{"id":146566,"date":"2026-02-21T13:00:32","date_gmt":"2026-02-21T12:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146566"},"modified":"2026-02-20T16:10:17","modified_gmt":"2026-02-20T15:10:17","slug":"strategische-sackgasse-johannes-varwick-ueber-frieden-washington-und-merz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146566","title":{"rendered":"\u201eStrategische Sackgasse\u201c: Johannes Varwick \u00fcber Frieden, Washington und Merz"},"content":{"rendered":"<p>Agiert Europa noch als eigenst&auml;ndiges Subjekt, oder ist es zur blo&szlig;en Man&ouml;vriermasse Washingtons degradiert? Anl&auml;sslich der Vorstellung seines neuen Buches &bdquo;Stark f&uuml;r den Frieden&ldquo; am 12. Februar in Berlin sprach <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> mit dem Politikwissenschaftler <strong>Johannes Varwick<\/strong>. W&auml;hrend Bundeskanzler Friedrich Merz einseitig auf &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; setzt, warnt Varwick vor einer fatalen Fehlentwicklung, der &bdquo;Schutzgeld-Mentalit&auml;t&ldquo; gegen&uuml;ber den USA und dem gef&auml;hrlichen Verlust diplomatischer Handlungsf&auml;higkeit.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Interview Teil 1<\/strong><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Bei der Vorstellung Ihres Buches &bdquo;Stark f&uuml;r den Frieden&ldquo; k&uuml;rzlich in Berlin warnte Brigadegeneral a. D. Rainer Schwalb: &bdquo;Ohne Ziel stimmt jede Richtung&ldquo;. Bundeskanzler Friedrich Merz setzt nun jedoch einseitig auf &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo;. Riskieren wir ohne eine klare Friedensvision die totale Ersch&ouml;pfung? Befinden wir uns bereits in einer strategischen Sackgasse?<\/strong><\/p><p><strong>Johannes Varwick<\/strong>: Ja, wir befinden uns in einer strategischen Sackgasse. Ich teile diese Analyse, auch wenn dies eine Sichtweise ist, die nicht verbreitet scheint. Wir wiegen uns in der Illusion, mit dem jetzigen Kurs in der Ukraine nur lange genug durchhalten zu m&uuml;ssen. Dann werde Russland &ndash; so die Vorstellung &ndash; den Fehler anerkennen und sich zur&uuml;ckziehen. Die Ukraine w&uuml;rde ins westliche Lager wechseln und der Konflikt w&auml;re beendet.<\/p><p>Ich bin &uuml;berzeugt, dass sich Europa in die falsche Richtung bewegt und keine Strategie f&uuml;r die neue sicherheitspolitische Lage besitzt &ndash; oder besser gesagt: Es verfolgt die falsche Strategie. Ein &bdquo;Weiter so&ldquo; erweist sich sp&auml;testens nach der politischen Wende in Washington als aussichtslos.<\/p><p>Die Europ&auml;er &uuml;bernehmen sich bei dieser Frage. Sie tragen nicht zu einer L&ouml;sung bei, sondern verhindern eine solche. Sie stehen allein da und versuchen, diese Isolation mit einer Emanzipationsrhetorik zu &uuml;berspielen, die keine Substanz besitzt. Der Kurs Europas gibt Anlass zu ernsthafter Sorge. Es l&auml;uft in die falsche Richtung.<\/p><p><strong>Deutschland verfolgt unter der aktuellen Regierung das Ziel, die schlagkr&auml;ftigste Armee des Kontinents aufzubauen und die &bdquo;Sprache der Macht&ldquo; neu zu erlernen. Riskieren wir damit nicht, das Vertrauen enger Partner wie Ungarn und anderer europ&auml;ischer Nachbarn zu verlieren? Erleben wir hier eine R&uuml;ckkehr zur deutschen Dominanz, die von kleineren Staaten weniger als Schutz, sondern vielmehr als Bedrohung ihrer eigenen Souver&auml;nit&auml;t wahrgenommen wird?