{"id":146790,"date":"2026-02-25T11:00:55","date_gmt":"2026-02-25T10:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146790"},"modified":"2026-02-26T11:05:14","modified_gmt":"2026-02-26T10:05:14","slug":"wie-kam-es-zum-journalistischen-totalversagen-bei-der-berichterstattung-ueber-gaza-und-israel-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146790","title":{"rendered":"Wie kam es zum journalistischen Totalversagen bei der Berichterstattung \u00fcber Gaza und Israel? \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Interview mit Fabian Goldmann zu seinem Buch &bdquo;Staatsr&auml;sonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza&ldquo;<\/strong><br>\nDer Journalist <strong>Fabian Goldmann<\/strong> hat ein <a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/staatsraesonfunk\">sehr interessantes Buch<\/a> &uuml;ber das Versagen der sogenannten deutschen &bdquo;Leitmedien&ldquo; in der Berichterstattung zum Gaza-Krieg geschrieben. &Auml;hnlich wie im Standardwerk &bdquo;Manufacturing Consent&ldquo; (Die Konsensfabrik) von Noam Chomsky und Edward S. Herman weist Goldmann darin die einseitige und fehlerhafte Berichterstattung nicht nur minuti&ouml;s nach, sondern analysiert auch die politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Ursachen, die ihr zugrunde liegen. Im ersten Teil des Interviews sprechen wir mit ihm &uuml;ber seine pers&ouml;nliche Motivation, dar&uuml;ber, warum es in Deutschland so besonders schlecht gelaufen ist und &uuml;ber die Bedeutung alternativer Medien. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8634\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-146790-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225_Wie_kam_es_zum_journalistischen_Totalversagen_bei_der_Berichterstattung_ueber_Gaza_und_Israel_Teil_1_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225_Wie_kam_es_zum_journalistischen_Totalversagen_bei_der_Berichterstattung_ueber_Gaza_und_Israel_Teil_1_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225_Wie_kam_es_zum_journalistischen_Totalversagen_bei_der_Berichterstattung_ueber_Gaza_und_Israel_Teil_1_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225_Wie_kam_es_zum_journalistischen_Totalversagen_bei_der_Berichterstattung_ueber_Gaza_und_Israel_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=146790-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260225_Wie_kam_es_zum_journalistischen_Totalversagen_bei_der_Berichterstattung_ueber_Gaza_und_Israel_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260225_Wie_kam_es_zum_journalistischen_Totalversagen_bei_der_Berichterstattung_ueber_Gaza_und_Israel_Teil_1_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Maike Gosch: Lieber Fabian Goldmann, ich w&uuml;rde gerne das Interview damit beginnen, etwas &uuml;ber Ihren beruflichen und fachlichen Hintergrund zu erfahren.