{"id":14614,"date":"2012-10-04T10:16:10","date_gmt":"2012-10-04T08:16:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14614"},"modified":"2015-05-02T09:15:04","modified_gmt":"2015-05-02T07:15:04","slug":"austeritat-auf-franzosisch-vom-einknicken-eines-hoffnungstragers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14614","title":{"rendered":"Austerit\u00e4t auf Franz\u00f6sisch &#8211; Vom Einknicken eines Hoffnungstr\u00e4gers"},"content":{"rendered":"<p>Als im Mai der Sozialist Fran&ccedil;ois Hollande die franz&ouml;sischen Pr&auml;sidentschaftswahlen gewann und Merkels wichtigsten Verb&uuml;ndeten in der EU, Nicolas Sarkozy, aus dem Amt jagte, konnte man hoffen, dass der Widerstand gegen die Austerit&auml;tspolitik in ganz Europa Auftrieb erhalten w&uuml;rde, hatte Hollande im Wahlkampf doch angek&uuml;ndigt, er w&uuml;rde eine Neuverhandlung des Fiskalpakts &ndash; in Frankreich als &ldquo;Merkozy-Pakt&rdquo; verschrien &ndash; durchsetzen und nicht akzeptieren, dass dem Land ein Spardiktat aufgezwungen w&uuml;rde. Vor allem in den s&uuml;deurop&auml;ischen Krisenstaaten, die tief in der durch die verordnete Sparpolitik verursachten Krisenspirale stecken, war die Hoffnung gro&szlig;, im neuen franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten einen Verb&uuml;ndeten gewonnen zu haben, der die Forderung nach Lockerung oder gar Beendigung der untragbaren Austerit&auml;tspolitik unterst&uuml;tzen w&uuml;rde. F&uuml;nf Monate nach Hollandes Amtsantritt ist nun die Entt&auml;uschung bei den Gegnern der Austerit&auml;tspolitik in- und au&szlig;erhalb Frankreichs gro&szlig;. Ein Gastartikel von <strong>Rolf Sawala<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHollande ist bereits auf dem EU-Gipfel zum Fiskalpakt in Juni eingeknickt: Zwar hat er erreicht, dass der Pakt um einen sog. Wachstumspakt erweitert wurde: Aber  der erweist sich bei n&auml;herem Hinsehen als Mogelpackung, bestehen doch die beschlossenen wachstumsf&ouml;rdernden Investitionen in H&ouml;he von 130 Mrd. Euro im wesentlichen aus l&auml;ngst beschlossenen EU-Strukturhilfen und aus Kreditversprechen der Europ&auml;ischen Investitionsbank f&uuml;r Public-Private-Partnerships, von denen fraglich ist, ob sie &uuml;berhaupt von privaten Investoren abgerufen werden. Die Effekte dieser Ma&szlig;nahmen f&uuml;r die Konjunktur d&uuml;rften bei Null liegen. Die wesentliche Funktion dieses Mogelpakts war es denn auch, Hollande ohne Gesichtsverlust die Zustimmung zum Fiskalpakt zu erm&ouml;glichen, konnte er doch so darauf verweisen, er habe die einseitige Austerit&auml;tspolitik zur&uuml;ckgek&auml;mpft.<\/p><p><strong>Sozialvertr&auml;gliche K&uuml;rzungen?<\/strong><\/p><p>In Frankreich macht sich nicht nur bei den W&auml;hlern der linken Opposition des Wahlb&uuml;ndnisses der &bdquo;Linksfront&ldquo;, sondern bis weit ins eigene sozialistische Lager hinein Ern&uuml;chterung breit. In den Umfragen ist die Popularit&auml;t Hollandes abgest&uuml;rzt. Nur noch 26% der Franzosen glauben, dass er die Krise, die er von seinem Vorg&auml;nger Sarkozy geerbt hat, besser l&ouml;sen kann als dieser, und am vergangenen Sonntag fand in Paris die erste Demonstration gegen den Sozialisten Hollande