{"id":146497,"date":"2026-02-20T15:00:41","date_gmt":"2026-02-20T14:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146497"},"modified":"2026-02-20T18:00:23","modified_gmt":"2026-02-20T17:00:23","slug":"neuer-siedlungsplan-israels-expansion-ueberschreitet-die-grenzlinie-von-1967","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146497","title":{"rendered":"Neuer Siedlungsplan: Israels Expansion \u00fcberschreitet die Grenzlinie von 1967"},"content":{"rendered":"<p>Die israelische Regierung hat am 15. Februar einen neuen Siedlungsplan genehmigt, der den Bau von 2.780 Wohneinheiten im Norden des besetzten Jerusalem in den kommenden Jahren vorsieht. Damit soll die Zust&auml;ndigkeit der von der Besatzungsmacht gef&uuml;hrten Stadtverwaltung Jerusalems bis weit ins Westjordanland ausgedehnt werden. Von <strong>Ayham al-Sahli<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nOffiziell wird das Projekt als Erweiterung der n&ouml;rdlich der Stadt im Westjordanland gelegenen Siedlung Adam dargestellt. Tats&auml;chlich geht der Plan jedoch noch weiter. Er w&uuml;rde die Zust&auml;ndigkeit der von der Besatzungsmacht gef&uuml;hrten Stadtverwaltung Jerusalems &uuml;ber die Linie von 1967 hinaus ausweiten.<\/p><p>Das Projekt zielt darauf ab, eine territoriale Verbindung zwischen den neuen Wohneinheiten und den bestehenden Siedlungen in Jerusalem herzustellen, insbesondere der Haredi-Siedlung Neve Yaakov. Der Zugang zu dem geplanten Viertel w&uuml;rde durch Neve Yaakov f&uuml;hren und eine Verbindung zu dieser Siedlung herstellen.<\/p><p>Gem&auml;&szlig; der Entscheidung soll der Bau auf einem Grundst&uuml;ck in der N&auml;he von Adam erfolgen. Derzeit gibt es keine direkten Stra&szlig;enverbindungen zwischen diesem Gebiet und Neve Yaakov, doch es wurde der Bau einer Br&uuml;cke vorgeschlagen, um die beiden Orte zu verbinden. Das praktische Ergebnis w&auml;re eine Konsolidierung der Siedlungsbl&ouml;cke und eine weitere Einbeziehung von Gebieten jenseits der Grenzlinien von 1967 in die unter israelischer Kontrolle stehende Stadtverwaltung von Jerusalem.<\/p><p>Der Schritt ist Teil eines gr&ouml;&szlig;eren Ma&szlig;nahmenpakets, das am 8. Februar verabschiedet wurde. Diese Ma&szlig;nahmen f&uuml;hren zu einer politischen und sicherheitspolitischen Annexion des Westjordanlands und Jerusalems. Sie erweitern die Befugnisse der Vollzugsbeh&ouml;rden der Zivilverwaltung auf Gebiete, die 40 Prozent des Westjordanlands ausmachen und gem&auml;&szlig; den Osloer Abkommen der pal&auml;stinensischen Zivilverwaltung unterstehen.<\/p><p>Im Rahmen der neuen Beschl&uuml;sse kann Israel in den Gebieten A und B unter dem Vorwand des Schutzes von Kulturerbe-St&auml;tten, arch&auml;ologischen St&auml;tten, der Umwelt oder der Wasserressourcen Abriss- oder Baustoppverf&uuml;gungen erlassen. Bislang waren solche Befugnisse auf das Gebiet C beschr&auml;nkt, das gem&auml;&szlig; den Osloer Vertr&auml;gen unter der vollst&auml;ndigen Verwaltungs- und Sicherheitskontrolle der Besatzungsmacht steht.<\/p><p>Der mit Jerusalem verbundene Plan reiht sich auch in eine umfassendere Initiative zur Landbesiedlung im Westjordanland ein, die erste ihrer Art seit der Besetzung im Jahr 1967. Die Initiative zielt darauf ab, gro&szlig;e Teile des pal&auml;stinensischen Landes als Eigentum des Staates Israel neu zu klassifizieren.<\/p><p>Dies widerspricht internationalen Resolutionen, da es die M&ouml;glichkeit er&ouml;ffnet, pal&auml;stinensisches Land im israelischen Grundbuch zu registrieren. Ist das Land einmal im israelischen System registriert, ist es praktisch unm&ouml;glich, die Entscheidung vor israelischen Gerichten, einschlie&szlig;lich des Obersten Gerichtshofs Israels, anzufechten. In der Vergangenheit wurden einige Landbeschlagnahmungen in Jerusalem und anderen Gebieten vor Gericht angefochten. Die Registrierung w&uuml;rde diesen Weg faktisch versperren.