{"id":146786,"date":"2026-02-25T10:00:52","date_gmt":"2026-02-25T09:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146786"},"modified":"2026-02-25T15:26:48","modified_gmt":"2026-02-25T14:26:48","slug":"deutscher-boden-im-libanon-und-einstuerzende-wohnhaeuser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146786","title":{"rendered":"\u201eDeutscher Boden\u201c im Libanon und einst\u00fcrzende Wohnh\u00e4user"},"content":{"rendered":"<p>Montag, 16. Februar 2026. Es ist fr&uuml;h am Morgen, als der Wagen Beirut in Richtung Norden verl&auml;sst. Ziel der Fahrt ist die nordlibanesische Hafenstadt Tripoli, wo vor wenigen Tagen weitere Wohnh&auml;user eingest&uuml;rzt sind und 13 Menschen unter ihren Tr&uuml;mmern begraben wurden. Eine Reportage von <strong>Karin Leukefeld<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9166\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-146786-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225-Deutscher-Boden-im-Libanon-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225-Deutscher-Boden-im-Libanon-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225-Deutscher-Boden-im-Libanon-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225-Deutscher-Boden-im-Libanon-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=146786-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225-Deutscher-Boden-im-Libanon-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260225-Deutscher-Boden-im-Libanon-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Weg f&uuml;hrt &uuml;ber die Corniche, die K&uuml;stenpromenade der libanesischen Hauptstadt, entlang des &ouml;stlichen Mittelmeers. Wie immer absolvieren dort Fr&uuml;haufsteher z&uuml;gigen Schrittes ihr morgendliches Walking-Programm. Landeinw&auml;rts ist die Corniche von Soldaten ges&auml;umt, die eine Art Schutzkette bilden, dazwischen stehen ihre Milit&auml;rfahrzeuge. Besonders dicht stehen die Soldaten gegen&uuml;ber dem milit&auml;rischen Teil des Hafens von Beirut. Der Fahrer konzentriert sich auf den dichter werden Verkehr, pr&uuml;ft die Au&szlig;enspiegel, die Hupe verschafft ihm immer wieder Durchfahrt.<\/p><p><strong>Auf &bdquo;deutschem Boden&ldquo; im Libanon<\/strong><\/p><p>Auch Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier ist an diesem Morgen in Beirut aufgewacht. Dem Kurzprogramm des Bundespr&auml;sidialamtes war zu entnehmen, dass er am Abend zuvor auf dem Flughafen von Beirut gelandet war. Steinmeier soll an diesem Montag die Regierungsspitze des Libanon treffen: Pr&auml;sident Joseph Aoun, Ministerpr&auml;sident Nawaf Salam und Parlamentspr&auml;sident Nabih Berri.<\/p><p>Einem Videoclip auf der Webseite des Bundespr&auml;sidialamtes sind <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Bundespraesident.Steinmeier\/videos\/zum-auftakt-seiner-nahostreise-hat-bundespr%C3%A4sident-steinmeier-den-pr%C3%A4sidenten-de\/2087568935363489\/\">wenige S&auml;tze Steinmeiers<\/a> in Anwesenheit von Aoun zu entnehmen: Er freue sich, in diesem &bdquo;wunderbaren Land&ldquo; zu sein, und er freue sich auf seine Termine. Zudem &bdquo;wisse (er) um die Bedeutung eines unabh&auml;ngigen souver&auml;nen Libanon (&hellip;) in einem anspruchsvollen regionalen Sicherheitsumfeld&ldquo;. Deutschland werde den Libanon auch nach dem Ende der UNIFIL-Mission weiter unterst&uuml;tzen, um das &bdquo;Gewaltmonopol der libanesischen Armee zu st&auml;rken&ldquo;. Man teile &bdquo;ein &uuml;berragendes gemeinsames Interesse&ldquo;, man wolle, &bdquo;dass endlich dauerhafter Frieden und Stabilit&auml;t in der Region einkehren&ldquo;.