{"id":14691,"date":"2012-10-10T10:10:01","date_gmt":"2012-10-10T08:10:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14691"},"modified":"2019-01-30T10:55:32","modified_gmt":"2019-01-30T09:55:32","slug":"aus-verzweiflung-erbruteter-sprengstoff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14691","title":{"rendered":"Aus Verzweiflung erbr\u00fcteter Sprengstoff"},"content":{"rendered":"<p>Anmerkungen und Fragen zur Messerattacke im Jobcenter von Neuss.<br>\nMan m&uuml;sste den Neusser Fall zum Gegenstand einer gr&uuml;ndlichen Recherche machen. Wir k&ouml;nnten, sollten und m&uuml;ssten aus ihm lernen. Wo sind die Repr&auml;sentanten einer engagierten Literatur, die sich eines solchen Geschehens annehmen?<br>\nEs geht nicht darum, den T&auml;ter zu exkulpieren. Eine Tat verstehbar werden zu lassen, ist etwas anderes, als sie und den T&auml;ter zu entschuldigen.<br>\nSchon ist davon die Rede, es sollten Barrieren zwischen Mitarbeitern und Kunden errichtet sowie Fluchtwege ausgebaut werden. Auch der Einsatz von qualifiziertem Sicherheitspersonal in &ldquo;sensiblen&rdquo; Verwaltungsbereichen wird diskutiert.<br>\nEine Gesellschaft, der es ernst w&auml;re mit dem Gedanken der Pr&auml;vention, w&uuml;rde jenseits der und unabh&auml;ngig von den Zw&auml;ngen und Begrenzungen der juristischen Wahrheitsfindung umgehend ein interdisziplin&auml;res Forschungsprojekt auf den Weg bringen, dessen Aufgabe es w&auml;re, all das auszuleuchten, was vom Gericht als &bdquo;nicht zur Sache geh&ouml;rig&ldquo; erkl&auml;rt und au&szlig;er Acht gelassen wird. Es h&auml;tte den gesellschaftlichen Hintergr&uuml;nden und psycho-sozialen Bedingungen der M&ouml;glichkeit dieser Tat r&uuml;ckhaltlos auf den Grund zu gehen. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14691#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>Ein Arbeiter wurde vor Gericht gefragt, ob er die weltliche oder die kirchliche Form des Eides benutzen wolle. Er antwortete: &bdquo;Ich bin arbeitslos.&ldquo; &ndash; &bdquo;Dies war nicht nur Zerstreutheit&ldquo;, sagte Herr K. &bdquo;Durch diese Antwort gab er zu erkennen, dass er sich in einer Lage befand, wo solche Fragen, ja vielleicht das ganze Gerichtsverfahren als solches, keinen Sinn mehr haben.&ldquo;<\/p>\n<p>Bertolt Brecht<\/p><\/blockquote><p>Am Morgen des 26. September 2012 betrat der 52 Jahre alte Ahmed S. das Jobcenter in Neuss. Der aus Marokko stammende Mann bezog dort seit einiger Zeit Hartz IV. Obwohl er keinen Termin vereinbart hatte, begab er sich ohne Umschweife in das B&uuml;ro seiner Beraterin. Als er es verlie&szlig;, lag die Frau, von Messerstichen t&ouml;dlich getroffen, am Boden. Der Notarzt wurde gerufen, aber der Frau konnte nicht mehr geholfen werden. Sie erlag im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Sie hinterl&auml;sst ihren Ehemann und einen zweij&auml;hrigen Sohn. Die Polizei vermutet inzwischen, dass die Beraterin eher zuf&auml;llig <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/justiz\/neuss-pressekonferenz-zu-messerattacke-auf-jobcenter-sachbearbeiterin-a-858309.html\">Opfer der Messerattacke<\/a> wurde. Der Mann habe kurz vor der Tat eine Datenschutzerkl&auml;rung f&uuml;r das Jobcenter unterschrieben und nun den Verdacht gehegt, dass Missbrauch mit seinen Daten getrieben werden k&ouml;nnte. Ein Fernsehbeitrag habe seinen Argwohn geweckt und er habe wegen dieser Bef&uuml;rchtungen n&auml;chtelang nicht schlafen k&ouml;nnen. Deswegen wollte er sich am Tattag eigentlich den Mitarbeiter vorkn&ouml;pfen, bei dem er die Erkl&auml;rung unterschrieben hatte. Da er diesen nicht antraf, betrat er das B&uuml;ro der Mitarbeiterin Irene N.