{"id":146574,"date":"2026-02-22T13:00:12","date_gmt":"2026-02-22T12:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146574"},"modified":"2026-02-20T16:14:09","modified_gmt":"2026-02-20T15:14:09","slug":"das-stachelschwein-dilemma-johannes-varwick-ueber-neutralitaet-und-das-erbe-der-entspannung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146574","title":{"rendered":"\u201eDas Stachelschwein-Dilemma\u201c: Johannes Varwick \u00fcber Neutralit\u00e4t und das Erbe der Entspannung"},"content":{"rendered":"<p>Kann eine souver&auml;ne Ukraine ohne den Schutzschirm der NATO existieren? Im zweiten Teil des Gespr&auml;chs erl&auml;utert der Politikwissenschaftler <strong>Johannes Varwick<\/strong> das Modell der &bdquo;bewaffneten Neutralit&auml;t&ldquo; &ndash; eine Strategie, die auf milit&auml;rische Eigenst&auml;ndigkeit statt auf eine riskante B&uuml;ndnisautomatik setzt. Dabei analysiert Varwick den tiefgreifenden Bruch mit der deutschen diplomatischen Tradition von Brandt bis Kohl und geht der existenziellen Frage nach, wo in der heutigen Geopolitik die Grenze zwischen strategischer Verantwortung und moralischer Mitschuld verl&auml;uft. Es ist ein Pl&auml;doyer f&uuml;r das schwierige Handwerk des Friedens in einer Zeit, in der das Milit&auml;rische zunehmend die Oberhand &uuml;ber das Politische gewonnen hat. Von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Den ersten Teil des Interviews <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146566\">k&ouml;nnen Sie hier lesen<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Interview Teil 2<\/strong><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Russland arbeitet mit China und Indien an einer eurasischen Sicherheitsarchitektur. Riskieren die EU und Washington, den Anschluss zu verlieren, wenn sie sich diesem Dialog entziehen? Droht Europa ein Platz im sicherheitspolitischen Niemandsland?<\/strong><\/p><p><strong>Johannes Varwick<\/strong>: Ich bin &uuml;berzeugt, dass die Allianz zwischen China, Russland und Indien sehr br&uuml;chig ist, da dort gravierende Interessenunterschiede bestehen. China d&uuml;rfte mit der aktuellen Entwicklung durchaus zufrieden sein, da es gest&auml;rkt daraus hervorgeht. Russland hingegen wirft sich China f&ouml;rmlich an den Hals &ndash; auch im Energiebereich, wo es seine Ressourcen zu wesentlich g&uuml;nstigeren Preisen verkauft als ehemals an Europa. Langfristig gesehen ist das f&uuml;r Russland wohl kein vorteilhafter Deal. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r Indien. Ich w&uuml;rde daher nicht darauf wetten, dass dieses B&uuml;ndnis von Dauer ist.<\/p><p>Was politisch weitaus wirksamer erscheint, ist das BRICS-Format. Dies ist eine Plattform, &uuml;ber die insbesondere China geschickt versucht, seinen Einfluss auszubauen. Es gibt bereits eine Reihe von Staaten, die einen Beitritt erw&auml;gen &ndash; die T&uuml;rkei beispielsweise als klassischer Schl&uuml;ssel- und Br&uuml;ckenstaat. Auch in Ungarn gab es solche Diskussionen, wenngleich diese noch nicht weit gediehen sind. Dennoch ist dies ein B&uuml;ndnis, das wir ernster nehmen m&uuml;ssen als die eher lose wirkende chinesisch-indisch-russische Allianz.