{"id":145818,"date":"2026-02-06T15:12:54","date_gmt":"2026-02-06T14:12:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145818"},"modified":"2026-02-06T15:12:54","modified_gmt":"2026-02-06T14:12:54","slug":"buchrezension-grossmachtsucht-deutschland-ruestet-fuer-die-fuehrung-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145818","title":{"rendered":"Buchrezension \u201eGro\u00dfmachtsucht\u201c \u2013 Deutschland r\u00fcstet f\u00fcr die F\u00fchrung Europas"},"content":{"rendered":"<p>Seit geraumer Zeit ist in Deutschland von &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; die Rede. Das ganze Land soll &ndash; nein muss aufr&uuml;sten, sowohl milit&auml;risch als auch mental. Das ist die Forderung, mit der Politik und Mainstream-Medien die B&uuml;rger tagein, tagaus beschallen. Begr&uuml;ndet wird dies mit einer angeblichen Gefahr durch Russland. Wenn die Bundeswehr und deren Waffenarsenal nicht w&auml;chst, stehen Moskaus Truppen schon bald vor Berlin &ndash; so die Erz&auml;hlung. Der Historiker <strong>Jens van Scherpenberg<\/strong> vermutet hingegen andere Motive und legt sie in seinem neuen Buch <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Grossmachtsucht\/2370\">&bdquo;Gro&szlig;machtsucht&ldquo;<\/a> dar. Von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIm Titel steckt bereits die These: Deutschland nutzt den Ukrainekrieg, um nicht nur wirtschaftliche F&uuml;hrungsmacht Europas zu sein, sondern auch, um die st&auml;rkste Milit&auml;rmacht innerhalb der EU zu werden. Van Scherpenberg geht davon aus, dass dieser Wunsch bereits w&auml;hrend der Nazi-Zeit bestand und auch die nach dem Zweiten Weltkrieg gegr&uuml;ndete Bundesrepublik nie verlassen hat. Um das zu zeigen, widmet er sich auf gut einem Drittel der Seiten der Adenauer-&Auml;ra.<\/p><p>F&uuml;r ihn ist bereits dort ein Leitmotiv zu erkennen, dass noch immer Deutschlands Au&szlig;enpolitik bestimmt: Die Bundesrepublik will sich und die EU, als deren F&uuml;hrungsmacht sie sich versteht, von der weltpolitischen Dominanz der USA befreien, kann aber gerade daf&uuml;r auf das transatlantische B&uuml;ndnis nicht verzichten. Denn ohne &bdquo;die fortdauernde R&uuml;ckendeckung durch die amerikanische Nuklearmacht ist es um den deutschen F&uuml;hrungsanspruch in der EU so schlecht bestellt wie um die angestrebte europ&auml;ische strategische Souver&auml;nit&auml;t&ldquo;. Das ist das Dilemma, in dem Deutschland steckt. Van Scherpenberg sieht aber noch ein anderes: die Rivalit&auml;t mit Frankreich. Diese besteht seiner Meinung nach noch heute, und Deutschland will sich in diesem Konkurrenzkampf innerhalb der EU durchsetzen, braucht Paris aber, damit sich die EU von den USA emanzipieren kann.<\/p><p>Diese Aspekte arbeitet der Autor in einem Schnelldurchlauf durch die bundesrepublikanische Geschichte heraus, indem er wichtige Ereignisse beleuchtet, insbesondere Adenauers Westintegration. Das Ziel damals bestand darin, die neu gegr&uuml;ndete Bundesrepublik fest in das politische, wirtschaftliche und milit&auml;rische Gef&uuml;ge des Westens einzubinden. Sie sollte Souver&auml;nit&auml;t erlangen und sich sicher vor der Sowjetunion f&uuml;hlen. In diesem Zuge entstand schlie&szlig;lich die heutige EU. Van Scherpenberg geht wichtige Stationen durch, allerdings in einer spr&ouml;den Darstellungsweise, sodass die Lekt&uuml;re gerade im ersten Drittel etwas erm&uuml;dend wirkt. Interessent wird es lediglich dort, wo sich Parallelen zur Gegenwart zeigen.<\/p><p>Dazu z&auml;hlt der Umgang mit Parteien, vor allem mit solchen, die sich f&uuml;r ein besseres Verh&auml;ltnis mit Moskau einsetzen. Zu jenem Zeitpunkt war das die KPD, heute das BSW oder die AfD. W&auml;hrend man diese mit Etiketten wie &bdquo;Putinversteher&ldquo; oder &bdquo;Russlands Einflussagenten&ldquo; versieht, war in der Adenauer-&Auml;ra der Begriff &bdquo;f&uuml;nfte Kolonne Moskaus&ldquo; in Mode. Andere Verpackung, gleicher Inhalt. Wie heute behandelte die damalige Bundesregierung &ndash; auch jenseits von Parteien &ndash; &bdquo;jede Opposition gegen die Wiederbewaffnung und Westintegration als Manifestation kommunistischer Unterwanderung&ldquo;.