statt, der den &bdquo;Wechsel&ldquo; versprochen hatte. Zwar hatte Hollande zun&auml;chst rasch einige popul&auml;re Wahlversprechen in Angriff genommen: Die Rente mit 60 wurde f&uuml;r alle Versicherten ab 41 Beitragsjahren wieder eingef&uuml;hrt, der Mindestlohn wurde leicht angehoben, eine Extrasteuer f&uuml;r Reiche eingef&uuml;hrt. Aber im Laufe des Sommers verschlechterten sich die &ouml;konomischen Rahmendaten rapide: Ende Juni hatte der franz&ouml;sische Rechnungshof Alarm geschlagen und versch&auml;rfte Sparanstrengungen schon in diesem Jahr gefordert, weil er angeblich ein zus&auml;tzliches Haushaltsloch von 10 Mrd. Euro entdeckt hatte. F&uuml;r 2013 forderten die Beamten Einsparungen von 33 Mrd. Euro, wolle Frankreich das Defizitkriterium des Stabilit&auml;tspakts von 3% des BIP, wie noch von Sarkozy versprochen, einhalten.<\/p><p>Inzwischen haben sich die konjunkturellen Hiobsbotschaften geh&auml;uft: Die Arbeitslosigkeit hat im September die drei Millionen-Marke &uuml;berschritten, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 25%. Gerade erst hat der Autobauer Peugeot kurz vor Er&ouml;ffnung des Pariser Automobilsalons die Schlie&szlig;ung eines Werkes und die Entlassung von 8000 Besch&auml;ftigten angek&uuml;ndigt. Die Wirtschaft stagniert seit neun Monaten und d&uuml;rfte im dritten Quartal geschrumpft sein, und f&uuml;r das kommende Jahr hat die Regierung ihre Erwartung f&uuml;r das Wirtschaftswachstum von 1,2 auf 0,8% reduziert &ndash; &Ouml;konomen halten das noch f&uuml;r zu optimistisch. Frankreich steht am Rande der Rezession. <\/p><p>Das ist die Lage, in der die Regierung von Premierminister Ayrault am vergangenen Freitag den Haushaltsentwurf 2013 in die Nationalversammlung eingebracht hat. Er sieht Einsparungen in nie gekannter Gr&ouml;&szlig;enordnung, n&auml;mlich in H&ouml;he von 30 Mrd. Euro vor. Damit soll das Haushaltsdefizit von 4,5% in diesem Jahr auf 3% im kommenden Jahr zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden &ndash; trotz Rekordarbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise. Die sozialistische Regierung will so das noch von Sarkozy  gegen&uuml;ber seinen EU-Partnern gegebene Versprechen einl&ouml;sen. Premierminister Ayrault sprach bei der Vorlage des Haushaltsentwurfs von einem &bdquo;Kampfbudget&ldquo;, mit dem die Schuldenspirale durchbrochen  werden soll.<\/p><p>Man muss der Regierung Ayrault zugute halten, dass der L&ouml;wenanteil der vorgesehen Einsparungen durch Steuererh&ouml;hungen zu Lasten von wohlhabenden Haushalten und Gro&szlig;unternehmen erbracht werden soll, die mit jeweils 10 Mrd. Euro zur Kasse gebeten werden. So wird der Spitzensteuersatz f&uuml;r Einkommen &uuml;ber 150.000 Euro von 42 auf 45% angehoben. Einkommen &uuml;ber 1 Mill. Euro werden dar&uuml;ber hinaus f&uuml;r zwei Jahre mit einer Solidarit&auml;tsabgabe von 75% belegt. Das sind zweifelsohne Ma&szlig;nahmen, von denen man in Deutschland nur tr&auml;umen kann, ebenso wie von der beschlossenen Anhebung der Verm&ouml;genssteuer und der Angleichung der Besteuerung von Kapitaleinkommen und Arbeitseinkommen. Ayrault und sein Finanzminister Moscovici werden denn auch nicht m&uuml;de zu beteuern, dass der neue Haushalt