<\/strong><\/p><p><strong>Fabian Goldmann:<\/strong> Ich habe Islamwissenschaft studiert und bin w&auml;hrend meines Studiums oft und gern durch Syrien, Israel\/Pal&auml;stina und andere L&auml;nder der Region gereist und habe dort irgendwann begonnen, aufzuschreiben, was ich sehe und erlebe. So bin ich Journalist geworden. Seit etwa 15 Jahren schreibe ich f&uuml;r alle m&ouml;glichen gro&szlig;en und kleinen, alternativen und etablierten Medien zu den Themen Migration, Islam, Rassismus und Israel\/Pal&auml;stina. Deshalb kenne ich &ndash; glaube ich &ndash; unser Mediensystem auch ganz gut aus eigener Erfahrung. Seit einigen Jahren ver&ouml;ffentliche ich zudem regelm&auml;&szlig;ig Untersuchungen, die sich kritisch mit medialer Berichterstattung besch&auml;ftigen &ndash; etwa zu Rassismus in der Clan-Berichterstattung oder der Ausgrenzung gesellschaftlich marginalisierter Gruppen in Talkshows, Redaktionen und Rundfunkr&auml;ten. All diese Erfahrungen haben mir beim Schreiben des Buches auf jeden Fall sehr geholfen.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch &bdquo;Staatsr&auml;sonfunk&ldquo; kritisieren Sie die einseitige oder verf&auml;lschende Berichterstattung &uuml;ber den Gaza-Krieg. Das ist ja ein Thema, das sehr vielen Leuten unter den N&auml;geln brennt und das sehr emotional besetzt ist, gerade in Deutschland, und entsprechend hei&szlig; diskutiert wird. Was war Ihre pers&ouml;nliche Motivation daf&uuml;r, das Buch zu schreiben?<\/strong><\/p><p>Ich begleite die Berichterstattung deutscher Medien zu Israel, Pal&auml;stina und generell auch zu Migration und Islam schon seit L&auml;ngerem kritisch. Deshalb war es f&uuml;r mich nach dem 7. Oktober naheliegend, dass ich mir auch dazu die Berichterstattung kritisch anschaue. Ich bin dann schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass die Probleme ein ganz neues Ausma&szlig; annehmen. Jeden Tag gab es so viel zu kritisieren, dass es unm&ouml;glich war, Schritt zu halten. Gleichzeitig habe ich gesehen, dass viele Leute, die sonst einen kritischen Blick auf Medienberichterstattung werfen, pl&ouml;tzlich verstummt sind. Ich habe immer mehr dazu aufgeschrieben, mal in Form von journalistischen Artikeln, mal als Social-Media- oder Blogbeitrag, aber immer hatte ich das Gef&uuml;hl, dem ganzen Ausma&szlig; damit nicht gerecht zu werden. So kam ich darauf, dass die einzige Form, die dem ansatzweise gerecht wird, w&auml;re, ein Buch zu schreiben. Das habe ich dann im letzten Jahr gemacht. Aber ehrlich gesagt: Auch das Buch zeigt trotz &uuml;ber 400 Seiten nur einen Ausschnitt. Ich k&ouml;nnte eigentlich gleich noch ein zweites und drittes schreiben, so viel gibt es im deutschen Nahost-Journalismus seit dem 7. Oktober zu kritisieren.<\/p><p><strong>Der Titel Ihres Buches lautet ja &bdquo;Staatsr&auml;sonfunk&ldquo;. Ist das von Ihnen als Ostdeutschem eine Anspielung auf die Berichterstattung in der DDR? Oder warum haben Sie diesen Titel gew&auml;hlt?<\/strong><\/p><p>Der Titel spielt nat&uuml;rlich mit dem Klischee eines &bdquo;Staatsfunks&ldquo;. Viele Menschen, die zu Recht entsetzt sind &uuml;ber die Berichterstattung der letzten zwei Jahre, k&ouml;nnen sich dies nicht anders erkl&auml;ren, als dass die Berichte &bdquo;von oben&ldquo; vorgegeben sein m&uuml;ssen. Das ist Unsinn. Mit dem Buch will ich zeigen: Eure Kritik ist berechtigt, aber die Ursachen sind komplexer. Statt einem &bdquo;Staatsfunk&ldquo; &auml;hnelt der deutsche Nahost-Journalismus eher einem &bdquo;Staatsr&auml;sonfunk&ldquo; &ndash; zum einen, weil viele der Tendenzen, die wir in Deutschland seit dem 7. Oktober unter dem Label &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; erleben, Einfluss auf den Journalismus haben. Dazu z&auml;hlte zum Beispiel die bedingungslose Solidarisierung mit Israel, die auch von vielen Medienschaffenden geteilt wird, anti-pal&auml;stinensischer und anti-muslimischer Rassismus oder zunehmende Anfeindungen und Repressionen, die auch viele Journalisten treffen. Die Folge ist, dass viele Medien in ihrer selbsterkl&auml;rten Rolle als Vierte Gewalt in den letzten Jahren weitgehend versagten und zur deutschen Politik der bedingungslosen Unterst&uuml;tzung Israels beitrugen. Auch insofern erwiesen sich deutsche Leitmedien als &bdquo;Staatsr&auml;sonfunk&ldquo;.