{"id":146948,"date":"2026-02-28T12:00:21","date_gmt":"2026-02-28T11:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146948"},"modified":"2026-03-02T06:50:23","modified_gmt":"2026-03-02T05:50:23","slug":"philippinen-marcos-senior-aufstieg-und-niedergang-eines-regimes-teil-i-von-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146948","title":{"rendered":"Philippinen: Marcos Senior \u2013 Aufstieg und Niedergang eines Regimes (Teil I von II)"},"content":{"rendered":"<p>Vor genau vier Jahrzehnten, Ende Februar 1986, st&uuml;rzte mit Ferdinand Edralin Marcos einer der am l&auml;ngsten amtierenden Staatschefs (1965-86) in S&uuml;dostasien. In den beiden Dekaden seiner Herrschaft verfolgte das Regime in Manila einen politischen und wirtschaftlichen Kurs, der den Archipel &ndash; vergleichbar seinen Anrainern Singapur, Hongkong, Taiwan und S&uuml;dkorea &ndash; aus Unterentwicklung und R&uuml;ckst&auml;ndigkeit herausf&uuml;hren sollte. Interne Machtverh&auml;ltnisse und gezielte Interventionen der vormaligen Kolonialmacht USA waren verantwortlich daf&uuml;r, dass die Marcos-Familie samt engster Vertrauter am 25. Februar 1986 von der US-Luftwaffe ins Exil auf Hawaii ausgeflogen wurde. Doch seit Sommer 2022 amtiert mit Ferdinand Marcos Junior &ndash; kurz &bdquo;Bongbong&ldquo; oder &bdquo;BBM&ldquo; genannt &ndash; der &auml;lteste Sohn des Diktators als Pr&auml;sident im Malaca&ntilde;ang-Palast zu Manila. Eine historische R&uuml;ckschau unseres S&uuml;dostasienexperten <strong>Rainer Werning.<\/strong> Der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146951\">abschlie&szlig;ende zweite Teil<\/a> inklusive Literaturhinweise erscheint morgen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vielverhei&szlig;ender Beginn<\/strong><\/p><p>Seit der Unabh&auml;ngigkeit der Philippinen am 4. Juli 1946 bildeten die Liberal Party und die Nacionalista Party die Hauptkr&auml;fte im politischen Spektrum des Landes, deren Spitzenkandidaten alternierend die Staatschefs stellten. Ferdinand E. Marcos, von Haus aus Jurist, war langj&auml;hriges Mitglied der Liberalen, bis er, f&uuml;r damalige Verh&auml;ltnisse wenig aufsehenerregend, ins Lager der oppositionellen Nationalisten &uuml;berwechselte und als deren Pr&auml;sidentschaftskandidat 1965 gegen seinen Widersacher Diosdado Macapagal das Rennen machte.<\/p><p>Seine Antrittsrede Ende Dezember 1965 war von einer euphorischen Aufbruchsstimmung gepr&auml;gt. Die Inseln, so Marcos, schickten sich nunmehr an, &bdquo;eine gro&szlig;e Nation&ldquo; zu werden. Die pr&auml;sidialen Zielsetzungen folgten einem dem Zeitgeist entsprechenden Entwicklungsmodell: Zwecks Eingliederung des Landes in den Weltmarkt wurde dezidiert auf die Strategie der Exportorientierung gesetzt. Auf diese Weise verm&ouml;chte sich ein r&uuml;ckst&auml;ndiges Land wie die Philippinen der zum Anschluss an das internationale Entwicklungsniveau ben&ouml;tigten Technologien zu bem&auml;chtigen und quasi in Manier eines Zeitraffers jene Entwicklung nachzuholen, der die westlichen Industrienationen ihren Fortschritt verdankten. Die Vorteile dieser Strategie w&uuml;rden sich, so der Tenor der neuen Regierung in Manila, in einer Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen sowie in einem f&uuml;r alle durchsickernden Einkommenswachstum kristallisieren.