{"id":14732,"date":"2012-10-15T16:20:10","date_gmt":"2012-10-15T14:20:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14732"},"modified":"2015-05-02T09:46:15","modified_gmt":"2015-05-02T07:46:15","slug":"lugenpack-ist-das-skandieren-dieses-vorwurfs-zu-viel-des-guten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14732","title":{"rendered":"\u201eL\u00fcgenpack!\u201c\u2013 Ist das Skandieren dieses Vorwurfs zu viel des Guten?"},"content":{"rendered":"<p>Man k&ouml;nnte es meinen, wenn man an eine normale politische Auseinandersetzung und an demokratische Regeln denkt. Jedenfalls sind Trillerpfeifen und Sprechch&ouml;re mit der Botschaft &bdquo;L&uuml;genpack&ldquo;, wie sie bei der Kundgebung mit Angela Merkel und dem Stuttgarter OB Kandidaten Sebastian Turner am vergangenen Freitag <a href=\"http:\/\/cams21.de\/12-10-12-angela-merkel-in-stuttgart\/\">zu sehen und zu h&ouml;ren<\/a> waren, nicht die Art der politischen Auseinandersetzung, die wir uns w&uuml;nschen m&uuml;ssten. Aber diese Sprechch&ouml;re und Trillerpfeifen sind die &ndash; vielleicht hilflose &ndash; Antwort auf eine Politik gegen die Interessen der Mehrheit unseres Volkes bei gleichzeitiger &Uuml;berlagerung dieser Politik mit Propaganda. Angela Merkel und der OB Kandidat Turner sind Symbole f&uuml;r diese Entwicklung. Deshalb sind die st&ouml;renden Sprechch&ouml;re mit der Hauptbotschaft &bdquo;L&uuml;genpack&ldquo; verst&auml;ndlich und treffend. Ich muss diese Einsch&auml;tzung erl&auml;utern. <strong>Albrecht M&uuml;ller.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Fangen wir mit Stuttgart und seinem Gro&szlig;projekt Stuttgart 21 an: <\/strong><\/p><p>Was sollen die Gegner von Stuttgart 21 noch anderes rufen? Sie sind hingehalten und belogen worden und man hat durch den Abriss von Teilen des Bahnhofs Fakten geschaffen, die jede Revision unm&ouml;glich machen &ndash; auch dann, wenn die Kosten weit &uuml;ber die gesetzten Grenzen hinweg steigen oder gravierende M&auml;ngel wie beim Brandschutz bekannt werden. (Siehe z.B. <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/wirtschaft\/news\/brandschutzmaengel-bei-stuttgart-21-s21-das-groesste-sicherheitsrisiko-des-landes-1908184.html\">hier<\/a>). Das Projekt verdankt seine Durchsetzung gro&szlig;en Interessen und einer professionellen wenn auch verlogenen Agitation &ndash; wie etwa der Behauptung, an der Durchsetzung von Stuttgart 21 zeige sich Deutschlands Zukunftsf&auml;higkeit.<\/p><p><strong>OB Kandidat Turner ist einer der Erfinder der Propagandaorganisation &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die laute Demonstration in Stuttgart galt nicht nur den Bef&uuml;rwortern von Stuttgart 21 und Angela Merkel, sondern auch dem CDU-Kandidaten f&uuml;r die OB-Wahl, Sebastian Turner. Er ist einer der Erfinder der Propagandaorganisation &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM). (Siehe hier: <a href=\"http:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/no_cache\/newsartikel\/2012\/10\/der-meister-des-grossen-geldes\/?print=1\">&bdquo;Der Meister des gro&szlig;en Geldes&ldquo;<\/a>) Sie wurde am 12. Oktober des Jahres 2000 von den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie auf Empfehlung von Turners Werbeagentur Scholz &amp; Friends aus der Taufe gehoben und damals als erstes f&uuml;r f&uuml;nf Jahre mit 100 Millionen ausgestattet. Mit diesem und weiterem Geld wurde den Deutschen neoliberales Denken anerzogen und ihre damals noch vorhandene Sympathie f&uuml;r Sozialstaatlichkeit zur&uuml;ckgedr&auml;ngt. Alle, die diese Propaganda systematisch und gegen die Interessen der Mehrheit betrieben haben, nennt man mit Recht &bdquo;L&uuml;genpack&ldquo;. Deshalb verdienen die Demonstranten von Stuttgart ein dickes Kompliment. Sie haben den Kern des Vorgangs getroffen.