<\/strong><\/p><p>Wenn wir auf das Heute blicken, mag es nicht danach aussehen, aber kluge Politik muss an morgen und an &uuml;bermorgen denken. Ich bin davon &uuml;berzeugt, dass die aktuelle Entwicklung zu Abwehrreaktionen selbst bei unseren engsten Partnern f&uuml;hren wird.<\/p><p>Es gibt diesen Satz des polnischen Au&szlig;enministers Rados&#322;aw Sikorski, den Friedrich Merz in M&uuml;nchen zitiert hat: Man f&uuml;rchte deutsche Schw&auml;che mehr als deutsche St&auml;rke. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. In dem Moment, in dem Deutschland sich von allen Fesseln l&ouml;st, kehrt die alte europ&auml;ische Problematik der Hegemonie zur&uuml;ck.<\/p><p>Frankreich wird das nicht begr&uuml;&szlig;en. Auch wenn es nicht in den Schlagzeilen steht: Paris bleibt skeptisch gegen&uuml;ber einer deutschen &Uuml;bermacht. Die Sorge vor einer neuen Hegemonie ist im strategischen Diskurs Frankreichs pr&auml;sent. Der Tag wird kommen, an dem deutsche St&auml;rke wieder zu einem Problem f&uuml;r Deutschland selbst wird &ndash; erst recht, wenn sie mit einer martialischen Rhetorik verbunden ist, wie Friedrich Merz sie pflegt. Solche Zuspitzungen sind unn&ouml;tig und f&uuml;hren zu Abwehrreaktionen &ndash; vielleicht nicht heute, aber sicher morgen oder &uuml;bermorgen.<\/p><p><strong>Altbundeskanzler Helmut Schmidt nannte die NATO-Osterweiterung seinerzeit einen strategischen Fehler und warnte fr&uuml;hzeitig, dass eine Ausdehnung des B&uuml;ndnisses bis an die russischen Grenzen in Moskau als Bedrohung wahrgenommen werden m&uuml;sse. Der aktuelle Konflikt scheint die Quittung daf&uuml;r zu sein, dass der Westen nach 1990 die historische Chance vers&auml;umt hat, eine stabile Sicherheitsordnung unter Einbeziehung Russlands aufzubauen. Warum ist das geschehen?<\/strong><\/p><p>Wir m&uuml;ssen es eines Tages korrigieren. Die aktuelle Lage ist die Quittung daf&uuml;r, dass wir es nicht geschafft haben, Russland einen Platz in der europ&auml;ischen Architektur einzur&auml;umen, mit dem das Land leben kann. Wir haben russische Sicherheitsinteressen missachtet.<\/p><p>Dabei m&uuml;ssen wir bei der NATO-Osterweiterung differenzieren: In der ersten Phase &ndash; also dem Beitritt von Polen, Ungarn und Tschechien &ndash; wurden die roten Linien Russlands nicht &uuml;berschritten. Das war ein Prozess, der anfangs vertr&auml;glich mit russischen Interessen schien. Doch mit dem Angebot von 2008 an die Ukraine, NATO-Mitglied zu werden, war jedem Experten klar &ndash; und das galt auch f&uuml;r Helmut Schmidt &ndash;, dass hier eine rote Linie &uuml;berschritten wird, die zu nichts Gutem f&uuml;hren w&uuml;rde. Russland wurde damit in die Ecke gedr&auml;ngt.<\/p><p>Der Westen hat sich stets auf den Standpunkt gestellt: &bdquo;Wieso? Wir tun niemandem etwas, wir sind die Guten. Wer kann ein Problem damit haben, wenn sich ein B&uuml;ndnis von Demokratien erweitert und die beitretenden Staaten das auch so wollen?&ldquo; Das war eine naive, kurzsichtige und unstrategische Haltung.<\/p><p><strong>Ist das heute noch zu korrigieren?