<\/p><p>So plausibel die Begr&uuml;ndung eines solchen Modells klang, so notwendig war es, den &ouml;konomischen Richtlinien ein politisches Fundament zu verschaffen. Kurzum: Um dem seit 1966 G&uuml;ltigkeit beanspruchenden Modell reale Erfolgsaussichten einzur&auml;umen, bedurfte es zentralistisch ausgerichteter Steuerungsinstanzen des Staatsapparates. Das schloss auch und gerade die sukzessive St&auml;rkung von Armee und Polizei ein, die letztlich dar&uuml;ber zu wachen hatten, dass die nunmehr richtungsweisenden Entwicklungsleitlinien auch praktisch und m&ouml;glichst stromlinienf&ouml;rmig umgesetzt wurden.<\/p><p><strong>Zentralisierung und Konzentration der Staatsmacht<\/strong><\/p><p>In diesem Sinne st&auml;rkte die Administration die Rolle des Milit&auml;rs, weitete die Befugnisse der Polizei aus und schuf ihnen unterstellte zentrale Wirtschaftsplanungsbeh&ouml;rden, die zuv&ouml;rderst mit an amerikanischen Eliteuniversit&auml;ten geschulten Finanz- und Wirtschaftsexperten best&uuml;ckt wurden. Der Vorteil, diese kosmopolitisch orientierten, sich als dynamische Technokraten begreifende Elite an die Exekutive zu binden, bestand darin, dass sie sich selbst als &uuml;berparteilich und &bdquo;unpolitisch&ldquo; begriff. Sie verf&uuml;gte &uuml;ber keine eigene Massenbasis und hegte keine eigenen politischen Ambitionen, ja wertete ganz im Sinne ihrer akademischen Leitbilder aus den amerikanischen und europ&auml;ischen politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakult&auml;ten (partei)politische Aktivit&auml;ten als &bdquo;unn&uuml;tzen Ballast&ldquo;, als &bdquo;Politikasterei&ldquo;.<\/p><p>Der Regierung konnte an einer solchen Unterst&uuml;tzung nur gelegen sein. Gerade im Fr&uuml;hstadium der exportorientierten Entwicklungsstrategie war die Expertise dieser &bdquo;neuen&ldquo; Elite nicht nur gefragt; die in den Anrainerstaaten verfolgten Modelle schienen ihr recht zu geben und der theoretischen Begr&uuml;ndung gegen m&ouml;gliche Einw&auml;nde den Glanz des Erfolgs zu verleihen.<\/p><p>Schlie&szlig;lich f&uuml;llte diese Entwicklungsstrategie ein ideologisches Vakuum aus, das angesichts ern&uuml;chternder Alltagserfahrungen und wachsender Schwierigkeiten in zahlreichen unabh&auml;ngig gewordenen L&auml;ndern entstanden war. Schlagworte wie <em>Nationalismus, Eigenst&auml;ndigkeit <\/em>und<em> Unabh&auml;ngigkeit, Blockfreiheit <\/em>etc. mussten, um l&auml;ngerfristig G&uuml;ltigkeit beanspruchen zu k&ouml;nnen, mit Inhalt gef&uuml;llt werden. Und eine Wirtschaftspolitik, die allen alles versprach, wachstumsorientierte Entwicklung als erstrebenswertes Ziel an sich propagierte, &uuml;bernahm eine nicht zu untersch&auml;tzende ideologische Funktion. Kein Wunder, dass der &ndash; seinerzeit keinerlei negative Konnotationen transportierende &ndash; Begriff <em>developmentalism<\/em> mehr als nur das weite Feld wirtschaftlicher Erneuerungen abdeckte, sondern als <em>&bdquo;Entwicklung-ismus&ldquo;<\/em> Faszination ausstrahlte.<\/p><p>Mit tatkr&auml;ftiger US-amerikanischer Hilfe wurde in den 1960er-Jahren das aus Vietnam zur&uuml;ckbeorderte <em>Civic Action-Kontingent (Philcag)<\/em> der philippinischen Armee mit dem Aufbau von 65 <em>Civic Action Centers<\/em> betraut. Es handelte sich dabei um vom Milit&auml;r in den l&auml;ndlichen Gebieten eingepflanzte, auf B&uuml;rgern&auml;he bedachte zivile Projekte, die als Zuckerbrot-Variante im &uuml;bergeordneten <em>Counterinsurgency <\/em>(Aufruhrbek&auml;mpfungs)-Konzept fungierten. Impfaktionen und kostenlose Nahrungsmittelausgaben wurden durchgef&uuml;hrt, um &bdquo;Herzen und Hirne der Bev&ouml;lkerung&ldquo; vorrangig dort zu gewinnen, wo das aus erdr&uuml;ckenden Feudalverh&auml;ltnissen gespeiste b&auml;uerliche Protestpotenzial periodisch f&uuml;r &bdquo;Unruhen&ldquo; sorgte. Vor allem in Zentralluzon, der traditionellen Reiskammer des Landes und Hochburg machtvoller Bauernrevolten, waren nicht weniger als 20 l&auml;ndliche Gesundheitsteams und 22 Baubataillone der Armee unter den Argusaugen von US-Spezialeinheiten <em>(Green Berets)<\/em> im Einsatz.