<\/p><p>Am Montagabend traf der Bundespr&auml;sident Soldatinnen und Soldaten auf der deutschen Fregatte Sachsen-Anhalt, wo er an Bord <a href=\"https:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Frank-Walter-Steinmeier\/Reden\/2026\/02\/260216-Reise-Libanon-Empfang-Fregatte.html\">eine Rede<\/a> hielt. Es sei ihm &bdquo;eine Ehre&ldquo;, die G&auml;ste &bdquo;an Bord der &sbquo;Sachsen-Anhalt&lsquo; willkommen zu hei&szlig;en&ldquo;, so Steinmeier: Man stehe &bdquo;hier, wenn man so will, auf einem St&uuml;ck deutschen Bodens im Libanon &ndash; Schiffsboden genauer gesagt &ndash;, fest vert&auml;ut im Hafen von Beirut.&ldquo;<\/p><p><strong>Gemeinsam ansto&szlig;en<\/strong><\/p><p>Das &bdquo;deutsche Schiff&ldquo; hat es dem Bundespr&auml;sidenten so sehr angetan, dass er seine Rede damit auch wieder schlie&szlig;t. Mit diesem &bdquo;deutschen Schiff unter den F&uuml;&szlig;en und dem libanesischen Sternenhimmel &uuml;ber uns&ldquo; wolle man &bdquo;gemeinsam ansto&szlig;en (&hellip;) auf die deutsch-libanesische Freundschaft, auf Verl&auml;sslichkeit und auf eine gemeinsame und geteilte Zukunft&ldquo;, so Steinmeier, der am folgenden Tag nach Jordanien reiste, zu einem &bdquo;Stabilit&auml;tsanker&ldquo;, wie er dort sagen sollte.<\/p><p>Die deutsche Fregatte ist Teil der seeseitigen UN-Friedensmission f&uuml;r den Libanon UNIFIL, was Steinmeier auch erw&auml;hnte. Sie sollte Waffenschmuggel verhindern, was ihr allerdings, so libanesische Sicherheitskr&auml;fte gegen&uuml;ber Journalisten, nur teilweise gelungen war. Die Waffen, die w&auml;hrend des Syrienkrieges seeseitig in den Norden des Libanon geschmuggelt worden waren, um von S&ouml;ldnern verschiedener Kampfverb&auml;nde im Krieg gegen die syrische Armee im Nachbarland eingesetzt zu werden, wurden von den deutschen Fregatten immer wieder &uuml;bersehen.<\/p><p>In Zukunft, nach dem von Israel und den USA geradezu erzwungenen Ende der UNIFIL-Mission im S&uuml;dlibanon Ende 2026, k&ouml;nnte &ndash; m&ouml;glicherweise neben den USA und Frankreich &ndash; auch die deutsche Marine mit deutschen Bodentruppen im Libanon in diesem &bdquo;anspruchsvollen Sicherheitsumfeld&ldquo; stationiert werden.<\/p><p>Mit Libanon und Jordanien besuche der Bundespr&auml;sident &bdquo;zwei Nachbarl&auml;nder Israels&ldquo;, hie&szlig; es in den Nachrichten des <em>Deutschlandfunks<\/em>. Der Fokus der Reise Steinmeiers lag also auf der &bdquo;Sicherheit Israels&ldquo;, die seit der Adenauerzeit in den 1950er-Jahren im alles &uuml;berragenden Interesse jeder bisherigen Bundesregierung ist. Zwar spricht Steinmeier von der &bdquo;Sicherheit der Region&ldquo;, doch die Sicherheit der L&auml;nder, die wie Libanon, Syrien und die besetzten pal&auml;stinensischen Gebiete t&auml;glich von Israel attackiert werden, wird Israels Interessen untergeordnet. Gem&auml;&szlig; der UN-Charta hat jedes Land das gleiche Recht auf territoriale Integrit&auml;t und Souver&auml;nit&auml;t, die israelische Straffreiheit allerdings hat Vorrang.