<\/p><p><strong>Da sind wir schon beim Inhalt. Was sind einige der wichtigsten Erkenntnisse, die Sie selbst im Verlauf der Arbeit an dem Buch &uuml;ber die Berichterstattung zu Israel und Gaza in den letzten Jahren gewonnen haben?<\/strong><\/p><p>Am eindr&uuml;cklichsten war f&uuml;r mich, wie weitreichend und tiefgehend der &bdquo;Bias&ldquo; [Anm. d. Red.: verzerrte\/einseitige Berichterstattung bzw. Voreingenommenheit] zugunsten der offiziellen israelischen Position ist. Dieser fand sich &uuml;ber den gesamten Untersuchungszeitraum und bei allen untersuchten Medien, egal ob Boulevard wie der <em>BILD<\/em>, &ouml;ffentlich-rechtlich wie der &bdquo;Tagesschau&ldquo;, oder bei linken Medien wie der <em>taz<\/em>. In den ersten sieben Kapiteln des Buches messe ich Journalismus zun&auml;chst an seinen eigenen Anspr&uuml;chen. Ich schaue mir dabei an, was Journalismus eigentlich sein will, und gleiche das mit der medialen Realit&auml;t ab dem 7. Oktober ab.<\/p><p>Ein Kapitel dreht sich zum Beispiel um Ausgewogenheit und Perspektivenvielfalt. Hier zeigte sich, dass die Berichterstattung alles andere als ausgewogen ist. Ein paar Beispiele: In den 20-Uhr-Nachrichten der &bdquo;Tagesschau&ldquo; kamen in meinem 15-monatigen Untersuchungszeitraum 136-mal israelische Politiker und Milit&auml;rs zu Wort, aber nur viermal pal&auml;stinensische Repr&auml;sentanten. In deutschen Tages- und Wochenzeitungen wurde Israels Botschafter in Deutschland 17-mal so oft zitiert wie sein pal&auml;stinensischer Kollege. In Sendungen der &ouml;ffentlichen-rechtlichen Talkshows vertraten insbesondere in den ersten Wochen teils alle G&auml;ste eine Perspektive, die im Einklang mit jener der israelischen Regierung stand.<\/p><p>In einem anderen Kapitel habe ich mir die Quellenauswahl in der Nachrichtenberichterstattung angeschaut. Und auch hier gibt es einen riesengro&szlig;en &bdquo;Bias&ldquo; zugunsten offizieller israelischer Angaben. Ein Beispiel: In die Schlagzeilen von <em>BILD<\/em>, <em>Spiegel<\/em>, &bdquo;Tagesschau&ldquo; und <em>Zeit<\/em> schafften es Angaben der israelischen Armee und der israelischen Regierung etwa doppelt so oft wie alle pal&auml;stinensischen, libanesischen Quellen sowie internationale Organisationen und NGOs zusammen.<\/p><p>Ein weiteres Kapitel besch&auml;ftigt sich mit der Darstellung von Opfern. Auch hier fand sich eine extreme Schieflage, sowohl was die H&auml;ufigkeit als auch die Art der Berichterstattung angeht. Israelische Opfer wurden deutlich h&auml;ufiger personalisiert mit Namen und Bildern dargestellt, w&auml;hrend es pal&auml;stinensische Tote meist nur als anonyme Zahlen in die Schlagzeilen schafften. Wiederum ein Beispiel: In der <em>BILD-Zeitung<\/em> standen 119 Geschichten &uuml;ber israelische Einzelschicksale einer einzigen Geschichte &uuml;ber ein pal&auml;stinensisches Opfer, das Ziel israelischer Gewalt wurde, gegen&uuml;ber. Aber auch in &bdquo;Tagesschau&ldquo;, <em>Spiegel<\/em>, <em>Zeit<\/em> und <em>taz<\/em> war die Schieflage hierbei sehr eindeutig.