<\/p><p>Arbeits&auml;mter hei&szlig;en seit einigen Jahren Jobcenter, ihre Klienten Kunden. Das soll etwas freundlicher klingen, &auml;ndert aber nichts daran, dass Jobcenter f&uuml;r viele Arbeitslose Orte der Dem&uuml;tigung, Kr&auml;nkung und Besch&auml;mung sind. Die semantischen Waschstra&szlig;en, durch die wir in letzter Zeit unangenehme soziale Ph&auml;nomene laufen lassen, sp&uuml;len sie &auml;u&szlig;erlich rein und polieren die Oberfl&auml;che auf, hinter der die Lage der Betroffenen selbst unver&auml;ndert fortbesteht. Die alten Begriffe waren ehrlicher, indem sie den Gewaltgehalt der dahinter stehenden sozialen Ph&auml;nomene aufbewahrten und auch zum Ausdruck brachten. In Jobcentern wird das Scheitern verwaltet, hier werden Menschen, die vielfach unter gro&szlig;en lebensgeschichtlichen Entbehrungen Qualifikationen erworben haben, die irgendwann nicht mehr nachgefragt werden, zu Nummern und F&auml;llen verdinglicht und zu Objekten  irgendwelcher Ma&szlig;nahmen gemacht. <\/p><p>Es geht ja, wenn Arbeit verloren geht, viel mehr verloren als Arbeit. Ein Mensch b&uuml;&szlig;t seine W&uuml;rde ein, er wird ent-gesellschaftet und droht, wenn ihn keine sozialen und emotionalen Netze auffangen, aus der Welt zu fallen. Der Arbeitslose stirbt einen sozialen Tod. So darf es uns eigentlich nicht wundern, dass es in Einrichtungen wie diesen immer h&auml;ufiger zu unsch&ouml;nen Szenen, verbalen Attacken und Beschimpfungen und sogar zu gewaltt&auml;tigen Angriffen auf Angestellte kommt. Vor allem seit im Zuge der nach Herrn Hartz benannten Reformen nicht mehr vorrangig gef&ouml;rdert, sondern gefordert wird, ist das Klima sp&uuml;rbar rauer geworden. Die S&uuml;ddeutsche Zeitung erinnert am 28. September 2012 daran, dass allein im vergangenen Jahr drei schwere Gewalttaten in Jobcentern bekannt wurden. So hat ein Mann in Berlin das B&uuml;ro eines Sachbearbeiters mit einer Axt kurz und klein geschlagen. <\/p><p>Grausamkeit, hei&szlig;t es bei Nietzsche, ist die Rache des verletzten Stolzes. In unsere heutige Sprache &uuml;bersetzt hei&szlig;t das: Der menschliche Narzissmus kann zu einer hochbrisanten, destruktiven Kraft werden, vor allem dann, wenn wir ihn ignorieren. Das Bed&uuml;rfnis nach Reparatur eines durch erlittene Kr&auml;nkungen besch&auml;digten Selbstwertgef&uuml;hls ist mitunter so dr&auml;ngend, dass archaische Racheimpulse und eine Wut freigesetzt werden, die den eigenen Untergang in Kauf nehmen. Gegen eine drohende narzisstische Katastrophe scheint Kampf mit allen Mitteln geboten. <\/p><p>Motive und Hintergr&uuml;nde von Taten wie die von Neuss werden sich uns nur dann ann&auml;hernd erschlie&szlig;en, wenn wir die R&uuml;ckschl&auml;ge des niedergedr&uuml;ckten Lebens und des verletzten Stolzes in unsere &Uuml;berlegungen einbeziehen. Wie verzweifelt muss ein Mann und Vater von drei Kindern gewesen sein, dass er sich zu einer solchen schrecklichen Tat entschloss? Die Sorge wegen des m&ouml;glichen Datenmissbrauchs