{"id":146702,"date":"2026-02-23T09:00:25","date_gmt":"2026-02-23T08:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146702"},"modified":"2026-02-23T16:21:13","modified_gmt":"2026-02-23T15:21:13","slug":"russlands-gurkenkrise-als-krise-des-deutschen-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146702","title":{"rendered":"Russlands Gurkenkrise als Krise des deutschen Journalismus"},"content":{"rendered":"<p>In Russland sind die Preise f&uuml;r Gurken drastisch gestiegen. Die gro&szlig;en deutschen Medien sehen darin den Vorboten f&uuml;r einen bevorstehenden Aufstand der russischen Verbraucher und den baldigen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft. Der Krieg senkt den Lebensstandard der Russen, ist die These. An der ist bei genauerer Hinsicht allerdings nichts dran. Es handelt sich vielmehr um Selbstbetrug, der seine Ursache darin hat, jede Information aus Russland ins vorgegebene Narrativ pressen zu m&uuml;ssen. Von <strong>Gert-Ewen Ungar<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1537\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-146702-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260223_Russlands_Gurkenkrise_als_Krise_des_deutschen_Journalismus_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260223_Russlands_Gurkenkrise_als_Krise_des_deutschen_Journalismus_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260223_Russlands_Gurkenkrise_als_Krise_des_deutschen_Journalismus_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260223_Russlands_Gurkenkrise_als_Krise_des_deutschen_Journalismus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=146702-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260223_Russlands_Gurkenkrise_als_Krise_des_deutschen_Journalismus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260223_Russlands_Gurkenkrise_als_Krise_des_deutschen_Journalismus_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der <em>Spiegel<\/em> ist einer ganz hei&szlig;en Sache auf der Spur: Verbraucher beschweren sich &uuml;ber steigende Preise. Die Russen sind da keine Ausnahme. Alles andere in dem <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/russland-auf-tiktok-instagram-und-co-klagen-nutzer-ueber-hohe-lebensmittelpreise-a-0e21a9ef-b2c5-4269-b45c-1b875d32437f\">Beitrag<\/a> (Bezahlschranke) &bdquo;Wenn der Krieg in den Supermarkt kommt&ldquo; ist allerdings ziemlich weit hergeholt und spekulativ.<\/p><p>Aber der Reihe nach: Die Gurkenpreise sind in Russland stark gestiegen. Neulich im Supermarkt habe ich nach Ansicht eines Preisschildes f&uuml;r Gurken kurzfristig die Pl&auml;ne f&uuml;rs Abendessen umgeworfen, mich umentschieden und statt einer Salatgurke eine Ananas gekauft, denn der Kilopreis war g&uuml;nstiger. Dass die Ananas letztlich dann doch mehr gekostet hat als eine Salatgurke, versteht sich von selbst. Eine Ananas wiegt einfach mehr als eine Gurke. Ein bisschen Selbstbetrug aus Genussgr&uuml;nden ist aber erlaubt.<\/p><p>Ja, die Gurkenpreise sind derzeit hoch in Russland. Was allerdings der deutsche Bl&auml;tterwald aus dieser Information macht, ist Unsinn. Wie der <em>Spiegel<\/em> stellt auch die <em>BILD-Zeitung<\/em> unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Gurken-Wut in Russland&rdquo; eine Verbindung zwischen hohen Gurkenpreisen und Ukraine-Krieg her. Ebenso haben sich der <em>Stern<\/em>, der <em>Tagesspiegel<\/em> und viele andere des russischen Gurkenproblems angenommen. Die Berichte lauten alle &auml;hnlich. Die Quintessenz: Der Krieg macht in Russland alles teurer, der Lebensstandard der Russen sinkt kriegsbedingt.