<\/p><p>Noch deutlicher zeigte sich das Problem bei der Nutzung von Sprache. Auch diese orientiert sich sehr am offiziellen israelischen Narrativ. Formulierungen wie &bdquo;Evakuierungsaufforderung&ldquo;, &bdquo;humanit&auml;re Zone&ldquo; oder &bdquo;Schutzzone&ldquo; werden von Medien immer wieder unkritisch &uuml;bernommen, obwohl Fachleute von Beginn an darauf hinweisen, dass es sich dabei um Propaganda-Begriffe mit kaum Bezug zur Realit&auml;t handelt. Israelische Gewalttaten werden sehr h&auml;ufig kontextualisiert und verharmlost &ndash; etwa mit Begriffen wie &bdquo;Reaktion&ldquo;, &bdquo;begrenzt&ldquo; oder &bdquo;pr&auml;zise&ldquo;. Gegen Israel gerichtete Gewalt wird hingegen sehr h&auml;ufig dramatisiert &ndash; etwa durch Begriffe wie &bdquo;barbarisch&ldquo;, &bdquo;brutal&ldquo; oder &bdquo;Massaker&ldquo;.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Die Medien haben nicht nur schlecht &uuml;ber den Genozid in Gaza berichtet, sie haben selbst eine aktive Rolle in ihm gespielt.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Wichtig war mir in dem Buch auch, zu zeigen: All diese journalistischen Verfehlungen haben Folgen. Indem Medien immer wieder unkritisch die Perspektive der israelischen Armee &uuml;bernommen haben, haben sie sich f&uuml;r deren Propaganda einspannen lassen. Zum Beispiel der Zerst&ouml;rung des pal&auml;stinensischen Gesundheitssystems oder der gezielten Ermordung von Medienschaffenden in Gaza gingen auch zahlreiche Berichte in deutschen Medien voraus, in denen Krankenh&auml;user und Journalisten als legitime Angriffsziele markiert wurden. Auch die bedingungslose Unterst&uuml;tzung Israels durch Deutschland w&auml;re so vermutlich nicht m&ouml;glich gewesen, wenn Medien ein akkurates Bild der Gewalt in Gaza gezeichnet h&auml;tten.<\/p><p>Insofern haben Medien nicht nur schlecht &uuml;ber den Genozid in Gaza berichtet, sie haben selbst eine aktive Rolle in ihm gespielt. Im letzten Kapitel, Kapitel acht, spekuliere ich dann dar&uuml;ber, was die Ursachen hierf&uuml;r sein k&ouml;nnten.<\/p><p><strong>Dann kommen wir doch zu den Ursachen. Ich glaube, die Frage nach dem &bdquo;Warum&ldquo; bewegt viele Leute, die die Berichterstattung selbst kritisch sehen. Sie haben das ja in Ihrem Buch ausf&uuml;hrlich analysiert. K&ouml;nnten Sie hier ein paar Elemente f&uuml;r uns herausgreifen?<\/strong><\/p><p>Das ist eine Frage, die ich zum einen sehr wichtig finde. Gleichzeitig ist sie auch am schwersten zu beantworten, weil man hier &ndash; anders als beim inhaltsanalytischen Teil des Buches &ndash; nicht einfach nachz&auml;hlen kann. Wichtig erscheint mir, bei der Ursachenforschung das ganze Mediensystem in den Blick zu nehmen und es sich nicht zu einfach zu machen und zu sagen, alles liegt an X oder an Y. Gerade der Umstand, dass es sehr viele verschiedene Probleme in unserer Medienlandschaft gibt, die wiederum ineinandergreifen und sich gegenseitig verst&auml;rken, ist entscheidend.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Warum ist das ausgerechnet in Deutschland so besonders schlecht gelaufen?