{"id":147074,"date":"2026-03-03T15:00:17","date_gmt":"2026-03-03T14:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147074"},"modified":"2026-03-03T18:36:54","modified_gmt":"2026-03-03T17:36:54","slug":"krieg-gegen-den-iran-die-demontage-der-internationalen-ordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147074","title":{"rendered":"Krieg gegen den Iran: Die Demontage der internationalen Ordnung"},"content":{"rendered":"<p>Der Krieg gegen den Iran droht das internationale Chaos weiter zu versch&auml;rfen. Unabh&auml;ngig vom Ausgang der aktuellen Krise zieht der Angriff der USA und Israels schwerwiegende Konsequenzen f&uuml;r die Weltpolitik nach sich. <strong>Fjodor Lukjanow,<\/strong> Chefredakteur der Zeitschrift <em>Russland in der globalen Politik<\/em>, sieht darin weniger eine Frage nach der Zukunft der Islamischen Republik. Vielmehr stehe die grundlegende Wahrnehmung dessen zur Debatte, was in den internationalen Beziehungen k&uuml;nftig als zul&auml;ssig gilt. Dieser Konsens verschiebt sich &ndash; eine Entwicklung, die f&uuml;r die globale Stabilit&auml;t nichts Gutes verhei&szlig;t. Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZun&auml;chst gilt es festzuhalten: Die Berufung auf das V&ouml;lkerrecht, das theoretisch das Fundament jeder Diplomatie bildet, ist hinf&auml;llig geworden. Als die Vereinigten Staaten in den Jahren 2002 und 2003 die Invasion im Irak vorbereiteten, hielten sie es noch f&uuml;r n&ouml;tig, Zeit und Energie zu investieren, um eine entsprechende Resolution des UN-Sicherheitsrates zu erwirken. Das ber&uuml;chtigte Reagenzglas des damaligen US-Au&szlig;enministers Colin Powell, welches die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen beweisen sollte, wurde in einer rhetorisch akribisch inszenierten Sitzung vor den Vereinten Nationen pr&auml;sentiert. Die &Uuml;berzeugung der internationalen Gemeinschaft misslang zwar, doch galt dieser Versuch innerhalb der US-Administration zumindest als politisch geboten.<\/p><p>Heute kommt ein solches Vorgehen den Verantwortlichen gar nicht erst in den Sinn. Weder im vergangenen Sommer noch im aktuellen Fall haben die Initiatoren der Milit&auml;raktion bei internationalen Instanzen um Legitimation ersucht. Wenn in den USA derzeit die Frage der internen Rechtm&auml;&szlig;igkeit debattiert wird &ndash; etwa, dass Trump nicht befugt gewesen sei, einem anderen Land ohne Zustimmung des Kongresses faktisch den Krieg zu erkl&auml;ren (eine Zustimmung, die George W. Bush f&uuml;r den Irak seinerzeit noch einholte) &ndash;, dann ist dies allein der innenpolitischen Lage in Washington geschuldet. Die v&ouml;lkerrechtliche Au&szlig;enwirkung spielt keine Rolle mehr.<\/p><p><strong>V&ouml;lkerrecht am Ende: Vom Irak-Krieg 2003 zur heutigen Eskalation<\/strong><\/p><p>Der diplomatische Prozess verkehrt sich unterdessen in sein diametrales Gegenteil. Sowohl dem zw&ouml;lft&auml;gigen Krieg zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025 als auch der jetzigen Aggression gingen intensive Verhandlungen voraus. Diese wirkten keineswegs wie eine blo&szlig;e Inszenierung zur Ablenkung; es wurden reale Optionen zur Beilegung des Atomkonflikts er&ouml;rtert. Dennoch schlugen die Gespr&auml;che in beiden F&auml;llen &ndash; ohne formale Unterbrechung &ndash; unmittelbar in milit&auml;rische Strafaktionen um.<\/p><p>Im Falle Israels ist dies gewisserma&szlig;en &bdquo;ehrlich&ldquo;, da dort nie ein Hehl daraus gemacht wurde, das iranische Regime vernichten zu wollen, und die F&uuml;hrung stets betonte, nicht an den diplomatischen Weg zu glauben. Die USA jedoch haben den Dialog offensichtlich zynisch instrumentalisiert, um den Gegner in falscher Sicherheit zu wiegen und ihn dann zu &uuml;berrumpeln.<\/p><p><strong>Diplomatie als Falle: Wie Washington Verhandlungen instrumentalisiert<\/strong><\/p><p>Welche Lehren werden jene daraus ziehen, die sich in diplomatischen Prozessen mit Washington befinden oder solche vor sich haben? Die Antwort lautet: Absolut nichts ist mehr glaubw&uuml;rdig. Vertrauen erweist sich als unm&ouml;glich; Verlass ist nur noch auf die eigene St&auml;rke. Erforderlich ist mindestens ein Argument, das das Gegen&uuml;ber schlicht nicht ignorieren kann.