{"id":145811,"date":"2026-02-04T11:04:41","date_gmt":"2026-02-04T10:04:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145811"},"modified":"2026-02-04T14:01:28","modified_gmt":"2026-02-04T13:01:28","slug":"willig-und-billig-hiwis-sind-die-aermsten-schweine-im-unibetrieb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145811","title":{"rendered":"Willig und billig: Hiwis sind die \u00e4rmsten Schweine im Unibetrieb"},"content":{"rendered":"<p>Sie sind jung, angehende Akademiker und werden systematisch ausgebeutet. In der laufenden Tarifrunde des &ouml;ffentlichen Dienstes der L&auml;nder geht es auch um einen bundesweiten Tarifvertrag f&uuml;r studentische Besch&auml;ftigte an den Hochschulen. Die Gewerkschaften machen Druck, Betroffene streiken, aber die L&auml;nder blockieren. Und Berlin zeigt, wo es langgeht. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5547\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-145811-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260204-Hiwis-Unibetrieb-willig-und-billig-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260204-Hiwis-Unibetrieb-willig-und-billig-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260204-Hiwis-Unibetrieb-willig-und-billig-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260204-Hiwis-Unibetrieb-willig-und-billig-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=145811-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260204-Hiwis-Unibetrieb-willig-und-billig-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260204-Hiwis-Unibetrieb-willig-und-billig-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Immerhin: Am Tisch der Gro&szlig;en d&uuml;rfen sie schon sitzen. Beim aktuellen Tarifstreit im &ouml;ffentlichen Dienst der L&auml;nder mischt eine Gruppe mit, von der wohl so mancher nicht einmal wei&szlig;, dass es sie gibt. Die Rede ist von studentischen Besch&auml;ftigten. Dabei handelt es sich um Studierende, die in der Mehrzahl als sogenannte Hilfskr&auml;fte in so ziemlich jedem Bereich an Deutschlands Hochschulen ihre Arbeit tun: Sie bet&auml;tigen sich als Tutor, Laborant, Bibliotheksaufsicht, bereiten Seminare vor, betreuen Datenbanken, organisieren Exkursionen, redigieren Texte, korrigieren Klausuren, beschaffen B&uuml;cher, pflegen Webseiten, warten die Technik, sie archivieren, recherchieren und programmieren. Eigentlich erledigen sie so ziemlich alles, was n&ouml;tig ist, damit der akademische Betrieb schnurrt. T&auml;ten sie es nicht, m&uuml;sste die Uni schon morgen dichtmachen. Und obwohl sie den Motor am Laufen halten, werden sie behandelt wie das f&uuml;nfte Rad am Wagen.<\/p><p>Es hat sich inzwischen herumgesprochen: Wer einen sicheren Job mit Zukunft bei ordentlicher Verg&uuml;tung sucht, ist im staatlichen Wissenschaftsbetrieb fehl am Platz. Sp&auml;testens mit dem Aufkommen der Graswurzelbewegung <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/de\/magazin-mitbestimmung-2744-ich-bin-hanna-41520.htm\">&bdquo;#IchBinHanna&ldquo;<\/a> vor bald f&uuml;nf Jahren hat die &Ouml;ffentlichkeit eine Ahnung davon, wie rabiat an hiesigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Umgang mit Nachwuchswissenschaftlern ist. Gro&szlig;e Teile des hauptberuflichen Personals im sogenannten Mittelbau &auml;chzen unter <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59273\">bedr&uuml;ckenden Arbeits- und Lohnbedingungen<\/a>, werden mit Kurzzeit- und Kettenvertr&auml;gen kleingehalten, schieben unbezahlte &Uuml;berstunden und leben in st&auml;ndiger Angst, die Anstellung zu verlieren. Das Problem &ndash; in Gestalt des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) &ndash; steht seit etlichen Jahren auf der Regierungsagenda. Eine L&ouml;sung wird allerdings immer wieder verschleppt.