&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Wichtig war mir auch, eine Antwort auf die Frage zu finden: Warum ist das ausgerechnet in Deutschland so besonders schlecht gelaufen? Wenn man sich die Berichterstattung in anderen westlichen L&auml;ndern anschaut, dann sieht man viele &auml;hnliche Probleme. Aber nirgends, vielleicht abgesehen von Israel selbst, scheint diese Einseitigkeit so krass zu sein wie in Deutschland. In meinem Buch biete ich verschiedene Erkl&auml;rungsm&ouml;glichkeiten an. Ich nenne mal ein paar davon:<\/p><p>Ich glaube, das Offensichtlichste, was sich die meisten Leute auch schon so denken k&ouml;nnen, ist eine extrem starke pro-israelische Verzerrung, die bei vielen Journalisten vorherrscht. Sie ist auch eine Folge des als historische Verantwortung verstandenen bedingungslosen Bekenntnisses zu Israel und seiner Regierung und ist ein St&uuml;ck weit Teil unserer kulturellen DNA. Viele Medienschaffende sind damit gro&szlig; geworden &ndash; nicht anders als der Rest der Gesellschaft auch. Das l&auml;sst sich auch in Texten oftmals sehr gut nachweisen, weil sie das ganz freim&uuml;tig etwa in Leitartikeln und Kommentaren bekennen.<\/p><p>Das geht h&auml;ufig einher mit einem nicht weniger tief historisch verwurzeltem antiarabischen und antimuslimischen Rassismus. Ich habe das Gef&uuml;hl, beide Kr&auml;fte, die sehr pr&auml;gend f&uuml;r die deutsche und europ&auml;ische Identit&auml;t sind, sind in der Nahost-Berichterstattung der letzten Jahre aufeinandergetroffen und haben sich zu einer Art perfekten Sturm geb&uuml;ndelt. Das anscheinend grenzenlose Vertrauen vieler Journalisten in die Angaben der israelischen Armee l&auml;sst sich ein St&uuml;ck weit auch damit erkl&auml;ren, dass diese Angaben sehr dem eigenen Weltbild entsprochen haben.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Woher bekommen Journalisten eigentlich Ihre Informationen?&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Diese ideologische, kulturelle Komponente trifft auf weitere Probleme, zum Beispiel die Frage: Woher bekommen Journalisten eigentlich Ihre Informationen? Da haben wir seit Langem schon das Problem, dass Medienschaffende sich gerade im Nachrichtenjournalismus sehr auf offizielle Angaben verlassen, also auf die Angaben von politischen oder &ouml;konomischen Eliten. Das finden wir jetzt auch in der Berichterstattung zu Gaza und Israel wieder. Diese Schieflage wirkt sich bei der Berichterstattung &uuml;ber Gaza noch einmal st&auml;rker aus, da Angaben, die der offiziellen Linie Israels widersprechen &ndash; zum Beispiel von NGOs oder pal&auml;stinensischen Quellen &ndash; systematisch durch den israelischen Propaganda-Apparat diskreditiert wurden. Vom <em>&bdquo;He Said \/ She Said&ldquo;-<\/em>Journalismus, wie man im Englischen sagt [Anm. d. Red.: Er Sagt \/Sie Sagt-Journalismus, d.h. blo&szlig;es Zitieren beider Seiten ohne journalistische Bewertung oder kritische Faktenpr&uuml;fung], blieb so nur noch ein <em>&bdquo;He Said&ldquo;-<\/em>Journalismus &uuml;brig.<\/p><p>Diesem Problem wiederum k&ouml;nnte man ein St&uuml;ck weit begegnen, wenn es Medienh&auml;user g&auml;be, die sich nicht dieser einseitigen Berichterstattung hingeben w&uuml;rden und die &Ouml;ffentlichkeit die Chance h&auml;tte, zur Alternative zu greifen. Da haben wir aber dann das n&auml;chste Problem in Deutschland, dass wir in den letzten Jahren eine krasse Konzentration und Kommerzialisierung des Medienmarktes erlebt haben, die viel kritisches Potenzial aufsaugt.