<\/p><p>Wie Europa damit umgeht, ist eine andere Frage. Ein gewisser Bedeutungsverlust unseres Kontinents ist meines Erachtens zwangsl&auml;ufig, da sich die weltpolitischen Gewichte massiv verschoben haben. So hat sich beispielsweise der Anteil Chinas am Weltsozialprodukt seit 1970 von etwa einem Prozent auf heute rund 20 Prozent vervielfacht. Solche Entwicklungen f&uuml;hren zwangsl&auml;ufig dazu, dass das Gewicht Europas abnimmt. Die gro&szlig;e weltpolitische Bl&uuml;tephase Europas ist unwiderruflich vorbei. Den Aufstieg Chinas und des Globalen S&uuml;dens wird niemand abbremsen k&ouml;nnen; es handelt sich um gewaltige tektonische Verschiebungen in der Weltpolitik, auf die wir von hier aus nur relativ wenig Einfluss haben.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch pl&auml;dieren Sie f&uuml;r eine &bdquo;bewaffnete Neutralit&auml;t&ldquo; der Ukraine &ndash; das sogenannte Stachelschwein-Modell. Wie sieht dieses Konzept in der Praxis aus, und bietet es eine Chance f&uuml;r eine Friedensl&ouml;sung mit Moskau?<\/strong><\/p><p>Es gibt sehr unterschiedliche Bewertungen der russischen Kriegsziele. Entgegen der hierzulande vorherrschenden Sichtweise halte ich es nicht f&uuml;r plausibel, dass Russland die Ukraine g&auml;nzlich von der Landkarte tilgen oder danach weiter Richtung Polen und Baltikum ziehen will. Ich hielt dies schon immer f&uuml;r eine falsche Analyse.<\/p><p>Gehen wir von einer anderen Pr&auml;misse aus, stellt sich die Frage nach der Zukunft der Ukraine neu. Ein strategischer Fehler des Westens bestand darin, die Ukraine als &bdquo;Anti-Russland&ldquo; und potenzielles NATO-Aufmarschgebiet zu positionieren. Akzeptabel f&uuml;r Russland w&auml;re hingegen eine territorial ver&auml;nderte, aber souver&auml;ne Ukraine, die sich selbst verteidigen kann.<\/p><p>Dies ist der Kerngedanke der bewaffneten Neutralit&auml;t: ein schmaler Grat, der keine NATO-Mitgliedschaft durch die Hintert&uuml;r sein darf, sondern einen eigenst&auml;ndigen Status erfordert. In den Istanbuler Papieren von 2022 war von 60.000 ukrainischen Soldaten die Rede &ndash; f&uuml;r Russland akzeptabel, f&uuml;r die Ukraine jedoch zu wenig. Die derzeitigen 600.000 Soldaten sind wiederum finanziell kaum tragbar. Eine Gr&ouml;&szlig;enordnung von 300.000 bis 400.000 Soldaten halte ich f&uuml;r die Obergrenze dessen, was zur Selbstverteidigung n&ouml;tig und leistbar ist.<\/p><p>Das Stachelschweinmodell meint genau das: Die F&auml;higkeit zur Verteidigung nach einer politischen L&ouml;sung. Das hie&szlig;e: eine territorial ver&auml;nderte Ukraine &ndash; ohne Krim und wahrscheinlich ohne Donbass &ndash;, die sich f&uuml;r neutral erkl&auml;rt und milit&auml;risch absichert. Derzeit fordern einige Europ&auml;er stattdessen westliche Truppenstationierungen vor Ort, was f&uuml;r Russland inakzeptabel ist, da es darin eine verdeckte NATO-Integration sieht. Der Ausweg l&auml;ge darin, das Ziel der NATO-Mitgliedschaft aus der ukrainischen Verfassung zu streichen und in einer verbindlichen Erkl&auml;rung der NATO-Staaten einen Beitritt der Ukraine auszuschlie&szlig;en. Auf dieser Basis muss der Ukraine eine rein defensiv ausgerichtete Verteidigungsf&auml;higkeit zugestanden werden, die Russland nicht bedroht. &Uuml;ber eine solche Formel wird bereits gesprochen; ein Weg, der f&uuml;r beide Seiten kein &bdquo;No-Go&ldquo; darstellt, muss jedoch erst noch final gefunden werden.