{"id":145999,"date":"2026-02-09T11:00:46","date_gmt":"2026-02-09T10:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145999"},"modified":"2026-02-09T12:22:57","modified_gmt":"2026-02-09T11:22:57","slug":"vulkangruppe-in-nadelstreifen-kappt-stromversorgung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145999","title":{"rendered":"Vulkangruppe in Nadelstreifen kappt Stromversorgung"},"content":{"rendered":"<p>Berlin ist wieder mal spektakul&auml;r in das neue Jahr gestartet. Damit ist nicht das Geb&ouml;ller in der Silvesternacht, sondern der Stromausfall f&uuml;r rund 45.000 Haushalte und 2.200 Betriebe in Steglitz und Zehlendorf ab dem fr&uuml;hen Morgen des 3. Januar gemeint. Betroffen waren auch Schulen, Krankenh&auml;user und Pflegeeinrichtungen, und es dauerte vier Tage, bis die Strom- und damit auch die W&auml;rme- und Wasserversorgung f&uuml;r alle Betroffenen wiederhergestellt war. Verursacht wurde dieser gr&ouml;&szlig;te Ausfall seit dem Zweiten Weltkrieg durch einen Brandanschlag auf eine Kabelbr&uuml;cke am Teltowkanal. Laut einem Bekennerschreiben war daf&uuml;r die sogenannte &bdquo;Vulkangruppe&ldquo; verantwortlich, die seit fast 15 Jahren sporadisch mit Anschl&auml;gen auf Einrichtungen der Infrastruktur in Erscheinung tritt. Wer und was sich dahinter verbirgt, liegt aber laut Ermittlungsbeh&ouml;rden komplett im Dunkeln. Was aber viele Medien und viele Politikerinnen und Politiker nicht davon abhielt, reflexhaft &uuml;ber &bdquo;linksextremistischen Terror&ldquo; zu geifern oder von &bdquo;russischen Hinterm&auml;nnern&ldquo; zu halluzinieren. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nW&auml;hrend Bundesanwaltschaft, polizeilicher Staatsschutz und der Verfassungsschutz seitdem alle Hebel in Bewegung setzen, um die Verantwortlichen zu finden und dingfest zu machen, und sogar eine Million Euro Belohnung f&uuml;r sachdienliche Hinweise ausgelobt haben, kann eine &bdquo;Vulkangruppe in Nadelstreifen&rdquo; unbehelligt und sogar mit staatlicher Billigung immer mehr Menschen den Saft abdrehen. Bei knapp 12.000 Berliner Haushalten wurde im vergangenen Jahr die Stromversorgung wegen Zahlungsr&uuml;ckst&auml;nden gekappt. Das waren deutlich mehr als in den Jahren 2024 (9.731 F&auml;lle) und 2023 (5.569 F&auml;lle), <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2026\/02\/energiesperren-strom-gas-berlin.html\">wie der <em>rbb<\/em> berichtet<\/a>. Diese offiziellen Zahlen sind sozusagen das Bekennerschreiben der Vulkangruppe in Nadelstreifen, also der Energieversorger. Das ist vor allem der Vattenfall-Konzern als Grundversorger. Andere Anbieter, wie etwa die landeseigenen Berliner Stadtwerke, ziehen sich da &bdquo;elegant&rdquo; aus der Aff&auml;re. Dort werde s&auml;umige Kunden gek&uuml;ndigt, und die landeten dann automatisch beim Grundversorger, der dann bei anhaltendem Zahlungsverzug die Stromsperre einleite, erl&auml;uterte eine Sprecherin der Stadtwerke auf Anfrage.