{"id":14741,"date":"2012-10-16T09:00:10","date_gmt":"2012-10-16T07:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14741"},"modified":"2015-05-02T09:49:44","modified_gmt":"2015-05-02T07:49:44","slug":"rezension-hans-jurgen-krysmanski-0-1-das-imperium-der-milliardare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14741","title":{"rendered":"Rezension: Hans J\u00fcrgen Krysmanski, 0, 1 % Das Imperium der Milliard\u00e4re"},"content":{"rendered":"<p>Der Verfasser dieses Werks besch&auml;ftigt sich mit Au&szlig;erirdischen (&bdquo;Aliens&ldquo;). Das ist auf den ersten Blick verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Hans J&uuml;rgen Krysmanski ein h&ouml;chst anerkannter Vertreter einer der Realit&auml;t zugewandten Wissenschaft (Soziologie) ist. Und in der Tat ist das hier zu besprechende Buch alles andere als &bdquo;Science Fiction&ldquo;. Es besch&auml;ftigt sich mit der Wirklichkeit, und zwar mit einer extrem ungleichen und h&auml;sslich gewordenen Gesellschaft. Der Autor befasst sich mit einer zahlenm&auml;&szlig;ig kleinen Gruppe von Menschen, den wenigen &bdquo;Superreichen&ldquo;, die letztlich &uuml;ber eine un&uuml;bersehbar gro&szlig;e Zahl von Menschen und deren Schicksal entscheiden. Eine Buchbesprechung von <strong>Wolfgang Hetzer<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14741#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><\/p><p>Krysmanski geht zun&auml;chst der Frage nach, ob die Milliard&auml;re dieser Welt eine legitime Rolle spielen. Unter der reizvollen &Uuml;berschrift &bdquo;Eat the Rich&ldquo; kommt Krysmanski in einem Prolog angesichts des Einflusses von Milliard&auml;ren schon bald zu dem beunruhigenden Ergebnis, dass ein amerikanischer Pr&auml;sident wahrscheinlich billiger zu haben ist als eine ordentliche Siebzig-Meter-Luxusmotoryacht. Er begn&uuml;gt sich jedoch nicht mit polemischen Vermutungen. Krysmanski legt bei der Betrachtung eines &bdquo;weiten Feldes&ldquo; analytisch dar, dass die Epoche des Kapitals zu Ende geht. Er erwirbt sich dabei besondere Verdienste, war es doch bislang meistens richtig, dass &bdquo;Elite&ldquo; diejenigen sind, deren Soziologie niemand zu schreiben wagte. Der Autor geh&ouml;rt offensichtlich zu den Wagemutigen. Er stellt die Frage, wem die Welt geh&ouml;rt, ob es eine global herrschende Klasse gibt und in welchen Eigentumsformen uns heutzutage Kapital gegen&uuml;bertritt. Von besonderer aktueller Bedeutung sind dabei seine Untersuchungen zur &bdquo;Aneignung Europas&ldquo;. Sie stellen auch den Versuch dar, die Frage zu beantworten, ob die europ&auml;ische Integration zu einem Projekt der intellektuellen Elite verkommen ist, dem der Gro&szlig;teil der B&uuml;rger sowie auch die Politik bestenfalls mit Gleichg&uuml;ltigkeit und Desinteresse begegnen. Dabei wird gezeigt, dass auch in Europa ein &bdquo;schamloser&ldquo; Reichtum entstanden ist. Die Aussichten sind alles andere als rosig. Auch wenn Kriege zwischen Staaten eher unwahrscheinlich geworden sind, wird es zu Konflikten innerhalb der Gesellschaften kommen, weil aufgrund der ungleichen Verm&ouml;gensverteilungen ein sozialer Sprengsatz nach dem anderen explodieren d&uuml;rfte.  <\/p><p>Unterdessen bleibt die sozialempirische Ann&auml;herung an die Geldelite schwierig. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil Krysmanski unter Berufung auf amerikanische Quellen (Richard Sennett) daran erinnert, dass der moderne Kapitalismus in seiner Grundtendenz antidemokratisch ist und zu einer &bdquo;weichen Spielart des Faschismus&ldquo; f&uuml;hrt. Vor diesem Hintergrund h&auml;lt es der Verfasser f&uuml;r einen gro&szlig;en Fortschritt, dass sich mit Bewegungen wie &bdquo;Occupy Wall Street&ldquo; und &bdquo;99 Prozent&ldquo; in den K&ouml;pfen von uns allen Einsichten festgeschrieben haben, hinter die man nicht mehr zur&uuml;ckfallen k&ouml;nne. Dazu geh&ouml;re die extreme Ungleichheit der Einkommen auf nationaler und globaler Ebene und der extreme Einfluss von Geldmacht auf alle Formen der Politik. <\/p><p>In diesem Zusammenhang widmet sich Krysmanski der Frage nach dem &bdquo;neuen Souver&auml;n&ldquo; und den Erscheinungsformen zuk&uuml;nftiger Revolutionen, die er als solche f&uuml;r alternativlos h&auml;lt, weil das kapitalistische Eigentum sich selbst verschlingen werde und niemand mehr hingehe, wenn der Kapitalismus ruft. Dabei handelt es sich keineswegs um sp&auml;tpubert&auml;res Wunschdenken, sondern um schl&uuml;ssige Ableitungen aus wissenschaftlichen Erhebungen, in denen sich der Autor dem Ph&auml;nomen &bdquo;privater Imperien zwischen Biopolitik und Plutokratie&ldquo; zuwendet. <\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus f&ouml;rdert Krysmanski erstaunliche Einzelheiten &uuml;ber individuelle Vertreter des sagenhaften modernen Reichtums zu Tage. Anhand konkreter Einzelbeispiele wird gezeigt, dass all das Utopische, das bei der &bdquo;Reichendiskussion&ldquo; wegen Unseriosit&auml;t unter den Tisch f&auml;llt, nicht &uuml;ber die harten Fakten hinwegt&auml;uschen kann. Dabei geht es um Geldoperationen, die nach seinem Empfinden das H&auml;rteste sind, das uns in der Gesellschaft, in sozialen Zusammenh&auml;ngen begegnen kann, bis hin zu allen Formen des Verbrechens. Krysmanski gelingt es auch, aus &uuml;bergreifender Perspektive die Varianten des Kapitalismus insgesamt zug&auml;nglich und verst&auml;ndlich zu machen. F&uuml;r ihn ist die wachsende Zahl der Superreichen nicht nur ein Indiz f&uuml;r das Wegbrechen staatlicher und demokratischer Kontrollen, sondern auch f&uuml;r die Wandlungsf&auml;higkeit des kapitalistischen Privateigentums als solchem. Mit diesen Prozessen wachse die Isolierung der Superkapitalisten, also ihre Distanz zu den &uuml;brigen 99,9 Prozent. Darin werde auch die Instabilit&auml;t und &Uuml;berlebtheit des Kapitals mit H&auml;nden greifbar. <\/p><p>Krysmanski bietet insoweit beeindruckende Milieuskizzen, u. a. Waffenm&auml;rkte und Finanzm&auml;rkte und besch&auml;ftigt sich mit Prozessen wie &bdquo;Planetarisierung&ldquo; und &bdquo;Nomadisierung&ldquo;. In seinem Schlusskapitel stellt er die etwas paradox anmutende Frage, ob Milliard&auml;re das Kapital &uuml;berwinden k&ouml;nnen. Der Autor schreibt den Milliard&auml;ren und ihrem Gefolge die F&auml;higkeit zur Ausdifferenzierung der Selbstverwertungskr&auml;fte ihres Kapitals zu, ohne auf die UBS- oder Merril-Lynch-Manager angewiesen zu sein. Mit anderen Worten: Die Superreichen werden sich auch im kommenden Chaos gut behaupten. Krysmanski beschreibt vor diesem Hintergrund eine Welt &bdquo;zwischen Refeudalisierung und Absurdistan&ldquo;. In seinen Augen h&auml;ufen sich die Anzeichen f&uuml;r einen mit dem Globalisierungsprozess verbundenen Absturz in Zust&auml;nde vergleichbar dem Chaos fr&uuml;herer, vorkapitalistischer Weltepochen. <\/p><p>Der &bdquo;Sinkflug der Demokratie in den Bonapartismus&ldquo; scheint schon begonnen zu haben. Dabei werden die &Uuml;berg&auml;nge in die &bdquo;Gro&szlig;kriminalit&auml;t&ldquo; als noch besorgniserregender eingesch&auml;tzt. Der Epilog des Werks steht unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Avanti Dilettanti (2029)&ldquo;. Zur Ausgangsthese der dort angestellten &Uuml;berlegungen geh&ouml;rt die Auffassung, dass sich unter den Bedingungen moderner Kommunikations- und Informationstechnologie eine bestimmte aristokratisch-b&uuml;rgerliche  Form der Privatheit aufl&ouml;st. Der Zustand, dass sich alles in den H&auml;nden weniger und nichts in den H&auml;nden der vielen befindet, werde unm&ouml;glich. <\/p><p>Krysmanski gelingt es, die abstrakten und konkreten Voraussetzungen und Folgen einer obsz&ouml;n ungleichen und damit auch unertr&auml;glich ungerechten Verm&ouml;gens- und Einkommensverteilung mit pers&ouml;nlicher Leidenschaft und wissenschaftlicher N&uuml;chternheit zu beschreiben und zu erkl&auml;ren. Insoweit schlie&szlig;t sein Buch immerhin teilweise eine L&uuml;cke, aufgrund derer sich eine einsichtige und handlungsf&auml;hige Koalition zwischen verschiedenen Teilen der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft noch nicht bilden konnte. Daf&uuml;r ist es aber h&ouml;chste Zeit. <\/p><p>Dem Werk von Krysmanski ist mindestens in Andeutungen zu entnehmen, welche katastrophalen Folgen f&uuml;r den inneren und &auml;u&szlig;eren Frieden innerhalb und au&szlig;erhalb Europas eintreten werden. Nach der Lekt&uuml;re wird man die etablierten Feigheitsrituale (&bdquo;Das habe ich nicht gewusst. Das habe ich nicht gewollt.&ldquo;) nicht guten Gewissens fortsetzen k&ouml;nnen. Im Hinblick auf das Buch ist die Konsequenz jedoch ganz einfach: Kaufen! Lesen! Diskutieren! Handeln! <\/p><p><strong>Bibliografische Angabe:<\/strong><br>\nHans-J&uuml;rgen Krysmanski, &bdquo;<a href=\"http:\/\/westendverlag.de\/westend\/buch.php?p=76\">0,1 % &ndash; Das Imperium der Milliard&auml;re<\/a>&ldquo;; erschienen bei Westend, Oktober 2012, 240 Seiten, 19.99 Euro <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. Wolfgang Hetzer, ist Autor des Buches &bdquo;Finanzmafia &ndash; Wie Banken und Banditen unsere Demokratie gef&auml;hrden&ldquo;, Westend Verlag, Frankfurt\/Main 2011; 336 Seiten; 19,95 Euro. Eine Rezension siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8643\">hier<\/a>.<br>\nHetzer war langj&auml;hriger Leiter der Abteilung &bdquo;Intelligence: Strategic Assessment &amp; Analysis&ldquo; im Europ&auml;ischen Amt f&uuml;r Betrugsbek&auml;mpfung (OLAF) in Br&uuml;ssel.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Verfasser dieses Werks besch&auml;ftigt sich mit Au&szlig;erirdischen (&bdquo;Aliens&ldquo;). Das ist auf den ersten Blick verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Hans J&uuml;rgen Krysmanski ein h&ouml;chst anerkannter Vertreter einer der Realit&auml;t zugewandten Wissenschaft (Soziologie) ist. Und in der Tat ist das hier zu besprechende Buch alles andere als &bdquo;Science Fiction&ldquo;. Es besch&auml;ftigt sich mit der Wirklichkeit,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14741\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,208,132],"tags":[374,1389,1244,291],"class_list":["post-14741","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-rezensionen","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-eliten","tag-krysmanski-hans-juergen","tag-occupyblockupy","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14741"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14741\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14746,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14741\/revisions\/14746"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}