sozial gerecht sei und dass 90% der Haushalte von den Steuererh&ouml;hungen nicht betroffen seien. Die von den Unternehmen aufzubringenden 10 Milliarden treffen in erster Linie Gro&szlig;unternehmen, so die eingeschr&auml;nkte steuerliche Abzugsf&auml;higkeit von Kapitalaufwendungen und die Begrenzung  der Steuerbefreiung beim Verkauf von Unternehmensanteilen. All das tr&auml;gt klassische sozialdemokratische Handschrift. Die zehn Milliarden, die der Staat bei seinen Ausgaben einsparen soll, sollen auch nicht durch K&uuml;rzungen erbracht werden, sondern durch Einfrieren der Staatsausgaben. Wie von Hollande im Wahlkampf versprochen, sollen sogar trotz der Deckelung der Ausgaben 11.000 neue Stellen im Schuldienst, bei der Polizei und der Justiz geschaffen werden, daf&uuml;r werden aber, um die &bdquo;Sparziele&ldquo; zu erreichen,  in anderen Ressorts im kommenden Jahr &uuml;ber 12.000 Stellen wegfallen. Die Besch&auml;ftigten im &ouml;ffentlichen Dienst  m&uuml;ssen sich dar&uuml;ber hinaus darauf einstellen, dass ihre Geh&auml;lter im kommenden Jahr eingefroren werden, denn die globale Lohnsumme f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Dienst soll nur um 0,25% steigen.<\/p><p><strong>Gegenwind von rechts und links<\/strong><\/p><p>Wie zu erwarten war, laufen Konzerne und Wohlhabende Sturm gegen die geplanten Steuererh&ouml;hungen. Die b&uuml;rgerliche Opposition sch&auml;umt und fordert, dass der Staat, statt die Steuern zu erh&ouml;hen, seine Ausgaben st&auml;rker zur&uuml;ckfahren solle. Das war nicht anders zu erwarten. Auch die Ank&uuml;ndigung des reichsten Franzosen, wegen der Steuerh&ouml;hungen die belgische Staatsangeh&ouml;rigkeit annehmen zu wollen, hat in der Presse weitgehend H&auml;me ausgel&ouml;st. Aber dennoch: auch das eigene Lager nimmt den Haushaltsentwurf nur z&auml;hneknirschend hin. Denn es erscheint mehr als fraglich, ob die Regierung, wie von Ayrault beteuert, es schaffen wird, die Neuverschuldung wie vorgesehen abzubauen, ohne das Wirtschaftswachstum abzuw&uuml;rgen. Ein Einfrieren der Staatsausgaben mitten in einem krisenhaften Kontext kann nicht ohne Auswirkung auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bleiben. Die 30 Milliarden, die insgesamt durch Steuererh&ouml;hungen und Einfrieren staatlicher Ausgaben zusammenkommen sollen, entsprechen immerhin 1,5% des franz&ouml;sischen BIP &ndash; das ist mehr als das Doppelte der Gr&ouml;&szlig;enordnung, mit der die deutsche Bundesregierung in den Jahren vor der Finanzkrise den Bundeshaushalt zu sanieren versuchte &ndash; mit fatalen Folgen f&uuml;r das Wachstum. Franz&ouml;sische &Ouml;konomen warnen daher fast einhellig davor, dass derartige Einschnitte das Land unweigerlich in die Rezession f&uuml;hren w&uuml;rden. Das Erreichen der 3%-Grenze halten &Ouml;konomen aller Lager angesichts des schwachen Wachstums f&uuml;r unrealistisch, so dass neue zus&auml;tzliche Sparma&szlig;nahmen beschlossen werden m&uuml;ssten. Frankreich wird  damit, so die Kritik, in eine &auml;hnliche Sparfalle geraten wie Griechenland und Spanien. Doch die Regierung Ayrault hat alle Forderungen, die Reduzierung des Defizits zeitlich zu strecken, zur&uuml;ckgewiesen und will um jeden Preis schon im kommenden Jahr die Neuverschuldung auf 3% dr&uuml;cken. Zu gro&szlig; ist die Angst bei den regierenden Sozialisten, dass bei einem Abr&uuml;cken  von den strengen Sparzielen die Finanzm&auml;rkte das Land mit &auml;hnlich hohen Strafzinsen wie Griechenland und Spanien in die Knie zwingen w&uuml;rden.