<\/p><p>Im zweiten Drittel widmet sich van Scherpenberg dann vordergr&uuml;ndig der Merkel-&Auml;ra, in der Deutschland insbesondere w&auml;hrend der Finanz- und Euro-Krise seine Wirtschaftsmacht innerhalb der Europ&auml;ischen Union ausbaute. Das Ungleichgewicht, merkt der Historiker an, habe sich vor allem in Griechenland gezeigt, wo noch in der kleinsten Provinzstadt Lidl-Superm&auml;rkte aus dem Boden geschossen seien, in denen &bdquo;deutscher Joghurt und Tomaten aus Holland angeboten w&uuml;rden, preisg&uuml;nstiger als die entsprechenden griechischen Angebote&ldquo;. Zugleich sei auf Merkels Druck hin unter dem Titel &bdquo;Strukturreformen&ldquo; ein beispielloser Schrumpfkurs vorordnet worden, mit massenhafter Verarmung der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Diese Wirtschaftsmacht resultierte, wie van Scherpenberg erinnert, aus der Politik Adenauers, der bestrebt war, ein enges B&uuml;ndnis mit den USA zu pflegen. Doch das zeitigte einige unsch&ouml;ne Nebeneffekte, als Deutschland die energiewirtschaftlichen Beziehungen mit Moskau intensivierte. Dass das den USA auch heute ein Dorn im Auge ist, beweist das Schicksal der Nord-Stream-Pipelines. Van Scherpenbergs Verdienst in diesem Buch liegt darin, zu zeigen, dass es in diesem Konflikt eine Kontinuit&auml;t von Adenauer bis zur Gegenwart gibt, weil die USA bereits zur Zeit der Westintegration die energiewirtschaftliche Beziehung zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion zu torpedieren versuchten: &bdquo;Die damalige amerikanische Kampagne gegen die geplanten deutschen und europ&auml;ischen Erdgasimporte aus der Sowjetunion glich bereits in allen Z&uuml;gen der Kampagne gegen die Nordstream-2-Pipeline: Die US-Regierung sah in der intensivierten Handelsbeziehung eine inakzeptable Abh&auml;ngigkeit von der UdSSR sowie eine Finanzierung des Feindes und seiner R&uuml;stung.&ldquo;<\/p><p>Van Scherpenberg spricht hier Punkte an, die in der &Ouml;ffentlichkeit weitgehend unbekannt sind. Gleiches gilt f&uuml;r Aspekte, die das milit&auml;rische Machtstreben Deutschlands betreffen: Die Bundesrepublik, so der Historiker, sei das Land mit den h&ouml;chsten Milit&auml;rausgaben in Europa. Zudem habe sie sich eine eigene r&uuml;stungsindustrielle F&uuml;hrungsrolle verschafft, was sich bereits an dem sogenannten Rahmennationenkonzept im Rahmen der NATO zeige, an dem sie teilnehme, Frankreich aber nicht. &bdquo;Denn nicht nur mit der Kampfst&auml;rke seiner Streitkr&auml;fte, sondern auch mit seiner R&uuml;stungsindustrie soll der F&uuml;hrungsanspruch Deutschlands unterlegt werden.&ldquo;<\/p><p>Im letzten Drittel nimmt das Buch Fahrt auf, weil der Autor nicht mehr wie zuvor in trockener Sprache blo&szlig; geschichtliche Ereignisse aneinanderreiht, sondern mit eigenen Einsch&auml;tzungen aufwartet &ndash; bisweilen scharfsinnig und mit spitzer Feder. Diese richtet sich unter anderem gegen die politische Rechte. Was van Scherpenberg st&ouml;rt, ist das Streben nach einer uneingeschr&auml;nkten nationalen Souver&auml;nit&auml;t und die daraus resultierende Ablehnung der europ&auml;ischen Integration, vor allem der W&auml;hrungsunion und des Ziels einer immer engeren europ&auml;ischen Union. &bdquo;Deutschlands F&auml;higkeit, konsequent seine eigenen Interessen gegen&uuml;ber anderen Staaten zu verfolgen, werde durch die &sbquo;Fesseln der Br&uuml;sseler B&uuml;rokratie&lsquo; gel&auml;hmt&ldquo;, fasst er deren Argument zusammen, um dann gewaltig auszuholen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;An der europ&auml;ischen Integration st&ouml;rt sie die formale Beschr&auml;nkung nationaler Handlungsfreiheit Deutschlands durch die EU-Organe und ihre supranationalen Entscheidungsprozesse. Dass genau darin die Erweiterung der deutschen Souver&auml;nit&auml;t als der europ&auml;ischen F&uuml;hrungsmacht besteht und zugleich der EU-Rahmen die F&uuml;hrungsrivalit&auml;t mit Frankreich einhegt, mag ihr bornierter Nationalismus nicht sehen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Van Scherpenberg baut hier sein Argument auf der eigenen These auf, die er im Buch ausbreitet, und setzt sie zugleich als wahr voraus. Allerdings muss sie sich erst noch bew&auml;hren. Unbestritten ist zun&auml;chst einmal, dass die Br&uuml;sseler B&uuml;rokratie tats&auml;chlich ein gro&szlig;es Problem darstellt. Hier gibt es durchaus Schnittmengen zwischen der politischen Linken und der politischen Rechten. Martin Sonneborn, rechter Gesinnung unverd&auml;chtig, berichtet beinahe t&auml;glich aus Br&uuml;ssel &uuml;ber Korruption und Gesetze, die demokratische Prinzipien untergraben. Forderungen nach einem Austritt aus der EU werden nicht nur von rechts laut.