<\/p><p>Die Vattenfall-Fu&szlig;truppen von der ebenfalls landeseigenen Stromnetz Berlin GmbH arbeiten bei der Stromabschaltung nicht mit brennbaren Fl&uuml;ssigkeiten und schwerem Ger&auml;t, sondern mit vergleichsweise einfachen Werkzeugen: Entfernung der Hauptsicherungen und Ersatz durch Sperrk&ouml;pfe bzw. Ausbau des Stromz&auml;hlers. Manchmal auch mittels Trennung der Zuleitung von der Verteilerstation. Mitunter geht das sogar per Fernabschaltung, wenn der Betroffene einen digitalen Stromz&auml;hler hat. Falls der abgeklemmte Stromkunde dann irgendwann seine Zahlungsr&uuml;ckst&auml;nde begleichen kann, kommen die Kosten f&uuml;r die Abschaltung und die Wiederinbetriebnahme noch obendrauf. Bereits bei einem Zahlungsr&uuml;ckstand von 100 Euro kann das Prozedere in Gang gesetzt werden. Alles streng rechtsstaatlich und f&uuml;rsorglich, also mit Mahnungen, Fristen, Hinweisen zu Beratungsstellen und Angeboten f&uuml;r Ratenzahlungen.<\/p><p>Darauf verwies auch die zust&auml;ndige Wirtschaftsverwaltung des Berliner Senats in ihrer Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion zu Stromabschaltungen. Zwar erkenne man durchaus an, &bdquo;dass hohe Energiepreise insbesondere einkommensschwache Haushalte stark belasten&rdquo; und Strom- und Gassperren erhebliche soziale Folgen h&auml;tten. Aber es gebe ein &bdquo;umfassendes und ausreichendes Hilfe- und Beratungssystem des Landes Berlin&ldquo;, welches betroffene Menschen dabei unterst&uuml;tze, Energiesperren zu vermeiden. Was in vielen F&auml;llen auch gelingt, denn insgesamt gab es im vergangenen Jahr allein durch den Grundversorger Vattenfall &uuml;ber 75.000 Ank&uuml;ndigungen derartiger Sperren, von denen die meisten dann irgendwie abgewendet werden konnten. Aber diejenigen, die durch prek&auml;re Lebensverh&auml;ltnisse, damit verbundene Existenz&auml;ngste und\/oder auch Krankheit schon derma&szlig;en zerm&uuml;rbt sind, dass sie weder bedrohliche Briefe &ouml;ffnen noch eine Beratung aufsuchen k&ouml;nnen, haben dann halt Pech gehabt. Bei denen geht dann eben im wahrsten Sinne des Wortes das Licht aus.<\/p><p><strong>Nur eine Facette der wachsenden Armut<\/strong><\/p><p>Und das werden &ndash; wie auch an den Zahlen zu Stromabschaltungen deutlich wird &ndash; immer mehr. Was keineswegs verwundern kann, denn die Armutsquote ist auch in Berlin vor allem wegen der explodierenden Mieten, aber auch aufgrund der drastisch gestiegenen Energie- und Lebensmittelkosten deutlich gestiegen. Und Stromsperren sind nun wahrlich nicht der einzige Indikator. So ist die Zahl der Wohnungslosen in der Hautstadt auf &uuml;ber 55.000 gestiegen und wird laut Senat bis 2030 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137140\">auf &uuml;ber 100.000 steigen<\/a>. Gestiegen ist auch der Andrang bei der Berliner Tafel, wo sich mittlerweile 130.000 Bed&uuml;rftige wenigstens zum Teil mit ihren ben&ouml;tigten Lebensmitteln versorgen k&ouml;nnen. L&auml;ngst kann der Bedarf nicht mehr gedeckt werden, es gibt Aufnahmesperren und Wartelisten. F&uuml;r immer mehr Haushalte ist die monatliche Budgetplanung eine schier unl&ouml;sbare Aufgabe geworden: Bezahlt man seine Miete oder seinen Strom, oder kauft man sich etwas Anst&auml;ndiges zum Essen? Und weitere Vulkangruppen in Nadelstreifen planen weitere Terrorattacken auf die Grundversorgung und die gesamte soziale Daseinsvorsorge, etwa in der Gesundheitsversorgung und bei den Alterseink&uuml;nften.