mutet &uuml;bersteigert, vielleicht sogar paranoid an. Aber in Zeiten tiefgehender lebensgeschichtlicher Krisen f&auml;llt es oft schwer, den Kopf &uuml;ber der Wasseroberfl&auml;che der Realit&auml;t zu behalten und man ist anf&auml;llig f&uuml;r Wahrnehmungsverzerrungen und &uuml;bersichtliche Freund-Feind-Verh&auml;ltnisse. Welcher Dialog hat sich zwischen der Beraterin und dem Mann abgespielt? An der Grenze der Kulturen und Mentalit&auml;ten ist das Gel&auml;nde vermint und voller Fallstricke. Die Nerven liegen blank und die Chance, missverstanden zu werden und dadurch eine ungeahnte Eskalation der Gewalt heraufzubeschw&ouml;ren, ist gro&szlig;. Was hat letzten Endes seine Wut von der Leine gelassen? Wie lang trug er das oder die Messer schon bei sich? Wie stand es angesichts des dramatischen Niedergangs des einstigen Bauern um seine Selbstachtung und W&uuml;rde? Sch&auml;mte er sich vor seinen Kindern? Wie hat er das Scheitern seiner Ehe und die Trennung von seiner Frau verkraftet? &bdquo;Ehre&ldquo;, &bdquo;Stolz&ldquo; und &bdquo;Schande&ldquo; sind in muslimischen L&auml;ndern Kategorien von einer Bedeutung, die sich uns Westeurop&auml;ern nur schwer erschlie&szlig;t. Hass und Selbsthass sind oft wie zu einem Zopf verflochten und k&ouml;nnen sich als Mord, Selbstmord oder auch beidem zusammen, als erweiterter Suizid ent&auml;u&szlig;ern. Wenn die Klinge des ersten Messers nicht abgebrochen w&auml;re, f&uuml;r wen war das zweite Messer urspr&uuml;nglich gedacht? Wie oft hat der Mann schon seinen Strick ge&ouml;lt und auf dem Dachboden &uuml;ber einen Balken geworfen? Es werden meist mehrere Menschen get&ouml;tet, wenn ein Mensch umgebracht wird. Wer war noch oder eigentlich gemeint? Es kommt vor, dass jemand, ohne es zu beabsichtigen und ohne es zu ahnen, eine weit zur&uuml;ckliegende Kr&auml;nkung aktiviert und dadurch zum Double eines anderen wird, der einmal eine Schl&uuml;sselfigur in einer als traumatisch erlebten Szene gewesen ist. Gerade bei scheinbar motivlosen Taten st&ouml;&szlig;t man bei n&auml;herem Hinsehen auf solche Energieverschiebungen und affektiven Fehlschl&uuml;sse, die zu Erregungen am falschen Ort und gegen versetzte Objekte f&uuml;hren. Wie ein Verst&auml;rker schlie&szlig;en sich uralte Kr&auml;nkungserfahrungen und Traumatisierungen an aktuelle Unlust- und Kr&auml;nkungserfahrungen an. Das Opfer steht mitunter symbolisch f&uuml;r die Summe der erlittenen Kr&auml;nkungen und lebensgeschichtlich akkumulierten Entt&auml;uschungen.<\/p><p>Das sind alles blo&szlig; Spekulationen, Fragen und vage M&ouml;glichkeiten. Man m&uuml;sste den Neusser Fall zum Gegenstand einer gr&uuml;ndlichen Recherche machen. Wir k&ouml;nnten, sollten und m&uuml;ssten aus ihm lernen. Wo sind denn die Repr&auml;sentanten einer engagierten Literatur, die sich eines solchen Geschehens annehmen, die Hintergr&uuml;nde ausleuchten, die Motive des Mannes fassbar machen &ndash; wie es beispielsweise Alfred D&ouml;blin, Thomas Brasch oder Georg B&uuml;chner in seinem Dramenfragment Woyzeck getan haben? Was trieb den Per&uuml;ckenmacher Johann Christian Woyzeck am 3. Juli 1821 dazu, die Witwe Woost zu erstechen? B&uuml;chner liest &uuml;ber ein Jahrzehnt sp&auml;ter &uuml;ber den Fall in einer medizinischen Zeitschrift und gibt sich mit den dort pr&auml;sentierten