<\/p><p>Mag man beim Budget 2013 immerhin noch das Bem&uuml;hen der Regierung anerkennen, die Kosten der Haushaltssanierung vor allem den &bdquo;Reichen&ldquo; aufzub&uuml;rden und damit negative Folgen auf das Wachstum so gering wie m&ouml;glich zu halten, auch wenn diese Folgen kaum zu vermeiden sein werden, so ist vollends fraglich, wie das beim Fiskalpakt gelingen soll, der dem Land eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild aufzwingt und dessen Beratung diese Woche im Parlament begonnen hat. Der gr&uuml;ne Koalitionspartner hat deshalb bereits angek&uuml;ndigt, dem Fiskalpakt nicht zustimmen zu wollen &ndash; und sich daf&uuml;r die Schelte Daniel Cohn-Bendits zugezogen, der aus Protest seine Mitgliedschaft bei den franz&ouml;sischen Gr&uuml;nen ruhen lassen will. Allerdings ist die sozialistische Regierung auf die 20 Stimmen des gr&uuml;nen Koalitionspartners in der Nationalversammlung nicht angewiesen. Auch wenn noch einige Abgeordnete der eigenen Partei sowie die Fraktion der &bdquo;Linksfront&ldquo; dem Fiskalpakt ihre Zustimmung verweigern, wird die Mehrheit f&uuml;r die Ratifizierung mehr als ausreichend sein, denn die b&uuml;rgerliche Opposition wird den von Sarkozy ausgehandelten Pakt auf jeden Fall passieren lassen. Zwar setzt die Regierung, wie der Parteisprecher der Sozialisten erkl&auml;rte, alles daran, um eine eigene &bdquo;linke Mehrheit&ldquo; f&uuml;r den Fiskalpakt zu erreichen, aber am wichtigsten, so der Sprecher, sei es, dass der Pakt &uuml;berhaupt angenommen wird.<\/p><p><strong>Demonstrationen f&uuml;r einen Volksentscheid<\/strong><\/p><p>Angesichts der Mehrheitsverh&auml;ltnisse in der Nationalversammlung streben die Gegner des Fiskalpakts nunmehr an, die Ratifizierung durch eine Volksabstimmung zu verhindern. Mehrere zehntausend Menschen, mehr als 80.000 nach Angaben der Veranstalter, demonstrierten am Sonntag unter dieser Forderung in Paris. Aufgerufen zu der Demonstration hatte ein Aktionsb&uuml;ndnis von insgesamt 60 Organisationen unter F&uuml;hrung der &bdquo;Linksfront&ldquo;, deren Kandidat Jean Luc M&eacute;lenchon im 1. Wahlgang der Pr&auml;sidentschaftswahlen auf 11,1 % der Stimmen gekommen war. Im Aufruf zur Demonstration hie&szlig; es: &bdquo;Dieser Vertrag zwingt ganz Europa zur Austerit&auml;t und zur Unterwerfung unter das Finanzkapital. Nicht mehr die vom Volk gew&auml;hlten Regierungen bestimmen dann die Haushaltspolitik der Staaten, sie wird vielmehr dem Diktat der EU-Kommission unterworfen.