<\/p><p>Allein im Rahmen des am 30. August 1951 geschlossenen<em> amerikanisch-philippinischen Sicherheits- und Beistandspakts <\/em>waren eine diesbez&uuml;glich eng koordinierte Planung und Durchf&uuml;hrung milit&auml;rischer Aktionen vereinbart worden. Auf amerikanischer Seite zeichnete daf&uuml;r die in der US-Botschaft in Manila domizilierte <em>Vereinte<\/em> <em>US-Milit&auml;rberatungsgruppe <\/em>beziehungsweise<em> Vereinte US-Milit&auml;rbeistandsgruppe (JUSMAG) <\/em>verantwortlich. Bekannt wurde diese Gruppe durch die Zerschlagung der vormals antijapanischen und sp&auml;ter linken Guerillaformation <em>Hukbalahap<\/em> (kurz: Huk) Mitte der 1950er-Jahre, als hochrangige US-Offiziere (wie der CIA-Verbindungsmann Oberst Edward G. Lansdale) die Planspiele f&uuml;r milit&auml;rische Operationen entwarfen, denen die vom damaligen Verteidigungsminister und sp&auml;teren Pr&auml;sidenten Ramon Magsaysay (1953-57) befehligten philippinischen Streitkr&auml;fte (AFP) das R&uuml;ckgrat einzogen.<\/p><p><strong>Konterrevolution&auml;re Gegenseitigkeit &ndash; drastisch aufgestockte Milit&auml;retats<\/strong><\/p><p>Diese Erfahrungen wurden in Vietnam &bdquo;durchgespielt&ldquo;, wie denn auch die dort vorgenommenen &bdquo;Verfeinerungen&ldquo; neuerlich auf dem Archipel zur Anwendung gelangten. In diesem Sinne lieferten die Philippinen und S&uuml;dvietnam ein Lehrst&uuml;ck gegenseitiger Konterrevolution. Jahrelang befassten sich amerikanische Sozialwissenschaftler und Milit&auml;rstrategen intensiv mit dem Problem, wie die &bdquo;Huk-Erfahrungen&ldquo; f&uuml;r S&uuml;dvietnam und umgekehrt die dort gesammelten &bdquo;Vietcong-Erfahrungen&ldquo; f&uuml;r die Philippinen der 1970er-Jahre optimal &ndash; d.h. im Sinne amerikanischer Au&szlig;en- bzw. Sicherheitspolitik &ndash; umgesetzt werden konnten.<\/p><p>Bereits 1969 hatte das<em> US-Senatskomitee f&uuml;r Ausw&auml;rtige Angelegenheiten<\/em> unter Vorsitz von Senator Stuart Symington einen Ausschuss zur Untersuchung amerikanischer Sicherheitsabkommen und Verpflichtung in &Uuml;bersee gebildet. Der so entstandene <em>Symington Report<\/em> enthielt u.a. bemerkenswerte Passagen &uuml;ber die Verh&auml;ltnisse in den Philippinen. Zitiert wurden darin Ausz&uuml;ge des Roces Committee des philippinischen Abgeordnetenhauses, wonach JUSMAG-Chef General George Pickett Order gegeben hatte, &bdquo;die AFP unter die Befehlshoheit der JUSMAG zu stellen, dabei die Tatsache &uuml;bersehend, dass die AFP nicht Teil der amerikanischen Armee sind&ldquo;. &bdquo;Mit anderen Worten&ldquo;, so res&uuml;mierte Senator Symington, &bdquo;wir zahlen der philippinischen Regierung Gelder, um uns vor dem philippinischen Volk zu sch&uuml;tzen, das die Amerikaner nicht mag.&ldquo;<\/p><p>1947 hatten die philippinischen Milit&auml;rausgaben knapp 80 Millionen Peso betragen &ndash; nach damaligem Umrechnungskurs 40 Millionen US-Dollar. 1952 machten sie 142 Millionen aus und kletterten im Jahre 1959, nachdem der Huk erkl&auml;rterma&szlig;en das R&uuml;ckgrat gebrochen worden war, auf ann&auml;hernd 192 Millionen Peso. Im ersten Haushaltsjahr der Marcos-Administration (1966\/67) erreichten die Milit&auml;rausgaben bereits beachtliche 366 Millionen Peso und schossen im Haushaltsjahr 1969\/70 auf 670 Millionen.