<\/p><p>Zusammengenommen formalisieren der neue Plan und damit verbundene Entscheidungen die Anwendung israelischer Gesetze, die in den 1948 besetzten Gebieten gelten, auf die 1967 besetzten Gebiete. Konkret bedeutet dies eine Verlagerung hin zur Behandlung des gesamten Mandatsgebiets Pal&auml;stina, wie es vor dem 15. Mai 1948 bestand, als Gebiet, das zu dem an diesem Tag gegr&uuml;ndeten Staat geh&ouml;rt.<\/p><p>Eine solche Vorgehensweise erh&ouml;ht die Wahrscheinlichkeit, dass Israel eines Tages gegen diejenigen vorgehen k&ouml;nnte, die nicht als seine &bdquo;B&uuml;rger&rdquo; angesehen werden, indem es sie &uuml;ber die Grenzen des &bdquo;Staates&rdquo; hinausdr&auml;ngt. Am 19. M&auml;rz 2023, vor dem aktuellen Krieg, leugnete der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich &ouml;ffentlich die Existenz des pal&auml;stinensischen Volkes und bezeichnete es als eine fiktive Erfindung, die weniger als 100 Jahre alt sei.<\/p><p>Die Entwicklungen seit Oktober 2023 haben seit Langem bestehende Trends beschleunigt. Die Ausweitung der Siedlungen, die Annexionsma&szlig;nahmen im Westjordanland und die Judaisierung Jerusalems begannen nicht erst mit dem Krieg. Seit der Nakba und der Vollendung der Besetzung des &uuml;brigen Pal&auml;stinas im Jahr 1967 verfolgen die aufeinanderfolgenden israelischen Regierungen und B&uuml;rgermeister Jerusalems einen einheitlichen Ansatz: mehr Land, weniger Pal&auml;stinenser.<\/p><p>Nach dem 7. Oktober nahm die Siedlungsaktivit&auml;t deutlich zu, sie erfolgte schneller und offener, ohne viel R&uuml;cksicht auf internationale Resolutionen oder auf Positionen der Staaten, die diese Resolutionen auf den Weg gebracht hatten. Solche Resolutionen wurden seit 1948 fast j&auml;hrlich verabschiedet, doch ihr Einfluss auf die Politik vor Ort blieb begrenzt.<\/p><p>Der in Jerusalem ans&auml;ssige Forscher Khalil Tafakji warnte im <em>Journal of Palestine Studies<\/em> (Ausgabe 144), dass die Beh&ouml;rden mehrere gro&szlig; angelegte Projekte in Ostjerusalem f&uuml;r die Kriegsperiode ab 2023 angek&uuml;ndigt haben. In einem Sonderbeitrag mit dem Titel &bdquo;Westjordanland: Annexions- und Vertreibungspolitik&rdquo; argumentierte er, dass diese Projekte, wenn nicht dagegen vorgegangen wird, zu erheblichen geografischen und demografischen Ver&auml;nderungen in der Stadt f&uuml;hren w&uuml;rden.<\/p><p>Unter den von ihm genannten Projekten sind Jouret el-Naqa&rsquo; (Kobaniyat Umm Haroun), Wadi Silicon, der City Center Plan, das Jerusalem Land Settlement Scheme und das National Park Project. Laut Tafakji w&uuml;rde ihre kombinierte Wirkung die Landschaft und das Bev&ouml;lkerungsgleichgewicht Ostjerusalems grundlegend ver&auml;ndern. Er stellt fest, dass diese Transformation bereits im Gange ist.<\/p><p>Der immer st&auml;rkere Zugriff auf die umliegenden D&ouml;rfer Jerusalems verdeutlicht das Muster. In Beit Safafa, s&uuml;dlich der Altstadt, wurde 1971 die Siedlung Gilo auf Teilen des s&uuml;dlichen Dorfgebiets errichtet. Heute ist Gilo die gr&ouml;&szlig;te Siedlung in Jerusalem. W&auml;hrend des andauernden Krieges errichteten die Beh&ouml;rden 3.500 neue Wohneinheiten, 1.100 Hotelzimmer und eine weitere Siedlung namens Givat Shaked westlich des Dorfes.<\/p><p>Beit Safafa ist nun in vier durch Tunnel verbundene Abschnitte geteilt und vollst&auml;ndig von Nachbard&ouml;rfern abgeschnitten. Die Zerteilung des Dorfes spiegelt eine umfassendere Realit&auml;t wider, die auch andere Gemeinden Jerusalems und weite Teile des besetzten Westjordanlands betrifft.<\/p><p>Diese Entwicklungen werfen auch einen Schatten auf die Idee eines pal&auml;stinensischen Staates. Vor 30 Jahren weckten die Osloer Vertr&auml;ge bei einigen pal&auml;stinensischen F&uuml;hrungsfiguren die Hoffnung auf einen Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt. Dem 1993 im Wei&szlig;en Haus unterzeichneten Abkommen folgten pal&auml;stinensische Rechtsvorschriften, die dieser Vision eine begrenzte Wirkung vor Ort verleihen sollten. F&uuml;r einige schuf dies ein Gef&uuml;hl der teilweisen Souver&auml;nit&auml;t.