<\/p><p>Es lohnt sich, diese Berichte etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, denn an ihnen l&auml;sst sich zeigen, wie Desinformation und Propaganda funktionieren. Was in diesen Berichten neben den hohen Gurkenpreisen noch stimmt, ist, dass in Russland zum ersten Januar die Mehrwertsteuer erh&ouml;ht wurde. Sie betr&auml;gt nun 22 Prozent, allerdings nicht auf Lebensmittel. Diese Information wird den Lesern von <em>Spiegel<\/em> und Co. aber verschwiegen. Auf Lebensmittel gilt in Russland weiterhin der erm&auml;&szlig;igte Mehrwertsteuersatz von zehn Prozent. Schon aus diesem Grund ist die Konstruktion &bdquo;mit den hohen Gurkenpreisen finanziert Putin seinen Krieg in der Ukraine&rdquo; bestenfalls fragw&uuml;rdig.<\/p><p>Die hohen Gurkenpreise sind weniger dem Krieg, sondern eher einer Marktverzerrung geschuldet. Es gibt Anzeichen daf&uuml;r, dass sich ein Monopol ausgebildet hat, das den Markt kontrolliert. Lokale Produzenten beschweren sich &uuml;ber mangelnden Marktzugang und schlechte Absatzm&ouml;glichkeiten. Der Agrar-Konzern <a href=\"https:\/\/rostgroup.ru\/about\/\">Rost<\/a> er&ouml;ffnet dagegen in Serie riesige Treibh&auml;user, erh&auml;lt daf&uuml;r vermutlich sogar staatliche F&ouml;rderung. Gleichzeitig begl&uuml;ckt er mit einer aufw&auml;ndig produzierten <a href=\"https:\/\/youtu.be\/ZdiLHpymvFE?si=6qs5i1rsoSaVufAl\">Werbung f&uuml;r Gurken seiner Marke Botanika<\/a> die Fernsehzuschauer pro Werbeblock oft gleich mehrfach. Die Verbindung zwischen dieser penetranten Dauerwerbung und den hohen Preisen ist deutlich gradliniger als die von den deutschen Gazetten gezogene Verbindung zwischen Gurkenpreis und Kosten f&uuml;r den Krieg. &Auml;hnlich verh&auml;lt es sich auch mit den Preisen f&uuml;r Gefl&uuml;gel. Dahinter steckt zwar ein anderer Konzern, aber das Schema ist &auml;hnlich.<\/p><p>Die Information &uuml;ber eine m&ouml;gliche Marktverzerrung wird in russischen Medien auch kommuniziert, von den deutschen Bl&auml;ttern allerdings nicht aufgenommen. Sie w&uuml;rde den erzeugten erz&auml;hlerischen Spannungsbogen von Gurkenpreis zu Kriegsgeschehen doch empfindlich st&ouml;ren.<\/p><p>F&uuml;r die russischen Verbraucher ist unterdessen Abhilfe in Sicht. Das russische Kartellamt hat sich der Sache angenommen und untersucht, wie es zu den &uuml;berdurchschnittlichen Preissteigerungen gekommen ist. Es ist zu erwarten, dass die Gurkenpreise demn&auml;chst sinken. Das war bisher immer so. Der vorhergesagte Zusammenbruch der russischen Wirtschaft und der Sturz Putins durch einen landesweiten Aufstand erz&uuml;rnter Verbraucher wird auch dieses Mal ausbleiben.<\/p><p>Dass ihre Prophezeiungen nicht in Erf&uuml;llung gehen, f&ouml;rdert bei den Westmedien allerdings nicht die Einsicht. Der endg&uuml;ltige Zusammenbruch der russischen Wirtschaft wurde bereits im Jahr 2023 vorhergesagt, als die Eierpreise stark anstiegen. Die Gr&uuml;nde f&uuml;r den Preisanstieg waren vielf&auml;ltig. Letztlich griff der Staat regulierend ein, die Preise fielen ebenso drastisch, wie sie zuvor angestiegen waren. Pl&ouml;tzlich kosteten zehn Eier nur noch rund 50 Cent, und die entsprechenden Regale in den Superm&auml;rkten waren &uuml;bervoll. Das war nat&uuml;rlich ebenfalls nicht nachhaltig, machte aber eindrucksvoll deutlich, dass die russische Regierung die Verbraucher vor Marktverzerrungen sch&uuml;tzt. Inzwischen hat sich die Eier-Lage in Russland wieder normalisiert. &Auml;hnlich verhielt es sich mit dem prognostizierten Untergang Russlands wegen gestiegener Butterpreise.