{"id":14595,"date":"2012-10-02T12:34:09","date_gmt":"2012-10-02T10:34:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14595"},"modified":"2015-05-02T09:09:08","modified_gmt":"2015-05-02T07:09:08","slug":"wenn-theorie-und-realitat-einfach-nicht-zusammenfinden-wollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14595","title":{"rendered":"Wenn Theorie und Realit\u00e4t einfach nicht zusammenfinden wollen"},"content":{"rendered":"<p>Europa &auml;chzt unter dem Joch der Austerit&auml;tspolitik. Sowohl Spanien als auch Portugal mussten in den letzten Tagen melden, dass sie &bdquo;trotz gr&ouml;&szlig;ter Sparanstrengungen&ldquo; ihr Defizitziel deutlich verfehlt haben. Hier muss die Frage gestattet sein, ob diese L&auml;nder ihr Defizitziel nun &bdquo;trotz&ldquo; oder doch wohl eher &bdquo;wegen&ldquo; der &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten Sparanstrengungen&ldquo; verfehlt haben. Der vor allem von deutscher Seite propagierte Ansatz, ein Land durch Budgetk&uuml;rzungen und neoliberale Reformen fit f&uuml;r die Zukunft zu machen und dabei dann auch gleich die Staatsfinanzen zu sanieren, mag in der marktliberalen Theorie funktionieren. In der Praxis funktioniert dieser Ansatz jedoch nicht, was sich mittlerweile eigentlich herumgesprochen haben sollte. Mit jedem Tag, an dem die Politik an ihren ideologischen Scheuklappen festh&auml;lt, forciert sie die Krise und verhindert deren Beendigung. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nIn den deutschen Massenmedien wird Austerit&auml;tspolitik meist f&auml;lschlicherweise als Sparpolitik bezeichnet. Der Begriff &bdquo;Sparen&ldquo; ist nun einmal positiv besetzt und legt nahe, dass derjenige, der spart, sp&auml;ter mehr Geld zur Verf&uuml;gung hat. Wer auf der Ausgabenseite spart, macht weniger Verluste und reduziert somit sein Defizit &ndash; so zumindest die Theorie, die volkswirtschaftlich betrachtet, intellektuell auf einer Stufe mit Angela Merkels Leitbild der schw&auml;bischen Hausfrau rangiert. Ein Staat ist nun einmal kein Privathaushalt und Ausgabenk&uuml;rzungen schlagen immer auch auf andere Teilnehmer der Volkswirtschaft zur&uuml;ck. Austerit&auml;tspolitik ist jedoch mehr als &bdquo;nur&ldquo; die K&uuml;rzung von Ausgaben in den &ouml;ffentlichen Haushalten. Zu einer echten Austerit&auml;tspolitik geh&ouml;ren auch neoliberale Reformen &ndash; der Staat zieht sich aus verschiedenen Bereichen zur&uuml;ck und &uuml;berlasst diese Bereiche &bdquo;dem Markt&ldquo;. Zur Austerit&auml;tspolitik geh&ouml;ren beispielsweise auch die Deregulierung des Arbeitsmarkts und die Privatisierung ehemals &ouml;ffentlicher Aufgabenfelder.<\/p><p>Von Bef&uuml;rwortern der Austerit&auml;tspolitik wird oft ins Spiel gebracht, dass die rot-gr&uuml;ne Agendapolitik auch eine Form der Austerit&auml;tspolitik war und die Agenda Deutschland nicht geschadet, sondern genutzt h&auml;tte. Diese Aussage ist jedoch nicht haltbar. Einerseits wurden w&auml;hrend der Agendapolitik die Ausgaben der &ouml;ffentlichen Haushalte &ndash; anders als vielfach kommuniziert &ndash; nicht gek&uuml;rzt. Andererseits war die weltweite Konjunktur zu Zeiten der Agendapolitik sehr stark, so dass die stagnierende Nachfrage der Privathaushalte durch eine steigende Nachfrage aus dem Ausland kompensiert wurde. Und selbst wenn man die Agendapolitik &ndash; gegen alle Logik &ndash; als