<\/strong><\/p><p>Ja, ich glaube schon. Im Dezember 2021 gab es den russischen Versuch, mit weitreichenden Vorschl&auml;gen eine Sicherheitsarchitektur zu gestalten. Im Westen wurde das sofort als Forderung nach einer kompletten R&uuml;ckabwicklung der NATO-Osterweiterung interpretiert. Es h&auml;tte dar&uuml;ber verhandelt werden k&ouml;nnen. Es geht nicht darum, Polen nahezulegen, wieder aus der NATO auszutreten &ndash; das ist unvorstellbar. Aber h&auml;tte der Westen in dieser Phase das Beitrittsversprechen an die Ukraine offensiv zur&uuml;ckgenommen und gleichzeitig ernsthaft &uuml;ber R&uuml;stungskontrolle gesprochen, h&auml;tte dieser Krieg vermutlich abgewendet werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Dorthin muss der Weg zur&uuml;ckf&uuml;hren. Pr&auml;sident Selenskyj hat auf der Sicherheitskonferenz das ungebrochene Festhalten am Ziel eines NATO-Beitritts bekundet. Die Europ&auml;er zeigen sich inzwischen z&ouml;gerlicher, und auch aus Washington kommen glasklare Signale, dass ein solcher Beitritt nicht erfolgen wird. Genau hier liegen die Ankn&uuml;pfungspunkte, um ins Gespr&auml;ch zu kommen. Ein Verzicht auf die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine w&auml;re die Eintrittskarte in Verhandlungen mit Russland &uuml;ber einen stabilen Interessenausgleich. Das w&auml;re 2021 m&ouml;glich gewesen &ndash; damals wurde nicht alles versucht. Auch in Istanbul im Fr&uuml;hjahr 2022 gab es Chancen, die ungenutzt blieben. Das bedeutet nicht, dass jede zuk&uuml;nftige Gelegenheit vertan ist. Ein erneuter Dialog ist unumg&auml;nglich; er bleibt der einzige Schl&uuml;ssel zur Stabilisierung der Lage.<\/p><p><strong>Nach nunmehr vier Jahren Krieg sind die Zerst&ouml;rungen massiv und die Fronten scheinen ideologisch wie milit&auml;risch zementiert. Ist es vor diesem Hintergrund &uuml;berhaupt noch realistisch, zu den Verhandlungspunkten von Ende 2021 zur&uuml;ckzukehren, die Moskau damals vorschlug?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es nach vier Jahren Krieg nur noch schlechte Optionen. Aber kluge, strategische Politik zeichnet sich dadurch aus, aus den schlechten Optionen die am wenigsten schlechte zu w&auml;hlen. Und das Reden miteinander bleibt die am wenigsten schlechte L&ouml;sung.<\/p><p>Es ist kein Geheimnis, dass genau das seit dem Treffen in Anchorage im August letzten Jahres das Angebot aus Washington ist. Ich habe den Eindruck, dass die Russen auf dieses Angebot eingehen w&uuml;rden. Doch die Europ&auml;er agieren hier als &bdquo;Spoiler&ldquo;, weil sie die Ukraine zu Maximalforderungen ermuntern. In europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten herrscht noch immer der Glaube vor, sie k&ouml;nnten Russland in die Knie zwingen. Das h&ouml;re ich aus Hintergrundgespr&auml;chen heraus &ndash; das ist die g&auml;ngige Annahme. Ich f&uuml;rchte, das ist eine fatale Fehlannahme.<\/p><p><strong>Dennoch gibt es Irritationen: In den russischen Medien ist in den letzten Tagen verst&auml;rkt zu h&ouml;ren, dass Washington bereits wieder von den bisherigen Zusagen abr&uuml;cken k&ouml;nnte. Dort wird lautstark beklagt, dass sich die USA nicht an das halten, was im August 2025 in Alaska vereinbart wurde. Riskieren wir hier gerade den n&auml;chsten Vertrauensbruch, noch bevor die Tinte unter den Sondierungsgespr&auml;chen trocken ist?<\/strong><\/p><p>Es gibt dazu eine Debatte. Dennoch glaube ich, dass dies der Kurs aus Washington ist. Nat&uuml;rlich wird es jeden Tag schwieriger, diese Position durchzuhalten. Die russischen Kriegsziele haben sich nach vier Jahren Krieg ausgeweitet, weil Moskau sieht, dass es seine Ziele &ndash; wenn auch unter enormen Verlusten &ndash; letztlich mit milit&auml;rischer Gewalt erreicht.