<\/p><p>Mit anderen Worten: Die Westpresse macht sich, vor allem aber ihren Lesern mit den entworfenen russischen Untergangsszenarien etwas vor. Sie zeigt dabei auch, dass sie von den inneren Zusammenh&auml;ngen in Russland entweder keine Ahnung hat oder sie ihren Lesern vorenthalten m&ouml;chte. Dabei w&auml;re eine klare und unvoreingenommene Analyse dringend notwendig, denn den Westeurop&auml;ern unterlaufen gerade im Hinblick auf die russische Wirtschaft schwere Denkfehler.<\/p><p>So wird in den Berichten &uuml;ber die hohen Gurkenpreise zwar auf die Abh&auml;ngigkeit der russischen Wirtschaft vom &Ouml;l-Export hingewiesen. Allerdings sind die russischen Einnahmen aus dem &Ouml;lgesch&auml;ft nicht wegen der Sanktionen, sondern wegen des allgemein gesunkenen &Ouml;lpreises aufgrund sinkender globaler Nachfrage eingebrochen. Aktuell unternimmt Donald Trump mit seiner Z&uuml;ndelei im Persischen Golf jedoch viel, damit der &Ouml;lpreis und damit auch Russlands Einnahmen aus dem &Ouml;lgesch&auml;ft wieder steigen. Dass die sinkenden Einnahmen aus dem &Ouml;lgesch&auml;ft Einfluss auf die russische F&auml;higkeit haben, den Krieg zu finanzieren, ist ebenfalls fragw&uuml;rdig. Russland kauft keine Waffen im Ausland. Alles, was den Ukraine-Krieg anbetrifft, wird in Rubel abgewickelt. Den kann die russische Zentralbank allerdings unendlich nachdrucken. Der Au&szlig;enhandel ist f&uuml;r Russlands milit&auml;rische F&auml;higkeiten weitgehend irrelevant.<\/p><p>Der &Ouml;lpreisdeckel der EU erweist sich dagegen als ziemlich wirkungslos. Der von der EU verh&auml;ngte Deckel liegt seit Februar bei 44,10 Dollar pro Fass. Am 19. Februar belief sich der <a href=\"https:\/\/tradingeconomics.com\/commodity\/urals-oil\">Preis<\/a> f&uuml;r ein Fass der russischen Roh&ouml;lsorte Urals jedoch auf 58,50 Dollar. Der russische &Ouml;lpreis folgt den allgemeinen Schwankungen auf dem Weltmarkt. Der &Ouml;lpreisdeckel hat praktisch keine Auswirkungen auf das russische &Ouml;lgesch&auml;ft.<\/p><p>Doch statt diesen Zusammenhang den Medienkonsumenten und politischen Entscheidern in Deutschland zug&auml;nglich zu machen, ergehen sich die gro&szlig;en deutschen Medienh&auml;user in Gurken-Astrologie, mit der sie vorhersagen, dass all das, was mit dem Sanktionsregime erreicht werden sollte, zweifellos demn&auml;chst eintreten wird: Die russische Wirtschaft bricht zusammen, die Russen stehen auf, das &bdquo;System Putin&rdquo; ist am Ende. Diese Form des Selbstbetrugs bezahlen die Westeurop&auml;er mit wirtschaftlichem Niedergang.<\/p><p>Die aktuelle Diskussion &uuml;ber die Gurkenpreise wurde &uuml;brigens vom BBC-Journalisten Steve Rosenberg ausgel&ouml;st. Der verbreitete am 9. Februar auf <em>X<\/em> die Nachricht von den steigenden Gurkenpreisen und davon, dass die L&uuml;cke zwischen L&ouml;hnen, Renten und Lebenshaltungskosten in Russland angeblich immer gr&ouml;&szlig;er werden w&uuml;rde.<\/p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">From today&rsquo;s Russian papers: cucumber prices in Russia jump 42.85% in a month, number of loss-making companies rising, wage arrears growing, &ldquo;&hellip;gap between pensions &amp; wages increasing.