<\/p><p>Doch die Ausweitung der Siedlungen beschleunigte sich w&auml;hrend der Osloer Jahre. Am Vorabend des Abkommens gab es im Westjordanland 172 Siedlungen mit 248.000 Siedlern. Bis 2023 war die Zahl der Siedlungen und Au&szlig;enposten auf 444 gestiegen, mit 950.000 Siedlern. In drei Jahrzehnten hatte sich das Besiedlungsprojekt vervierfacht.<\/p><p>Die politische Ablehnung eines pal&auml;stinensischen Staates hat sich ebenfalls verh&auml;rtet. Am 17. Juli 2024 verabschiedete die Knesset eine Resolution, mit der die Gr&uuml;ndung eines pal&auml;stinensischen Staates abgelehnt wurde. Die Abstimmung fand etwa zwei Monate nach der Verabschiedung einer Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen statt, die Pal&auml;stinas Antrag auf Vollmitgliedschaft in der UNO mit 143 Ja-Stimmen, 9 Nein-Stimmen und 25 Enthaltungen unterst&uuml;tzte.<\/p><p>Die Realit&auml;t vor Ort zeigt, dass die Besatzung nicht nur heute, sondern seit Oslo die Aussichten auf einen pal&auml;stinensischen Staat zerst&ouml;rt hat. Die Pal&auml;stinensische Autonomiebeh&ouml;rde wurde zu einer Art Gemeindeverwaltung reduziert, die im Auftrag Israels handelt, einschlie&szlig;lich bestimmter Sicherheitsaufgaben. Am Montag erschossen pal&auml;stinensische Sicherheitskr&auml;fte in der Stadt Tammun einen Jungen und verwundeten ein M&auml;dchen, als sie Samer Samara verfolgten, der von der Besatzungsmacht gesucht wird.<\/p><p>Die Pal&auml;stinensische Autonomiebeh&ouml;rde k&ouml;nnte Israel zumindest dazu zwingen, die gesamten Kosten der Besatzung zu tragen, wenn sie den politischen Willen dazu h&auml;tte. Das w&uuml;rde bedeuten, Israel die alleinige Verantwortung f&uuml;r die Pal&auml;stinenser in den 1967 besetzten Gebieten zu &uuml;berlassen, einschlie&szlig;lich Bildung, Gesundheitsversorgung, Besch&auml;ftigung, Ern&auml;hrung, Wasser und Infrastruktur in ihren St&auml;dten und D&ouml;rfern.<\/p><p><em>Der Beitrag erschien im Original im libanesischen Onlineportal <\/em><a href=\"https:\/\/en.al-akhbar.com\/news\/israeli-expansion-moves-beyond-1967-line-toward-full-control\">Al-Akhbar<\/a> (Die Nachricht). &Uuml;bersetzung aus dem Englischen von Marta Andujo.<\/p><p>&Uuml;ber den Autor: <strong>Ayham al-Sahli<\/strong> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am <a href=\"https:\/\/www.palestine-studies.org\/\">Institut f&uuml;r Pal&auml;stina-Studien<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: StreetOnCamara_Comeback \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die israelische Regierung hat am 15. 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Von <strong>Ayham al-Sahli<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":146499,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169],"tags":[2175,1557,1311,303,2039,639],"class_list":["post-146497","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","tag-interventionspolitik","tag-israel","tag-landgrabbing","tag-palaestina","tag-siedlungspolitik","tag-uno"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/shutterstock_2604210333.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/146497","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=146497"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/146497\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":146658,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/146497\/revisions\/146658"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/146499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=146497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=146497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=146497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}