{"id":14711,"date":"2012-10-11T09:30:09","date_gmt":"2012-10-11T07:30:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14711"},"modified":"2015-05-02T09:40:36","modified_gmt":"2015-05-02T07:40:36","slug":"der-spiegel-und-die-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14711","title":{"rendered":"Der SPIEGEL und die Inflation"},"content":{"rendered":"<p>Immer wenn man denkt, es geht <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14074\">nicht schlimmer<\/a>, wei&szlig; der SPIEGEL einen in steter Regelm&auml;&szlig;igkeit vom Gegenteil zu &uuml;berzeugen. Vom Online-Ableger des ehemaligen Nachrichtenmagazins ist man in Sachen Niveau-Limbo ja schon einiges gewohnt. Mit der Titelgeschichte &bdquo;Vorsicht Inflation!&ldquo; &ndash; Unterzeile &bdquo;Die schleichende Enteignung der Deutschen&ldquo; &ndash; hat die alt-ehrw&uuml;rdige Print-Mutter der boulevardesken Online-Tochter im Wettbewerb um den schlechtesten Wirtschafts-Artikel jedoch nun den Kampf angesagt. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nAls Journalist hat man es nicht leicht, wenn die Chefredaktion anruft und sagt, man solle doch mal einen echten Knaller zum Thema &bdquo;Inflation&ldquo; schreiben, so dass die Leser einem das Blatt f&ouml;rmlich aus der Hand rei&szlig;en. Seit Einf&uuml;hrung des Euro liegt die Inflationsrate in Deutschland bei bescheidenen 1,6% und auch f&uuml;r die n&auml;here Zukunft sehen selbst die Inflationswarner der EZB noch nicht einmal ein Inflationsw&ouml;lkchen <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/news\/wirtschaftsticker\/asmussen-inflation-in-eurozone-sinkt-2013-unter-zwei-prozent_aid_833835.html\">am Horizont<\/a>. Dass passt nat&uuml;rlich so ganz und gar nicht ins Bild der schreibenden Zunft, schlie&szlig;lich hat man doch &uuml;ber Jahre hinweg von den Personen, die man selbst zu Koryph&auml;en hochgeschrieben hat, geh&ouml;rt, dass auf eine Geldpolitik der quantitativen Lockerung, wie sie nun schon seit Beginn der Finanzkrise von den gro&szlig;en Notenbanken verfolgt wird, auch zwingend eine Inflation folgen muss. Nun k&ouml;nnte es freilich ja auch sein, dass diese &bdquo;Koryph&auml;en&ldquo; falsch liegen, aber dann m&uuml;sste man sich als Journalist ja schlussendlich auch eingestehen, dass man selbst jahrelang von Scharlatanen benutzt wurde und die Leser mit Unwahrheiten in die Irre gef&uuml;hrt hat. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, hat sich der SPIEGEL nun &bdquo;folgerichtig&ldquo; entschieden, in die Vorneverteidigung zu gehen und seinen Lesern zu erkl&auml;ren, warum sie bereits jetzt durch die EZB-Politik &bdquo;schleichend enteignet werden&ldquo;. Man kann sich bereits denken, was dabei herausgekommen ist.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissen.spiegel.de\/wissen\/titel\/SP\/2012\/41\/300\/titel.jpg\" alt=\"SPIEGEL: Vorsicht, Inflation\" title=\"SPIEGEL: Vorsicht, Inflation\"><\/p><p><strong>Wir basteln uns eine Inflation<\/strong><\/p><p>Es gibt zwei Bereiche, in denen in letzter Zeit in der Tat h&ouml;here Preissteigerungen feststellbar sind &ndash; bei den Kosten f&uuml;r Energie und bei verschiedenen Anlageprodukten. Selbst der SPIEGEL hat es erwartungsgem&auml;&szlig; nicht geschafft, einen &bdquo;&Ouml;konomen&ldquo; aufzutreiben, der