<\/p><p>Dass Deutschland innerhalb dieses politischen Gebildes in Zukunft auftrumpfen kann, ist auch eher fraglich. Die Strahlkraft der einstigen Wirtschaftsmacht schw&auml;cht sich kontinuierlich ab, was unter anderem an jener Br&uuml;sseler B&uuml;rokratie liegt, die beispielsweise mit ihren Klimavorgaben und -zielen viele Unternehmen vergrault und daf&uuml;r sorgt, dass diese ihre Produktion in L&auml;nder au&szlig;erhalb der EU verlagern. Und von der R&uuml;stungsindustrie profitiert in erster Linie nicht der Staat &ndash; zumal Waffen und Ausr&uuml;stung zun&auml;chst an die Ukraine geliefert werden &ndash;, sondern institutionelle Anleger wie BlackRock, denen Rheinmetall und Co. gr&ouml;&szlig;tenteils geh&ouml;ren.<\/p><p>Ein Geschm&auml;ckle haben van Scherpenbergs Ausf&uuml;hrungen auch dort, wo er offizielle Erz&auml;hlungen stabilisiert und Begriffe verwendet, die die wahren Ereignisse verdecken. Das gilt f&uuml;r den &bdquo;Arabischen Fr&uuml;hling&ldquo; genauso wie f&uuml;r die angebliche Corona-&bdquo;Pandemie&ldquo;, zu deren &bdquo;Eind&auml;mmung&ldquo; die Lockdowns verf&uuml;gt wurden. Weite Teile des Dienstleistungssektors in den EU-S&uuml;dstaaten waren damals laut van Scherpenberg unter anderem durch &bdquo;hohe Infektionszahlen&ldquo; hart getroffen worden. So, so! Waren diese Zahlen nicht eher k&uuml;nstlich erzeugt worden, mit Testverfahren, die reihenweise falsche Ergebnisse zeitigten und so erst eine Pandemie schufen, die sich lediglich in der Vorstellungswelt abspielte, aber nicht in der Realit&auml;t?<\/p><p>Wenn van Scherpenberg schon in solchen Punkten kritischen Geist vermissen l&auml;sst und zumindest stellenweise Mainstream-Narrative wiederholt, ergeben sich Zweifel, ob seine Analysen auch in anderen Sachfragen stichhaltig sind.<\/p><p><em><strong>Lesetipp:<\/strong> Jens van Scherpenberg: Gro&szlig;machtsucht: Deutschland r&uuml;stet f&uuml;r die F&uuml;hrung Europas. Neu-Isenburg 2026, Westend Verlag, Taschenbuch, 288 Seiten, ISBN 978-3987913426, 28 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit geraumer Zeit ist in Deutschland von &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; die Rede. Das ganze Land soll &ndash; nein muss aufr&uuml;sten, sowohl milit&auml;risch als auch mental. Das ist die Forderung, mit der Politik und Mainstream-Medien die B&uuml;rger tagein, tagaus beschallen. Begr&uuml;ndet wird dies mit einer angeblichen Gefahr durch Russland. Wenn die Bundeswehr und deren Waffenarsenal nicht w&auml;chst, stehen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145818\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":145819,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,181,208],"tags":[1114,1754,1043,1426,315,2250,906,259,1977,1556],"class_list":["post-145818","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-europapolitik","category-rezensionen","tag-adenauer-konrad","tag-energieversorgung","tag-frankreich","tag-hegemonie","tag-merkel-angela","tag-nachkriegszeit","tag-ruestungsindustrie","tag-russland","tag-transatlantische-partnerschaft","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/cover_grossmachtsucht.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=145818"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":145952,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145818\/revisions\/145952"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/145819"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=145818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=145818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=145818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}