<\/p><p>Doch es kommt noch schwerwiegender. Das iranische Staatsoberhaupt wurde nicht nur durch einen Pr&auml;zisionsschlag liquidiert &ndash; diese Tat wurde auch noch als triumphale Errungenschaft und Segen f&uuml;r die k&uuml;nftige Konfliktl&ouml;sung gefeiert. Dabei war Ali Khamenei nach den Gesetzen seines Landes die legitime oberste Instanz eines UN-Mitgliedsstaates, der international nahezu universell anerkannt ist und als vollwertiger Akteur am Weltgeschehen teilnimmt &ndash; einschlie&szlig;lich der politischen Verhandlungen mit eben jenen Staaten, die seinen Tod herbeif&uuml;hrten.<\/p><p>Dass ein Staat das Oberhaupt eines anderen Staates gezielt ermordet und dies nach demselben Schema erfolgt, mit dem Anf&uuml;hrer von Terrorzellen oder Drogenkartellen ausgeschaltet werden, verleiht der Weltpolitik eine v&ouml;llig neue, gef&auml;hrliche Dimension.<\/p><p><strong>Gezielte T&ouml;tung von Staatschefs: Ein Bruch mit der internationalen Ordnung<\/strong><\/p><p>Dies gilt selbst im Vergleich zu fr&uuml;heren Regimewechseln und deren gewaltsamen Endpunkten, wie dem Lynchmord an Muammar al-Gaddafi in Libyen oder der Hinrichtung Saddam Husseins im Irak. Beide Ereignisse resultierten zwar aus externen Milit&auml;rinterventionen, doch Gaddafi starb durch die Hand libyscher Widersacher inmitten innerer Unruhen. Saddam Hussein hingegen fand sein Ende durch ein Urteil eines irakischen Gerichts &ndash; ungeachtet berechtigter Zweifel an der Objektivit&auml;t dieses Verfahrens. Der Fall Iran markiert den &Uuml;bergang zu einer Methode, die Israel bisher prim&auml;r gegen die F&uuml;hrungsinstanzen von Hisbollah und Hamas praktizierte. Die Vereinigten Staaten st&uuml;tzen diesen Ansatz nun vollumf&auml;nglich.<\/p><p>Dieser Prozess demontiert die letzten stabilisierenden Elemente, die aus fr&uuml;heren Epochen der internationalen Beziehungen &uuml;berdauert hatten. Die Akteure machen die Anerkennung staatlicher Legitimit&auml;t nun von tagespolitischen Umst&auml;nden oder pers&ouml;nlichen Zu- und Abneigungen abh&auml;ngig. Das verwandelt die Weltpolitik in eine Form des &bdquo;Russischen Roulettes&ldquo; und entzieht ihr das fundamentale Regelwerk. Es ist nicht so, dass fr&uuml;her alle Akteure stets nach Recht und Moral handelten &ndash; zumal Letztere je nach Kulturkreis ohnehin unterschiedlich interpretiert wird. Doch es existierten Rahmenbedingungen. Diese werden nun eingerissen.<\/p><p>Da dieser Prozess konsequent und beinahe flie&szlig;end voranschritt, scheinen viele politische Eliten den Ernst der Lage noch nicht in seiner ganzen Dramatik erfasst zu haben. In diesen Kreisen gelten die Ereignisse lediglich als drastische, aber erkl&auml;rbare Ausw&uuml;chse aktueller Widerspr&uuml;che. Doch diese Sichtweise teilen nicht alle. Die Schlussfolgerungen, die die Gegner der USA nun zwangsl&auml;ufig ziehen, liegen auf der Hand:<\/p><ul>\n<li><strong>Diplomatie als Sackgasse:<\/strong> Verhandlungen mit den US-Amerikanern erscheinen nahezu zwecklos. Das Endergebnis verlangt stets die Kapitulation oder entlarvt sich als diplomatische Simulation, die lediglich die gewaltsame L&ouml;sung vorbereitet.<\/li>\n<li><strong>Ultima Ratio:<\/strong> In einer Situation ohne R&uuml;ckzugsweg und ohne die Aussicht auf Erhalt des Bestehenden legitimiert sich jedes verbleibende Argument &ndash; also jede verf&uuml;gbare Form des &bdquo;roten Knopfes&ldquo;, sei er nun w&ouml;rtlich oder im &uuml;bertragenen Sinne gemeint.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Trumps Nahost-Strategie und die Lehren aus der &Auml;ra Saddam Hussein<\/strong><\/p><p>Diese Erkenntnisse werden Bestand haben, ungeachtet der kommenden Ereignisse im Iran. Selbst wenn dort eine Form des &bdquo;Social Engineering&ldquo; nach venezolanischem Vorbild gel&auml;nge &ndash; etwa durch eine Hinterzimmer-Absprache &uuml;ber eine f&uuml;r alle Seiten akzeptable Macht&uuml;bergabe (was derzeit wenig wahrscheinlich wirkt) &ndash;, w&uuml;rde dies andere US-kritische Staaten nicht beruhigen. Der Mechanismus der gewaltsamen Unterwerfung ist nun etabliert. Er agiert weitaus h&auml;rter als die &bdquo;Farbrevolutionen&ldquo; der 2000er-Jahre. Der Widerstand dagegen wird k&uuml;nftig entschlossener und verzweifelter ausfallen &ndash; mit Konsequenzen, die im schlimmsten Fall eine fatale Eigendynamik entwickeln.