Erkl&auml;rungen nicht zufrieden. Der Mann wurde von einem zu Rate gezogenen Gutachter trotz massiver Hinweise auf eine wahnhafte Entwicklung f&uuml;r schuldf&auml;hig erkl&auml;rt und 1824 auf dem Leipziger Marktplatz hingerichtet. Wenn er wirklich in den Bann eines Wahns geraten war, der ihn die Tat begehen lie&szlig;, was hat Woyzeck in den Wahnsinn getrieben? Erzeugen nicht soziale Umst&auml;nde das, was man Umnachtung nennt? Auch wenn einer paranoid ist, hei&szlig;t das nicht, dass sie nicht hinter ihm her sein k&ouml;nnen, hat viel sp&auml;ter irgendjemand in der Sprache des 20. Jahrhunderts gesagt. Die Frage der sozialen Verursachung solcher Taten wird gestellt, die gesellschaftliche Lage des T&auml;ters ins Kalk&uuml;l einbezogen. Es entstehen aus einer Mischung von Realit&auml;t und Fiktion die Fragmente eines bis heute faszinierenden und erhellenden Theaterst&uuml;cks. &bdquo;Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht&ldquo;, schreit Woyzeck heraus. B&uuml;chner lehrt uns zu fragen: Wie wird ein Mensch zum Straft&auml;ter? Was war aus ihm geworden, ehe er zum Straft&auml;ter wurde? Was ist der Straft&auml;ter noch, au&szlig;er Straft&auml;ter? Und dann auch: Was wird aus einem Straft&auml;ter nach seiner Verurteilung? Fragen, die man gew&ouml;hnlich nicht stellt, weil sie die Exklusion des Straft&auml;ters aufheben, ihn innerhalb des Menschlichen situieren und als uns &Auml;hnlichen kenntlich machen. <\/p><p>Joke Frerichs hat am 28. Februar 2008 auf den NachDenkSeiten ein aktuelles Beispiel f&uuml;r eine solche Recherche geliefert, als er unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3022\">Tod auf dem Hochsitz<\/a> versuchte, die Geschichte eines 58 Jahre alten Mannes zu rekonstruieren, der sich, nachdem er seine Arbeit verloren hatte, auf einem Hochsitz zu Tode gehungert hatte. <\/p><p>Eine Gesellschaft, der es ernst w&auml;re mit dem Gedanken der Pr&auml;vention, w&uuml;rde jenseits der und unabh&auml;ngig von den Zw&auml;ngen und Begrenzungen der juristischen Wahrheitsfindung umgehend ein interdisziplin&auml;res Forschungsprojekt auf den Weg bringen, dessen Aufgabe es w&auml;re, all das auszuleuchten, was vom Gericht als &bdquo;nicht zur Sache geh&ouml;rig&ldquo; erkl&auml;rt und au&szlig;er Acht gelassen wird. Es h&auml;tte den gesellschaftlichen Hintergr&uuml;nden und psycho-sozialen Bedingungen der M&ouml;glichkeit dieser Tat r&uuml;ckhaltlos auf den Grund zu gehen. Ernsthaft betriebene Pr&auml;vention muss, wie schon Franz von Liszt wusste, eine soziale sein und d&uuml;rfte sich nicht in polizeilichen und technischen Ma&szlig;nahmen ersch&ouml;pfen. Schon ist davon die Rede, es sollten Barrieren zwischen Mitarbeitern und Kunden errichtet sowie Fluchtwege ausgebaut werden. Auch der Einsatz von qualifiziertem Sicherheitspersonal in &ldquo;sensiblen&rdquo; Verwaltungsbereichen wird diskutiert. <\/p><p>Einem solchen Forschungsprojekt m&uuml;sste die Freiheit einger&auml;umt werden, an die Wunden zu r&uuml;hren, die die bestehende Gesellschaft und die in ihr herrschende Form der Produktion und Reproduktion des Lebens den Menschen zuf&uuml;gt. Eine gr&uuml;ndliche Erforschung des Neusser Falls wird die Zwischenglieder ans Licht bef&ouml;rdern, die aus einem Arbeitslosen einen M&ouml;rder oder Totschl&auml;ger werden lie&szlig;en und &uuml;ber