{"id":14714,"date":"2012-10-12T09:03:30","date_gmt":"2012-10-12T07:03:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14714"},"modified":"2015-05-02T09:42:03","modified_gmt":"2015-05-02T07:42:03","slug":"zuschussrente-furs-finanzkapital","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14714","title":{"rendered":"Zuschussrente f\u00fcrs Finanzkapital"},"content":{"rendered":"<p>GeringverdienerInnen, die bei Renteneintritt ab 2023 45 Versicherungsjahre (bis 2022: 40 Jahre), davon mindestens 35 Jahre (bis 2022: 30 Jahre) mit Pflichtbeitrags-und Kinderber&uuml;cksichtigungszeiten nachweisen &ndash; wobei Zeiten der Erwerbslosigkeit nicht mitz&auml;hlen -, sollen nach dem Willen von Ursula von der Leyen eine beitragsfinanzierte &bdquo;Zuschussrente&ldquo; von der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) erhalten, die ihre Armutsrente auf maximal 850 Euro brutto aufstockt, soweit kein anderweitiges ausreichendes Haushaltseinkommen vorliegt.<br>\n&Ouml;ffentlich weniger bekannt ist bislang die weitere Voraussetzung des Gesetzentwurfs, dass ab dem Rentenzugangsjahr 2019 f&uuml;nf Jahre Privatvorsorge (&bdquo;Riester&ldquo;, oder Entgeltumwandlung\/Betriebsrente) nachzuweisen w&auml;ren. Danach stiege die Zahl der erforderlichen Privatvorsorgejahre allj&auml;hrlich um ein weiteres Jahr, bis ab 2049 35 Privatvorsorgejahre n&ouml;tig sind &ndash; ebenso viele, wie Beitragsjahre zur gesetzlichen Pflichtversicherung. W&uuml;rde dies Gesetz, h&auml;tten alle, die voraussichtlich von Altersarmut bedroht sind und die meist noch keinen Privatvorsorgevertrag haben, h&ouml;chstens bis Ende 2014 Zeit, einen solchen abzuschlie&szlig;en. Die Verabschiedung des Gesetzes w&auml;re der Startschuss f&uuml;r eine Werbeoffensive der privaten Versicherungswirtschaft: &bdquo;Jetzt Anspruch auf Zuschussrente sichern!&ldquo;. Von <strong>Daniel Kreutz<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14714&amp;preview=true\/#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><\/p><p>Zwar w&uuml;rden viele der Angesprochenen mit erh&ouml;htem Altersarmutsrisiko beim Blick ins Portemonnaie nur erneut feststellen, dass dort trotz aller Werbeheftchen nichts ist, wovon sie die Pr&auml;mien bezahlen k&ouml;nnten. Doch andere, die es sich (noch) leisten k&ouml;nnen, w&uuml;rden wohl zugreifen: sicher ist sicher. So g&auml;be es einen neuen Schub beim Abschluss von Privatvorsorgevertr&auml;gen, der dem Kapitalmarkt frische Milliarden aus den Taschen der Versicherten und aus staatlicher F&ouml;rderung zuflie&szlig;en lie&szlig;e. Das ist der Effekt, zu dem von der Leyens &bdquo;Zuschussrente&ldquo; tats&auml;chlich taugen k&ouml;nnte.<\/p><p>Nebenbei w&uuml;rde die GRV noch mit einer Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung, einer Anrechnung von Partnereinkommen und einer (eingeschr&auml;nkten) &bdquo;Bedarfsgemeinschaft&ldquo; &bdquo;verhartzt&ldquo;. Solche Elemente des F&uuml;rsorgerechts sind im Versicherungssystem systemfremd und haben dort nichts verloren. Und indem bei der Zuschussrente Pflichtbeitr&auml;ge durch Kinderbetreuungs- und Pflegezeiten um 150 % h&ouml;her bewertet w&uuml;rden, ohne solche Zeiten dagegen nur um 50%, w&uuml;rde die GRV mit neuen Gerechtigkeits- und Legitimationsproblemen