<\/p><p><strong>Sachmittel, kein Personal<\/strong><\/p><p>Dasselbe Muster zeigt sich nun bei studentisch Besch&auml;ftigten. Sie stehen noch eine Stufe tiefer und damit ganz unten in der Nahrungskette, und sie hatten lange Zeit gar keine Lobby. Das liegt auch daran, dass der Apparat sie bevorzugt &bdquo;unsichtbar&ldquo; macht. Tats&auml;chlich werden die Betroffenen vielfach unter Sachmitteln gef&uuml;hrt, nicht unter dem Posten Personal. Um wie viele es geht, ist deshalb schwer zu sagen. Das Statistische Bundesamt hatte sie 2021 mit 160.000 beziffert, realistischer sind 300.000 bis hin zu 400.000 Personen. Die Sch&auml;tzung stammt aus einer Anfang 2023 ver&ouml;ffentlichten Studie des Instituts f&uuml;r Arbeit und Wirtschaft (IAW) an der Universit&auml;t Bremen. Die durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di beauftragte Untersuchung mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.iaw.uni-bremen.de\/f\/a515fbddae.pdf\">&bdquo;Jung, akademisch, prek&auml;r&ldquo;<\/a> beruht auf einer Umfrage unter 11.000 studentischen Besch&auml;ftigten und beleuchtete erstmalig einen bis dahin weitgehend blinden Fleck der hochschulinternen Arbeitswelt.<\/p><p>Die Ergebnisse sprechen B&auml;nde: Die jungen Leute werden mehrheitlich schlecht bezahlt, hangeln sich oft von einem Arbeitsvertrag zum n&auml;chsten, viele nehmen ihren Urlaubsanspruch nicht wahr, leisten massenhaft unbezahlte Mehrarbeit oder arbeiten Krankheitstage nach. Dies alles geschieht in einem Umfeld, das sie von Mitbestimmungsm&ouml;glichkeiten weitgehend ausschlie&szlig;t und &bdquo;in dem grundlegende Arbeitsrechtsverst&ouml;&szlig;e die Regel sind statt die Ausnahme&ldquo;. St&auml;ndig leisteten sie Aufgaben, &bdquo;die rechtlich in den Verantwortungsbereich des technischen oder administrativen Personals fallen&ldquo; und nach dem Tarifvertrag f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Dienst der L&auml;nder (TV-L) entlohnt werden m&uuml;ssten. Die Rektoren sch&auml;tzen an den Hilfskr&auml;ften vor allem, dass sie disponibel sind und billig. Ihrer Dienste bedienen sie sich gerne, ihre Interessen interessieren nicht.<\/p><p><strong>Berlin macht&lsquo;s vor<\/strong><\/p><p>Aber es bewegt sich etwas. 2019 trat die bundesweite Kampagne TVStud auf den Plan, eine Initiative von Aktiven aus inzwischen mehr als 40 St&auml;dten, die f&uuml;r einen deutschlandweit einheitlichen Tarifvertrag f&uuml;r studentische Besch&auml;ftigte k&auml;mpft. Impulsgeber war 2018 ein Durchbruch in Berlin, wo Studierende nach 41 Tagen Streik den TVStud III durchsetzen konnten. Der brachte eine einschneidende Verbesserung: die Kopplung an den TV-L und damit turnusm&auml;&szlig;ig und prozentual im gleichen Ma&szlig;e steigende Stundenentgelte f&uuml;r studentische Hilfskr&auml;fte, Assistenten und Tutoren. Eine Ausnahmeerscheinung war die Hauptstadt lange davor. Ein gesonderter Tarifvertrag existiert dort schon seit 1980 und wurde bisher zweimal erneuert. Der Lohn: An der Spree verdienen studentische Besch&auml;ftigte mehr Geld, haben die meisten vertraglich vereinbarten Arbeitsstunden, m&uuml;ssen sich seltener in einem weiteren Job verdingen und profitieren von den mit gro&szlig;em Abstand l&auml;ngsten Vertragslaufzeiten (14,1 Monate).