die ich einstweilen nur Vermutungen anstellen und im Konjunktiv sprechen kann. Die Resultate, die ein solches Forschungsprojekt zeitigen w&uuml;rde, m&uuml;ssten in die Form eines gesellschaftlichen Lehrst&uuml;cks gebracht werden, das man im wahrsten Sinn des Wortes unters Volk bringen und das von ihm verstanden werden k&ouml;nnte. <\/p><p>Um einem verbreitetem und immer wieder vorgebrachtem Missverst&auml;ndnis vorzubeugen, sei darauf hingewiesen: Es geht nicht darum, Ahmed S. zu exkulpieren. Eine Tat verstehbar werden zu lassen, ist etwas anderes, als sie und den T&auml;ter zu entschuldigen. Ahmed S. hat die Tat begangen und wird die Verantwortung daf&uuml;r &uuml;bernehmen m&uuml;ssen. Es sei denn, er h&auml;tte im Zustand eines Wahns gehandelt, also im Bann eines von ihm nicht beherrschbaren Zwangs, der ihm keine M&ouml;glichkeit lie&szlig;, sich anders zu entscheiden. Dennoch sollte, wer immer sich ein soziales Gewissen durch die eisigen neoliberalen Zeitl&auml;ufte hindurch gerettet hat, sich h&uuml;ten, den T&auml;tern das individuell und ausschlie&szlig;lich als Schuld anzurechnen, was ihnen von au&szlig;en zust&ouml;&szlig;t und das ohne kompakt falsche gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse nicht m&ouml;glich w&auml;re. Nochmal anders formuliert: Die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse f&uuml;r sich genommen tun nichts, aber ohne sie w&auml;ren Taten wie diese nicht m&ouml;glich. Wir sollten uns auch und gerade anl&auml;sslich eines solchen Falles Gedanken dar&uuml;ber machen, ob es nicht h&ouml;chste Zeit wird, gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse herzustellen, die den einzelnen weniger Wunden zuf&uuml;gen und ihnen weniger Bosheit und Gemeinheit einpressen, die sich dann h&auml;ufig gegen versetzte Objekte, die als S&uuml;ndenb&ouml;cke fungieren, wenden.  <\/p><p>Wir sollten also den Blick in die Abgr&uuml;nde unserer Gegenwart wagen. Das w&auml;re gleichzeitig auch die beste Form der Pr&auml;vention f&uuml;r Mitarbeiter von Jobcentern, Sozial&auml;mtern und anderen Institutionen, die man noch so h&auml;ufig in Deeskalationstechniken schulen kann, solange sie die Dynamik des gekr&auml;nkten Stolzes nicht verstehen und nicht begreifen, was sie Menschen &ndash; meist ohne es zu wollen und zu wissen &ndash; qua Amt und der Logik b&uuml;rokratischen Handelns antun. Das einzige Mittel gegen die b&uuml;rokratische K&auml;lte der Reduktion von Menschen auf F&auml;lle, mit denen unter allen Umst&auml;nden soundso zu verfahren ist, ist Mitgef&uuml;hl, das immer Sensibilit&auml;t f&uuml;r besondere Umst&auml;nde voraussetzt. Es gibt Institutionen, die gleichsam Stolz-Vernichtungs-Maschinen sind und deswegen immer dicht an der Kr&auml;nkungswut siedeln. In ihnen wird aus Verzweiflung erbr&uuml;teter Sprengstoff gelagert, und manchmal gen&uuml;gt eine kleine Reibung oder Ersch&uuml;tterung, um ihn scharf zu machen und eine Explosion auszul&ouml;sen. Das Unkontrollierbare ist stets gegenw&auml;rtig und lauert dicht unter der Oberfl&auml;che angepassten Verhaltens. &bdquo;Menschen, die etwas nicht mehr aushalten, ertragen es oft noch lang&ldquo;, hat Alexander Kluge in einem seiner Filme gesagt, bis eines Tages ein f&uuml;r sich genommen l&auml;ppisches Ereignis, eine harmlos aussehende Kr&auml;nkung das Fass