<\/p><p><strong>Der Vorwurf &bdquo;L&uuml;genpack&ldquo; zielt auf die Glaubw&uuml;rdigkeit der herrschenden Kreise<\/strong><\/p><p>Die Demonstranten von Stuttgart haben verstanden: Der sachliche Widerspruch alleine hilft nicht weiter. Die demokratische Willensbildung ist ausgehebelt, weil das Verh&auml;ltnis der Informationsimpulse der herrschenden Kreise zu der von ihrer Politik und ihrer Propaganda betroffenen Mehrheit wie 100:1 sein d&uuml;rfte. Die herrschenden Kreise besitzen &bdquo;BILD&ldquo; und Geld, sie verf&uuml;gen &uuml;ber weite Teile der Lokal- und Regionalpresse wie auch die meisten Fernseh- und H&ouml;rfunksender. Kritische Stimmen oder auch einfach nur Freunde unserer Verfassung und ihres Versprechens von der Sozialstaatlichkeit sind d&uuml;nn ges&auml;t. Sie k&ouml;nnen der Dauerkanonade der neoliberalen Agitation nicht &auml;hnlich viele Informations- und Werbeimpulse entgegensetzen. Deshalb m&uuml;ssen sie die Glaubw&uuml;rdigkeit der Agitatoren der neoliberalen Bewegung in Zweifel ziehen. &bdquo;L&uuml;genpack&ldquo; klingt in normalen b&uuml;rgerlichen, oder auch nur schw&auml;bischen Kreisen vielleicht etwas radikal, aber es sitzt, es trifft den Kern.<\/p><p><strong>Mit der Kandidatur Turners wird der Start einer &bdquo;Revolution von oben&ldquo; sichtbar, die als Dauerindoktrination im Jahre 2000 begann<\/strong><\/p><p>In dem oben verlinkten Artikel in der Wochenzeitung &bdquo;Kontext&ldquo; wird noch einiges n&auml;her beschrieben, was in unserem Zusammenhang von Bedeutung ist: Stuttgarts OB Kandidat Turner versteht sich als Vertreter des gro&szlig;en Geldes. Aber er wei&szlig; auch, dass dies nicht gut ankommt. Also wird eine volkst&uuml;mliche Propaganda gemacht.<br>\nAuch seine Rolle bei der Erfindung und beim Entwurf und der Durchsetzung von Kampagnen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft will er offensichtlich eher im Dunkeln lassen.<br>\nDass Turner jetzt als OB Kandidat in das Scheinwerferlicht der &Ouml;ffentlichkeit tritt und wir endlich auch &uuml;ber den Hintergrund der Gr&uuml;ndung der INSM ein bisschen mehr erfahren, ist begr&uuml;&szlig;enswert. Die INSM ist von den Arbeitgeberorganisationen gegr&uuml;ndet worden und im Hause des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) betreut worden, um das politische Klima in Deutschland zu ver&auml;ndern: f&uuml;r Privatisierung, gegen den Staat, f&uuml;r Flexibilisierung, f&uuml;r die &bdquo;Revolution von oben&ldquo;, wie ich das 2004 in &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; genannt hatte.<\/p><p><strong>Die Gr&uuml;ndung der NachDenkSeiten geht &uuml;brigens auf die Gr&uuml;ndung der INSM zur&uuml;ck.<\/strong><\/p><p>Sie sind ein Versuch, wenigstens ein kleines Gegengewicht gegen die &Uuml;bermacht des gro&szlig;en Geldes zu schaffen. Und wie bei den Sprechch&ouml;ren in Stuttgart war uns von Anfang an klar, dass wir bei der Quantit&auml;t der Informationsimpulse weit unterlegen sein werden und deshalb immer wieder den Versuch machen m&uuml;ssen, die Glaubw&uuml;rdigkeit der m&auml;chtigen Dauerpropaganda zu ersch&uuml;ttern. Das ist auch der Rat an alle jene, die sich in Gespr&auml;chen, in Reden und in Foren mit der &bdquo;Revolution von oben&ldquo; auseinandersetzen und wenigstens noch versuchen wollen, den Rest an Demokratie zu retten, der uns nach dreizehnj&auml;hrigem Wirken der INSM, ihrer Erfinder vom Schlage Turners und den vielen anderen Parallel- und Nachfolgeorganisationen und der so genannten Initiativen geblieben ist.<\/p><p>&Uuml;brigens: Es w&auml;re ganz gut, die NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser im Raum Stuttgart w&uuml;rden alles in ihrer Macht verbliebene tun, um den Erfolg des Agitators des Gro&szlig;en Geldes, Sebastian Turner, zu vereiteln. Das w&auml;re wenigstens ein kleiner Dienst im Sinne demokratischer Verh&auml;ltnisse.<\/p><p><strong>Ein Ansto&szlig; f&uuml;r die Gr&uuml;ndung der INSM war eine Allensbach Umfrage mit dem f&uuml;r das Gro&szlig;e Geld bedr&uuml;ckenden Ergebnis, dass die Mehrheit der Deutschen die Sozialstaatlichkeit und die Rolle des Staates sch&auml;tzte.<\/strong><\/p><p>Hier sind einige der Kernaussagen jener Umfrage dokumentiert. Sie sind einer Brosch&uuml;re des Instituts der deutschen Wirtschaft entnommen, die mit Unterst&uuml;tzung der INSM ver&ouml;ffentlicht wurde. Leider hat die Agitation der INSM die Grundeinstellung vieler Menschen ver&auml;ndert. Das war ja auch das Ziel.