<\/p><p>Es bedarf dieser Deutlichkeit: Die Ausgangslage f&uuml;r die Ukraine verschlechtert sich mit jedem verstrichenen Tag; sie war 2021 und 2022 besser als heute. Daraus darf nicht die Konsequenz folgen, die Eskalation weiter voranzutreiben und die Verhandlungsposition Kiews erodieren zu lassen. Stattdessen ist jetzt der dringende Versuch geboten, einen tragf&auml;higen Interessenausgleich mit Russland zu finden.<\/p><p>Auch die Entscheidungstr&auml;ger in Washington versuchen das. Erinnern Sie sich an die S&auml;tze von Donald Trump und seinen Beratern: &bdquo;Wir m&uuml;ssen eine L&ouml;sung finden, die sowohl f&uuml;r Russland als auch f&uuml;r die Ukraine tragf&auml;hig ist.&ldquo; Im Gegensatz dazu scheint der europ&auml;ische Westen bisher nur eine Seite der Gleichung zu kennen &ndash; n&auml;mlich eine L&ouml;sung, die ausschlie&szlig;lich f&uuml;r die Ukraine akzeptabel ist. F&uuml;r die russische Seite bringt hierzulande niemand Interesse auf. Doch wer eine dauerhafte L&ouml;sung anstrebt, begeht mit dieser Ignoranz einen fundamentalen strategischen Fehler.<\/p><p><strong>Sie beschreiben eine paradoxe Situation: Washington &ouml;ffnet diplomatische Kan&auml;le, w&auml;hrend Europa &ndash; und insbesondere Berlin &ndash; auf einen Kurs der milit&auml;rischen St&auml;rke setzt. Wie wirkt sich diese Diskrepanz auf die europ&auml;ische Souver&auml;nit&auml;t aus?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich sind wir abh&auml;ngig, doch der Gestaltungsspielraum wird nicht genutzt. Wir versuchen, uns mit der falschen Strategie unabh&auml;ngig zu machen &ndash; und das kann keinen Erfolg haben. Derzeit herrscht die Vorstellung vor, der militaristische Ansatz der USA lie&szlig;e sich duplizieren; als sei es zwingend, in einer &bdquo;Welt von W&ouml;lfen&ldquo; selbst zum Wolf zu werden.<\/p><p>Ich halte diesen Weg f&uuml;r wenig Erfolg versprechend. Stattdessen sollten wir uns auf jene klassischen Tugenden besinnen, die Europas St&auml;rke als Staatenmacht einst begr&uuml;ndeten: Interessenausgleich, Entspannungspolitik und Diplomatie. Dies muss jedoch aus einer Position eigener St&auml;rke heraus geschehen. Ich pl&auml;diere keineswegs f&uuml;r ein Europa als &bdquo;Zivildienstleistender der Weltpolitik&ldquo; &ndash; das ist nicht die Rolle, die mir vorschwebt. Doch es ist ebenso wenig sinnvoll, den militaristischen Kurs Washingtons schlicht zu kopieren in der Hoffnung, dadurch echte Gestaltungsf&auml;higkeit zur&uuml;ckzugewinnen.<\/p><p>Im &Uuml;brigen gibt es keine einheitliche europ&auml;ische Politik. Es gibt Staaten, die den aktuellen Kurs &auml;hnlich sehen &ndash; im Wesentlichen Gro&szlig;britannien, Frankreich, Deutschland und die baltischen Staaten. Doch wenn ich nach Ungarn blicke, in die Slowakei, nach Tschechien oder auch nach Spanien und Portugal, dann zeigen sich dort erhebliche Unterschiede in diesen existenziellen Fragen. Einen einheitlichen Akteur &bdquo;Europ&auml;ische Union&ldquo; gibt es in dieser Hinsicht faktisch nicht.<\/p><p><strong>In der aktuellen Debatte wird verst&auml;rkt &uuml;ber ein &bdquo;Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten&ldquo; diskutiert. Der Journalist G&aacute;bor Stier beschreibt die EU als ideologisch erstarrt. Ist der pragmatische Kurs, den beispielsweise Ungarn oder die Slowakei gegen&uuml;ber Moskau verfolgen, nicht vielmehr eine Chance zur Deeskalation? Wie bewerten Sie dieses Potenzial?