belastet. <\/p><p>Man mag es Frau von der Leyen als Verdienst anrechnen, die fr&uuml;heren Bem&uuml;hungen der Mainstream-Politik, die heraufziehende massenhafte Altersarmut wenn nicht weg-, so doch zumindest kleinzureden, endg&uuml;ltig erledigt zu haben &ndash; n&auml;mlich mit der &bdquo;Schock-Tabelle&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14316\">BILD am Sonntag<\/a>) ihres Ministeriums &uuml;ber die Rente ab 2030 auf Basis &bdquo;normaler&ldquo; Stundenl&ouml;hne von 10,80 Euro aufw&auml;rts. Zur Abwehr der gro&szlig;en Gefahr einer weit verbreiteten Altersarmut ist ihre Zuschussrente indes g&auml;nzlich untauglich. Zum einen, weil die allermeisten von Altersarmut Gef&auml;hrdeten durch die hohen Zugangsvoraussetzungen au&szlig;en vor blieben. Zum anderen, weil die Absenkung des Rentenniveaus auf 43 % im Jahre 2030 von der Netto-Zuschussrente von derzeit 762 Euro am Ende nur 643 Euro &ndash; weniger als den durchschnittlichen Grundsicherungsbedarf &ndash; &uuml;brig lie&szlig;e. Nicht Gering-, sondern DurchschnittsverdienerInnen ben&ouml;tigen dann voraussichtlich rund 37 Beitragsjahre f&uuml;r eine Nettorente auf Grundsicherungsniveau. Und schlie&szlig;lich beginnt Einkommensarmut (weniger als 60 % des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens) nicht erst dort, wo der Grundsicherungsbedarf unterschritten wird. Wo die Mieten sehr hoch sind, k&ouml;nnen allein Lebende schon heute einen Grundsicherungsbedarf von 850 Euro haben. <\/p><p>Von der Leyens Versprechen, dass sich dauerhafte Privatvorsorge f&uuml;r Geringverdiener &bdquo;in jedem Fall auszahlt&ldquo;, bliebe uneingel&ouml;st. Das Risiko, am Ende nur &bdquo;f&uuml;r den Staat&ldquo; geriestert zu haben, weil die Riester-Rente auf die Grundsicherung angerechnet wird, best&uuml;nde fort. F&uuml;r die Anbieter von Privatvorsorgeprodukten ist dies ein &auml;rgerliches Marketing-Handicap. Sie h&auml;tten durchaus Interesse an einer &bdquo;Mindest-Rente&ldquo; der GRV oberhalb des Grundsicherungsniveaus. Denn erst wenn so die Privatvorsorge garantiert anrechnungsfrei bliebe, k&ouml;nnten sie glaubhaft machen, dass &bdquo;Riestern&ldquo; sich f&uuml;r alle GeringverdienerInnen &bdquo;lohne&ldquo;. Allerdings steht die Politik, Frau von der Leyen eingeschlossen, dabei vor dem Problem, dass die Legitimit&auml;t der GRV als Pflichtversicherung futsch ist, wenn bereits mit relativ geringen eigenen Beitragsleistungen ein Mindestrentenanspruch erreicht wird, f&uuml;r den man auf normalem Weg ansonsten mehrere Jahrzehnte Pflichtbeitr&auml;ge bezahlen muss. <\/p><p>Die kommende Altersarmut tr&auml;gt vor allem die Namen Riester und Hartz. Zwecks Privatisierung der Alterssicherung zugunsten der Arbeitgeber und der Finanzm&auml;rkte wurde mit Riester die Senkung des Rentenniveaus eingeleitet. Und die &bdquo;neue Zumutbarkeit&ldquo; und die Verpflichtung zur Senkung des Hartz IV-Bedarfs durch Annahme von Billig-Jobs entfesselte den Niedrig- und Armutslohnsektor, in dem auch mit Vollzeitarbeit kein Rentenanspruch oberhalb des F&uuml;rsorgeniveaus zu erwerben ist. Wer die mit Riester und Hartz ge&ouml;ffneten Schleusen nicht schlie&szlig;en will, soll von der Bek&auml;mpfung der Altersarmut schweigen. <\/p><p>Das betrifft