<\/p><p>Deutschland ist der zweitgr&ouml;&szlig;te Waffenlieferant an Israel und <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/newsroom\/2693774-2693774\">r&uuml;hmt sich<\/a>, &bdquo;strategischer Partner Israels&ldquo; zu sein, &bdquo;an Bedeutung nur von den Vereinigten Staaten &uuml;bertroffen&ldquo;. Deutsche Waffen und Panzerersatzteile werden in Gaza, im Westjordanland, in Syrien und im Libanon eingesetzt. Doch so sehr ins Detail geht Steinmeier &ndash; zumindest nach offiziellen Darstellungen &ndash; nicht. Und im Libanon ist man zu h&ouml;flich, um das in einem offiziellen Rahmen gegen&uuml;ber dem Bundespr&auml;sidenten anzusprechen. Zumal man froh &uuml;ber die <a href=\"https:\/\/www.lebarmy.gov.lb\/en\/content\/visit-president-federal-republic-germany-jounieh-naval-base\">deutsche Unterst&uuml;tzung<\/a> f&uuml;r die libanesische Armee ist.<\/p><p><strong>Mit zweierlei Ma&szlig;<\/strong><\/p><p>Die M&uuml;hen der Ebenen geh&ouml;ren nicht in das Programm eines solchen Auftritts. Es ging dem deutschen Bundespr&auml;sidenten weder um die schlechten Lebensverh&auml;ltnisse vieler Libanesen noch um <a href=\"https:\/\/globalsanctions.com\/region\/lebanon\/\">EU-Sanktionen<\/a> gegen das Land. Diese wurden 2025 um ein weiteres Jahr bis Juli 2026 verl&auml;ngert. Neben den EU-Sanktionen gibt es weitere Sanktionen der Vereinten Nationen, Gro&szlig;britanniens und der Vereinigten Staaten. Auch die Probleme der &bdquo;neuen&ldquo; Fl&uuml;chtlinge aus Syrien &ndash; vor allem syrische Alawiten &ndash; waren kein Thema. Zwar wurde der 218 Opfer der Explosion im Hafen von Beirut (2020) gedacht, nicht aber der mehr als 3.000 Libanesen, die bei einer ferngesteuerten Explosion ihrer pers&ouml;nlichen Funkrufempf&auml;nger, sogenannte Pager, im September 2024 schwer verletzt, verst&uuml;mmelt oder get&ouml;tet wurden. Israel &uuml;bernahm damals fast stolz die Verantwortung f&uuml;r die Mossad-Aktion und wurde bis heute f&uuml;r den nach internationalem Recht verbotenen Angriff auf die Zivilbev&ouml;lkerung nicht zur Rechenschaft gezogen.<\/p><p>Daf&uuml;r mahnte der deutsche Bundespr&auml;sident in Beirut, Libanon und Israel m&uuml;ssten &bdquo;ihre Verpflichtungen aus dem Waffenstillstandsabkommen von 2024&ldquo; erf&uuml;llen. Der Libanon m&uuml;sse die Entwaffnung der Hisbollah sicherstellen, um die Voraussetzungen f&uuml;r einen israelischen R&uuml;ckzug zu schaffen, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/asien\/steinmeier-libanon-102.html\">so Steinmeier<\/a>.<\/p><p>Das ist die israelisch-amerikanische Interpretation der Vereinbarung. Die Einhaltung der UN-Sicherheitsratsresolution 1701 &ndash; von der Hisbollah erf&uuml;llt &ndash; wird von Israel ignoriert. Demnach sollen sich bis auf UNIFIL und die libanesische Armee keine bewaffneten Kr&auml;fte mehr im S&uuml;den des Libanon &ndash; zwischen der &bdquo;Blauen Linie&ldquo; und dem Litani-Fluss &ndash; aufhalten, weder K&auml;mpfer der Hisbollah oder pal&auml;stinensische Einheiten noch die israelische Armee. Die aber bombt, zerst&ouml;rt, t&ouml;tet ungestraft im Libanon und h&auml;lt im S&uuml;den des Landes f&uuml;nf H&uuml;gel besetzt, mit umgebenden &bdquo;Pufferzonen&ldquo; sind das laut UNIFIL 4.000 Quadratkilometer. Weder die UNIFIL noch die libanesische Armee und auch nicht die Bewohner des S&uuml;dlibanon sind vor israelischen Angriffen sicher.