<\/p><p><strong>Wie kann eine souver&auml;ne Ukraine ohne B&uuml;ndnispartner gegen einen Nachbarn wie Russland bestehen? Ohne B&uuml;ndnispartner klafft hier doch eine strategische Sicherheitsl&uuml;cke &ndash; wie l&auml;sst sich diese schlie&szlig;en?<\/strong><\/p><p>Ich glaube nicht, dass die Ukraine sich milit&auml;risch verteidigen k&ouml;nnte, wenn Russland tats&auml;chlich das Ziel verfolgte, das gesamte Land zu annektieren. Die Grundvoraussetzung muss daher eine politische L&ouml;sung sein, die auch f&uuml;r Russland akzeptabel ist. Auf der Basis einer dann anerkannten, souver&auml;nen Ukraine ist es selbstverst&auml;ndlich, dass diese auch eine eigene Armee unterh&auml;lt.<\/p><p>Betrachten wir andere Modelle jenseits des Stachelschwein-Konzepts, sto&szlig;en wir schnell an Grenzen. Da w&auml;re das Korea-Modell: Eine faktische Teilung des Landes, bei der der westliche Teil Mitglied des westlichen B&uuml;ndnisses wird. Das ist f&uuml;r Russland jedoch nicht akzeptabel. Zum anderen gibt es das Israel-Modell, was im Kern eine nuklear bewaffnete Ukraine bedeuten w&uuml;rde &ndash; auch das halte ich f&uuml;r keine gute Idee. Egal, welche Szenarien ich durchgehe: Das Stachelschwein-Modell scheint mir durchaus die Basis f&uuml;r eine tragf&auml;hige L&ouml;sung bieten zu k&ouml;nnen. Dar&uuml;ber muss verhandelt werden, aber das ist erst m&ouml;glich, wenn Einvernehmen &uuml;ber den Endzustand dieses Krieges besteht. Momentan tobt der Krieg noch, da beide Seiten glauben, auf dem Schlachtfeld bessere Bedingungen herausholen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Milit&auml;rische Garantien k&ouml;nnten durch stabile Beziehungen ersetzt werden, diese Ansicht vertritt unter anderen der ehemalige Schweizer Nachrichtenoffizier Jacques Baud. W&auml;re es nicht effektiver, in diplomatische Ans&auml;tze zu investieren, statt auf eine rein milit&auml;rische Verteidigungsarchitektur zu setzen?<\/strong><\/p><p>Das ist in der Theorie richtig, aber nach vier Jahren Krieg derzeit schlichtweg nicht m&ouml;glich. Wir m&uuml;ssen beides tun: Ohne die Gewissheit, milit&auml;risch nicht &uuml;berrannt zu werden, wird es f&uuml;r die Ukraine keine vertrauensbildenden Ma&szlig;nahmen geben. Momentan setzen wir fast ausschlie&szlig;lich auf die milit&auml;rische Dimension und vernachl&auml;ssigen die politische &ndash; dabei ist die politische Dimension letztlich die wichtigere.<\/p><p>Nach den schweren Verwerfungen dieses Krieges wird eine politische L&ouml;sung nur auf der Basis einer starken Verteidigungsf&auml;higkeit der Ukraine m&ouml;glich sein. Alles andere halte ich f&uuml;r eine Utopie; die Ukraine w&uuml;rde das nicht mitmachen. Allerdings m&ouml;chte die Ukraine momentan noch einen Schritt weiter gehen und die Chance nutzen, doch noch in die NATO zu kommen. Das ist die aktuelle ukrainische Strategie, und genau deshalb haben wir noch kein Friedensabkommen. Meiner Analyse nach lie&szlig;e sich mit Russland ein Friedensabkommen auf der Basis erzielen, die wir gerade diskutiert haben &ndash; aber weder die Ukraine noch die Europ&auml;er wollen das derzeit. Die Einzigen, die dies momentan anstreben, sind die USA, w&auml;hrend die russische Haltung nicht mit letzter Gewissheit gesagt werden kann. Ich vermute, dass es mit Russland m&ouml;glich w&auml;re. Insofern stellen momentan eher die Europ&auml;er und die Ukraine das Hindernis f&uuml;r eine solche L&ouml;sung dar.