<\/p><p>Das ist noch weit entfernt von pr&auml;chtig versorgt und rundum zufrieden, aber eben auch kein &bdquo;Sachmittel&ldquo; mehr, mit dem sich nach Gutsherrenart wirtschaften lie&szlig;e. W&auml;hrend andernorts Entgelte von bestenfalls knapp &uuml;ber Mindestlohn g&auml;ngig sind, die durch unbezahlte &Uuml;berstunden und andere Fallstricke noch gedr&uuml;ckt werden, erhalten die Berliner <a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/informationen-fuer\/beschaeftigte\/aktuelles\/news\/251216-erhoehung-studentische-entgelte\/index.html\">seit Jahresbeginn real 15,08 Euro pro Stunde<\/a>, also fast 8,5 Prozent mehr. Bei den begrenzten Einsatzzeiten, im Schnitt rund 15 Stunden w&ouml;chentlich, reicht aber auch das nicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Schon 2023 galten rund 35 Prozent aller Studierenden in Deutschland als arm und mussten sich mit weniger als 60 Prozent des allgemeinen Durchschnittseinkommens durchschlagen.<\/p><p><strong>Bundesl&auml;nder mauern<\/strong><\/p><p>Umso wichtiger ist es, die Blockade der Bundesl&auml;nder zu durchbrechen, damit auch die letzte gro&szlig;e Gruppe ohne tariflichen Schutz im &ouml;ffentlichen Dienst zu ihrem Recht kommt. Am Druck von der Stra&szlig;e mangelt es nicht. In der Vorwoche stiegen gleich zwei gr&ouml;&szlig;ere <a href=\"https:\/\/www.ad-hoc-news.de\/boerse\/news\/ueberblick\/tvstud-bundesweiter-streik-erhoeht-druck-auf-laender\/68536058\">Streik- und Aktionstage<\/a>, bei denen bundesweit Zehntausende Besch&auml;ftigte im Bildungswesen, darunter reichlich Studierende, &ouml;ffentlich f&uuml;r ihre Forderungen trommelten. Bis dato sind zwei Verhandlungsrunden in der Tarifrunde ergebnislos verstrichen, zuletzt Mitte Januar. Ver.di, GEW und DBB Beamtenbund und Tarifunion fordern f&uuml;r die rund 860.000 Tarifbesch&auml;ftigten der L&auml;nder sieben Prozent mehr Gehalt, mindestens jedoch 300 Euro monatlich zur St&auml;rkung der unteren Entgeltgruppen. Die Tarifgemeinschaft der L&auml;nder (TdL) offeriert dagegen lediglich ein Plus leicht &uuml;ber der erwarteten Teuerungsrate in drei Schritten bei einer Laufzeit von 29 Monaten bis Ende M&auml;rz 2028.<\/p><p>Wie gehabt mauern die Arbeitgeber auch beim Thema TVStud. Die Gewerkschaften verlangen f&uuml;r studentische Hilfskr&auml;fte einen Einstiegsstundenlohn von 17 Euro, der im zweiten Besch&auml;ftigungsjahr auf 18 Euro und im dritten auf 19 Euro steigen soll. Die TdL bietet <a href=\"https:\/\/www.tdl-online.de\/presse\/detail\/tarifgemeinschaft-deutscher-laender-legt-eckpunkte-fuer-einigungskorridor-vor\">schrittweise Nachbesserungen<\/a>, angefangen bei 15,06 Euro zum kommenden Sommersemester, zwei Jahre sp&auml;ter sollen es 16,49 Euro sein. Die Erh&ouml;hungen sollen im Rahmen der geltenden &bdquo;schuldrechtlichen Vereinbarung&ldquo; wirksam werden, die sich die L&auml;nder bei der 2023er-Tarifrunde haben abtrotzen lassen. Die Regelung markiert eine Art Vorstufe zum Tarifvertrag, die unter anderem Bestimmungen zu Mindestentgelten und Mindestvertragslaufzeiten von zw&ouml;lf Monaten vorsieht. Allerdings sind die Vorgaben nicht individuell einklagbar, sondern nur kollektiv, was einem Freibrief an die Hochschulen gleichkommt, sich nicht daran zu halten.