trump schlie&szlig;lich ab.<\/p><p>Infolgedessen gibt es im Bereich der strategischen Nuklearwaffen zum ersten Mal seit 1972 keinerlei vertragliche Beschr&auml;nkungen mehr. Bedeutet dies zwangsl&auml;ufig, dass wir unmittelbar vor einem Atomkrieg stehen? Nicht unbedingt. Aber das Fehlen jeglicher Leitplanken schafft strategische Ungewissheit, sch&uuml;rt gegenseitiges Misstrauen und treibt die Modernisierung sowie die Anh&auml;ufung von Atomwaffen massiv voran. Inmitten des bereits entbrannten Kampfes der Gro&szlig;m&auml;chte um eine neue Weltordnung birgt dieses Vakuum zweifellos zus&auml;tzliche, unkalkulierbare Risiken.<\/p><p><strong>Sie rufen zur &bdquo;nuklearen Ern&uuml;chterung&ldquo; des Westens auf. Wenn Washington unter Donald Trump jedoch massiv auf den &bdquo;Golden Dome&ldquo; &ndash; einen hochmodernen Raketenabwehrschild &ndash; setzt, bleibt Russland dann ein anderer Weg als die massive Aufstockung seiner Arsenale, um die USA in die Realit&auml;t der gegenseitigen Verwundbarkeit zur&uuml;ckzuholen?<\/strong><\/p><p>Wenn die USA konsequent den Weg eines nationalen Raketenabwehrsystems beschreiten, ist Russland gezwungen, im Rahmen seiner Strategie der nuklearen Abschreckung und Einsch&uuml;chterung noch intensiver an Mitteln zur &Uuml;berwindung dieses Schildes zu arbeiten.<\/p><p>Dabei stehen Moskau zwei strategische Wege offen:<\/p><ol>\n<li>Quantitative Aufstockung: Eine schlichte Erh&ouml;hung der Anzahl an interkontinentalen ballistischen Raketen (ICBMs) und U-Boot-gest&uuml;tzten Raketen (SLBMs), um das Abwehrsystem durch schiere Masse zu &uuml;bers&auml;ttigen und zu &uuml;berwinden.<\/li>\n<li>Qualitative Entwertung: Die Entwicklung von Technologien, die eine ballistische Abwehr technisch wirkungslos machen.<\/li>\n<\/ol><p>An diesen qualitativen L&ouml;sungen wird in Russland bereits intensiv gearbeitet, seit Washington den ABM-Vertrag einseitig verlassen hat. Ziel ist es, sicherzustellen, dass kein &bdquo;Golden Dome&ldquo; der Welt einen vollst&auml;ndigen Schutz bietet und somit die strategische Stabilit&auml;t durch das Prinzip der garantierten gegenseitigen Zerst&ouml;rung erhalten bleibt.<\/p><p><strong>Washington ist bestrebt, die Kontrolle &uuml;ber Gr&ouml;nland zu festigen. Wird die Arktis vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs von START-III zum Hauptschauplatz der nuklearen Konfrontation &ndash; und damit f&uuml;r Russland wichtiger als Europa?<\/strong><\/p><p>Die Arktis ist eine Region, deren Bedeutung f&uuml;r Russland seit Beginn des 21. Jahrhunderts stetig zunimmt, w&auml;hrend die Relevanz Europas in den letzten Jahren drastisch gesunken ist. Einen direkten Zusammenhang mit dem Schicksal des START-III-Vertrags sehe ich hier allerdings nicht.<\/p><p>Was die milit&auml;rische Bedeutung Gr&ouml;nlands im Kontext der strategischen Beziehungen zwischen Washington und Moskau betrifft, so hat sich im letzten Jahr nichts Wesentliches ver&auml;ndert. Die USA verf&uuml;gten bereits vor der &Auml;ra Trump &uuml;ber alle M&ouml;glichkeiten zur milit&auml;rischen Nutzung Gr&ouml;nlands; die Notwendigkeit, dort neue Raketenst&uuml;tzpunkte zu errichten, sehen amerikanische Strategen derzeit nicht.