<\/p><p>Besuchs- und Ausbildungsprogramme f&uuml;r philippinische Offiziere an renommierten US-Milit&auml;rakademien wie <em>West Point<\/em> und <em>Fort Bragg<\/em> wurden arrangiert. Um das Zusammenspiel der Teilstreitkr&auml;fte untereinander effizienter zu gestalten, wurden die AFP mit modernem Kommunikations- und nachrichtendienstlichem Ger&auml;t ausgestattet. Gleichzeitig bem&uuml;hte sich die Marcos-Regierung, den ausgepr&auml;gten regionalistischen Unterschieden einen Riegel vorzuschieben, indem die Kommandoh&ouml;hen mit Offizieren aus verschiedenen Landesteilen besetzt und somit eine delikate Balance hergestellt wurde, die sich sp&auml;ter zur Herrschaftssicherung als vorteilhaft erweisen sollte.<\/p><p>Durch all diese Schritte wurde nicht nur eines der entscheidendsten Instrumente des Staatsapparates gestrafft. Die praktischen Erfahrungen im Rahmen der Civic-Action-Programme sowie die durch systematische Trainingskurse vermittelten Managementmethoden und F&uuml;hrungseigenschaften auch und gerade im Bereich infrastruktureller Projektbetreuung qualifizierten das Milit&auml;r f&uuml;r die Wahrnehmung erweiterter staatstragender Funktionen, die sich f&uuml;r zentralistische wirtschaftspolitische Richtlinien instrumentalisieren lie&szlig;en. Flankiert wurden diese neu erworbenen Qualifikationen durch milit&auml;rische Eins&auml;tze gegen Bauern, Arbeiter und Studenten in Stadt und Land, deren Unmut sich h&auml;ufig in Widerstands- und Protestaktionen Bahn gebrochen hatte.<\/p><p>Gleicherma&szlig;en gest&auml;rkt wurden die Polizeieinheiten. 1966 wurde zwischen Malaca&ntilde;ang und der US-Botschaft in Manila ein Programm erarbeitet, wonach die polizeilichen Ausbildungsfunktionen von der <em>Amerikanischen Internationalen Entwicklungsbeh&ouml;rde (USAID)<\/em> wahrzunehmen waren. Unter der Kategorie &bdquo;technische Hilfe&ldquo; finanzierte die USAID beispielsweise das <em>B&uuml;ro f&uuml;r &Ouml;ffentliche Sicherheit (OPS)<\/em>, welches ma&szlig;geblich an der &bdquo;Umgestaltung, Finanzierung und Ausbildung des philippinischen Polizeiapparates in den Philippinen wie in den USA (&hellip;) beteiligt war&ldquo;. Im Dezember 1966 wurde Frank E. Walton, gerade aus S&uuml;dvietnam zur&uuml;ckgekehrt, USAID\/OPS-Teamleiter. In Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) hatte Walton f&uuml;r den Aufbau und die Reorganisierung der s&uuml;dvietnamesischen Polizeikr&auml;fte verantwortlich gezeichnet &ndash; eines umfassenden CIA-Plans, die politische Infrastruktur der <em>NLF (Nationalen Befreiungsfront)<\/em> aufzul&ouml;sen. Ihm zur Seite standen Personen mit &auml;hnlichen Erfahrungen aus Brasilien und &Auml;thiopien. Hinzu kamen philippinische Geheimdienstoffiziere, welche die CIA w&auml;hrend der Huk-Bek&auml;mpfung trainiert hatte und die zwischenzeitlich selbst Experten auf dem Gebiet der Gegenspionage in und um Saigon geworden waren.<\/p><p>Der im Februar 1967 von der Walton-Gruppe fertiggestellte Bericht f&uuml;hrte zur Einbindung des AID\/OPS-Programms in dasjenige von<em> CORDS (Civil Operations and Rural Development Support)<\/em>, dessen philippinische Variante personell mit &bdquo;alten Hasen&ldquo; aus S&uuml;dvietnam best&uuml;ckt wurde. Mit Thomas Rose und Richard Kriegel traten M&auml;nner an dessen Spitze, die zuvor Chef der AID-Administration in Saigon beziehungsweise CORDS-Berater in der Provinz Bin Dinh gewesen waren. Dort waren sie eingebettet in &bdquo;Befriedungs&ldquo;programme wie <em>Operation Phoenix<\/em>, das seinerseits &bdquo;selektiven Gegenterror&ldquo; (CT) beinhaltete, um gezielt NLF-Kader &bdquo;auszumerzen&ldquo; &ndash; eine letztlich fehlgeschlagene Strategie, weil sie sich nach Ansicht kritischer Insider als <em>&bdquo;too little, too late&ldquo;<\/em> erwies und die Masse der l&auml;ndlichen s&uuml;dvietnamesischen Bev&ouml;lkerung nie zu erreichen vermochte.