{"id":147699,"date":"2026-03-14T13:00:44","date_gmt":"2026-03-14T12:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147699"},"modified":"2026-03-18T16:54:45","modified_gmt":"2026-03-18T15:54:45","slug":"rio-reiser-und-die-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147699","title":{"rendered":"Rio Reiser und die DDR"},"content":{"rendered":"<p>Rio Reiser, der legend&auml;re S&auml;nger der Band &bdquo;Ton Steine Scherben&ldquo;, gab 1988 zwei denkw&uuml;rdige Konzerte in der DDR. Auf Einladung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) spielte er in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle, das DDR-Fernsehen sendete damals sogar einen Mitschnitt. Gespielt wurden unter anderem seine Songs &bdquo;Alles L&uuml;ge&ldquo;, &bdquo;K&ouml;nig von Deutschland&ldquo;, &bdquo;Junimond&ldquo; und &bdquo;Zauberland&ldquo;. Wie Reisers Bruder Gert M&ouml;bius berichtet, war die einzige Auflage der FDJ gewesen, nicht das St&uuml;ck &bdquo;Keine Macht f&uuml;r niemand&ldquo; zu spielen. <strong>Dirk Engelhardt <\/strong>sprach &uuml;ber diese Episode, aber auch dar&uuml;ber, was Reiser wohl heute zu den kriegsbegeisterten Gr&uuml;nen sagen w&uuml;rde, mit <strong>Gert M&ouml;bius<\/strong>, <strong>Frank Leo Schr&ouml;der<\/strong> und <strong>Christian G&uuml;nther<\/strong>. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7155\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-147699-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Rio_Reiser_und_die_DDR_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Rio_Reiser_und_die_DDR_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Rio_Reiser_und_die_DDR_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Rio_Reiser_und_die_DDR_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=147699-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Rio_Reiser_und_die_DDR_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260314_Rio_Reiser_und_die_DDR_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Rio Reiser war im Jahr 1976 von der Stasi als Fluchthelfer verd&auml;chtigt und sieben Jahre lang &uuml;berwacht worden. Verd&auml;chtig wurde er f&uuml;r die &bdquo;Firma&ldquo;, als er von West-Berlin nach Lauenburg reiste. Nach dem Mauerfall trat Reiser der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) bei und unterst&uuml;tzte deren Wahlkampf. Sein Engagement, einschlie&szlig;lich der Nutzung seines Hits &bdquo;K&ouml;nig von Deutschland&ldquo;, gesungen von einem Kinderchor als Wahlkampfsong der PDS, f&uuml;hrte allerdings zu Kritik und Boykotten bei Radiosendern. <\/p><p>Dana Golombek und Frank Leo Schr&ouml;der haben sich in das Gedankengut und die Gef&uuml;hlswelt von Rio Reiser versetzt und eine Art Hommage an Rio Reiser mit dem Namen &bdquo;Irrlichter&ldquo; geschaffen. Sie spielen sie zusammen mit dem Pianisten und S&auml;nger Kai Dannowski und touren damit durch ganz Deutschland.<\/p><p>Dirk Engelhardt sprach mit Gert M&ouml;bius, Frank Leo Schr&ouml;der und Christian G&uuml;nther, der in Eberswalde das Caf&eacute; Kleinschmidt betreibt und ausgewiesener Fan von Ton Steine Scherben ist. Hier folgt das Interview:<\/p><p><strong>Welche Wirkung hatten die beiden Konzerte von Rio Reiser 1988 in Ost-Berlin auf die DDR-B&uuml;rger (vor allem auf das Publikum)?<\/strong><\/p><p><strong>Gert M&ouml;bius:<\/strong> Dieses Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle war sicher eines der besten Livekonzerte meines Bruders. Bei dem Song &bdquo;Der Traum ist aus&ldquo; brach&nbsp;im Publikum fast ein Chaos aus, n&auml;mlich bei der Frage von Rio, wo wohl der von ihm beschriebene Traum Wirklichkeit w&auml;re, und er auch gleich die Antwort mitlieferte &ndash; dieses Land ist es nicht! Da rastete das Publikum aus, sie schrien, klatschen und sangen laut mit. Diese Passage ist auch kongenial im B&uuml;hnenst&uuml;ck &bdquo;Irrlichter&ldquo; verarbeitet worden.