<\/p><p><strong>K&ouml;nnte ein EU-Beitritt der Ukraine &auml;hnliche milit&auml;rische Verpflichtungen ausl&ouml;sen wie eine Aufnahme in die NATO? W&uuml;rden damit Fakten geschaffen, die weit &uuml;ber eine wirtschaftliche Integration hinausgehen?<\/strong><\/p><p>Ich halte das f&uuml;r eine reine Phantomdiskussion. Ungarn wird einem Beitritt nicht zustimmen, und in Frankreich m&uuml;sste &uuml;ber jede Erweiterung eine Volksabstimmung abgehalten werden &ndash; daf&uuml;r wird sich keine Mehrheit finden. Meiner Meinung nach erh&auml;lt die Ukraine momentan v&ouml;llig unseri&ouml;se Versprechungen. &Uuml;brigens wird auch Polen angesichts der ungel&ouml;sten Fragen in der Agrarpolitik nicht mitmachen.<\/p><p>Es gibt so viele ungekl&auml;rte Probleme, dass sich dieses Beitrittsversprechen schlicht nicht erf&uuml;llen lassen wird. Die Alternative w&auml;re, die EU damit faktisch zu sprengen. Wir k&ouml;nnten zwar sagen: &bdquo;Dann kommt die Ukraine eben rein&ldquo;, und nehmen im selben Atemzug Serbien und den gesamten Westbalkan mit auf. Dann h&auml;tten wir eine EU mit 35 Staaten, die am Ende einem B&uuml;ndnis wie der OSZE &auml;hnelt &ndash; eine Organisation, f&uuml;r die sich niemand mehr gro&szlig; interessiert. Eine handlungsf&auml;hige EU wird es mit dieser Ukraine so schnell nicht geben, da sie die Beitrittskriterien nicht erf&uuml;llt. Das russische Wording lautete zwar immer, man habe kein Problem mit einer EU-Mitgliedschaft, doch die EU selbst hat ein massives Problem mit dieser Mitgliedschaft. Ich w&uuml;rde mich sehr wundern, wenn das in absehbarer Zeit tats&auml;chlich passieren w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Das Vertrauen ist zerst&ouml;rt. Wer kann heute &uuml;berhaupt noch glaubhafte Sicherheitsgarantien f&uuml;r eine politische L&ouml;sung im Ukraine-Krieg abgeben?<\/strong><\/p><p>Es gibt keine Patentrezepte, und der Weg wird steinig sein. Zuerst m&uuml;ssen wir diesen Krieg durch eine politische L&ouml;sung zum Stillstand bringen &ndash; wohl wissend, dass das Ergebnis niemanden vollends gl&uuml;cklich machen wird. Nach vier Jahren Krieg und unz&auml;hligen Opfern auf beiden Seiten stehen wir vor der Herkulesaufgabe, einen &bdquo;Kalten Krieg 2.0&ldquo; zu managen.<\/p><p>Langfristig f&uuml;hrt jedoch kein Weg an der R&uuml;ckkehr zur &bdquo;Gemeinsamen Sicherheit&ldquo; vorbei. Das klingt heute wie Zukunftsmusik, doch die Alternative ist ein permanenter Hochrisiko-Zustand: Technologische Entwicklungen wie Pr&auml;zisionswaffen mit extrem kurzen Vorwarnzeiten schaffen eine Lage, die jederzeit explodieren kann. Aufr&uuml;stung allein bringt keine Stabilit&auml;t; wir brauchen wieder R&uuml;stungskontrolle und vertrauensbildende Ma&szlig;nahmen.<\/p><p>Ein Blick in die Geschichte macht Mut: Noch die Generation meiner Gro&szlig;eltern hielt die deutsch-franz&ouml;sische &bdquo;Erbfeindschaft&ldquo; f&uuml;r un&uuml;berwindbar &ndash; heute ist sie Geschichte. Russland wird nicht von der Landkarte verschwinden. Die Vorstellung, man k&ouml;nne dieses Land dauerhaft in die Knie zwingen oder isolieren, ist keine kluge Strategie. Wahre Sicherheit wird es erst wieder geben, wenn wir den Ukraine-Krieg mit einer Kompromissl&ouml;sung beenden und Schritt f&uuml;r Schritt zu einer gemeinsamen Ordnung zur&uuml;ckfinden.