<\/p><p>Au&szlig;erdem war seit Ende der 1960er- \/ Anfang der 1970er-Jahre mit dem Aufbau eines integrierten st&auml;dtischen &bdquo;Aufruhrbek&auml;mpfungs&ldquo;-Instruments begonnen worden, das schlie&szlig;lich im Gro&szlig;raum Manila als <em>Hauptstadt-Kommando (Metropolitan Command, Metrocom) <\/em>konkrete Gestalt annahm. Bis zu Beginn der 1970er-Jahre sind ferner auf amerikanische Initiative neun regionale Polizeiausbildungsakademien errichtet und acht st&auml;dtische Polizeihauptquartiere, mit technischen Hilfen und kompletten Trainingsprogrammen versehen, geschaffen worden. Bis zum Sommer 1971 waren auf diese Weise 10.540 Polizisten, 60 Techniker und knapp 1.900 Radiofachleute ausgebildet worden.<\/p><p><strong>Unterst&uuml;tzung seitens des Big Business<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Durchsetzbarkeit der exportorientierten Entwicklungsstrategie war die Unterst&uuml;tzung bedeutsamer Teile der Gesch&auml;ftswelt vonn&ouml;ten. Der traditionelle Exportsektor, jene Unternehmen, die von der Nationalisierung bestimmter Gesch&auml;ftszweige auf Kosten der Chinesen (z.B. Handel) profitierten, sowie die mit ausl&auml;ndischem Kapital liierten Firmen versprachen sich von der neuen Politik eine institutionell abgesicherte Wahrung ihrer Interessen. Teile der nationalen Bourgeoisie bezogen eine abwartende Position, w&auml;hrend andere, der sich nationalistisch gebenden Regierungspropaganda Glauben schenkend, ins Marcos-Lager &uuml;berschwenkten, vor allem dessen rasche &bdquo;Schlichtung&ldquo; von Arbeitskonflikten sch&auml;tzten. Politisch dr&uuml;ckten diese Entwicklungen eine schleichende Entfremdung von den bestehenden Parteien aus, gegen die der Vorwurf adressiert war, eine engstirnige Politik zu betreiben, sich in endlosen Querelen aufzureiben und einzig pers&ouml;nliche Dom&auml;nen abzustecken. Demgegen&uuml;ber galten die mit Marcos verbundenen Technokraten als <em>No-nonsense-<\/em>Beamte, als kompetent und parteipolitisch nicht ambitioniert. Sie fanden in Marcos und dieser in ihnen die kongeniale Entsprechung.<\/p><p>Gleichzeitig entstanden mehrere Management- und Verwaltungsfachschulen &ndash; so das <em>College of Business Administration<\/em>, das <em>College of Public Administration<\/em> an der University of the Philippines und das <em>Asian Institute of Management<\/em>. Die Lehrpl&auml;ne hatten US-amerikanische Professoren entworfen und wurden zum Teil von ihnen selbst abgewickelt. Hatten diese Einrichtungen die f&uuml;r die Durchsetzung der neuen Politik erforderlichen Fachkr&auml;fte auszubilden, so leitete die Regierung Ende der 1960er-Jahre einen dar&uuml;ber hinausgehenden Schritt ein. Der vom Pr&auml;sidenten eingesetzten <em>Kommission zur Untersuchung des Ausbildungswesens <\/em>oblag die &bdquo;umfassende Bestandsaufnahme des (&hellip;) Erziehungssystems, um festzustellen, ob und inwieweit es im Sinne der nationalen Entwicklungsziele relevant war&ldquo;.