&ldquo;<\/p><p>Die Demonstration in Paris war aber nicht nur Protest gegen den Fiskalpakt, sie war auch gleichzeitig Protest gegen den sozialistischen Pr&auml;sidenten, der sicher von der gro&szlig;en Mehrheit der Demonstranten gew&auml;hlt worden war. So hie&szlig; es im Aufruf weiter: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Im Januar 2012 wollte der Pr&auml;sidentschaftskandidat Fran&ccedil;ois Hollande noch das Finanzkapital bek&auml;mpfen, das er als eine Bedrohung f&uuml;r die Demokratie bezeichnete. Stattdessen hat er jetzt diesen Vertrag unterschrieben, der im Nachhinein Nicolas Sarkozy Recht gibt! Daf&uuml;r haben wir nicht Sarkozy aus dem Amt gejagt. (&hellip;) Dieser Pakt versch&auml;rft die Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise. Es werden die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sein, die die Folgen der Bankenspekulation bezahlen m&uuml;ssen.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>In einer gemeinsamen Erkl&auml;rung unterst&uuml;tzten f&uuml;hrende Vertreter der europ&auml;ischen Linken die Demonstranten, darunter Alexis Tsipras vom griechischen Parteienb&uuml;ndnis Syriza, Jos&eacute; Luis Centella, der Vorsitzender der spanischen Kommunisten, und Bernd Riexinger, Co-Vorsitzender der &bdquo;Linken&ldquo;. <\/p><p>Wie realistisch aber ist die Perspektive, die franz&ouml;sische Zustimmung zum Fiskalpakt mittels einer Volksabstimmung, wie von den Demonstranten gefordert, zu verhindern? Die franz&ouml;sische Verfassung kennt &ndash; anders als die deutsche &ndash; durchaus das Instrument der Volksabstimmung. Schon zweimal gab es in Frankreich eine Volksabstimmung &uuml;ber die Gestaltung der EU: der Maastricht-Vertrag wurde nur mit knapper Mehrheit angenommen, der Lissabon-Vertrag &uuml;ber die europ&auml;ische Verfassung wurde in einer Volksabstimmung abgelehnt. Grunds&auml;tzlich ist also eine Volksabstimmung durchaus ein denkbarer Weg, den Fiskalpakt zur&uuml;ckzuweisen, zumal die Bev&ouml;lkerung in Frankreich &ndash; anders als die vom neoliberalen Mainstream der Medien gepr&auml;gte deutsche &Ouml;ffentlichkeit einer einseitigen Sparpolitik zu Lasten der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger kritischer gegen&uuml;bersteht. Austerit&auml;t ist in Frankreich ein negativ besetzter politischer Begriff. W&auml;hrend die Diskussion in Deutschland vor allem um die Frage der deutschen Haftung f&uuml;r Schulden anderer Staaten kreist und viele Menschen sich dar&uuml;ber ereifern, dass die &bdquo;S&uuml;dl&auml;nder&ldquo; nicht genug sparen, wird in den franz&ouml;sischen Medien die Diskussion um die verh&auml;ngnisvollen Folgen der Austerit&auml;tspolitik sehr viel offener gef&uuml;hrt. Dennoch erscheint Skepsis geboten, was die Erfolgsaussichten eines Referendums &uuml;ber den Fiskalpakt angeht:<\/p><p>Die franz&ouml;sische Verfassung, die dem Staatspr&auml;sidenten generell eine starke Stellung einr&auml;umt, sieht keine M&ouml;glichkeit vor, ein Referendum etwa durch ein Volksbegehren zu erzwingen. Die Entscheidung &uuml;ber eine Volksabstimmung liegt also allein beim Pr&auml;sidenten &ndash; und es ist kaum vorstellbar, dass Hollande sich darauf einl&auml;sst. Zwar ist der Fiskalpakt f&uuml;r die Zukunft Europas und Frankreichs von so entscheidender Bedeutung, dass die Forderung nach einer Volksabstimmung sich gut begr&uuml;nden l&auml;sst. Aber Hollande m&ouml;chte die &ouml;ffentliche Diskussion &uuml;ber den Fiskalpakt so schnell wie m&ouml;glich beenden und wird deshalb alles daran setzen, mit einem Parlamentsbeschluss vollendete Tatsachen zu schaffen.  