<\/p><p><strong>Christian G&uuml;nther<\/strong>: Ich kenne als 1978 Geborener nur das erst nach Rios Tod von Gert M&ouml;bius ver&ouml;ffentlichte Live-Album. Es ist in der Tat nicht nur ein historisches Dokument, sondern ein sagenhaft intensiver und atmosph&auml;rischer Mitschnitt. Ein enger, etwas &auml;lterer Freund von mir war damals in der Seelenbinder-Halle dabei und hat noch heute leuchtende Augen, wenn er von den Eindr&uuml;cken an dem Abend berichtet. Auf der ersten &bdquo;Irrlichter&ldquo;-Tour habe ich einige Menschen kennengelernt, die das Gl&uuml;ck hatten, eines der beiden Konzerte damals zu erleben. Ihre Beschreibungen gleichen sich wie abgesprochen. Rios radikale Liebe f&uuml;r Menschen und seine ebenso radikale Wut gegen jeglichen Machtmissbrauch &ndash; Ost wie West &ndash; hat die Menschen offenbar &uuml;berw&auml;ltigt.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Was ist bekannt aus der Stasi-Beobachtung von Rio Reiser?<\/strong><\/p><p><strong>Gert M&ouml;bius:<\/strong> Ich kenne keine Beobachtungen der Stasi. Was nicht hei&szlig;t, dass es sie nicht gegeben haben wird. <\/p><p><strong>Christian G&uuml;nther<\/strong>: Es ist absolut davon auszugehen, dass Rio Reiser mindestens w&auml;hrend des DDR-Aufenthalts komplett &uuml;berwacht wurde. Das gilt uneingeschr&auml;nkt f&uuml;r jeden &bdquo;West-K&uuml;nstler&ldquo;, der in der DDR konzertieren durfte. <\/p><p><strong>Wie war das pers&ouml;nliche Verh&auml;ltnis von Rio Reiser zu DDR-Musikern? Welche waren es vor allem?<\/strong><\/p><p><strong>Gert M&ouml;bius:<\/strong> Er hatte ein sehr gutes Verh&auml;ltnis zu Musikern aus der DDR, zum Beispiel zu Lutz Kerschowski. Der baute, nach Rios Tod, mit mir das Rio-Reiser-Archiv auf.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Wie entwickelte sich das Verh&auml;ltnis von Rio Reiser zur PDS?<\/strong><\/p><p><strong>Gert M&ouml;bius<\/strong>: Rio verstand sich sehr gut mit Gregor Gysi, menschlich und politisch.<\/p><p><strong>Frank Leo Schr&ouml;der<\/strong>: Schlecht! Rio empfand sich zunehmend als Vorzeigek&uuml;nstler und wurde inhaltlich nicht involviert.<\/p><p><strong>Welche linken politischen (oder auch&nbsp;andere) Kr&auml;fte berufen sich heute auf Rio Reiser?<\/strong><\/p><p><strong>Gert M&ouml;bius:<\/strong> Da gibt es nun wirklich sehr viele, in Ost wie West.<\/p><p><strong>Frank Leo Schr&ouml;der:<\/strong> Da f&auml;llt mir nat&uuml;rlich sofort Claudia Roth ein, die durch ihre fr&uuml;here T&auml;tigkeit einen Bezug zu den Scherben hat. Insgesamt bezieht sich die linke Szene gerne auf Songs wie &bdquo;Rauchhaus&ldquo;, &bdquo;Keine Macht f&uuml;r Niemand&ldquo; und so weiter, blendet aber Rios Solokarriere aus, also seine letzten zehn Lebensjahre. Ich selbst, als freiheitsliebender Mensch, beziehe mich ebenfalls auf Rios Werk. Zumal diese Begrifflichkeiten wie &bdquo;links&ldquo; und &bdquo;rechts&ldquo; v&ouml;llig au&szlig;er Kontrolle geraten sind. Rios Parteieintritt in die PDS w&auml;re heutzutage nur mit einem Parteieintritt in das BSW oder die AfD zu vergleichen.<\/p><p><strong>Christian G&uuml;nther: <\/strong>Man sollte nicht vergessen, dass Willy Brandt Bundeskanzler gewesen ist, als Ton Steine Scherben sich formierten und Songs wie &bdquo;Keine Macht f&uuml;r niemand!