<\/p><p>Zumindest laut Protokoll des Bundespr&auml;sidialamtes Berlin blieb unerw&auml;hnt, dass Israel seit dem &bdquo;Waffenstillstand&ldquo; mehr als 10.000 Angriffe auf den Libanon geflogen hat, wie aus <a href=\"https:\/\/www.middleeastmonitor.com\/20251121-unifil-reports-over-10000-israeli-violations-in-lebanon-since-last-year\/\">UNIFIL-Zahlen<\/a> hervorgeht. Israel hat ganze Landstriche und D&ouml;rfer dem Erdboden gleichgebombt, fast t&auml;glich werden bei den Angriffen Menschen get&ouml;tet. Auch am Tag des Steinmeier-Besuches bombardierte Israel den S&uuml;den des Libanon. Am vergangenen Samstag, wenige Tage nach dem Ende der Steinmeier-Reise, bombardierte Israel nahezu gleichzeitig drei Wohnh&auml;user in der Umgebung der Stadt Baalbek in der nord&ouml;stlichen Bekaa-Ebene. Mindestens zehn Personen wurden get&ouml;tet und 30 Personen verletzt. Die Orte in Baalbek wurden von israelischen Kampfjets gezielt attackiert. Bei den Toten in Baalbek handelte es sich <a href=\"https:\/\/english.almanar.com.lb\/article\/25357\/\">nach Angaben der Hisbollah<\/a> um acht ihrer K&auml;mpfer, darunter zwei Kommandeure.<\/p><p>Zwei der Toten wurden aus dem pal&auml;stinensischen Fl&uuml;chtlingslager <a href=\"https:\/\/today.lorientlejour.com\/article\/1495585\/israeli-strikes-on-palestinian-camp-kill-at-least-2.html\">Ain al Hilwa<\/a> gemeldet, das bei Sidon im S&uuml;den des Libanon liegt. Bei dem Angriff auf Ain al Hilwa waren Drohnen im Einsatz, die Berichten zufolge von israelischen Kriegsschiffen vor der K&uuml;ste des Libanon gesteuert wurden. Die Raketen schlugen im Hittin Viertel des Lagers ein und trafen das Geb&auml;ude der ehemaligen pal&auml;stinensischen Sicherheitsbeh&ouml;rde. Das Geb&auml;ude wird aktuell als Zentrum f&uuml;r Hilfsg&uuml;ter benutzt. Bei den Toten handelte es sich um zwei Mitglieder der Hamas-Jugendorganisation.<\/p><p><strong>Einst&uuml;rzende Wohnh&auml;user<\/strong><\/p><p>Auch die Opfer der zahlreichen eingest&uuml;rzten Wohnh&auml;user im Libanon waren laut &ouml;ffentlichen Verlautbarungen &ndash; kein Thema bei den deutsch-libanesischen Gespr&auml;chen. Der mangelhafte Zustand libanesischer Geb&auml;ude sorgt immer wieder f&uuml;r Tote und Obdachlosigkeit. In Tripoli, der einst bl&uuml;henden nordlibanesischen Hafenstadt, sind in diesem Winter mindestens 15 Personen beim Einsturz ihrer Wohnh&auml;user ums Leben gekommen. Ende Januar starben ein Vater und seine Tochter, als zwei H&auml;user zusammenbrachen. Am 8. Februar st&uuml;rzten erneut zwei H&auml;user in Bab al-Tabbaneh ein, 13 Menschen starben. Seit Winterbeginn mussten zahlreiche Evakuierungen von Wohnh&auml;usern in Tripoli vorgenommen werden, weil sie einsturzgef&auml;hrdet waren. Nach Angaben der Stadtverwaltung m&uuml;ssten weitere 114 Wohngeb&auml;ude ger&auml;umt werden, doch f&uuml;r die 600 davon betroffenen Familien gibt es keinen alternativen Wohnraum.