<\/p><p>In der herrschenden Berliner Landespolitik scheint es derweil nur noch ent- oder verr&uuml;ckte Akteure zu geben. W&auml;hrend das soziale Gef&uuml;ge erodiert und die gesamte Infrastruktur und der &ouml;ffentliche Raum ungebrochen den Bach runtergehen, besch&auml;ftigt man sich beim Senat mit gro&szlig;en Pl&auml;nen. Nicht nur eine Bewerbung f&uuml;r Olympische Spiele, sondern auch die Ausrichtung der n&auml;chsten Weltausstellung EXPO steht auf dem Wunschzettel. Und w&auml;hrend ein nicht sonderlich extremer Wintereinbruch daf&uuml;r sorgt, dass Stra&szlig;enbahnen tagelang nicht fahren k&ouml;nnen und es auch bei U- und S-Bahn erhebliche Einschr&auml;nkungen gibt, kommt vor allem bei der CDU wieder mal die Magnetschwebebahn aus der Mottenkiste. Wobei viele Berliner vermutlich schon froh w&auml;ren, wenn sie sich wenigstens zu Fu&szlig; auch im Winter einigerma&szlig;en sicher bewegen k&ouml;nnten, etwa auf ger&auml;umten oder mit Split und\/oder Sand entsch&auml;rften Gehwegen.<\/p><p>Zur&uuml;ck zum Strom. Als eine &bdquo;Vulkangruppe&rdquo; Anfang Januar die Versorgung in Teilen von Steglitz und Zehlendorf ausknipste, gab es staatliche Unterst&uuml;tzung und schnelle Hilfe in vielf&auml;ltiger Form, bis hin zur &Uuml;bernahme von Hotelkosten f&uuml;r Betroffene &ndash; wogegen auch nichts einzuwenden w&auml;re. Aber wenn eine andere &bdquo;Vulkangruppe&rdquo; binnen eines Jahres 12.000 Haushalten die Versorgung ausknipst &ndash; und das auch nicht nur f&uuml;r vier Tage &ndash; und man l&auml;sst die Betroffenen dann einfach im Dunkeln, dann l&auml;uft da gewaltig was schief.<\/p><p>Immerhin: Eine Berliner Oppositionspartei hat sich der Sache angenommen. Die Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus hat nicht nur die Anfrage zur Entwicklung der Strompreise gestellt und die Antwort ver&ouml;ffentlicht, sondern auch ein paar recht vern&uuml;nftige Forderungen gestellt: Sie fordert schon l&auml;nger ein Verbot von Strom- und Gassperren, aber auch nicht so ganz. &bdquo;Das Mindeste w&auml;re die Einf&uuml;hrung einer Genehmigungspflicht und beh&ouml;rdliche Pr&uuml;fung&rdquo;, erkl&auml;rte ihr Sprecher f&uuml;r Energiepolitik, Philipp Bertram. &bdquo;Auch gestaffelte Strompreise mit einem preisg&uuml;nstigen Grundkontingent k&ouml;nnen dazu beitragen, Energiearmut zu reduzieren und Sperren zu vermeiden.&rdquo;<\/p><p>Das w&uuml;rde das eigentliche Problem zwar nicht wirklich l&ouml;sen, aber man wird ja bescheiden. Und man nickt dann schon anerkennend, wenn sich &uuml;berhaupt jemand in der Politik daf&uuml;r interessiert und das Treiben der Vulkangruppe in Nadelstreifen wenigstens ein bisschen regulieren will.<\/p><p><small>Titelbild: Pixel-Shot\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b855e9f061c84ad994abee74915ce47c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin ist wieder mal spektakul&auml;r in das neue Jahr gestartet. Damit ist nicht das Geb&ouml;ller in der Silvesternacht, sondern der Stromausfall f&uuml;r rund 45.000 Haushalte und 2.200 Betriebe in Steglitz und Zehlendorf ab dem fr&uuml;hen Morgen des 3. Januar gemeint. 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