Erfolg wertet, sollte man zumindest eingestehen, dass Deutschland als exportstarke Volkswirtschaft anders auf wirtschaftspolitische Reformen reagiert als Volkswirtschaften mit einer starken Binnenkonjunktur. Welchen Schaden eine Austerit&auml;tspolitik anrichtet, h&auml;ngt somit von vielen Faktoren ab, von denen die globale Konjunktur wohl der wichtigste ist. <\/p><p><strong>Austerit&auml;t in der Theorie<\/strong><\/p><p>In der Theorie ist die Austerit&auml;tspolitik eine Antwort auf das fehlende Vertrauen der M&auml;rkte. Man k&ouml;nnte auch sagen, dass mit der Austerit&auml;tspolitik ein Defizit bei der Marktkonformit&auml;t der Demokratie ausgeglichen werden soll. Wenn die Investoren eine marktkonforme Demokratie vorfinden, so die Theorie, sind sie eher davon &uuml;berzeugt, dass dieses Land seine Schulden zur&uuml;ckzahlen kann und dass sich Investitionen in diesem Land rentieren. Die Umsetzung einer Austerit&auml;tspolitik soll somit vor allem das Vertrauen der M&auml;rkte zur&uuml;ckgewinnen und Investoren ins Land holen. <\/p><p>Die Investitionen, die dank des steigenden Vertrauens unternommen werden, sollen dann zu einem wirtschaftlichen Aufschwung f&uuml;hren und mehr Menschen in Lohn und Brot bringen. Dadurch sollen dann die Ausgaben des Staates auch abseits der verabschiedeten K&uuml;rzungen sinken, w&auml;hrend gleichzeitig die Steuereinnahmen durch die anspringende Konjunktur steigen. Dies f&uuml;hrt schlussendlich zu Haushalts&uuml;bersch&uuml;ssen und einem Abbau der Staatsverschuldung, was die M&auml;rkte mit sinkenden Zinsen f&uuml;r die Staatsanleihen dieses Landes goutieren. So will es die Theorie. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140914_aust_01.jpg\" alt=\"\"><\/p><p><strong>Austerit&auml;t in der Realit&auml;t<\/strong><\/p><p>Die Bef&uuml;rworter der Austerit&auml;tspolitik schaffen es jedoch nicht einmal, den ersten Schritt dieser Kausalkette beweisen zu k&ouml;nnen &ndash; erst recht dann nicht, wenn die Austerit&auml;tspolitik w&auml;hrend einer globalen Krise stattfindet. Investitionen werden nicht aus ideologischen Gr&uuml;nden, sondern auf Basis einer knallharten Kosten-Nutzen-Analyse vorgenommen. Jede Form der Austerit&auml;tspolitik f&uuml;hrt zun&auml;chst immer dazu, dass die aggregierte Nachfrage zur&uuml;ckgeht. Da die Einkommen der privaten Haushalte zur&uuml;ckgehen, haben diese auch weniger Geld f&uuml;r Konsumausgaben zur Verf&uuml;gung. Der Staat kann dieses Defizit nicht ausgleichen, da er ja seine Ausgaben k&uuml;rzt und somit ebenfalls weniger nachfragt. In einer Rezession investieren in der Regel jedoch auch die Unternehmen weniger, da die zur&uuml;ckgehende Nachfrage und die unsichere Zukunft eine Kosten-Nutzen-Analyse negativ beeinflussen. In Zeiten einer starken Weltkonjunktur kann die Nachfrage aus dem Ausland diese Faktoren ausgleichen, in Krisenzeiten ist jedoch das Gegenteil der Fall. Wenn neben der Inlands- auch noch die Auslandsnachfrage zur&uuml;ckgeht, ist dies nicht der Zeitpunkt, an dem Unternehmen investieren. Ausgaben- und Lohnk&uuml;rzungen versch&auml;rfen den ohnehin w&auml;hrend einer globalen Krise stattfindenden R&uuml;ckgang der Nachfrage abermals. &Ouml;konomen sprechen hier von einem &bdquo;prozyklischen&ldquo; Effekt, Konjunkturausschl&auml;ge werden nicht ausgeglichen, sondern verst&auml;rkt.