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260225-Libanon-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260225-Libanon-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p><small>&copy; Karin Leukefeld<\/small><\/p><p>In Bab al-Tabbaneh, einem der &auml;rmsten Stadtviertel von Tripoli, traf die Autorin Bewohner der eine Woche zuvor eingest&uuml;rzten Wohnh&auml;user. Die H&auml;user standen einst oberhalb einer viel befahrenen Stra&szlig;e mit Gesch&auml;ftsh&auml;usern, Caf&eacute;s und einer Tankstelle. Zu dem h&ouml;her gelegenen Viertel gelangt man &uuml;ber eine steile Stra&szlig;e, die zu dem dicht bebauten Hang hinauff&uuml;hrt. Man passiert einen Kontrollposten der libanesischen Armee.<\/p><p>Viele Jahre lang fanden an diesem Hang K&auml;mpfe zwischen den Alawiten des h&ouml;her gelegenen Jbeil Mohsen und Sunniten aus Bab al-Tabbaneh statt. Der nach au&szlig;en hin religi&ouml;se Konflikt zwischen den beiden Gruppen entstand im Osmanischen Reich, als die herrschenden sunnitischen Osmanen die Alawiten unterdr&uuml;ckten. Die Alawiten sind eine Str&ouml;mung des schiitischen Islam. In der j&uuml;ngeren Geschichte geht der auch bewaffnete Konflikt zur&uuml;ck auf die Zeit des libanesischen B&uuml;rgerkrieges (1975-1990) und kam auch danach nicht zur Ruhe. Kern der Auseinandersetzung war die Gegnerschaft (der Sunniten) oder Unterst&uuml;tzung (der Alawiten) gegen oder f&uuml;r die Regierung von Hafez, sp&auml;ter Bashar al-Assad, die beide aus einer alawitischen Familie stammten. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, zumal die Bewohner beider Viertel unterprivilegiert und arm sind. Die Stabilit&auml;t der Wohnh&auml;user in beiden Vierteln hat teilweise schwer unter den K&auml;mpfen gelitten.<\/p><p>Jeder kann den Weg zu der Einsturzstelle der H&auml;user in Tabbaneh zeigen. Auf einem Gehweg vor noch h&ouml;her gelegenen H&auml;usern sitzen und stehen einige Menschen, die sich angeregt unterhalten. Alle hatten in den beiden H&auml;user gewohnt und den Einsturz &uuml;berlebt, oder sie sind Angeh&ouml;rige der nun obdachlos gewordenen Menschen.<\/p><p><strong>&bdquo;Wir sind Menschen, wir brauchen eine Wohnung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Unter den Menschen ist auch die 78-j&auml;hrige Leyla Mahmud Tishreen. Ganz in schwarz gekleidet sitzt sie gegen&uuml;ber den Tr&uuml;mmern und wischt sich Tr&auml;nen aus den Augen. Hier habe sie seit ihrer Heirat vor 56 Jahren mit ihrem Mann gelebt, berichtet die Frau. Ihr Mann sei vor vier Jahren gestorben, sie habe allein dort gewohnt. An diesem Tag hatte sie das Haus verlassen, um bei einem ihrer Kinder, die zumeist in der N&auml;he wohnten, zum Essen zu gehen, erinnert sie sich. Kaum sei sie dort angekommen, habe sich die Nachricht von den einst&uuml;rzenden H&auml;usern wie ein Lauffeuer in Tabbaneh verbreitet. Voller Angst sei sie mit ihrem Sohn und dessen Familie zur&uuml;ck zu ihrem Haus gelaufen, doch es sei nicht mehr da gewesen. Nur Tr&uuml;mmer, so die 78-J&auml;hrige und zeigt auf eine Kachel, die aus den Tr&uuml;mmern hervorschaut.