&rdquo; <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/ReadingRussia?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#ReadingRussia<\/a> <a href=\"https:\/\/t.co\/TmawpW1Qyl\">pic.twitter.com\/TmawpW1Qyl<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Steve Rosenberg (@BBCSteveR) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/BBCSteveR\/status\/2020766094957400228?ref_src=twsrc%5Etfw\">February 9, 2026<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p> <\/p><p>Diese Information ist schlicht falsch. Die L&ouml;hne in Russland wachsen, ebenso die Renten. Der Lebensstandard in Russland steigt. Dass Verbraucher auch bei wachsendem Wohlstand &uuml;ber steigende Lebensmittelpreise meckern, ist ein Ph&auml;nomen, mit dem wohl alle Regierungen der Welt leben m&uuml;ssen.<\/p><p>Dass Rosenberg die Lebenswirklichkeit in Russland entgeht und er vom wachsenden Wohlstand in Russland keine Ahnung hat, muss allerdings bezweifelt werden. Er lebt seit Jahren in Moskau und spricht Russisch. Er f&uuml;hrt seine Follower absichtlich in die Irre. Zahlreiche deutsche Medien haben seine Geschichte rund um die steigenden Gurkenpreise aufgenommen, plappern sie nach und unterf&uuml;ttern sie. Alles, was ihr widerspricht, wird weggelassen.<\/p><p>Rosenberg ist &uuml;brigens ein gutes Beispiel daf&uuml;r, dass es um die Presse- und Meinungsfreiheit in Russland deutlich besser bestellt ist als in Westeuropa. Rosenberg hat seinen festen Platz in den Pressekonferenzen Putins. Er bekommt regelm&auml;&szlig;ig das Wort erteilt, darf seine Fragen auf der Grundlage der westlichen Narrative &uuml;ber Russland stellen und erh&auml;lt ausf&uuml;hrlich Antwort. Diese Antworten ordnet er wiederum ins vorgegebene Narrativ ein und best&auml;rkt die Zuschauer der <em>BBC<\/em> in ihren Vorurteilen &uuml;ber Russland, unterlegt mit aus dem Kontext gerissenen O-Ton. Rosenberg ist mehr Propagandist als Journalist. Dennoch werden Rosenberg in Russland nicht die Konten gek&uuml;ndigt, er verliert nicht seine Akkreditierung, weder ihm noch seinen Familienmitgliedern wird der Pass entzogen und er wird auch nicht mit Sanktionen belegt. Ihn ereilt nichts von dem, was seinen russischen Journalisten-Kollegen in Deutschland zuteil wurde. Er muss sich nur ab und zu einen Kommentar zu seiner extrem verzerrten Berichterstattung anh&ouml;ren &ndash; unter anderem von Putin pers&ouml;nlich. Kein Gulag, kein Fenstersturz, nichts von dem, was man in Deutschland und Westeuropa f&uuml;r in Russland an der Tagesordnung h&auml;lt. Seine Prognosen &uuml;ber den kurz bevorstehenden Zerfall Russlands darf er ungestraft verbreiten, wovon er reichlichen Gebrauch macht.<\/p><p>Im Grunde dient er damit sogar Russland. Denn solange er und seine Kollegen die Westeurop&auml;er &uuml;ber die tats&auml;chlichen Lebensverh&auml;ltnisse in Russland im Unklaren lassen und lediglich die vorgegebenen Narrative bedienen, sind tats&auml;chlich wirkungsvolle Ma&szlig;nahmen gegen Russland nicht zu erwarten. Das ist die positive Seite des Selbstbetrugs der westlichen Propaganda. Die angek&uuml;ndigte Gurken-Revolution f&auml;llt aus.<\/p><p><small>Titelbild: ChatGPT, erstellt mit k&uuml;nstlicher Intelligenz<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Russland sind die Preise f&uuml;r Gurken drastisch gestiegen. 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