ebenso das &bdquo;Alternativkonzept&ldquo; von SPD-Chef Sigmar Gabriel, der denjenigen, die 40 Versicherungs- und 30 Beitragsjahre nachweisen k&ouml;nnen, eine steuerfinanzierte &bdquo;Solidar-Rente&ldquo; von ebenfalls 850 Euro garantieren will. Tats&auml;chlich ist die nicht als &bdquo;Rente&ldquo;, sondern &ndash; insoweit systemgerechter &ndash; als &bdquo;zweite Stufe&ldquo; der Altersgrundsicherung gedacht. Wie von der Leyen (und die gr&uuml;nen Riester-Mitt&auml;terInnen) bekr&auml;ftigt Gabriel die Unumkehrbarkeit der Rentenniveau-Senkung. Zwar sucht er die Debatte zu nutzen, um die SPD beim &bdquo;Thema&ldquo; Mindestlohn zu profilieren. Doch auf einen Mindestlohn, mit dem zumindest eine &bdquo;grundsicherungsfeste&ldquo; Rente erreichbar w&auml;re, zielt er nicht. Denn der m&uuml;sste heute bei 9,30 Euro liegen und bis 2025 auf &uuml;ber 15 Euro steigen, um die Niveau-Senkung kompensieren zu k&ouml;nnen. Stattdessen will Gabriel weitere 2 % des steuerpflichtigen Bruttolohns in eine obligatorische kapitalmarktbasierte Betriebsrente einspeisen. Dies sei eine &bdquo;Nachjustierung&ldquo; der &bdquo;grunds&auml;tzlich richtigen&ldquo; Kombination von umlagefinanzierter und kapitalgedeckter Alterssicherung. Die Gewerkschaften sollen &bdquo;tarifliche Regelungen zur F&ouml;rderung der Entgeltumwandlung&ldquo; durchsetzen &ndash; und damit dem Kapitalmarkt die Kohle besorgen. Am Rande auch bemerkenswert: der von der SPD zwischenzeitlich geltend gemachte Vorbehalt gegen die Rente ab 67, wonach zun&auml;chst eine Besch&auml;ftigungsquote der &Auml;lteren von 50 % erreicht werden m&uuml;sse, taucht in Gabriels Rentenkonzept nicht mehr auf. <\/p><p>Mit &bdquo;Zuschussrente&ldquo; und &bdquo;Solidar-Rente&ldquo; zeichnet sich ein neuer gro&szlig;koalition&auml;rer Richtungskonsens in der Alterssicherungspolitik ab. Unter dem Vorwand, die Altersarmut bek&auml;mpfen zu wollen, zielt er auf die vorrangige St&auml;rkung der Versicherungswirtschaft bei fortgesetztem Niedergang und Legitimationsverlust der gesetzlichen Rentenversicherung. Die Gr&uuml;nen, die am Konzept einer &bdquo;Garantierente&ldquo; von &bdquo;mindestens&ldquo; 850 Euro basteln, haben sich &ndash; durchaus traditionsgem&auml;&szlig; &ndash; erstmal zwischen Gabriel und von der Leyen positioniert und w&auml;ren im Ernstfall fraglos mit von der Partie. <\/p><p>Nochmals: Ohne &Uuml;berwindung von Riester und Hartz, also ohne R&uuml;ckkehr zu einem den Lebensstandard sichernden, lohnbezogenen Rentenniveau und ohne &Uuml;berwindung von Niedrigl&ouml;hnen und prek&auml;rer Besch&auml;ftigung, ist gegen die k&uuml;nftig wachsende Altersarmut und F&uuml;rsorgeabh&auml;ngigkeit kein Kraut gewachsen. Alle rentenrechtlichen Instrumente zur Anhebung der Rentenanspr&uuml;che von GeringverdienerInnen, insbesondere durch H&ouml;herbewertung von Beitragszeiten (z. B. &bdquo;Rente nach Mindestentgeltpunkten&ldquo;), laufen im Zuge der programmierten Niveausenkung der gesetzlichen Rente auf 43 Prozent der durchschnittlichen Nettobez&uuml;ge ins Leere. Sie k&ouml;nnen die erhofften Wirkungen auf Dauer nur entfalten, wenn wieder ein anst&auml;ndiges Sicherungsniveau durch die gesetzliche Rente gew&auml;hrleistet ist. Doch auch dann &ndash; und nach