Die gleiche Logik, die ihn dazu gebracht hat, aus Angst vor der Reaktion der Finanzm&auml;rkte dem Fiskalpakt entgegen seinen urspr&uuml;nglichen Wahlversprechen zuzustimmen, wird ihn auch davon abhalten, sich auf die Unw&auml;gbarkeit einer Volksabstimmung einzulassen. Die hinter den Demonstranten in Paris stehenden Organisation hoffen zwar, in den kommenden Wochen die &Ouml;ffentlichkeit soweit zu mobilisieren, dass Hollande sich dem Druck beugt und ein Referendum zul&auml;sst, doch erscheint dies wenig realistisch. Und selbst wenn dies gel&auml;nge: nach letzten Umfragen sind derzeit 64% der Franzosen f&uuml;r die Verabschiedung des Fiskalpakts &ndash; sicherlich weniger als in Deutschland, aber eben doch genug. Im Zweifel w&uuml;rde also vermutlich auch bei einer Volksabstimmung das b&uuml;rgerliche Lager dem von noch von ihrem Pr&auml;sidenten  ausgehandelten Pakt zu einer Mehrheit verhelfen.<\/p><p><strong>Widerstand der &Ouml;konomen<\/strong><\/p><p>Es sieht also ganz danach aus, dass Frankreich der zehnte Staat sein wird, der den Fiskalpakt ratifiziert (zum Inkrafttreten reicht ein Quorum von 12 Staaten). Der R&uuml;ckhalt Pr&auml;sident Hollandes im eigenen Lager aber d&uuml;rfte damit schwer angeschlagen sein. &bdquo;Jetzt kommt der Wechsel &ldquo; lautete Hollandes Wahlslogan, der an Barrack Obamas &bdquo;Yes, we can&ldquo; vor vier Jahren erinnert. Und ganz &auml;hnlich wie Obamas Gesundheitsreform, seine Umweltschutzpl&auml;ne und seine Pl&auml;ne zur Bankenregulierung im geballten Trommelfeuer von Lobbyeinfl&uuml;ssen, konservativen Medien und  Blockadepolitik der republikanischer Hardliner stecken blieben oder weitgehend verw&auml;ssert wurden, droht jetzt Hollande bei der Umsetzung seiner Wahlversprechen zu scheitern, zwar nicht wie Obama am Widerstand der Gegner, daf&uuml;r aber an der Unm&ouml;glichkeit, das Land aus der Krise zu f&uuml;hren, wenn er sich durch den Fiskalpakt zu fiskalpolitischer Handlungsunf&auml;higkeit zwingen l&auml;sst. Das Land aus der Krise zu sparen, das gelingt weder in Griechenland, Portugal, Spanien noch Italien, und es wird auch in Frankreich nicht gelingen. Davor warnen auch <a href=\"http:\/\/www.lemonde.fr\/idees\/article\/2012\/10\/02\/non-au-traite-budgetaire-europeen_1768787_3232.html\">mehr als 120 franz&ouml;sische &Ouml;konomen in einem Manifest<\/a>, das am Tag, an dem der Fiskalpakt in die Nationalversammlung zur Beratung eingebracht wurde, in der Tageszeitung <em>Le Monde<\/em> erschien (&Uuml;bersetzung im Anhang). Allein, die Hoffnung ist gering, dass ihr Aufruf ein Umdenken bei Politikern bewirkt, die sich der Logik der Finanzm&auml;rkte unterwerfen. <\/p><p><strong>Anhang: Aufruf eines Kollektivs von mehr als 120 &Ouml;konomen, ver&ouml;ffentlicht in Le Monde vom 2. Oktober 2012.