{"id":146,"date":"2004-11-14T16:56:16","date_gmt":"2004-11-14T15:56:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=146"},"modified":"2016-03-23T10:57:35","modified_gmt":"2016-03-23T09:57:35","slug":"ursachen-fur-den-ansehensverlust-der-gewerkschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146","title":{"rendered":"Ursachen f\u00fcr den Ansehensverlust der Gewerkschaften"},"content":{"rendered":"<p>Wie der Ansehensverlust, das Misstrauen, die Gleichg&uuml;ltigkeit zu erkl&auml;ren sind, die heute den Gewerkschaften von gro&szlig;en Teilen der Gesellschaft entgegen gebracht werden, dazu hat uns unser Leser der NachDenkSeiten, der &Ouml;konom Professor Dr. Siegfried Katterle einen Leserbrief geschrieben, den wir Ihnen nicht vorenthalten m&ouml;chten.<br>\n<!--more--><br>\nSiegfried Katterle, emeritierter Professor an der Universit&auml;t Bielefeld, sieht eine der entscheidenden Ursachen f&uuml;r den Ansehensverlust der Gewerkschaften in einem &bdquo;verbreiteten Mentalit&auml;tswandel zum Individualismus der Selbstbezogenheit unter dem Einfluss der marktradikalen neoliberalen Ideologie, die dem Markt(modell) komplement&auml;re eigenn&uuml;tzig-rationale, bindungslos-nutzenmaximierende Akteure fordert und hervorbringt. Viele Wirtschaftspr&uuml;fer, Wirtschaftsprofessoren, Wirtschaftspublizisten sehen eine &bdquo;soziale&ldquo; Marktwirtschaft, also eine komplexe Institution aus unterschiedlichen Marktformen und vielgestaltigen Regulierungen, als fortschrittshemmend und obsolet an und fordern die &bdquo;freie&ldquo; Marktwirtschaft. <\/p><p>Gewerkschaften passen nicht in den Shareholder-Value-Kapitalismus, in dem sich der Glaube an die Selbstheilungskraft des Marktes und &ndash; damit zusammenh&auml;ngend &ndash; die Forderung des schlanken Staates und der Beseitigung aller intermedi&auml;ren Institutionen zur Vereinbarung und kooperativen Umsetzung von Regulierungen zum weltanschaulichen Bekenntnis verfestigt haben. Deshalb wollen auch die in einem &bdquo;Berliner Netzwerk&ldquo; zusammen arbeitenden Professoren meiner Disziplin die Arbeitnehmerb&auml;nke in den Aufsichtsr&auml;ten (tats&auml;chlich kein Marktelement!) beseitigt wissen. Deshalb kann der in Deutschland durch eine hoch entwickelte Verhandlungskultur regulierte Arbeitsmarkt nur als marktwidriges &bdquo;Tarifkartell&ldquo; wahrgenommen werden. Deshalb kann ein &bdquo;B&uuml;ndnis f&uuml;r Arbeit&ldquo; nicht gelingen, das ja nur ein Hemmschuh bei der Deregulierung des Arbeitsmarktes w&auml;re. Unter dem Einfluss des shareholger-value huldigen Manager, deren Sal&auml;re von der Entwicklung des Aktienkurses abh&auml;ngen, heute in be&auml;ngstigendem Ma&szlig;e der kurzen Frist. Anstelle der Pflege der &bdquo;public&ldquo;-relations und einer guten, kommunikativen Unternehmenskultur, die Vorst&auml;nde sich fr&uuml;her angelegen sein lie&szlig;en, wir die Pflege der &bdquo;investor&ldquo;-relations zur ersten Pflicht. Die Innovationstr&auml;gheit bei Opel unter dem Einfluss der Konzernmutter GM, die weder von deutscher Mitbestimmung noch von europ&auml;ischen M&auml;rkten etwas versteht, ist ein eklatantes Beispiel f&uuml;r Phantasielosigkeit und Beharrungsverm&ouml;gen des Managements, die schon im hitzigen Streit um das seit Jahren absehbare Dosenpfand groteske Bl&uuml;ten getrieben haben. <\/p><p>Wenn Unternehmensentscheidungen nur auf Kostensenkung fixiert sind, wird die unternehmerische Pflege des Humankapitals vernachl&auml;ssigt. Gewerkschaften, die sich auf betrieblicher und tarifvertraglicher Ebene f&uuml;r die langfristigen Arbeitsplatzinteressen (nicht nur!) ihrer Mitglieder &ndash; d.h. auch und besonders f&uuml;r die Qualifizierung der Besch&auml;ftigten und f&uuml;r arbeitsorganisatorische Ma&szlig;nahmen, die Entfaltung der Qualifikation erm&ouml;glichen und f&ouml;rdern &ndash; engagieren, werden dann als Blockierer erlebt. <\/p><p>Die Geldpolitik hat im neoliberalen Markmodell nur die Aufgabe, Preisniveaustabilit&auml;t zu sichern, nicht aber auch zur Stabilisierung von gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und Besch&auml;ftigung beizutragen. Wirtschafts- und Finanzpolitik haben nur die Aufgabe, die Angebotsseite zu f&ouml;rdern (von der Senkung der Steuern f&uuml;r Unternehmen und &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; bis hin zum Abbau der Zumutbarkeitskriterien f&uuml;r Arbeitslose), nicht aber durch eine stetige und nachhaltige Infrastrukturpolitik Produktion und Besch&auml;ftigung zu f&ouml;rdern und Wachstums- und Wohlstandschancen zu erschlie&szlig;en. Das Versagen der makro&ouml;konomischen Politik wir dann auf Lohnstarrheiten des Tarifkartells zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Reale Abwertungen durch Lohnkostensenkungen k&ouml;nnen aber nur zu internationalen Kostensenkungswettl&auml;ufen f&uuml;hren, an deren Ende alle sich schlechter stellen.&ldquo;&hellip; <\/p><p>&bdquo;Eine Gesellschaft mit gro&szlig;er, ja wachsender Ungleichheit erscheint vielen nicht nur als w&uuml;nschenswert sondern als unumg&auml;nglich notwendig f&uuml;r den gesellschaftlichen Fortschritt durch Entfesselung der Markkr&auml;fte und wird vom Vorsitzenden des Sachverst&auml;ndigenrates, meinem Fachkollegen Wiegard, und der Mehrheit seiner Ratskollegen ausdr&uuml;cklich empfohlen. Alle gesellschaftlichen Gruppen, die &acute;das kluge, nicht-egoistische, tatkr&auml;ftige Eintreten f&uuml;r die Lebenschancen der Schw&auml;cheren und Schwachen,&hellip;f&uuml;r wirkliche soziale Gerechtigkeit und Umverteilung der Chancen` betreiben und einfordern, erscheinen demgegen&uuml;ber als &ouml;konomisch unaufgekl&auml;rt und politische r&uuml;ckst&auml;ndig.&ldquo;\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie der Ansehensverlust, das Misstrauen, die Gleichg&uuml;ltigkeit zu erkl&auml;ren sind, die heute den Gewerkschaften von gro&szlig;en Teilen der Gesellschaft entgegen gebracht werden, dazu hat uns unser Leser der NachDenkSeiten, der &Ouml;konom Professor Dr. Siegfried Katterle einen Leserbrief geschrieben, den wir Ihnen nicht vorenthalten m&ouml;chten. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,109],"tags":[284,413],"class_list":["post-146","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-gewerkschaften","tag-deregulierung","tag-schlanker-staat"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=146"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32428,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/146\/revisions\/32428"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}