<\/p><p>F&uuml;r Russland hingegen ist die Arktis seit Langem eine existenzielle Bastion. Hier befinden sich:<\/p><ol>\n<li>die Hauptst&uuml;tzpunkte f&uuml;r U-Boot-gest&uuml;tzte ballistische Raketen,<\/li>\n<li>strategische Luftwaffenst&uuml;tzpunkte,<\/li>\n<li>das Atomtestgel&auml;nde auf Nowaja Semlja.<\/li>\n<\/ol><p>Diese St&uuml;tzpunkte stehen naturgem&auml;&szlig; ganz oben auf der Zielliste unserer Gegner. Zudem verlaufen &uuml;ber die Arktis die hypothetischen Flugbahnen fast aller strategischen Interkontinentalraketen.<\/p><p><strong>Deutsche Politiker weisen st&auml;ndig auf Kaliningrad und die dort stationierten russischen Raketen hin. Wird diese Region im Kontext Ihres Konzepts der &bdquo;nuklearen Ern&uuml;chterung&ldquo; zur wichtigsten Basis f&uuml;r Systeme, die dazu bestimmt sind, die Angst in die europ&auml;ischen Hauptst&auml;dte zur&uuml;ckzubringen?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst muss man verstehen: Das Gebiet Kaliningrad ist eine Exklave und damit eine geopolitisch &auml;u&szlig;erst verwundbare Region Russlands. In gewisser Weise l&auml;sst sich ihre Lage mit der Situation West-Berlins w&auml;hrend des Kalten Krieges vergleichen. Jegliche Versuche der NATO-Staaten, Kaliningrad zu blockieren, russische Objekte in der Region anzugreifen oder das Territorium gar zu besetzen, w&uuml;rden zu &bdquo;verheerenden Gegenschl&auml;gen&ldquo; f&uuml;hren. Der Einsatz von Atomwaffen wird in diesem Fall eher vorausgesetzt als nur nicht ausgeschlossen.<\/p><p>Sollte sich die Situation in Europa qualitativ verschlechtern und die NATO-Staaten noch tiefer und unmittelbar in den Ukraine-Konflikt hineingezogen werden, k&ouml;nnte Russland die Entscheidung treffen, Schl&auml;ge &ndash; auch nukleare &ndash; gegen das Territorium dieser L&auml;nder zu f&uuml;hren. Die Reichweite der russischen Systeme erlaubt dies von verschiedensten Positionen aus. Kaliningrad ist keineswegs der einzige Ausgangspunkt f&uuml;r solche Schl&auml;ge, aber die Region ist von Berlin, Warschau und Stockholm aus gewisserma&szlig;en &bdquo;gut sichtbar&ldquo;. Die Stationierung bestimmter Systeme dort kann daher eine sehr ern&uuml;chternde Wirkung entfalten.<\/p><p><strong>Berlin bereitet sich auf die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen ab 2026 vor. Wenn START-III nicht mehr existiert und die USA im Ernstfall z&ouml;gern sollten, ihre &bdquo;Mitl&auml;ufer-Verb&uuml;ndeten&ldquo; zu sch&uuml;tzen &ndash; wird Deutschland dann zur direkten Zielscheibe f&uuml;r Pr&auml;ventivschl&auml;ge, ohne reale Sicherheitsgarantien aus Washington zu haben?<\/strong><\/p><p>Ich pers&ouml;nlich bedauere den Kurs zutiefst, den die deutsche F&uuml;hrungselite seit Beginn der 2010er-Jahre gegen&uuml;ber Russland eingeschlagen hat. Dieser Kurs hat die einzigartige historische Vers&ouml;hnung zwischen Russen und Deutschen zerst&ouml;rt &ndash; ein Erbe, das nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere durch Moskaus Zustimmung zur Wiedervereinigung und den Truppenabzug aus der DDR m&uuml;hsam aufgebaut wurde. Heute hat sich die Bundesrepublik &ndash; die wir in Russland jetzt immer h&auml;ufiger wieder als &bdquo;BRD&ldquo; bezeichnen, wie im Kalten Krieg &ndash; vom engsten Partner zum Hauptgegner in Kontinentaleuropa gewandelt. Jenen Kr&auml;ften au&szlig;erhalb des Kontinents, die Deutsche und Russen schon immer gegeneinander aufhetzen wollten, ist ihr Ziel nun greifbar nah.