<\/p><p>Eigentlich haben wir in Deutschland sogar zwei gro&szlig;e &bdquo;Staubsauger&ldquo;, die viel Potenzial f&uuml;r journalistische Qualit&auml;t und Vielfalt vernichten: Das sind einmal die gro&szlig;en Medienkonzerne wie Funke, Springer, die Ippen-Gruppe oder die Madsack-Mediengruppe, die einen Gro&szlig;teil des Zeitungsmarktes kontrollieren. Gerade so gro&szlig;e Konzerne haben oftmals kein besonderes Interesse an machtkritischer Berichterstattung, weil Journalismus f&uuml;r sie vor allem ein Investment ist und dessen Erfolg auch von guten Beziehungen zu politischen und wirtschaftlichen Eliten abh&auml;ngt.<\/p><p>Auf der anderen Seite haben wir speziell in Deutschland den gigantischen &bdquo;Staubsauger&ldquo; des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks, der wiederum starker politischer Einflussnahme ausgesetzt ist &ndash; zum Beispiel &uuml;ber die Rundfunkr&auml;te, die letztlich entscheiden, wer dort welche F&uuml;hrungsposition bekleidet.<\/p><p>Diese beiden Giganten teilen den Gro&szlig;teil des deutschen Medienmarkts unter sich auf und lassen wenig Raum f&uuml;r zum Beispiel linke, alternative kritische Medien, wie wir sie zum Gl&uuml;ck in anderen westlichen L&auml;ndern sehen, die auch ein gro&szlig;es Problem mit Kommerzialisierung und Konzentration haben.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Wir haben in deutschen Redaktionen auch ein gro&szlig;es Kompetenzproblem.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Vielleicht noch ein letzter Punkt: Wenn wir uns die einzelnen Journalisten anschauen, dann w&uuml;rde ich sagen, haben wir in deutschen Redaktionen auch ein gro&szlig;es Kompetenzproblem. Das betrifft zum einen den Nachrichtenjournalismus, bei dem ein Konstruktionsfehler zu sein scheint, dass ein Nachrichtenredakteur jeden Tag s&auml;mtliche Themen behandelt, sei es Corona oder Klima oder Gaza, je nachdem, was gerade reinkommt. Es fehlt aber auch an kultureller und politischer Durchl&auml;ssigkeit in den Redaktionen. In den meisten Redaktionen, besonders in den Chefetagen, sieht es immer noch so aus: wei&szlig;, mittelalt, akademisch gepr&auml;gt, ohne Migrationshintergrund.<\/p><p>Das beispiellose Ma&szlig; an Repressionen, Diffamierungen und Anfeindungen gegen&uuml;ber den wenigen noch verbliebenen kritischen Journalisten der letzten zwei Jahre hat dieses Problem noch versch&auml;rft. Dadurch sind die wenigen kritischen Stimmen erst recht verstummt, sodass in vielen Redaktionen die pro-israelischen &Uuml;berzeugungst&auml;ter noch mehr Einfluss haben.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Um dem Problem gerecht zu werden, muss man sich das Mediensystem im Ganzen anschauen.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Wir k&ouml;nnten noch Stunden &uuml;ber solche Ursachen sprechen. Wichtig ist mir, r&uuml;berzubringen, dass man es sich nicht so einfach machen und es auf eine einzelne Ursache reduzierten sollte. Um dem Problem gerecht zu werden, muss man sich das Mediensystem im Ganzen anschauen.<\/p><p><strong>Sie haben in Ihrer Analyse fast ausschlie&szlig;lich die Berichterstattung der etablierten Medien analysiert &ndash; sicherlich, weil es die reichweitenst&auml;rksten und einflussreichsten sind. Wie steht es mit den alternativen oder unabh&auml;ngigen Medien in Deutschland? Wie haben die sich bei diesem Thema aus Ihrer Sicht geschlagen?