<\/p><p>Dies alles f&uuml;hrt in erster Konsequenz zu einer Steigerung der Arbeitslosigkeit und damit auch zu einem R&uuml;ckgang der Nachfrage. Wenn dieser R&uuml;ckgang nicht durch &bdquo;antizyklische&ldquo; Wirtschaftspolitik oder durch eine steigende Auslandsnachfrage abgefedert werden kann, befindet sich das Land auf dem Weg in die Rezession. Die steigende Arbeitslosigkeit f&uuml;hrt dazu, dass die Staatsausgaben im Sozialbereich weiter ansteigen. Die Steuereinnahmen gehen parallel zur&uuml;ck. Sinkenden L&ouml;hne und steigende Arbeitslosigkeit f&uuml;hren zu sinkenden Einkommensteuereinnahmen und auch die Einnahmen aus Verbrauchssteuern gehen aufgrund der sinkenden Nachfrage zur&uuml;ck. Da in einer Rezession auch die Unternehmensgewinne sinken, gehen die Einnahmen aus der K&ouml;rperschaftssteuer ebenfalls zur&uuml;ck. <\/p><p>Steigende Ausgaben und sinkende Einnahmen f&uuml;hren in Folge nicht zu einer Sanierung des Staatshaushalts, sondern zu einem Verfehlen der aufgestellten &bdquo;Sparziele&ldquo; und zu einem weiteren Anstieg des Haushaltsdefizits und der Staatsschuldenquote. Am Ende der Kausalkette stehen dann nicht etwa niedrigere, sondern vielmehr h&ouml;here Zinsen bei den ausgegebenen Staatsanleihen und im schlimmsten Falle sogar der Staatsbankrott.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140914_aust_02.jpg\" alt=\"\"><\/p><p><strong>Wenn die Empirie der Theorie widerspricht<\/strong><\/p><p>Die j&uuml;ngsten Entwicklungen in Spanien und Portugal sind ein weiterer empirischer Beweis daf&uuml;r, dass die Theorie hinter der Austerit&auml;tspolitik nicht (mehr) haltbar ist. Sowohl Spanien als auch Portugal haben sich bis zur Selbstkasteiung dem deutschen Austerit&auml;tsdogma unterworfen und damit die Krise zus&auml;tzlich versch&auml;rft. In Portugal hat sich die Arbeitslosenquote im Laufe der Krise von 7,3% auf heute 15% verdoppelt, in Spanien  hat sie sich von rund 8% auf heute 25% mehr als verdreifacht. In beiden Staaten schrumpfen die Steuereinahmen schneller, als die Ausgaben selbst ohne entgegenlaufende Konjunktureffekte gek&uuml;rzt werden k&ouml;nnten. Jede weitere Ausgabenk&uuml;rzung f&uuml;hrt zu einem noch h&ouml;heren Defizit bei den Steuereinnahmen und sowohl die absolute Staatsverschuldung als auch &ndash; in noch st&auml;rkerem Ma&szlig;e &ndash; die Staatsschuldenquote steigen.<\/p><p>Die harte Austerit&auml;tspolitik in S&uuml;deuropa gleicht einem grausamen Feldexperiment, dessen Verantwortliche sich ihr Scheitern nicht eingestehen wollen. Wenn Theorie und Realit&auml;t nicht zusammenfinden, ist nicht die Realit&auml;t, sondern die Theorie falsch. Dies einzugestehen, w&auml;re der erste Schritt, um die Krise aufzul&ouml;sen. Doch davon sind wir anscheinend immer noch weit entfernt.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/95299b1979384422be9c1eaa36ee07d3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa &auml;chzt unter dem Joch der Austerit&auml;tspolitik. Sowohl Spanien als auch Portugal mussten in den letzten Tagen melden, dass sie &bdquo;trotz gr&ouml;&szlig;ter Sparanstrengungen&ldquo; ihr Defizitziel deutlich verfehlt haben. Hier muss die Frage gestattet sein, ob diese L&auml;nder ihr Defizitziel nun &bdquo;trotz&ldquo; oder doch wohl eher &bdquo;wegen&ldquo; der &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten Sparanstrengungen&ldquo; verfehlt haben. 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