<\/strong><\/p><p>Hier m&uuml;ssen wir zwei verschiedene Aspekte unterscheiden. Zum ersten Punkt: Ja, ich glaube, dass der ungarische Ansatz au&szlig;enpolitisch eine wichtige Komponente enthielt. Ungeachtet der innenpolitisch problematischen Entwicklung in Ungarn war der Versuch von Viktor Orb&aacute;n, mit Putin im Gespr&auml;ch zu bleiben und bestimmte Eskalationsschritte nicht mitzugehen, im Kern der bessere Weg.<\/p><p>Das entsprach im Prinzip auch dem Ansatz der USA unter Trump &ndash; im Gegensatz zur Linie unter Biden. H&auml;tte man diese Richtung in Europa mehrheitsf&auml;hig gemacht, st&uuml;nden wir heute in einer besseren Lage. Insofern sehe ich Ungarn in dieser spezifischen Frage auf dem richtigen Weg.<\/p><p>Der zweite Aspekt, das &bdquo;Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten&ldquo;, ist jedoch eine andere Frage. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dies in der Au&szlig;enpolitik funktioniert. Die Lissabon-Vertr&auml;ge stehen dem entgegen, da sie zwingend Einstimmigkeit vorsehen. W&auml;re das nicht so im Vertrag verankert worden, h&auml;tten viele Staaten damals gar nicht erst unterzeichnet.<\/p><p>Dieses Konsenserfordernis in der Au&szlig;enpolitik ist z&auml;h und tr&auml;ge und verhindert die &bdquo;gro&szlig;en W&uuml;rfe&ldquo;, f&uuml;hrt aber dazu, dass die Politik am Ende von allen getragen wird. Wird dieses Prinzip aufgegeben, bricht das gesamte Gebilde auseinander. Was ich mir hingegen vorstellen kann, ist die Entwicklung milit&auml;rischer F&auml;higkeiten in &bdquo;Koalitionen der Willigen&ldquo; &ndash; etwa nach dem Vorbild des deutsch-niederl&auml;ndischen Korps. Aber auf der politischen Entscheidungsebene wird es bei der Einstimmigkeit bleiben. Das setzt einer europ&auml;ischen Rolle zwar enge Grenzen, entspricht aber der Art und Weise, wie in Europa Au&szlig;enpolitik konsensual gestaltet werden muss. Alles andere halte ich f&uuml;r unrealistisch.<\/p><p><strong>Erg&auml;nzend dazu stellt sich die Frage, ob das &bdquo;Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten&ldquo; &uuml;berhaupt noch ein Zukunftsszenario ist oder nicht l&auml;ngst den Ist-Zustand beschreibt. Wenn wir auf die Eurozone oder die h&ouml;chst unterschiedliche Energiepolitik der Mitgliedstaaten blicken, sehen wir eine tiefe Differenzierung in der Praxis. Zeigt die Realit&auml;t im Jahr 2026 nicht bereits, dass ein einheitlicher europ&auml;ischer Block eine Illusion ist und wir diese Vielfalt an Ans&auml;tzen &ndash; auch in der Au&szlig;enpolitik &ndash; als gegeben hinnehmen m&uuml;ssen?<\/strong><\/p><p>Das ist richtig, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Bei Projekten wie dem Euro ist das vertraglich so vorgesehen. Es besteht die M&ouml;glichkeit des Ausstiegs, und es m&uuml;ssen Kriterien erf&uuml;llt sein, um teilnehmen zu k&ouml;nnen. Das war nie so angelegt, dass alle Staaten gleichzeitig mitmachen m&uuml;ssen. Insofern hinkt dieser Vergleich mit der Au&szlig;enpolitik.<\/p><p>Die Au&szlig;enpolitik ist ein souver&auml;nit&auml;tsbehaftetes Politikfeld. W&uuml;rden dort nur noch wechselnde &bdquo;Koalitionen der Willigen&ldquo; erm&ouml;glicht, mag das nach mehr Handlungsf&auml;higkeit aussehen. Auf den zweiten Blick jedoch w&uuml;rde der gesamte &bdquo;Laden&ldquo; auseinanderfliegen.