Einf&uuml;hrung eines armutsfesten Mindestlohns und angemessener Rentenbeitr&auml;ge f&uuml;r Erwerbslose &ndash; braucht es solche Instrumente, um insbesondere die Folgen von bereits zur&uuml;ckliegenden Niedriglohn- und Erwerbslosigkeitszeiten zu bew&auml;ltigen. <\/p><p>Da im Bundestag allein die Linksfraktion eine Politik f&uuml;r den Wiederaufbau von GRV und Sozialstaat verfolgt, k&ouml;nnen Wahlen auf absehbare Zeit keinen sozialen Richtungswechsel herbeif&uuml;hren. Damit bleibt uns nur die Option, mittels Entwicklung starker sozialer Bewegungen die neoliberalen Kurs in die Privatisierung der Altersvorsorge im Interesse des Finanzkapitals zu stoppen, um uns &ndash; der Jugend zumal &ndash; Lebensperspektiven in sozialer Sicherheit neu zu erstreiten. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Daniel Kreutz war von 1990 bis 2000 Abgeordneter des nordrhein-westf&auml;lischen Landtags f&uuml;r B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen. Anschlie&szlig;end war er bis 2010 Referent f&uuml;r Sozialpolitik beim Sozialverband Deutschland (SoVD) e.V., Landesverband NRW. Er ist u.a. Mitglied der Fachkonferenz Sozialberichterstattung beim Ministerium f&uuml;r Arbeit, Integration und Soziales NRW.<\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Info-Kasten:<\/strong><\/p><p>Im Rentenbestand der alten Bundesl&auml;nder (31.12.2011) <\/p><ul>\n<li>erhalten 50 % der Frauen und 25 % der M&auml;nner Versichertenrenten (alle Rentenarten au&szlig;er Hinterbliebenenrenten) unter 601 Euro.<\/li>\n<li>betr&auml;gt die durchschnittliche Regelaltersrente der Frauen 353 Euro, der M&auml;nner 746 Euro.<\/li>\n<li>erreichten nur 5 % der Frauen und 43 % der M&auml;nner 45 Versicherungsjahre;<br>\n40 Versicherungsjahre erreichten 21 % der Frauen und 72 % der M&auml;nner.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GeringverdienerInnen, die bei Renteneintritt ab 2023 45 Versicherungsjahre (bis 2022: 40 Jahre), davon mindestens 35 Jahre (bis 2022: 30 Jahre) mit Pflichtbeitrags-und Kinderber&uuml;cksichtigungszeiten nachweisen &ndash; wobei Zeiten der Erwerbslosigkeit nicht mitz&auml;hlen -, sollen nach dem Willen von Ursula von der Leyen eine beitragsfinanzierte &bdquo;Zuschussrente&ldquo; von der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) erhalten, die ihre Armutsrente auf maximal<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14714\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[39,40],"tags":[635,401,273,626],"class_list":["post-14714","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rente","category-riester-ruerup-taeuschung-privatrente","tag-altersarmut","tag-gabriel-sigmar","tag-privatvorsorge","tag-von-der-leyen-ursula"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14714","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14714"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14714\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14724,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14714\/revisions\/14724"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14714"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14714"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14714"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}