einen schl&uuml;ssigen Zusammenhang zwischen dem Persilschein, den die Stromoligopolisten durch die Privatisierung erhalten haben, und der EZB-Politik herzustellen. Bei der &bdquo;Preisrallye&ldquo; am &Ouml;lmarkt sieht es kaum besser aus. Die spekulationsbedingten Preissteigerungen sind nun einmal nur schwerlich mit Mario Draghis Anleihenkaufprogrammen in Verbindung zu bringen. F&uuml;r die Hauptfaktoren, die daf&uuml;r sorgen, dass die Verbraucherpreise in Deutschland &uuml;berhaupt den EZB-Schwellenwert von 2,0% tangieren, ist demnach selbst mit gr&ouml;&szlig;ten intellektuellen Verdrehungen kein Zusammenhang mit der EZB-Politik herzustellen.<\/p><p>Vermeintlich anders sieht es bei den Preissteigerungen f&uuml;r Anlageprodukte aus. Es ist nicht abzustreiten, dass wir momentan Zeuge einer echten &bdquo;Asset Inflation&ldquo; sind &ndash; nicht nur die Preise f&uuml;r bestimmte Immobilien, auch die Preise f&uuml;r Edelmetalle und Kunstwerke steigen unaufh&ouml;rlich. In einer tiefen wirtschaftlichen Krise w&auml;re alles andere auch erstaunlich. Zu den Nebeneffekten einer Wirtschaftskrise geh&ouml;rt nun einmal, dass sowohl von den Privathaushalten wie von den Unternehmen weniger Kredite nachgefragt werden, und wo weniger investiert wird, gibt es naturgem&auml;&szlig; auch weniger realwirtschaftliche Investitionsm&ouml;glichkeiten. Banken genie&szlig;en mittlerweile die Vertrauensw&uuml;rdigkeit eines H&uuml;tchenspielers und leihen sich noch nicht einmal mehr untereinander Geld, warum sollten Privatleute ihnen dann Geld leihen? Im klassischen Anlagesektor bleibt da eigentlich nur die festverzinste Staatsanleihe &uuml;brig. Anleihen aus Staaten, die als sicher und solvent gelten, sind momentan derart gefragt, dass in vielen F&auml;llen sogar reale Negativzinsen verlangt werden k&ouml;nnen. Und da die europ&auml;ische Politik sich beharrlich weigert, die Sicherheit von Anleihen der s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten zu garantieren, gelten diese zu recht als unsicher. Dies f&uuml;hrt dazu, dass Verm&ouml;gende ihre freien Geldmittel auch aus Mangel an Alternativen in sogenannte &bdquo;Sachwerte&ldquo; stecken und die Preise f&uuml;r diese Anlagen nach den Regeln von Angebot und Nachfrage steigen. <\/p><p><strong>Dabei ist die Erkl&auml;rung doch eigentlich sehr einfach<\/strong><\/p><p>Mit der EZB-Politik hat diese &bdquo;Asset Inflation&ldquo; jedoch herzlich wenig zu tun. Zumindest mir ist kein Fall bekannt, in dem eine spanische Bank die Kredite aus dem LTRO-Fenster der EZB daf&uuml;r verwendet h&auml;tte, einen echten Rubens f&uuml;rs Portfolio zu erwerben. Auch der SPIEGEL scheint trotz sicherlich intensiver Recherche hier keinen Zusammenhang gefunden zu haben. Daher interpretiert er die steigenden Preise f&uuml;r Anlageprodukte als &bdquo;Schutz vor Inflation&ldquo; und liegt damit noch nicht einmal sonderlich falsch. Nat&uuml;rlich hat ein Verm&ouml;gender kein gesteigertes Interesse daran, sein Geld zu horten und damit einen ziemlich sicheren Inflationsverlust von rund 2% pro Jahr hinzunehmen. Das ist alles sehr verst&auml;ndlich, hat jedoch nichts mit abstrakten Geldmengen oder gar der EZB-Politik zu tun. Die &bdquo;Asset Inflation&ldquo; ist eine Folge der Krise und keine Folge der EZB-Politik. Um