zum &Uuml;berlaufen bringt. Der Status von Gerichtsvollziehern scheint noch prek&auml;rer. Ich erinnere an den Fall in Karlsruhe, wo im Juli 2012 ein von Zwangsr&auml;umung bedrohter 53-j&auml;hriger Mann den Gerichtsvollzieher, zwei seiner Begleiter und seine Lebensgef&auml;hrtin umgebracht und sich dann selbst erschossen hat. Das Paar hatte die Hausumlage f&uuml;r die Eigentumswohnung nicht mehr bezahlen k&ouml;nnen und ihre Wohnung war deswegen zwangsversteigert worden. Als der neue Eigent&uuml;mer mit dem Gerichtsvollzieher anr&uuml;ckte, bat der Mann die Leute in die Wohnung, holte dann eine Pistole herbei und erschoss zun&auml;chst die M&auml;nner und seine Frau und schlie&szlig;lich sich selbst. Die Ermittler sprachen von einer Hinrichtung. In der hessischen Kleinstadt Wetzlar er&ouml;ffnete im Mai 2002 ein 80-j&auml;hriger Mann das Feuer auf den Gerichtsvollzieher und M&ouml;belpacker, die auf richterliche Anordnung seine Wohnung r&auml;umen sollten. Er verletzte niemand, zog sich in die Wohnung zur&uuml;ck, wo er sich selbst erschoss. Er habe durch die angedrohte R&auml;umung &bdquo;sein Gesicht verloren&ldquo;, hatte er zuvor seinem Rechtsanwalt gesagt. <\/p><p>Nicht immer sind es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Institution, die zu Opfern werden. Im Mai 2011 hat eine Polizistin in einem Frankfurter Jobcenter eine 39-j&auml;hrige Frau erschossen, die dort randaliert und ihren Kollegen mit einem Messer attackiert hatte. Die S&uuml;ddeutsche Zeitung hat am 14. Juli 2012 unter der &Uuml;berschrift <a href=\"http:\/\/akcs.blogsport.eu\/files\/2012\/09\/Tod-im-Amt.pdf\">Tod im Amt [PDF &ndash; 210 KB]<\/a> &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde dieser Tat berichtet.<\/p><p>Wenn meine These von den Institutionen, in denen der aus psycho-sozialer Verzweiflung stammende Sprengstoff zwischengelagert wird, richtig ist, muss man sich wundern, dass es nicht h&auml;ufiger zu solchen Taten kommt. Das kann nur an immer noch wirksamen verinnerlichten Hemmungen liegen und daran, dass die meisten Arbeitslosen gelernt haben, sich selbst die Schuld an ihrer Malaise zuzuweisen. Die Sozialisation im Rahmen herk&ouml;mmlicher Familien f&uuml;hrt zur Ausbildung einer &ldquo;inneren Selbstzwangapparatur&rdquo; (Norbert Elias), die daf&uuml;r sorgt, dass die Menschen sich in ihr oft trostloses Schicksal f&uuml;gen und eher ein Leben in stiller Verzweiflung f&uuml;hren als sich aufzulehnen. Sie haben, wie Heinrich Heine bemerkte, den Stock, mit dem man sie geschlagen hat, verschluckt und wenden die Aggressionen, die das niedergedr&uuml;ckte und an der Entfaltung gehinderte Leben in ihnen hervorruft, gegen die eigene Person. Ihre Wut wird in der Watte verinnerlichten Hemmungen stumpf. Auch wenn hierzulande der Modus der Reprivatisierung sozialer Konflikte noch vorherrscht, hei&szlig;t das keineswegs, dass das in Zukunft so bleiben wird. Vieles deutet darauf hin, dass angesichts der rapiden Erosion der Familie und der durch sie gew&auml;hrleisteten Sozialisation der nachwachsenden Generationen das Zeitalter der Verinnerlichung der Aggression seinem Ende entgegengeht. Die vom Neoliberalismus propagierte Flexibilisierung tut ein &Uuml;briges. Der flexible Mensch (Richard Sennett) soll sich von Traditionen l&ouml;sen, sein F&auml;hnchen nach dem