<\/strong><\/p><p>Die habe ich leider nicht systematisch ausgewertet. Deshalb kann ich dazu nicht so qualifiziert etwas sagen wie zu den etablierten. Mir ist aber aufgefallen, dass die wenige kritische Berichterstattung sehr h&auml;ufig am Rand oder au&szlig;erhalb des etablierten Mediensystems entstanden ist, wie zum Beispiel von der <em>jungen Welt<\/em>. Sie hat zu Zeiten, in denen die gro&szlig;en Leitmedien fast gar nicht mehr &uuml;ber die t&auml;gliche Gewalt in Gaza berichtet haben, das Thema immer noch oft auf ihrer Titelseite gehabt. Ich glaube, sie hat sich auch als einzige Zeitung in der Nachrichtenberichterstattung den V&ouml;lkermordvorwurf gegen&uuml;ber Israel zu eigen gemacht, was ja nicht nur ein Vorwurf ist, sondern mittlerweile durch alle gro&szlig;en Menschenrechtsorganisationen und die f&uuml;hrenden Genozid-Forscher und relevanten internationalen Organisationen dieser Welt sehr gut dokumentiert ist.<\/p><p>Auch einzelne Influencer auf <em>Instagram<\/em> oder <em>TikTok<\/em> oder sehr kleine alternative Medien, die oft einfach nur von einzelnen Personen betrieben werden, wie zum Beispiel &bdquo;Occupied News&ldquo; oder &bdquo;Gaza heute&ldquo; haben regelm&auml;&szlig;ig viel kritischere und auch den Opfern gegen&uuml;ber viel empathischere Berichterstattung gemacht als die gro&szlig;en Medienh&auml;user &ndash; und das mit einem Bruchteil der Ressourcen.<\/p><p>Wenn man den Blick ein bisschen weitet, muss man sagen, dass in Deutschland der Einfluss und die Reichweite von solchen unabh&auml;ngigen Medien einfach viel zu gering ist. In anderen L&auml;ndern lieferten kleine unabh&auml;ngige Medien wie <em>+972<\/em> in Israel oder <em>The Intercept<\/em> in den USA immer wieder gro&szlig;artige investigative Recherchen. Im deutschsprachigen Raum haben wir so etwas nicht. Unterm Strich war es deshalb in den letzten zwei Jahre kaum m&ouml;glich, sich nur auf Deutsch wirklich umfassend und pr&auml;zise zu den Ereignissen in Gaza zu informieren.<\/p><p><strong>Ende Teil 1<\/strong><\/p><p><em>Teil 2 k&ouml;nnen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146798\">Sie hier lesen<\/a>.<\/em><\/p><p><em>Fabian Goldmann: <a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/staatsraesonfunk\/\">Staatsr&auml;sonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza<\/a>, Berlin 2026, Manifest Verlag, Taschenbuch, 407 Seiten, ISBN 978-3-96156-145-2, 22 Euro.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Fabian Goldmann &amp; Manifest Verlag<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/415162ed1e26490c8e5058eefda42ec5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Ein Interview mit Fabian Goldmann zu seinem Buch &bdquo;Staatsr&auml;sonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza&ldquo;<\/strong><br \/> Der Journalist <strong>Fabian Goldmann<\/strong> hat ein <a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/staatsraesonfunk\">sehr interessantes Buch<\/a> &uuml;ber das Versagen der sogenannten deutschen &bdquo;Leitmedien&ldquo; in der Berichterstattung zum Gaza-Krieg geschrieben. &Auml;hnlich wie im Standardwerk &bdquo;Manufacturing Consent&ldquo; (Die Konsensfabrik) von Noam Chomsky und Edward S. 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