<\/strong><\/p><p>Seit 2008 sieht sich die Europ&auml;ische Union einer nie gekannten Wirtschaftskrise ausgesetzt. Anders als neoliberale &Ouml;konomen glauben machen wollen, ist diese Krise keine Staatsschuldenkrise. Spanien und Irland sind heute den Attacken der Finanzm&auml;rkte ausgesetzt, obwohl diese L&auml;nder stets die Maastricht-Kriterien eingehalten haben. Der Anstieg der Staatsverschuldung ist eine Folge des Einbruchs der Steuereinnahmen(hervorgerufen teilweise durch Steuergeschenke an die Reichen), der staatlichen Hilfe f&uuml;r private Banken sowie der Inanspruchnahme der Finanzm&auml;rkte, um diese Schulden zu exzessiven Zinss&auml;tzen zu bedienen. <\/p><p>Die Krise entspringt  auch dem v&ouml;lligen Fehlen einer Regulierung des Kredits und der Kapitalstr&ouml;me zu Lasten der Besch&auml;ftigung, der &ouml;ffentlichen Dienstleistungen und der Produktion. Sie wird von der Europ&auml;ischen Zentralbank (EZB) am Laufen gehalten, die bedingungslos die privaten Banken unterst&uuml;tzt und jetzt von den Staaten eine &bdquo;strikte Konditionalit&auml;t&ldquo; der Austerit&auml;tspolitik fordert, damit sie ihre Rolle als &bdquo;Kreditgeber der letzten Hand&ldquo; wahrnimmt. Diese Krise wird des weiteren versch&auml;rft durch innereurop&auml;isches Steuerdumping und durch das Verbot f&uuml;r die EZB, den Staaten direkt Kredite zur Finanzierung von Zukunftsausgaben zu gew&auml;hren &ndash; im Gegensatz zu anderen Zentralbanken auf der Welt wie etwa der amerikanischen Federal Reserve. Schlie&szlig;lich wird die Krise auch versch&auml;rft durch die extreme Schw&auml;che des EU-Haushalts und seine Deckelung auf die l&auml;cherlich niedrige Schwelle von 1,24% des BIP.<\/p><p>Fran&ccedil;ois Hollande, der sich w&auml;hrend der Pr&auml;sidentschaftskampagne verpflichtet hatte, den Fiskalpakt neu zu verhandeln, hat keinerlei Ver&auml;nderung bewirkt und hat sich dazu entschlossen, die Austerit&auml;tspolitik fortzusetzen, die von seinen Vorg&auml;ngern begonnen wurde. Das ist ein tragischer Fehler. Die Erg&auml;nzung durch einen Pseudo-Wachstumspakt mit l&auml;cherlichen Summen verbr&auml;mt lediglich (?) eine von Merkel und Sarkozy durchgesetzte Schuldenbremse, die jegliche staatliche Finanzierung von Zukunftsausgaben verhindert und zu einem Programm drastischer  Einsparungen bei allen &ouml;ffentlichen Aufgaben f&uuml;hrt.<\/p><p>Indem dieser Vertrag die M&ouml;glichkeit der Staaten, ihre Volkswirtschaften anzukurbeln, mehr als je zuvor einschr&auml;nkt und indem er einen ausgeglichenen Haushalt vorschreibt, f&uuml;hrt er unweigerlich in die Rezession und versch&auml;rft automatisch die bestehenden Ungleichgewichte. Staaten, die unter dem Zusammenbruch der Binnennachfrage leiden, m&uuml;ssen ihre staatlichen Ausgaben noch st&auml;rker zur&uuml;ckfahren. In mehreren EU-Staaten, die  sich bereits in der Rezession befinden, bedroht diese Logik noch zus&auml;tzlich ihre Produktion und ihren Arbeitsmarkt &ndash; und damit ihre Steuereinnahmen, wodurch sich die Defizite am Ende noch vergr&ouml;&szlig;ern. So prognostiziert das Konjunkturforschungsinstitut OFCE aufgrund der Austerit&auml;tspolitik bereits jetzt 300.000 zus&auml;tzliche Arbeitslose in Frankreich f&uuml;r 2013. Auf mittlere und l&auml;ngere Sicht wird dadurch der soziale und &ouml;kologische Wandel, der betr&auml;chtliche Investitionen erfordert, in Frage gestellt.