diese Form von Inflation, die Otto Normalverbraucher &uuml;berhaupt nicht tangiert, zu bek&auml;mpfen, g&auml;be es ein &bdquo;einfaches&ldquo; Rezept. Man muss &bdquo;nur&ldquo; daf&uuml;r sorgen, dass die Haushalte wieder mehr G&uuml;ter nachfragen, die Konjunktur anspringt und wieder mehr Kredite nachgefragt werden. Dann k&ouml;nnen die Verm&ouml;genden ihr Geld wieder renditeorientiert verleihen und m&uuml;ssen es nicht in Goldbarren und Gem&auml;lde stecken. Aber dieser simple Zusammenhang stellt f&uuml;r die SPIEGEL-Redaktion offenbar ein Buch mit sieben Siegeln dar.<\/p><p>Der SPIEGEL schreibt stattdessen bereits in der &Uuml;berschrift etwas von &bdquo;kalter Enteignung&ldquo;. Da die These der Enteignung durch Inflation ja nicht durch Zahlen zu untermauern ist, schreibt der SPIEGEL dann auch von einer &bdquo;stillen&ldquo;, einer &bdquo;schleichenden&ldquo; Enteignung. Da diese Enteignung ja still und schleichend ist, muss man sie offenbar auch nicht nachweisen. Stattdessen macht man lieber das ganz gro&szlig;e Fass auf und &uuml;berschreibt den Artikel als &bdquo;die Geschichte einer perfiden(sic!) Umverteilung von unten nach oben(sic!)&ldquo; Da stellt sich unweigerlich doch die Frage, wer hier was von unten nach oben umverteilt? Nat&uuml;rlich, die Politik der letzten zwei Jahrzehnte war und ist auf eine Umverteilung von unten nach oben ausgelegt. Aber selbst einem SPIEGEL-Redakteur d&uuml;rfte doch klar sein, dass es f&uuml;r die Umverteilung vollkommen unerheblich ist, ob ein Rubens nun 100.000 oder eine Million Euro kostet und zu welchem Preis ein Goldbarren gehandelt wird. Zu einer Umverteilung kommt es erst dann, wenn beispielsweise die steigenden Immobilienpreise daf&uuml;r sorgen, dass auch die Kaltmieten steigen. Eine solche Steigerung w&auml;re jedoch Bestandteil der offiziellen Inflationsmessung und ist &uuml;berdies in der Breite nur im normalen Ma&szlig;stab <a href=\"http:\/\/www1.karlsruhe.de\/Stadtentwicklung\/siska\/sgt\/sgt14200.htm\">feststellbar<\/a>. Von einer perfiden Umverteilung kann hier wirklich nicht die Rede sein, da gibt es vor allem bei der sehr realen Praxis der fortgesetzten Bankenrettung auf Steuerzahlerkosten eine wesentlich perfidere Umverteilung von unten nach oben. <\/p><p>Es leuchtet ferner nicht ein, warum der SPIEGEL eine &bdquo;Asset Inflation&ldquo; &uuml;berhaupt als &bdquo;Enteignung&ldquo; bezeichnet. Wenn beispielsweise der Preis f&uuml;r einen Rubens oder einen Goldbarren in die H&ouml;he steigt, wird niemand enteignet. Zu einem Handel geh&ouml;ren auch immer zwei Parteien, eine die kauft, eine die verkauft. Wenn eine Blase entsteht, die sp&auml;ter platzt, m&uuml;ssen diejenigen hohe Verluste verbuchen, die bei zu hohen Kursen gekauft haben. Dies k&ouml;nnten schon wenig sp&auml;ter genau diejenigen sein, die SPIEGEL und Co. jetzt in solche Anlageformen treiben. Dann wird aus der Enteignung, auch wenn dieses Wort nicht sonderlich passend ist, eine selbsterf&uuml;llende Prophezeiung. <\/p><p><strong>T&uuml;ckische Tricks<\/strong><\/p><p>Laut SPIEGEL hat die &bdquo;schleichende Inflation eine bet&auml;ubende Wirkung&ldquo;, da man sie schlichtweg nicht merkt. Sie ist &bdquo;noch verhalten, aber un&uuml;bersehbar und t&uuml;ckisch&ldquo;.  