<\/p><p>Zuletzt weisen diese Ereignisse eine Dimension auf, die die gesamte Ordnung des Nahen Ostens betrifft. Hier lohnt erneut der Blick auf das Jahr 2003: Die Irak-Invasion markierte den Wendepunkt, an dem das regionale Gef&uuml;ge des 20. Jahrhunderts zu zerfallen begann (ein Prozess, der bereits 1991 mit &bdquo;Desert Storm&ldquo; einsetzte, damals jedoch im Schatten noch bedeutenderer Weltgeschehnisse stand). Der schnelle Sieg &uuml;ber Saddam Hussein erzeugte eine Euphorie und die Illusion, die gesamte Region nach US-amerikanischen Vorstellungen umgestalten zu k&ouml;nnen. In der Realit&auml;t geschah das Gegenteil: Die Region wurde unsteuerbar, w&auml;hrend Kr&auml;fte erstarkten, die zuvor au&szlig;erhalb der strategischen Kalkulation standen. Paradoxerweise erm&ouml;glichte gerade die Zerschlagung des irakischen Regimes den Aufstieg des Irans, der schlie&szlig;lich zum heutigen Konflikt f&uuml;hrte.<\/p><p>Sollte der Iran infolge der jetzigen Aggression transformiert werden, tritt die gesamte Region in eine neue Phase ein. Die Vision von Donald Trump und seinem Umfeld ist simpel: Eine milit&auml;rische Vormachtstellung Israels, gekoppelt mit einer intensiven wirtschaftlichen Kooperation zwischen Israel und den Golfmonarchien &ndash; alles prim&auml;r im Interesse der USA.<\/p><p>In diesem Kalk&uuml;l stellt der Iran das zentrale Hindernis dar &ndash; sowohl als Bedrohung f&uuml;r seine Nachbarn als auch als eigenst&auml;ndiger Machtfaktor mit eigenen Allianzen. Gelingt die Zerschlagung oder massive Schw&auml;chung des Irans in seiner jetzigen Form, scheint dieser milit&auml;risch-kommerzielle Plan aufzugehen.<\/p><p>Doch die Lehren aus dem Irak-Krieg sollten als Warnung dienen. Der Iran ist ein zu gewichtiger, historisch verwurzelter Staat des Mittleren Ostens, als dass solche geopolitischen Experimente reibungslos verlaufen k&ouml;nnten. Trump soll Berichten zufolge lange gez&ouml;gert haben, bevor er sich zur Kriegserkl&auml;rung durchrang. Berater und Interessengruppen &uuml;berzeugten ihn jedoch mit der Aussicht auf enorme Profite: Nicht nur die Kontrolle &uuml;ber die Golfregion, sondern ein direkter Einflusskorridor vom Kaukasus bis nach Zentral- und S&uuml;dasien. Dies verspricht kommerzielle M&ouml;glichkeiten in einer neuen Gr&ouml;&szlig;enordnung &ndash; ein Aspekt, der f&uuml;r das Weltbild Trumps und seiner Entourage entscheidend ist. Doch was auf dem Papier logisch erscheint, deckt sich in der harten Realit&auml;t selten mit dem geplanten Verlauf.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Das allgemeine Res&uuml;mee f&auml;llt so ern&uuml;chternd wie unoriginell aus: Die Weltpolitik setzt verst&auml;rkt auf nackte Gewalt und erzwungene Unterwerfung. Alles andere sinkt zur Nebensache herab. Selbst die heuchlerischen moralischen oder ideologischen Vorw&auml;nde finden kaum noch Verwendung. Die Bewertung dieser Entwicklung obliegt dem Einzelnen. Doch eine Ignoranz gegen&uuml;ber diesen Fakten ist nicht l&auml;nger m&ouml;glich.<\/p><p><em>Ver&ouml;ffentlicht in der <a href=\"https:\/\/rg.ru\/2026\/03\/01\/vyhod-na-novyj-uroven.html?utm_referrer=https%3A%2F%2Fglobalaffairs.ru%2F\">Rossijskaja Gaseta<\/a>.<\/em><\/p><p><em><strong>Fjodor Lukjanow<\/strong>: Chefredakteur der Zeitschrift &bdquo;Russland in der globalen Politik&ldquo; seit 2002, Vorsitzender des Pr&auml;sidiums des Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik sowie Forschungsdirektor des Waldai-Klubs und Professor an der Higher School of Economics.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: artemegorovv \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/9c070b8fb4ba49818378674970fb9f72\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Krieg gegen den Iran droht das internationale Chaos weiter zu versch&auml;rfen. 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