<\/p><p>Im Namen einer angeblichen &bdquo;europ&auml;ischen Solidarit&auml;t&ldquo; schreibt der Fiskalpakt in Wirklichkeit die staatliche Garantie f&uuml;r gro&szlig;e private Verm&ouml;gen fest. Er mei&szlig;elt automatische Austerit&auml;tsma&szlig;nahmen in Stein, die die vom Volk gew&auml;hlten Abgeordneten absegnen m&uuml;ssen, und erzwingt auf diese Weise Haushaltsentscheidungen, die von einer nicht vom Volk gew&auml;hlten Instanz diktiert werden. <\/p><p>Der Europ&auml;ische Stabilit&auml;tsmechanismus (ESM), eine antidemokratische Institution <em>par excellence<\/em>, darf Kredite zu etwas geringeren Zinsen (5%) gew&auml;hren. Aber diese Kredite sind an die Durchf&uuml;hrung einer drastischen Austerit&auml;tspolitik gebunden, die den B&uuml;rgern aufgezwungen wird! Die staatliche B&uuml;rgschaft f&uuml;r private Investoren ermuntert die Spekulation, statt ihr das Genick zu brechen, indem man ihr die &ouml;ffentlichen Schulden entrei&szlig;t. Es gilt uneingeschr&auml;nkt festzuhalten: Austerit&auml;t ist zugleich ungerecht, unwirksam und antidemokratisch. <\/p><p>Alternativen sind m&ouml;glich. Die Zukunft Europas erfordert eine demokratische Debatte &uuml;ber die Auswege aus der Krise. Eine koordinierte Ausweitung der Produktion, der Besch&auml;ftigung und der &ouml;ffentlichen Dienstleistungen in Europa w&auml;re heute m&ouml;glich.<\/p><p>Damit die EU eine solche Politik in Angriff nimmt, ist es dringend erforderlich, die europ&auml;ischen Institutionen zu reformieren und zu demokratisieren. Ein Europ&auml;ischer Fonds f&uuml;r soziale und &ouml;kologische Entwicklung unter demokratischer Kontrolle k&ouml;nnte diese Dynamik entfalten. Weiterhin k&ouml;nnte die EU eine Finanzkontrolle einrichten.<\/p><p>Die sozialen und &ouml;kologischen Herausforderungen sind immens. Es ist m&ouml;glich, die d&uuml;stere Bilanz der neoliberalen Politik in Frankreich mit 5 Millionen Arbeitslosen und 10 Millionen Armen aufzubrechen. Um sich daf&uuml;r die Mittel zu verschaffen, muss man die Zwangsjacke der Finanzm&auml;rkte ablegen und sich nicht von ihnen abh&auml;ngig machen. Deshalb lehnen wir die Ratifizierung des Vertrags &uuml;ber Stabilit&auml;t, Koordinierung und Steuerung in der Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion (Fiskalpakt) ab!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als im Mai der Sozialist Fran&ccedil;ois Hollande die franz&ouml;sischen Pr&auml;sidentschaftswahlen gewann und Merkels wichtigsten Verb&uuml;ndeten in der EU, Nicolas Sarkozy, aus dem Amt jagte, konnte man hoffen, dass der Widerstand gegen die Austerit&auml;tspolitik in ganz Europa Auftrieb erhalten w&uuml;rde, hatte Hollande im Wahlkampf doch angek&uuml;ndigt, er w&uuml;rde eine Neuverhandlung des Fiskalpakts &ndash; in Frankreich als<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14614\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,20,137],"tags":[423,1247,1043,1094],"class_list":["post-14614","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-landerberichte","category-steuern-und-abgaben","tag-austeritaetspolitik","tag-fiskalpakt","tag-frankreich","tag-hollande-francois"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14614"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14614\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14617,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14614\/revisions\/14617"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14614"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}