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260225-Libanon-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260225-Libanon-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p><small>&copy; Karin Leukefeld<\/small><\/p><p>&bdquo;Mein Boden hatte diese Kacheln&ldquo;, sagt sie und schaut wie gebannt auf den Tr&uuml;mmerberg. &bdquo;Meine Wohnung war ganz oben, im dritten Stock, nach und nach haben wir erneuert, repariert. Immer, wenn wir etwas Geld &uuml;brig hatten.&ldquo; Alle ihre Ersparnisse, die sie &bdquo;f&uuml;r ein gutes Leben im Alter&ldquo; zur&uuml;ckgelegt hatte, seien mit dem Einsturz verloren gegangen. Sie lebe jetzt bei ihrer Tochter, die im Parterre eines Hauses in der N&auml;he wohne. Ihr Sohn wohne auch in der N&auml;he, doch es sei ein hohes Haus. Er wohne im siebten Stock, einen Aufzug gebe es nicht, die Treppen hinauf k&ouml;nne sie nicht mehr steigen. &bdquo;Und unser Haus ist auch einsturzgef&auml;hrdet&ldquo;, sagt ihr Sohn und zeigt auf seinem Handy Fotos und Videos, auf denen tiefe Risse in Boden, Decken und in den W&auml;nden zu sehen sind. Immer wieder habe er beim Stadtrat auf den schlechten Zustand der H&auml;user aufmerksam gemacht, doch nie sei etwas geschehen. &bdquo;In unserem Haus leben 170 Menschen, was wird aus uns, wenn es einst&uuml;rzt?!&ldquo;<\/p><p>Immer wieder entwickelt sich ein lebhaftes Gespr&auml;ch unter den Menschen und sie tauschen aus, was ihnen der Stadtrat gesagt hatte. Man habe sie zwar registriert, doch wisse man nicht, wann, wo und wie sie Hilfe erhalten w&uuml;rden. Man habe keine neue Unterkunft zugewiesen bekommen, man wisse nicht, wie viel Geld man erhalten werde. Er habe geh&ouml;rt, dass jeder 1.000 US-Dollar erhalten solle, wirft Mahmud Zaman ein. Er habe wie durch ein Wunder &uuml;berlebt, weil er rausgegangen sei, um etwas zu besorgen. Sein Freund sei in der Wohnung gewesen, als das Haus einst&uuml;rzte: &bdquo;Nun liegt er mit vielen Br&uuml;chen und Quetschungen im Krankenhaus.&ldquo; 1.000 US-Dollar seien zu wenig, so Zaman. Wie sollte er bezahlen, wenn seine Mutter jetzt sterben sollte und er sie beerdigen m&uuml;sse? Er habe gespart, weil er heiraten wollte. Doch nun sei alles dahin. &bdquo;Wir wollen doch nur, dass man sich um uns k&uuml;mmert&ldquo;, sagt ein Mann in staubiger Arbeitskleidung. &bdquo;Wir sind Menschen, wir sind arm. Wir brauchen ein Haus, eine Wohnung, wir brauchen Kleidung, Essen und Medizin.&ldquo;<\/p><p>In einem gemeinsamen Bericht von UN-Habitat und der UN-Kinderhilfsorganisation UNICEF (2018) wird Tabbaneh als &bdquo;einkommensschwaches, benachteiligtes Viertel&ldquo; beschrieben, mit &bdquo;schwacher &ouml;ffentlicher Sozial- und Grundversorgung und &bdquo;begrenzten Lebensgrundlagen&ldquo;. Die Einwohnerzahl wird damals mit 20.499 Personen angegeben, rund 17,1 Prozent davon sind Syrer und pal&auml;stinensische Fl&uuml;chtlinge aus Syrien. Die meisten der Syrer kamen zwischen 2011 und 2017 nach Tabbaneh, sind also Kriegsfl&uuml;chtlinge. Die Probleme der Bev&ouml;lkerung werden ausf&uuml;hrlich mit hoher Arbeitslosigkeit und hohen chronischen Erkrankungen beschrieben. Von den 765 Geb&auml;uden waren 74 Prozent Wohnh&auml;user, die zumeist zwischen 1944 und 1975 gebaut worden waren. Elf Prozent der H&auml;user waren nicht ans Stromnetz, 26 Prozent der H&auml;user waren nicht an die Wasserversorgung angeschlossen. 51 Prozent der Wohnh&auml;user ben&ouml;tigten schon 2018, als der UN-Bericht entstand, umfassende Reparaturma&szlig;nahmen und &bdquo;Notfallinterventionen&ldquo;.