<\/p><p><strong>Ergebnisse aus einer Allensbach-Umfrage im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft<\/strong><\/p><blockquote><p>&raquo;Gefragt, was denn an der sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik so besonders sei, entscheiden sich:<\/p>\n<ul>\n<li>40 Prozent der Deutschen f&uuml;r die soziale Absicherung. &rsaquo;Es ist keine reine Marktwirtschaft, sondern ein soziales System, in dem auch den sozial Schw&auml;cheren geholfen wird.&lsaquo;<\/li>\n<li>23 Prozent heben die bessere Funktionsweise der sozialen Marktwirtschaft hervor<\/li>\n<li>20 Prozent verbinden mit der sozialen Marktwirtschaft die Besonderheit, dass &rsaquo;man in diesem System Ideen frei verwirklichen und Unternehmen gr&uuml;nden kann, und man wird nicht vom Staat dirigiert. (&hellip;)&lsaquo;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Festzuhalten bleibt also, dass sich die soziale Sicherheit inzwischen als Markenzeichen in der Marktwirtschaft durchgesetzt hat &ndash; Freiheit und Wettbewerb sind als Werte dagegen in den Hintergrund ger&uuml;ckt. Wenn aber die soziale Absicherung das Wichtigste an der Markwirtschaft in Deutschland ist, dann stellt sich die Frage, wer denn f&uuml;r diese Sicherheit verantwortlich ist.<br>\nF&uuml;r die meisten Deutschen ist die Antwort auf diese Frage klar: der Staat. Und der soll sich, wie die Allensbacher Umfrage zeigt, m&ouml;glichst umfassend um das Wohl des einzelnen B&uuml;rgers k&uuml;mmern.&laquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>&raquo;Der Wunsch nach dem &rsaquo;dritten Weg&lsaquo;:<br>\nSchon mit der &rsaquo;sozialen Marktwirtschaft&lsaquo; haben sich die Deutschen verglichen mit der &rsaquo;freien Marktwirtschaft&lsaquo; z.B. in den USA eine Extrawurst gebraten. Doch selbst die scheint ihnen noch nicht genug zu schmecken. (&hellip;) &ndash; jedenfalls pl&auml;dieren erstaunlich viele und zudem eine steigende Anzahl von Deutschen f&uuml;r den &rsaquo;dritten Weg&lsaquo;.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>&rsaquo;Wir brauchen bei uns im Land eine neue Politik, einen neuen Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus&lsaquo; &ndash; dieser Aussage stimmten 1999 insgesamt 42 Prozent der Deutschen zu, w&auml;hrend nur 34 Prozent diese Notwendigkeit nicht sehen.<br>\nDamit hat sich der Anteil der Bef&uuml;rworter eines &rsaquo;dritten Weges&lsaquo; innerhalb nur eines einzigen Jahres um fast ein Drittel erh&ouml;ht.<br>\nUnd das nicht nur in den neuen Bundesl&auml;ndern (von 43 auf 56 Prozent), sondern auch in den alten L&auml;ndern (von 30 auf 38 Prozent).&laquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><\/blockquote><p>Beunruhigend f&uuml;r die Auftraggeber der 1999 durchgef&uuml;hrten Umfragen waren auch die abgefragten Reformw&uuml;nsche der Deutschen.<br>\nZum Beispiel: <\/p><ul>\n<li>F&uuml;r k&uuml;rzere Arbeitszeiten waren 20 Prozent, <\/li>\n<li>f&uuml;r l&auml;ngere Arbeitszeiten nur 10 Prozent; <\/li>\n<li>f&uuml;r mehr K&uuml;ndigungsschutz waren 25 Prozent, <\/li>\n<li>f&uuml;r den Abbau von K&uuml;ndigungsschutz nur 8 Prozent der Westdeutschen. <\/li>\n<\/ul><p>Die Reformw&uuml;nsche der Ostdeutschen m&uuml;ssen den Auftraggebern noch unangenehmer in den Ohren geklungen haben: <\/p><ul>\n<li>27 Prozent waren f&uuml;r k&uuml;rzere Arbeitszeiten, nur 4 Prozent f&uuml;r l&auml;ngere;<\/li>\n<li>33 Prozent f&uuml;r mehr K&uuml;ndigungsschutz und nur 7 Prozent f&uuml;r den Abbau von K&uuml;ndigungsschutz.<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>]  Institut der Deutschen Wirtschaft (Hrsg.): Gesellschaft im Zwiespalt, Marktwirtschaft und Unternehmer im Spiegel der &ouml;ffentlichen Meinung, K&ouml;ln 2000<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man k&ouml;nnte es meinen, wenn man an eine normale politische Auseinandersetzung und an demokratische Regeln denkt. 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