<\/p><p>Es ging darum, eine Umorientierung im Ausbildungssektor mit Blick auf die avisierten infrastrukturellen Gro&szlig;projekte (z.B. Auf- und Ausbau von Stra&szlig;en, Br&uuml;cken, H&auml;fen und Kommunikationssystemen) vorzubereiten. Dies musste Papier bleiben, solange nicht ein zur Umsetzung dieser Projekte herangebildeter Kader bereitstand. Die o.g. Untersuchungskommission folgte einem &ouml;konomischen wie politisch-ideologischen Kalk&uuml;l. Ge&auml;nderte Curriculum-Pl&auml;ne ebneten einer Umorientierung der Intelligenz den Weg, was seinerzeit hitzige Campus-Debatten entfachte, in denen das Gros der Studenten aus seinen antiimperialistischen Sentiments keinen Hehl machte. In ihren Augen bestand zwischen der ideologischen Manipulation und des auf den Schlachtfeldern Indochinas ver&uuml;bten Genozids ein struktureller Zusammenhang. Neben den Bauern und st&auml;dtischen (Transport)Arbeitern bildeten gerade Studenten die sch&auml;rfsten Gegner und Kritiker der Marcos-Regierung.<\/p><p>Um den neuen Kurs und die sie begleitende Ideologie wirksam in Schl&uuml;sselpositionen staatlicher Macht zu verankern, erhielten die Technokraten Zug um Zug erweiterte Kompetenzen, die vormals von Politikern wahrgenommen wurden. Marcos&rsquo; Wirtschaftscredo &ndash; verst&auml;rkte Abh&auml;ngigkeit von Auslandsinvestitionen; Ermunterung des Freihandels; Beseitigung von Restriktionen f&uuml;r die internationale Gesch&auml;ftswelt; Aufnahme umfangreicher Auslandsdarlehen; ungehinderte Profittransfers; Reallohnsenkungen etc. &ndash; wurde sukzessive umgesetzt und durch die einflussreichsten Unternehmensvereinigungen gutgehei&szlig;en.<\/p><p>S&auml;mtliche milit&auml;rischen, wirtschaftlichen, politischen, administrativen und ideologischen Faktoren zusammengenommen markierten eine Rationalisierung und Zentralisierung staatlicher Herrschaft, die f&uuml;r die Rahmenbedingungen der neuen Politik wie f&uuml;r die Sicherung der materiellen Basis der herrschenden Klassen konstitutiv waren.<\/p><p>Nat&uuml;rlich geschah dies nicht &uuml;ber Nacht. Ihr Aufbau vollzog sich schrittweise und systematisch und verlieh der Regierung Glaubw&uuml;rdigkeit und Anziehungskraft. Wie keinem Pr&auml;sidenten vor ihm gl&uuml;ckte Marcos immerhin im Jahre 1969 die Wiederwahl. In Verbindung mit der von Washington aufgrund der Indochina-Ereignisse avisierten milit&auml;rstrategischen Kr&auml;fteumgruppierung in der Region begr&uuml;ndeten die oben genannten Faktoren jene &bdquo;eisernen&ldquo; Voraussetzungen f&uuml;r ein Entwicklungsmodell, das sich schlie&szlig;lich 1972 relativ reibungslos des Kriegsrechts zur &bdquo;prophylaktischen Immunisierung&ldquo; von Protest und Widerstand bedienen konnte.<\/p><p><strong>Sozial&ouml;konomische Implikationen<\/strong><\/p><p>Hatten Marcos&rsquo; Vorg&auml;nger die vormals bestandenen Devisen- und Importbeschr&auml;nkungen gelockert, so ging seine Regierung einen Schritt weiter. 1967 wurde im Kongress das <em>Investitionsf&ouml;rderungsgesetz <\/em>verabschiedet, nach dem der Anteil ausl&auml;ndischen Kapitals an lokalen Unternehmen 40 Prozent nicht &uuml;berschreiten sollte. Unklar blieb, wie dies bei den vornehmlich US-beherrschten Erd&ouml;lraffinerien, Bergwerksgesellschaften, Au&szlig;enhandelsfirmen etc. zu realisieren war. Mittels geschickter nationalistischer Rhetorik vermochten Marcos und seine Technokraten die Aufnahme einer Sonderklausel in dieses Gesetz einzuf&uuml;gen, wonach ausl&auml;ndische Investoren auch dann noch 100-prozentige Kapitaleigner sein konnten, wenn sie bekundeten, innerhalb eines Jahrzehnts nach Registrierung der betreffenden Firmen Aktien an Filipinos zu ver&auml;u&szlig;ern.