<\/p><p>Tripoli gilt als die &auml;rmste Stadt im Libanon. S&ouml;hne der Stadt sind allerdings der langj&auml;hrige Ministerpr&auml;sident Najib Mikati und sein Bruder Taha, die laut Forbes 2026 mit jeweils 3,1 Milliarden US-Dollar die beiden reichsten M&auml;nner des Libanon sind. Ihr auf Telekommunikationsfirmen beruhender Reichtum hat f&uuml;r Tripoli und seine Bewohner ebenso wenig Fortschritt gebracht wie viele Worte verschiedener Regierungen.<\/p><p><strong>Der Wiederaufbau wird dauern<\/strong><\/p><p>Nur wenige Kilometer entfernt, im Zentrum von Tripoli, ist B&uuml;rgermeister Abdul Hamid Kerimeh ein viel besch&auml;ftigter Mann. Nur wenige Minuten hat er Zeit, um Fragen der Autorin zu beantworten, dann wartet schon der N&auml;chste, um zu ihm vorgelassen zu werden. Kerimeh ist erst seit sechs Monaten im Amt, sagt er h&ouml;flich. Er habe eine schwere Last aus den vorherigen Jahren &uuml;bernommen. &bdquo;Vor der Finanzkrise hatten wir 60 Millionen US-Dollar auf der Bank, zwei Millionen davon sind uns geblieben.&ldquo; Die unsicheren H&auml;user in Tabbaneh und anderen Stadtteilen seien nicht die einzige Herausforderung f&uuml;r den Stadtrat.<\/p><p>Mit der Regierung in Beirut sei ein Notfallplan ausgearbeitet worden. Vorgesehen seien Zahlungen an die obdachlos gewordenen Menschen f&uuml;r ein Jahr, damit sie eine neue Wohnung finden k&ouml;nnten. Das Gesundheitsministerium habe zugesagt, die Kosten f&uuml;r die medizinische Behandlung aller Verletzten zu &uuml;bernehmen. Weitere Evakuierungen seien vorgesehen, der Wiederaufbau werde vermutlich erst in zwei Jahren richtig beginnen k&ouml;nnen, sagt B&uuml;rgermeister Karimeh. &bdquo;Ein Ingenieursteam hat die Aufgabe, die Bausubstanz zu pr&uuml;fen, dann werden Neubaugebiete ausgesucht.&ldquo; Die Koordinierung in Beirut liege in den H&auml;nden des Notfallkomitees, das direkt dem Ministerpr&auml;sidenten unterstellt sei. Er habe Hoffnung.<\/p><p>Zumal in Tripoli wieder mehr investiert werde. Der Hafen sei st&auml;rker frequentiert, ein nahe gelegener Flughafen werde renoviert, j&auml;hrlich werde es zuk&uuml;nftig eine Messe geben. Und, f&uuml;gt er hinzu, eine neue Freihandelszone nahe am Hafen werde er&ouml;ffnet. &bdquo;Das wird neue Investoren anlocken, Arbeitspl&auml;tze schaffen&ldquo;, er sei zuversichtlich, dass die Stadt wirtschaftlich wieder auf die Beine komme.<\/p><p>Mittlerweile wurde bekannt, dass die Stiftung des internationalen Container- und Logistikunternehmens CMA, die CMA CGM Stiftung, zugesagt habe, einen <a href=\"https:\/\/today.lorientlejour.com\/article\/1494787\/amid-evacuation-orders-tripoli-residents-set-up-tents-others-protest.html\">Notfallfonds<\/a> in H&ouml;he von einer Million US-Dollar zur Unterst&uuml;tzung von Tripoli, der zweitgr&ouml;&szlig;ten Stadt des Landes, aufzulegen. Schwerpunkt soll die Hilfe f&uuml;r die obdachlos gewordenen Familien sein.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; Karin Leukefeld<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montag, 16. Februar 2026. Es ist fr&uuml;h am Morgen, als der Wagen Beirut in Richtung Norden verl&auml;sst. 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