<\/p><p><strong>W&auml;hrend die Bev&ouml;lkerung nach Frieden strebt, setzen die NATO-Staaten auf massive Aufr&uuml;stung. Ist Ihr Konzept einer aktiven Friedensgestaltung angesichts dieser milit&auml;rischen Logik &uuml;berhaupt noch realistisch?<\/strong><\/p><p>Ich habe leider keine gute Botschaft: Es ist &auml;u&szlig;erst schwierig und eher unwahrscheinlich, dass ein zeitnahes Umdenken stattfindet. Dennoch d&uuml;rfen wir nicht aufh&ouml;ren, genau daf&uuml;r zu werben. Der Druck der Fakten ist mittlerweile eindeutig: Der Ukraine gehen schlichtweg die Soldaten aus. Die M&ouml;glichkeit, diesen Mangel durch westliche Truppen zu kompensieren, will nach heutiger Lage niemand &ndash; auch wenn es immer wieder gegenteilige &Auml;u&szlig;erungen gibt. Die Frage bleibt: Was tun wir, wenn der Ukraine das Personal ausgeht?<\/p><p>Gleichzeitig geht dem Westen das Geld aus. Das j&uuml;ngste Finanzpaket &uuml;ber 90 Milliarden Euro kam ja nur unter ganz gro&szlig;en Schwierigkeiten zustande. Man dachte, man k&ouml;nne das russische Verm&ouml;gen daf&uuml;r nehmen; das hat nicht funktioniert. Das hei&szlig;t, man hat sich verschuldet und die Finanzierung f&uuml;r ein Jahr mehr schlecht als recht sichergestellt. Dieser &bdquo;Druck des Faktischen&ldquo; f&uuml;hrt zwangsl&auml;ufig zu der &Uuml;berlegung, wie lange dieser Kurs durchgehalten werden kann. In den westlichen Hauptst&auml;dten scheint man derzeit noch der Meinung zu sein, l&auml;nger durchhalten zu k&ouml;nnen als Russland.<\/p><p>Ich bin kein Prophet, aber es w&uuml;rde mich wundern, wenn der Westen hier tats&auml;chlich den l&auml;ngeren Atem beweist. Dass ein Kurswechsel mit den jetzigen politischen Eliten schwierig ist, steht au&szlig;er Frage. Doch wir stehen vor Wahlen, nach denen die Welt anders aussehen k&ouml;nnte. Diesen Weg noch &uuml;ber einen langen Zeitraum unver&auml;ndert fortzusetzen, halte ich f&uuml;r unm&ouml;glich. Aus dieser Sackgasse wird letztlich der Druck resultieren, die eigene Position grundlegend zu &auml;ndern.<\/p><p><strong>Sie ziehen eine Grenze zwischen Russlands Kriegsschuld und der Mitverantwortung des Westens. Aber verschwimmen diese Grenzen nicht l&auml;ngst? Wenn Washington und seine europ&auml;ischen Partner Gelegenheiten zur Deeskalation &ndash; ob Ende 2021 oder in Istanbul &ndash; verstreichen lie&szlig;en und damit die Zerst&ouml;rung der Ukraine sehenden Auges in Kauf nahmen: Schl&auml;gt politisches Versagen hier nicht zwangsl&auml;ufig in moralische Schuld um?<\/strong><\/p><p>In diesem Sinne stimme ich Ihnen zu: Es gibt einen Punkt, an dem Verantwortung in Mitschuld umschl&auml;gt &ndash; und diesen Punkt haben wir wohl schon vor l&auml;ngerer Zeit &uuml;berschritten. Dennoch bleibt die Einordnung schwierig. K&uuml;rzlich fragte mich jemand auf einer Veranstaltung, ob man den Angriff Russlands nicht als Pr&auml;ventivkrieg werten m&uuml;sse. Ich habe lange &uuml;ber eine Antwort nachgedacht und bin innerlich immer noch zerrissen.