<\/p><p>Das kurz darauf ratifizierte <em>Exportf&ouml;rderungsgesetz <\/em>bef&uuml;rwortete gar einen 55-prozentigen Kapitalanteil ausl&auml;ndischer Firmen in der Export- und einen 100-prozentigen Anteil in sogenannten Pionierindustrien. Auf der Halbinsel Bataan (unweit von Manila gelegen) entstand die landesweit erste Freihandels- und Exportproduktionszone Mariveles, in der philippinische Steuergesetze nur bedingt griffen. Ihr folgten bald &auml;hnliche Zonen in Baguio City, auf Mactan sowie in Davao City.<\/p><p>Vormals f&uuml;r den Inlandbedarf produzierte Verbrauchsg&uuml;ter verknappten sich und mussten &ndash; abwertungsbedingt &ndash; durch verteuerte Importe ausgeglichen werden. Eine expansive Geldpolitik der Zentralbank und die &Uuml;berbetonung infrastruktureller Gro&szlig;projekte taten ein &Uuml;briges, um &uuml;ber die Inflation die Kosten der Exportorientierung auch auf philippinische Klein- und Mittelbetriebe abzuw&auml;lzen. Um aber die auf Export abgestellte Wirtschaft wettbewerbsf&auml;hig zu halten, war Manila darauf angewiesen, den Au&szlig;enhandelswert des Pesos zur Ankurbelung des Handels niedrig zu halten.<\/p><p>Gegen&uuml;ber 1961-65 erh&ouml;hte sich das Haushaltsdefizit in den folgenden f&uuml;nf Jahren um 72 Prozent. Dies war wesentlich Ausdruck ehrgeiziger Infrastrukturprogramme, f&uuml;r die in der zweiten H&auml;lfte der 1960er-Jahre im Vergleich zur ersten um 92 Prozent gestiegene Finanzmittel alloziert wurden. Ge&ouml;ffnet hatte sich auch die Schere zwischen Investitionen und Spareinlagen: Nach einem j&auml;hrlichen &Uuml;berschuss bei Spareinlagen (1961-65) stellte sich ein Investitions&uuml;berhang von durchschnittlich 294,2 Millionen Peso (1966-70) ein. Diese Ver&auml;nderungen spiegelten sich in j&auml;hrlich drastisch gestiegenen Haushaltsdefiziten wider &ndash; von 22 Millionen (1961-65) auf 213,6 Millionen US-Dollar (1966-70). Das f&uuml;hrte innerhalb der letztgenannten Zeitspanne zu einer kurzfristigen &ouml;ffentlichen Verschuldung um 100 Prozent und einer 84-prozentigen Zunahme der Auslandsverschuldung von 447 Millionen auf 822 Millionen US-Dollar.<\/p><p>Dieses Muster blieb in der Folgezeit bestimmend: Die &bdquo;&ouml;ffentliche Hand&ldquo; trieb die kurzfristigen Schulden zwischen 1966-70 und 1971-75 nochmalig um das Doppelte in die H&ouml;he, w&auml;hrend die Auslandsschuldenlast im Vergleichszeitraum gar von 822 Millionen auf 2,586 Milliarden US-Dollar wuchs. Finanzl&ouml;cher wurden zunehmend durch Auslandskredite gestopft. Diese Darlehen wurden den politisch aufs engste mit der Regierung verflochtenen privaten Gesch&auml;ftsleuten &uuml;berantwortet <em>(cronyism),<\/em> die damit sowohl eigene, vornehmlich im Exportbereich angesiedelte Firmen aufbauten oder sich, was weitaus h&auml;ufiger geschah, mit dem Auslandskapital liierten. Die Unterscheidungslinien zwischen Staat, Regierung, bestimmten lokalen (d.h. Marcos politisch nahestehenden) Gro&szlig;grundbesitzern wie Gesch&auml;ftsleuten und ausl&auml;ndischem Kapital wurden zunehmend verwischt.<\/p><p>1970 ver&ouml;ffentlichte die <em>Wirtschaftsplanungsbeh&ouml;rde des Kongresses (CEPO) <\/em>Daten, welche die Einkommensverteilung im Lande als extrem unausgeglichen auswiesen. Danach bezogen 1948 zehn Prozent der Familien 30 Prozent, 1961 aber schon 46 Prozent des Nationaleinkommens. 