<\/p><p><strong>Und immer noch prek&auml;r &hellip;<\/strong><\/p><p>Genau das passiert in gro&szlig;er Breite. Ende Januar hat die Universit&auml;t G&ouml;ttingen eine Neuauflage besagter Studie von 2023 ver&ouml;ffentlicht, wieder gef&ouml;rdert von GEW und ver.di, diesmal aber mit dem abgewandelten Titel <a href=\"https:\/\/publications.goettingen-research-online.de\/handle\/2\/157827\">&bdquo;Jung, akademisch, (immer noch) prek&auml;r&ldquo;<\/a>. Die Befunde sind einmal mehr bedr&uuml;ckend: Die festgelegte Mindestvertragslaufzeit von zw&ouml;lf Monaten wird &uuml;berwiegend missachtet. In 13 von 16 Bundesl&auml;ndern findet die Vereinbarung auf h&ouml;chstens 57 Prozent der Arbeitsvertr&auml;ge Anwendung, in acht Bundesl&auml;ndern wird sie bei jedem zweiten Arbeitsverh&auml;ltnis unterlaufen. Schlusslicht ist Baden-W&uuml;rttemberg mit 7,9 Monaten. Der mittlere Monatsverdienst bel&auml;uft sich auf 479 Euro, womit mehr als zwei Drittel der studentischen Besch&auml;ftigten als armutsgef&auml;hrdet gelten. Fast jeder Zweite musste schon unbezahlte Mehrarbeit leisten, fast ein Viertel sogar &uuml;ber mehrere Wochen hinweg. Au&szlig;erdem wird bei &uuml;ber einem Drittel der F&auml;lle der gesetzliche Mindesturlaub nicht in Anspruch genommen.<\/p><p>Ganz offensichtlich ist die &bdquo;schuldrechtliche Vereinbarung&ldquo; kaum mehr als ein Papiertiger, von dem die L&auml;nder glauben, ihre Schuldigkeit damit getan zu haben, und die Hochschulen nach dem Motto verfahren: Kann man machen, muss man aber nicht. Dabei zeigt sich am Beispiel der studentischen Angestellten in den Bereichen Technik und Verwaltung, wie es anders gehen kann und muss. Hier gilt laut ver.di der TV-L und <a href=\"https:\/\/www.verdi.de\/nachrichten\/studentische-beschaeftigte-studie-belegt-prekaere-arbeit\">&bdquo;werden Arbeitnehmerrechte deutlich besser eingehalten&ldquo;<\/a>.<\/p><p><strong>Faule Ausreden<\/strong><\/p><p>Das gute Beispiel soll nicht um sich greifen. Wenigstens diesen einen Niedriglohnsektor wollen sich die Hochschulen noch bewahren, und die L&auml;nderfinanzminister handeln wunschgem&auml;&szlig;. Ein einheitlicher Tarifvertrag gef&auml;hrde die Wissenschaftsfreiheit, argumentiert die TdL sinnfrei, und nat&uuml;rlich seien die &ouml;ffentlichen Kassen leer und die Unis zum Sparen verdammt. &bdquo;Alles faule Ausreden&ldquo;, meint Andreas Keller, Bundesvorstandsmitglied und Hochschulexperte bei der GEW. &bdquo;Die L&auml;nder verweigern den studentischen Besch&auml;ftigten einen Tarifvertrag, aber in Sonntagsreden machen sie sich wortgewaltig f&uuml;r Tariftreue und Tarifbindung stark&ldquo;, sagte er den <em>NachDenkSeiten<\/em>. &bdquo;Das ist ein Skandal!&ldquo; Aber vielleicht ja einer mit gutem Ende. Am 11. und 12. Februar wird in Potsdam weiterverhandelt.<\/p><p><small>Titelbild: BearFotos\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/a29781505bf04340826b20dd3a9e9d15\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie sind jung, angehende Akademiker und werden systematisch ausgebeutet. In der laufenden Tarifrunde des &ouml;ffentlichen Dienstes der L&auml;nder geht es auch um einen bundesweiten Tarifvertrag f&uuml;r studentische Besch&auml;ftigte an den Hochschulen. Die Gewerkschaften machen Druck, Betroffene streiken, aber die L&auml;nder blockieren. Und Berlin zeigt, wo es langgeht. 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