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist ein Angriffskrieg an sich ein Verbrechen, und Russland begeht auch in diesem Krieg zweifellos Kriegsverbrechen. Doch in der russischen Wahrnehmung handelt es sich gewisserma&szlig;en um den Versuch, eine Entwicklung abzuwenden, bei der russische Interessen massiv verletzt wurden. Wahrscheinlich w&uuml;rden westliche Staaten in einer vergleichbaren Lage &auml;hnlich handeln. Nehmen wir das &ndash; wenn auch hinkende &ndash; Szenario: Mexiko ginge eine politische Allianz mit China ein und lie&szlig;e dort chinesische Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte errichten. Ich bin mir sicher, dass die USA zun&auml;chst versuchen w&uuml;rden, dies politisch abzuwenden. Sollte das jedoch nicht gelingen, w&uuml;rde Washington f&uuml;r diese Frage vermutlich Krieg f&uuml;hren. Bei Russland verh&auml;lt es sich &auml;hnlich.<\/p><p>Das entschuldigt diesen Krieg nicht, und ich halte diesen f&uuml;r einen schweren strategischen Fehler Russlands &ndash; auch weil es sich selbst damit schadet. Am Ende war es jedoch eine Entwicklung, die eine gewisse Zwangsl&auml;ufigkeit hatte, weil man den Punkt verpasst hat, an dem man &uuml;ber einen klugen Interessenausgleich geredet hat. In diesem Sinne bleibe ich dabei: Schuld und Verantwortung sind verteilt. Wir haben in jedem Fall auch Schuld auf uns geladen.<\/p><p><strong>Welche Schlagkraft hat die Friedensbewegung heute &uuml;berhaupt noch? Ihr Titel &bdquo;Stark f&uuml;r den Frieden&ldquo; suggeriert ja: Frieden ist kein passiver Zustand, sondern ein Akt der St&auml;rke und aktiven Gestaltung.<\/strong><\/p><p>Eine Friedensbewegung ist in einer offenen Gesellschaft absolut notwendig. Dass es in Russland derzeit keine solche Bewegung gibt, markiert einen entscheidenden Unterschied. Dennoch halte ich die Vorstellung, in der internationalen Politik g&auml;nzlich ohne Streitkr&auml;fte auszukommen, f&uuml;r unrealistisch. Das ist ein sympathischer Ansatz, aber eben nicht realit&auml;tstauglich. Wir m&uuml;ssen &uuml;ber St&auml;rke n&uuml;chtern und mit einem klaren Kompass nachdenken: nicht expansiv, sondern defensiv und auf Verteidigung ausgerichtet. Wenn wir diesen Weg w&auml;hlen, m&uuml;ssen wir jedoch auch tats&auml;chlich stark sein. Insofern liefern die Pazifisten f&uuml;r mich nicht die richtigen Antworten. Wir m&uuml;ssen in der Sicherheitspolitik bessere, tragf&auml;higere Konzepte entwickeln. Aber der grundlegende Impuls, immer wieder dar&uuml;ber nachzudenken, wie internationale Politik mit m&ouml;glichst wenig Gewalt auskommt, bleibt &auml;u&szlig;erst wertvoll. In diesem Sinne w&uuml;rde ich mir eine st&auml;rkere Friedensbewegung w&uuml;nschen.<\/p><p><strong>Die deutsche Sicherheitspolitik war lange von der Entspannungspolitik gepr&auml;gt &ndash; ein Weg von Brandt bis Kohl. Heute wird diese Tradition oft als historischer Fehler diffamiert. Welche Interessen stecken hinter diesem radikalen Bruch?<\/strong><\/p><p>Der reale Kern dieser Entwicklung ist der russische &Uuml;berfall auf die Ukraine, der das Pendel bei vielen in die entgegengesetzte Richtung hat ausschlagen lassen. Im aktuellen Diskurs wird f&auml;lschlicherweise unterstellt, die Entspannungspolitik sei Ausdruck von Naivit&auml;t gewesen. Ich bin &uuml;berzeugt, dass das Gegenteil richtig ist: Die Entspannungspolitik war korrekt &ndash; wir h&auml;tten sie vermutlich sogar noch intensiver verfolgen m&uuml;ssen.