1965 besa&szlig;en f&uuml;nf Prozent der Spitzenverdiener so viel wie die am untersten Ende der Skala angesiedelten 60 Prozent. Im Jahre 1956 hatte das untere F&uuml;nftel der Familien 4,5 Prozent der Einkommen auf sich vereinigt, w&auml;hrend ihr Anteil 1965 auf 3,5 Prozent schrumpfte.<\/p><p>Der Anteil von Landbesitz unter Pacht, der vor 1946 35 Prozent und 1948 37 Prozent betragen hatte, war im Jahre 1970 auf 52 Prozent hochgeschnellt &ndash; trotz Verabschiedung erlassener Landreformgesetze. Nach den im Jahre 1960 erhobenen Landwirtschaftsstatistiken waren 63 Prozent der Reispflanzer Kleinp&auml;chter, welche im Durchschnitt 2,6 Hektar Land bestellten. 1963 gab es unter der damals 27 Millionen Einwohner z&auml;hlenden Bev&ouml;lkerung acht Millionen Kleinp&auml;chter. Mitunter mussten sie dem Grundbesitzer bis zu 75 Prozent der Ernteertr&auml;ge abf&uuml;hren.<\/p><p>Das 1963 verabschiedete <em>Landreformgesetz (ALRC)<\/em> unter Diosdado Macapagal, Marcos&lsquo; Amtsvorg&auml;nger, sollte das Los der Bauern durch eine Reduzierung der Landpacht auf 25 Prozent verbessern. Die <em>Landbeh&ouml;rde<\/em> gelangte jedoch sp&auml;ter zu der Feststellung, dass bis 1969 lediglich 13.377 P&auml;chter aus dem Millionenheer tats&auml;chlich eine nur 25-prozentige Landpacht entrichteten. Das Landreformgesetz hatte sich aufgrund vielf&auml;ltiger Machinationen der dominierenden Gro&szlig;grundbesitzerklasse als Flop erwiesen. Die Landfrage blieb ein innenpolitisch pressierendes Thema, deren L&ouml;sung zum &bdquo;Eckpfeiler&ldquo; der mit dem Kriegsrecht verk&uuml;ndeten <em>&bdquo;Neuen Gesellschaft&ldquo;<\/em> erkoren wurde.<\/p><p><em>Hier geht es <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146951\">zum 2. Teil<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Mirt Alexander\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor genau vier Jahrzehnten, Ende Februar 1986, st&uuml;rzte mit Ferdinand Edralin Marcos einer der am l&auml;ngsten amtierenden Staatschefs (1965-86) in S&uuml;dostasien. In den beiden Dekaden seiner Herrschaft verfolgte das Regime in Manila einen politischen und wirtschaftlichen Kurs, der den Archipel &ndash; vergleichbar seinen Anrainern Singapur, Hongkong, Taiwan und S&uuml;dkorea &ndash; aus Unterentwicklung und R&uuml;ckst&auml;ndigkeit herausf&uuml;hren<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146948\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":83380,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[60,20,30],"tags":[380,1494,2052,2539,3037,835,1971,1367,312,325,1556],"class_list":["post-146948","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-innere-sicherheit","category-landerberichte","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-export","tag-infrastruktur","tag-investitionen","tag-kriegsrecht","tag-marcos-ferdinand","tag-nationalismus","tag-philippinen","tag-ruestungsausgaben","tag-reformpolitik","tag-staatsschulden","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/shutterstock_2037458597-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/146948","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=146948"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/146948\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":147005,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/146948\/revisions\/147005"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/83380"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=146948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=146948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=146948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}