<\/p><p>Stattdessen m&uuml;ssen wir uns die M&uuml;he machen, Positionen wie die ungarische ernster zu nehmen. Wir m&uuml;ssen dar&uuml;ber diskutieren, anstatt Viktor Orb&aacute;n reflexhaft als das &bdquo;U-Boot&ldquo; Putins darzustellen, &uuml;ber dessen Argumente man gar nicht erst nachdenken muss. Wir m&uuml;ssen versuchen, echte gemeinsame L&ouml;sungen zu finden &ndash; nur dann w&auml;re Europa tats&auml;chlich handlungsf&auml;higer. Mehrheitsentscheidungen in der Au&szlig;enpolitik geh&ouml;ren f&uuml;r mich daher in die Kiste der politischen Visionen; ich sehe sie in der aktuellen Realit&auml;t nicht kommen.<\/p><p><strong>Das f&uuml;hrt mich zur Frage nach den harten Fakten: Wo verl&auml;uft die rote Linie f&uuml;r die deutschen Interessen? Muss eine rationale Politik im Jahr 2026 nicht endlich anerkennen, dass die Strategie aus Washington, die auf eine dauerhafte Schw&auml;chung Russlands und Chinas abzielt, den deutschen Bed&uuml;rfnissen nach stabilen Handelswegen, bezahlbarer Energie und wirtschaftlicher Sicherheit fundamental widerspricht?<\/strong><\/p><p>Ich stimme zu: Es liegt nicht in unserem Interesse, uns von Washington in einen Anti-China-Kurs ziehen zu lassen. Das Kalk&uuml;l der USA ist es, Europa als Bollwerk gegen Peking zu positionieren und uns letztlich vor die Wahl zu stellen: Handel mit China oder mit den USA? F&uuml;r die deutsche Wirtschaft w&auml;re das ein fatale Entscheidung. Wir d&uuml;rfen uns nicht in dieses Dilemma dr&auml;ngen lassen, denn Deutschland ist existenziell auf globale Handelswege angewiesen. Bricht China als Partner weg, trifft das unseren Wohlstand im Kern. Deutschland sollte dieser Strategie Washingtons nicht blind folgen, sondern eigene Priorit&auml;ten setzen.<\/p><p>Das gilt f&uuml;r Europa insgesamt. Wir haben uns einen &bdquo;Deal&ldquo; aufzwingen lassen, bei dem wir US-Rohstoffe und -Waffen kaufen, um uns Loyalit&auml;t zu erkaufen. Das gleicht einer &bdquo;Schutzgeld-Mentalit&auml;t&ldquo; und ist kein tragf&auml;higer Ansatz f&uuml;r eine souver&auml;ne internationale Politik.<\/p><p><strong>Ganz direkt gefragt: Ist das, was wir in der Ukraine erleben, im Kern ein Stellvertreterkrieg?<\/strong><\/p><p>Unter der vorherigen Administration von Joe Biden war es ein Stellvertreterkrieg. Das hat sich mit dem Amtsantritt von Donald Trump grundlegend ge&auml;ndert. Trump will diese Front bereinigen. Sein Hauptziel ist es, zu verhindern, dass die Dinge vollends au&szlig;er Kontrolle geraten &ndash; bis hin zu einer nuklearen Eskalation, die nicht mehr kalkulierbar w&auml;re.<\/p><p>Das bedeutet: Trump mag unpopul&auml;r sein, aber er wollte diesen Stellvertreterkrieg nicht weiterf&uuml;hren und tut es auch nicht. Er signalisiert den Europ&auml;ern sehr deutlich: &bdquo;Wenn ihr das fortsetzen wollt, m&uuml;sst ihr selbst daf&uuml;r bezahlen, aber wir ziehen uns zur&uuml;ck.&ldquo; Insofern hat sich die Lage mit dem Regierungswechsel von Joe Biden zu Donald Trump fundamental gewandelt.<\/p><p>Unter Biden hatte der Konflikt den Charakter eines Stellvertreterkrieges. Diese Zeiten sind vorbei. Das Problem ist, dass die Europ&auml;er &ndash; und insbesondere die Bundesregierung unter Kanzler Merz &ndash; glauben, diesen Kurs allein fortf&uuml;hren zu k&ouml;nnen. Ich bin fest davon &uuml;berzeugt: Das wird keinen Erfolg haben.