Selten hat man so einen Unsinn in einer deutschen Zeitung gelesen. Zu echter H&ouml;chstform l&auml;uft der SPIEGEL jedoch auf, wenn er sich am Spin versucht, die &bdquo;Asset Inflation&ldquo; doch irgendwie auf die EZB-Politik zu schieben. Da liest man dann Folgendes:<\/p><blockquote><p>Der Trick funktioniert so: Die Zentralbank kauft Anleihen des Staates und dr&uuml;ckt die Zinsen auf diese Weise unter die Inflationsrate. Das bedeutet: Die Geldentwertung ist gr&ouml;&szlig;er als der Zuwachs aus Zinsen, die Realzinsen werden negativ. Anders gesagt: Die Inflation frisst das Verm&ouml;gen. Oder noch schlichter: Wer spart, ist der Dumme.<\/p><\/blockquote><p>Diese Erkl&auml;rung ist freilich selbst sehr schlicht &hellip; und falsch. Die EZB kauft &uuml;ber ihr Anleihenkaufprogramm nur Anleihen der Staaten, die aufgrund des hohen Zinses ein Problem mit der Staatsfinanzierung haben. Deutsche Staatsanleihen wurden und werden von der EZB nicht gekauft. Man k&ouml;nnte sich nun trefflich dar&uuml;ber streiten, wer daf&uuml;r verantwortlich ist, dass die Zinsen f&uuml;r deutsche Staatsanleihen derart niedrig sind. Hei&szlig;e Kandidaten w&auml;ren die Banken, die durch ihre Zockerei im Finanzcasino als sicherer Schuldner ausgefallen sind, und die &bdquo;Euro-Rettungspolitik&ldquo;, die daf&uuml;r sorgt, dass nur sehr wenige Staaten als sichere Schuldner gelten &ndash; das EZB-Anleihenkaufprogramm f&uuml;r die niedrigen Zinsen bei deutschen Staatsanleihen verantwortlich zu machen, ist schon tolldreist und fern jeglichen &ouml;konomischen Sachverstands.<\/p><p><strong>Pimco &ndash; der gro&szlig;e Einfl&uuml;sterer im Hintergrund<\/strong><\/p><p>Auf wessen Mist der ganze Inflations-Artikel des SPIEGEL gewachsen ist, erkennt man schnell, wenn man zwischen den Zeilen liest. Gleich mehrfach wird zur &bdquo;Untermauerung&ldquo; der eigenen Thesen ein gewisser Herr Bosomworth vom Anleiheninvestor Pimco zitiert. Man muss Herrn Bosomworth schon ein echtes Kompliment machen &ndash; selten hat es ein PR-Agent verstanden, die Medien derart an der Nase <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13968#h06\">herumzuf&uuml;hren<\/a>. Pimco geh&ouml;rt zu den ganz gro&szlig;en Spielern auf dem Anleihenmarkt. Welche Positionen Pimco h&auml;lt, ist nicht bekannt. Die Aussagen der Pimco-Verantwortlichen legen jedoch nahe, dass Pimco sehr massiv gegen Euro-Anleihen spekuliert. W&auml;re es anders, w&auml;ren Bosomworths &Auml;u&szlig;erungen im h&ouml;chsten Ma&szlig;e gesch&auml;ftssch&auml;digend. Nun w&auml;re es sicher falsch, Herrn Bosomworth einen Vorwurf zu machen, er macht schlie&szlig;lich auch nur seinen Job. Anders sieht es bei den verantwortlichen SPIEGEL-Journalisten aus. Deren Job sollte es eigentlich nicht sein, f&uuml;r Pimco PR zu betreiben und auf Dummenfang zu gehen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/cdda05290b6b4daf970590c7fba89682\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wenn man denkt, es geht <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14074\">nicht schlimmer<\/a>, wei&szlig; der SPIEGEL einen in steter Regelm&auml;&szlig;igkeit vom Gegenteil zu &uuml;berzeugen. Vom Online-Ableger des ehemaligen Nachrichtenmagazins ist man in Sachen Niveau-Limbo ja schon einiges gewohnt. 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