<\/p><p>Man muss es klar sagen: Die US-Garantien f&uuml;r Deutschland sind ein Bluff. Schon im Kalten Krieg war offensichtlich, dass Washington niemals Chicago f&uuml;r Hamburg opfern w&uuml;rde. Damalige NATO-Szenarien sahen nukleare Schl&auml;ge prim&auml;r auf dem Territorium der DDR und der BRD vor. Heute ist der Mythos vom &bdquo;Garantiecharakter&ldquo; des Artikels 5 endg&uuml;ltig zerstreut. Auch ein hypothetischer Versuch Berlins, eigene Atomwaffen zu erlangen, w&uuml;rde unweigerlich in einer nationalen Katastrophe enden.<\/p><p>Sollte es zu einer direkten Konfrontation zwischen der NATO und Russland kommen, wird Deutschland ein Priorit&auml;tsziel f&uuml;r russische Schl&auml;ge sein. Das Traurigste f&uuml;r die Deutschen k&ouml;nnte dabei sein, dass sich in diesem Fall nicht nur niemand f&uuml;r sie einsetzen, sondern sie auch niemand bedauern wird. Die deutsche F&uuml;hrungselite muss &ndash; bevor es zu sp&auml;t ist &ndash; die Lage n&uuml;chtern betrachten. Es geht nicht mehr nur um Sicherheit, sondern um die blo&szlig;e Existenz des eigenen Landes. Ob sie zu dieser Einsicht noch f&auml;hig ist, bleibt die entscheidende Frage.<\/p><p><strong>Washington besteht kategorisch auf einer Beteiligung Pekings an k&uuml;nftigen Abr&uuml;stungsvertr&auml;gen. Ist eine neue Sicherheitsarchitektur im Jahr 2026 ohne China &uuml;berhaupt noch denkbar, oder sind wir zu einem chaotischen Wettr&uuml;sten zwischen drei Gro&szlig;m&auml;chten verdammt?<\/strong><\/p><p>Soweit ich die Strategie Pekings verstehe, strebt China zun&auml;chst eine milit&auml;rstrategische Parit&auml;t mit den USA an. Erst wenn dieses Gleichgewicht erreicht ist, wird Peking bereit sein, mit Washington auf Augenh&ouml;he zu verhandeln. Wir werden daher weder 2026 noch in den unmittelbar folgenden Jahren ein chinesisch-amerikanisches &bdquo;SALT-I&ldquo; oder &bdquo;START-I&ldquo; erleben.<\/p><p>In absehbarer Zeit werden die drei f&uuml;hrenden Milit&auml;rm&auml;chte der Welt &ndash; die USA, Russland und China &ndash; ihre Nuklearpotenziale konsequent modernisieren und ausbauen. Dasselbe gilt f&uuml;r die sechs anderen Atomm&auml;chte. Wir m&uuml;ssen der Realit&auml;t ins Auge blicken: Eine multipolare Welt ist zwangsl&auml;ufig auch eine multipolare nukleare Welt.<\/p><p><strong>Ist auf den Ruinen des R&uuml;stungskontrollsystems &uuml;berhaupt noch Platz f&uuml;r einen neuen &bdquo;Deal&ldquo; zwischen Putin und Trump? Oder werden auf Jahre hinaus die taktisch-technischen Daten von Raketen die einzige Sprache bleiben, die Moskau und Washington noch sprechen?<\/strong><\/p><p>Ich bezweifle stark, dass Donald Trump die Kontrolle &uuml;ber nuklearstrategische R&uuml;stungen als eine Priorit&auml;t betrachtet. Wir m&uuml;ssen uns darauf einstellen, dass die gegenseitige nukleare Abschreckung zwischen Moskau und Washington in einen Zustand zur&uuml;ckf&auml;llt, wie wir ihn vor 1972 kannten &ndash; eine &Auml;ra, in der sie ohne jegliche vertragliche Beschr&auml;nkungen erfolgte.