Marktwind h&auml;ngen, Bindungen kappen und alte Hemmungen ablegen &ndash; damit er allseits kompatibel und zu allem f&auml;hig wird. So ist denn auch. Da k&ouml;nnen Eltern, Erzieher und Lehrer Aggressionshemmungen aufbauen so viel sie wollen, sie werden von den Medien, der Freizeitindustrie und den Verhaltensimperativen der Konsumgesellschaft postwendend wieder zerst&ouml;rt. Wenn die Verwandlung von &bdquo;Fremdzw&auml;ngen in verinnerlichte Selbstzw&auml;nge&ldquo; nicht mehr mit ausreichender Zuverl&auml;ssigkeit stattfindet, obendrein immer mehr Menschen sozial desintegriert sind und wachsende Teile der jungen Generationen ohne jede Perspektive bleiben, ist damit zu rechnen, dass es in Zukunft vermehrt zu unkontrollierten Trieb- und Impulsdurchbr&uuml;chen kommt, die im Extremfall die Form der raptusartigen Aggressionsentladung und des Amoklaufs annehmen k&ouml;nnen. Die sogenannten Riots in englischen Gro&szlig;st&auml;dten haben uns letztes Jahr einen Vorgeschmack dessen geliefert, was auch auf uns zukommen k&ouml;nnte.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] G&ouml;tz Eisenberg (* 1951), Sozialwissenschaftler und Publizist, arbeitet als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. Neben intensiver, auch kultureller Arbeit mit den Gefangenen schreibt er Essays, die in &ldquo;Der Freitag&rdquo;, der Zeitschrift &ldquo;psychosozial&rdquo;, der &bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo;, im Online-Magazin &bdquo;Auswege&ldquo; und auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?s=G%C3%B6tz+%2B+Eisenberg&amp;Submit.x=0&amp;Submit.y=0\">&bdquo;NachDenkSeiten&ldquo;<\/a> erscheinen. Als einer der ersten Autoren in Deutschland wandte er sich dem Thema &bdquo;Amok&ldquo; zu und ver&ouml;ffentlichte zu diesem Thema zuletzt 2010 im M&uuml;nchner Pattloch-Verlag den Band &ldquo;Damit mich kein Mensch mehr vergisst! Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind&rdquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkungen und Fragen zur Messerattacke im Jobcenter von Neuss.<br \/> Man m&uuml;sste den Neusser Fall zum Gegenstand einer gr&uuml;ndlichen Recherche machen. Wir k&ouml;nnten, sollten und m&uuml;ssten aus ihm lernen. Wo sind die Repr&auml;sentanten einer engagierten Literatur, die sich eines solchen Geschehens annehmen?<br \/> Es geht nicht darum, den T&auml;ter zu exkulpieren. Eine Tat verstehbar werden zu lassen,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14691\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,142,60,123],"tags":[859,1221],"class_list":["post-14691","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-bundesagentur-fuer-arbeit","category-innere-sicherheit","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-jobcenter","tag-perspektivlosigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14691","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14691"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14691\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48855,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14691\/revisions\/48855"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14691"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14691"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14691"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}