<\/p><p>Mit dem stark NATO-zentrierten Ansatz in der europ&auml;ischen Sicherheitspolitik wurde der Entspannungspolitik gewisserma&szlig;en der Boden entzogen. Daher wundert es mich, dass sich heute f&uuml;hrende Politiker vollst&auml;ndig von dieser Tradition lossagen und sie als Fehler abstempeln. Wir m&uuml;ssen hier deutlich gegenhalten: Es war nicht alles falsch. Vielmehr wurde nicht konsequent genug dar&uuml;ber nachgedacht, wie eine europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur aussehen muss, die f&uuml;r alle Seiten tragf&auml;hig ist. Es ist wohl nicht der eine Faktor, wie allein die Interessen der R&uuml;stungsindustrie, sondern eine komplexe Gemengelage, die sich in eine ungute Richtung entwickelt hat.<\/p><p><strong>An wen richtet sich Ihr Buch prim&auml;r, und was ist Ihre Kernbotschaft?<\/strong><\/p><p>Es ist Erfahrungsbericht und wissenschaftliches Essay zugleich. Ich schildere, wie man mit unbequemen Positionen aus dem sicherheitspolitischen Mainstream gedr&auml;ngt wird. Urspr&uuml;nglich sollte das Buch &bdquo;Wider die Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; hei&szlig;en, doch das war uns zu defensiv. &bdquo;Stark f&uuml;r den Frieden&ldquo; dr&uuml;ckt aus, dass Friedenspolitik kein blo&szlig;es &bdquo;Dagegen-Sein&ldquo; ist, sondern eine aktive Form von St&auml;rke. Ich m&ouml;chte all jene erreichen, die ein tiefes Unbehagen gegen&uuml;ber dem aktuellen, rein milit&auml;risch gepr&auml;gten Diskurs versp&uuml;ren.<\/p><p><strong>Erreichen Sie damit auch die Machtzentren in Berlin oder Washington, oder bleibt es ein Impuls f&uuml;r die Zivilgesellschaft?<\/strong><\/p><p>Ich glaube nicht an einen schnellen Umschwung; das Schwarz-Wei&szlig;-Denken ist zu festgefahren. Meine Hoffnung ist jedoch, dass meine Argumente aufgrund meiner Herkunft aus der Wissenschaft nicht so leicht abgetan werden k&ouml;nnen wie Positionen aus den &bdquo;&uuml;blichen&ldquo; Lagern. Ich setze auf den Funken Einsicht bei jenen, die bereit sind, starre Denkmuster f&uuml;r einen Moment zu verlassen.<\/p><p><em>Lesetipp: Johannes Varwick &ndash; <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/stark-fuer-den-frieden.html\"><strong>Stark f&uuml;r den Frieden. Pl&auml;doyer f&uuml;r eine neue Realpolitik<\/strong><\/a>. Neu-Isenburg 2026, Westend Verlag, Taschenbuch, 176 Seiten, ISBN 978-3987913587, 18 Euro.<\/em><\/p><p><em>Das Buch wurde am 12. Februar 2026 in Berlin offiziell vorgestellt und ist im Buchhandel erh&auml;ltlich.<\/em><\/p><p><em>&Uuml;ber den Interviewpartner: <strong>Prof. Dr. Johannes Varwick<\/strong> ist Inhaber des Lehrstuhls f&uuml;r Internationale Beziehungen und europ&auml;ische Politik an der Universit&auml;t Halle-Wittenberg. Er gilt als einer der profiliertesten deutschen Experten f&uuml;r Sicherheitspolitik und die Rolle der NATO. Varwick war unter anderem Pr&auml;sident der Gesellschaft f&uuml;r Sicherheitspolitik und lehrt regelm&auml;&szlig;ig an internationalen Milit&auml;rakademien. In seinem aktuellen Buch <strong>&bdquo;Stark f&uuml;r den Frieden&ldquo;<\/strong> (2025\/2026) setzt er sich kritisch mit der zunehmenden Militarisierung der europ&auml;ischen Au&szlig;enpolitik auseinander und wirbt f&uuml;r eine R&uuml;ckkehr zu realpolitischen diplomatischen Ans&auml;tzen sowie das Konzept einer &bdquo;bewaffneten Neutralit&auml;t&ldquo; f&uuml;r die Ukraine.<\/em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/aaa5dccf7e38476484e2c91fff1b03eb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann eine souver&auml;ne Ukraine ohne den Schutzschirm der NATO existieren? 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