<\/p><p><strong>Im Oktober 2025, als wir uns in Moskau getroffen haben, wirkte die Lage bereits zugespitzt. Heute, im Jahr 2026, scheint in Davos und Washington f&ouml;rmlich mit der Angst &bdquo;gehandelt&ldquo; zu werden. Doch haben Sie nicht die Bef&uuml;rchtung, dass in dieser Atmosph&auml;re des hybriden Krieges eine Immunit&auml;t gegen die Angst entstanden ist? Wenn die Eliten den heilsamen Respekt vor dem Abgrund verlieren &ndash; l&auml;uft Ihre Strategie der &bdquo;nuklearen Ern&uuml;chterung&ldquo; dann nicht ins Leere? Was sagen Sie den Menschen in Deutschland, die es leid sind, in st&auml;ndiger Furcht zu leben?<\/strong><\/p><p>Nach meiner Beobachtung floriert der Handel mit der Angst heute besonders in Berlin, London, Paris und Br&uuml;ssel. Dort wird unerm&uuml;dlich das Gespenst einer russischen Invasion in die NATO-Staaten beschworen; man hantiert sogar mit konkreten Daten. Das ist schlichtweg eine L&uuml;ge &ndash; aber sie findet rei&szlig;enden Absatz.<\/p><p>Von einer &bdquo;Immunit&auml;t&ldquo; gegen diese Angst kann keine Rede sein. Vielmehr erf&uuml;llt diese gezielte Desinformation einen klaren Zweck: Sie sichert den Machterhalt einer politisch bankrotten Elite, zementiert die br&ouml;ckelnde Einheit der EU und dient als Motor f&uuml;r eine Militarisierung der Wirtschaft, die als eine Art &bdquo;Reset&ldquo; missbraucht wird.<\/p><p>Das eigentliche Paradoxon liegt jedoch tiefer: Diejenigen, die diese Bedrohungsszenarien am lautesten vermarkten, glauben selbst nicht an sie. In der Folge haben sie den heilsamen Respekt vor einem realen Krieg verloren. Indem sie eine k&uuml;nstliche, rein instrumentelle Furcht sch&uuml;ren, berauben sie sich selbst jener rettenden Angst, die allein vor den nuklearen Konsequenzen f&uuml;r ihre eigenen L&auml;nder sch&uuml;tzen k&ouml;nnte.<\/p><p>Diese modernen Eliten erinnern an die Funktion&auml;re der Komintern: Die eigene Heimat bedeutet ihnen nichts &ndash; sie sind bereit, sie dem nuklearen Abgrund zu opfern. Getrieben werden sie einzig von einer transnationalen liberalen Idee, die in ihren Augen &uuml;ber der blo&szlig;en Existenz von Nationen steht.<\/p><p><em>Zur Person: <strong>Dmitri Witaljewitsch Trenin<\/strong> (*1955) ist ein f&uuml;hrender russischer Experte f&uuml;r Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik. Er ist wissenschaftlicher Direktor am Institut f&uuml;r Milit&auml;rwirtschaft und Strategie der Nationalen Forschungsuniversit&auml;t Higher School of Economics (HSE) in Moskau sowie leitender Forscher am IMEMO der Russischen Akademie der Wissenschaften. Zuvor leitete er von 2008 bis 2022 das Carnegie Moscow Center. Trenin ist Oberst a. D. und diente 21 Jahre lang in den sowjetischen und russischen Streitkr&auml;ften, unter anderem als Verbindungsoffizier in Potsdam und West-Berlin. Er ist Autor zahlreicher Standardwerke zur russischen Geopolitik.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: &copy; Tilo Gr&auml;ser<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/20b6ce0ddc23431b99a47689f99679c2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der Tag, an dem die diplomatischen Leitplanken fallen: Mit dem Ende des New-START-Vertrages &uuml;ber die Verringerung strategischer Atomwaffen am 5. Februar 2026 beginnt eine neue, unberechenbare Zeitrechnung. Im Exklusivinterview mit <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> spricht der renommierte russische Politologe <strong>Dmitri Trenin<\/strong> &uuml;ber die &bdquo;nukleare Ern&uuml;chterung&ldquo; des Westens. 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