<\/p><p><strong>Wenn faktisch in Washington dar&uuml;ber entschieden wird, ob es zur Eskalation oder zu Verhandlungen kommt &ndash; ist Europa dann &uuml;berhaupt noch ein handelndes Subjekt? Oder sind wir am Ende nur noch ein logistischer Knotenpunkt und eine geopolitische Pufferzone f&uuml;r die Interessen der USA?<\/strong><\/p><p>Das Bild der &bdquo;Pufferzone&ldquo; greift zu kurz. Washington hat ein massives Interesse an einem wohlhabenden Europa &ndash; allerdings prim&auml;r als Absatzmarkt. Wir beziehen teures US-Fracking-Gas statt russischem Gas und sind Gro&szlig;abnehmer f&uuml;r US-R&uuml;stungsg&uuml;ter. Das ist f&uuml;r Washington ein hervorragender Deal.<\/p><p>Der entscheidende Punkt unter Trump: Die USA wollen weniger f&uuml;r Europas Sicherheit bezahlen, fordern aber gleichzeitig, dass wir unsere milit&auml;rischen &bdquo;Hausaufgaben&ldquo; durch den Kauf von US-Waffen erledigen. Die Europ&auml;er f&uuml;gen sich dem, ohne einen eigenen diplomatischen Ansatz gegen&uuml;ber Russland zu entwickeln.<\/p><p>Ob Europa Subjekt oder Objekt ist, bleibt schwer zu beantworten. Mit 450 Millionen Menschen und enormem Wohlstand m&uuml;sste die EU dieses Gewicht in politischen Einfluss umm&uuml;nzen. Dass dies misslingt, liegt auch an ihrer Natur als Akteur <em>sui generis<\/em> &ndash; sie ist kein Staat und kann daher kaum mit einer Stimme sprechen. Dieser Sonderstatus macht Europa in der Geopolitik schwer greifbar.<\/p><p><em>Lesetipp: Johannes Varwick &ndash; <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/stark-fuer-den-frieden.html\"><strong>Stark f&uuml;r den Frieden. Pl&auml;doyer f&uuml;r eine neue Realpolitik<\/strong><\/a>. Neu-Isenburg 2026, Westend Verlag, Taschenbuch, 176 Seiten, ISBN 978-3987913587, 18 Euro.<\/em><\/p><p><em>Das Buch wurde am 12. Februar 2026 in Berlin offiziell vorgestellt und ist im Buchhandel erh&auml;ltlich.<\/em><\/p><p><em>&Uuml;ber den Interviewpartner: <strong>Prof. Dr. Johannes Varwick<\/strong> ist Inhaber des Lehrstuhls f&uuml;r Internationale Beziehungen und europ&auml;ische Politik an der Universit&auml;t Halle-Wittenberg. Er gilt als einer der profiliertesten deutschen Experten f&uuml;r Sicherheitspolitik und die Rolle der NATO. Varwick war unter anderem Pr&auml;sident der Gesellschaft f&uuml;r Sicherheitspolitik und lehrt regelm&auml;&szlig;ig an internationalen Milit&auml;rakademien. In seinem aktuellen Buch <\/em><em><strong>&bdquo;Stark f&uuml;r den Frieden&ldquo;<\/strong><\/em><em> (2025\/2026) setzt er sich kritisch mit der zunehmenden Militarisierung der europ&auml;ischen Au&szlig;enpolitik auseinander und wirbt f&uuml;r eine R&uuml;ckkehr zu realpolitischen diplomatischen Ans&auml;tzen sowie das Konzept einer &bdquo;bewaffneten Neutralit&auml;t&ldquo; f&uuml;r die Ukraine.<\/em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/fc951e403e6a4721b31788bc69388c79\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Agiert Europa noch als eigenst&auml;ndiges Subjekt, oder ist es zur blo&szlig;en Man&ouml;vriermasse Washingtons degradiert? Anl&auml;sslich der Vorstellung seines neuen Buches &bdquo;Stark f&uuml;r den Frieden&ldquo; am 12. Februar in Berlin sprach <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> mit dem Politikwissenschaftler <strong>Johannes Varwick<\/strong>. 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