&ldquo;, &bdquo;Der Traum ist aus&ldquo; oder &bdquo;Macht kaputt was Euch kaputt macht&ldquo; entstanden &ndash; unter der linkesten Regierung, die Deutschland nach 1949 bis dato hatte! Die politische Linke sollte sich also sehr davor h&uuml;ten, Rio Reiser posthum f&uuml;r sich zu vereinnahmen. Ebenso die Gr&uuml;nen! Ich empfinde es als unredlich, dass insbesondere Claudia Roth keine Gelegenheit ausl&auml;sst &ndash; auf ihren Social-Media-Kan&auml;len, in Interviews und leider auch bei ihrer uns&auml;glichen Rede anl&auml;sslich Rio Reisers 75. Geburtstag in der Volksb&uuml;hne -, Rio als Verb&uuml;ndeten zu inszenieren. Gerade bei dem kriegspolitischen W&auml;hler-Verrat der Gr&uuml;nen habe ich den begr&uuml;ndeten Verdacht, dass Rio 2026 mit den Gr&uuml;nen eher gr&uuml;ndlich fertig w&auml;re. Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist, dass er zeitlebens gegen jede Freiheitsbeschr&auml;nkung Sturm lief und gegen jede Politik, die Menschen per Gesetz zu etwas zwingen wollte, was ihnen nicht entsprach. <\/p><p><strong>Welche seiner Songs wurden in der DDR zensiert?<\/strong><\/p><p><strong>Gert M&ouml;bius:<\/strong> Bei dem Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle durfte er nicht &bdquo;Keine Macht f&uuml;r Niemand&ldquo; singen. Auch &bdquo;Der Traum ist aus&ldquo; wurde aus dem TV-Mitschnitt herausgeschnitten. F&uuml;r die posthume Ver&ouml;ffentlichung des Live-Albums dieser Konzerte konnten wir es aber verwenden, auch f&uuml;r die noch sp&auml;tere DVD des Konzerts. Das Filmmaterial war da &ndash; gesendet wurde es im Fernsehen der DDR aber 1988 nicht. <\/p><p><strong>Frank Leo Schr&ouml;der:<\/strong> &bdquo;Der Traum ist aus&ldquo; wurde beim Konzert in der Seelenbinder-Halle zensiert. Angeblich wegen technischer M&auml;ngel kam der Song nicht bei der Ausstrahlung des Konzerts im DDR-Fernsehen.<\/p><p><strong>Christian G&uuml;nther:<\/strong> Rio Reiser fand im Radio und TV der DDR eigentlich nicht statt. Insofern sind seine Konzerte in der Seelenbinder-Halle r&uuml;ckblickend eine Sensation. Die jungen Leute kannten ihn, weil seine Platten &uuml;berspielt in die DDR geschmuggelt wurden und man nicht kontrollieren konnte, dass &bdquo;West-Radio&ldquo; geh&ouml;rt wurde. Erst 1989 erschien eine Lizenz-Pressung im Rahmen der &bdquo;Amiga Quartett&ldquo;-Serie mit vier Songs von Rio Reiser in der DDR. Das war alles, was es offiziell von ihm in der DDR gab, kurz vor ihrem politischen Kollaps. <\/p><p><strong>Wurden seine Songs in der DDR anders interpretiert als in Westdeutschland?<\/strong><\/p><p><strong>Gert M&ouml;bius:<\/strong> Ist mir nicht bekannt.<\/p><p><strong>Christian G&uuml;nther:<\/strong> Mein Eindruck ist, dass Rio in beiden deutschen Staaten vor allem missverstanden wurde. Fast alles, was ihm politisch ausgelegt wurde, meinte er vorrangig zwischenmenschlich. Keine Macht f&uuml;r NIEMAND &ndash; das meinte er w&ouml;rtlich, so plakativ der Satz auch klingen mag.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot\/Peters Pop-Show<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rio Reiser, der legend&auml;re S&auml;nger der Band &bdquo;Ton Steine Scherben&ldquo;, gab 1988 zwei denkw&uuml;rdige Konzerte in der DDR. Auf Einladung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) spielte er in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle, das DDR-Fernsehen sendete damals sogar einen Mitschnitt. Gespielt wurden unter anderem seine Songs &bdquo;Alles L&uuml;ge&ldquo;, &bdquo;K&ouml;nig von Deutschland&ldquo;, &bdquo;Junimond&ldquo; und &bdquo;Zauberland&ldquo;. 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